Zwischenbilanz: Das zähe Leder der wahren Stars
03. Juli 2010, 11:39
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Bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich noch einmal auf das weltumspannende Ereignis zu sprechen komme, durch das ein beträchtlicher Teil der Menschheit in diesen Tagen seine Existenz betrachtet. Wie hieß es gerade aus Holland? Mehr als sechzig Prozent der niederländischen Arbeitnehmer hätten sich am Freitag freigenommen, um das Spiel ihrer Mannschaft gegen Brasilien zu verfolgen.
Das bringt mich zum ersten Gedanken. Wir sollten nicht so tun, als wäre der Ausgang der WM das Ergebnis einer tieferen Wahrheit. Es sei denn, man wollte als tiefere Wahrheit schon die Erkenntnis gelten lassen, dass afrikanischen Mannschaften immer noch das letzte Bisschen Kaltschnäuzigkeit fehlt, um in der 120. Minute den entscheidenden Elfmeter zu verwandeln. Nein, im Fußball - und erst recht bei einem Turnier wie diesem, das Mannschaftsgeist und professionelle Einstellung besonders hoch belohnt - liefert das Endresultat immer die Substanz des zu Beweisenden.
Beispiel: Brasilien. Beispiel: Holland. Von Brasilien hieß es nach dem lockeren 3:0-Sieg gegen Chile, jetzt sei die Mannschaft von Trainer Dunga zum Topfavoriten aufgestiegen, sie beherrsche viele Register, sei torgefährlich, habe eine stabile Verteidigung und so weiter. Solche Theorien gelten aber nur bis zu dem Spiel, in dem sie widerlegt werden. Und die Niederlande schafften die Widerlegung mit vergleichsweise einfachen Mitteln. Sobald Brasilien im Rückstand lag, verloren die angeblich begabtesten Fußballer der Welt ihre Magie. Wie sie dem fehlenden Tor hinterherrannten, machte einen ziemlich hilflosen Eindruck.

Die Niederländer wiederum erwiesen sich nicht nur als wahre Turniermannschaft, sondern nahmen die demütigende Erfahrung der ersten dreißig Minuten, in denen sie vorgeführt wurden, ersichtlich zum Ansporn, etwas gegen den drohenden Untergang zu tun. Sie begannen, sich stärker zur Wehr zu setzen. Ein wenig hat mich das Ganze an den 3:1-Sieg von Inter Mailand gegen den FC Barcelona erinnert, nicht nur, weil Wesley Sneijder in beiden Spielen die Schlüsselfigur war. Nein, es wurde auch wieder dieselbe Lehre erteilt. Favoriten gibt es nur auf dem Papier, und das Führungstor, das alle Welt erwartet, ist wenig wert, wenn es nicht mit Zähnen und Klauen verteidigt, möglichst sogar aufgestockt wird. „Entscheidend ist aufm Platz" lautet eine Fußballweisheit, die man in der Gegend, aus der ich stamme, gern zitiert. Man muss hart sein, geduldig, diszipliniert, zäh wie Leder, um sich den Sieg zu verdienen. Der Brasilianer Felipe Melo demonstrierte das Gegenteil dieser Einstellung, als er das wohl hässlichste Foul dieser Weltmeisterschaft beging und dafür zu recht vom Platz flog.

Eine weitere Schlussfolgerung drängt sich auf. Die beiden vergangenen Wochen haben abermals bewiesen, dass Florentino Pérez, der Präsident von Real Madrid, sich bei seiner Transferpolitik übel vergriffen hat. Die für insgesamt zweihundert Millionen Euro angekauften Stars der letzten Saison haben bei dieser WM entweder eklatant versagt (Cristiano Ronaldo), ziemlich enttäuscht (Kaká) oder wurden gar nicht erst nominiert (Benzema). Der Triumph dagegen gehört den - gegen vielfachen Rat - ausgemusterten Spielern, die in der neuen Florentino-Ära keinen Platz fanden: Wesley Sneijder und Arjen Robben. Das sollte uns dazu bringen, unseren Begriff vom spielentscheidenden Star, dem Vorbild, der Leitfigur zu überdenken. Selten habe ich einen so deplazierten hochkarätigen Stürmer gesehen wie Cristiano Ronaldo im Achtelfinalspiel gegen Spanien. (Die Bilder vom public viewing dieser Begegnung in Madrid schmücken den heutigen Eintrag.) Er schien wirklich allein zu spielen und von seinen Kameraden auch noch Unterstützung dafür zu verlangen. Vielleicht kann sein neuer Trainer ihm ja bei Gelegenheit eine andere Einstellung beibringen; an der sprachlichen Verständigung sollte es nicht scheitern.

[ Fotos: Alexander Roßbach ]
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