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Sanchos Esel

Los indignados

22. Mai 2011, 02:30 Uhr

Inzwischen war ich drei Mal an der Puerta del Sol - nachmittags, abends und nachts. Wenn es dort voll wird, kann man sich eigentlich nur in die Reihe der Heringe stellen und nach hier- und dorthin drücken lassen. Aber es war nett. Über die sieben Tage des Protests hinweg hat sich eine gewisse Disziplin entwickelt, die Friedlichkeit der Aktion steht ohnehin außer Frage. Also alles in Ordnung? Das denn doch nicht. Und ich meine nicht die fundamentale Berechtigung des Protests, auch wenn man sich fragen müsste, wie es denn weitergehen soll. Die Leute werden sich dort ja keine Badezimmer bauen. Hier ein paar Anmerkungen zu Dingen, die mir aufgefallen sind.

1.  Um sich über die Ziele der indignados und ihre Regierungsform zu informieren, sollte man Público lesen. Ich wundere mich darüber, dass in anderen Zeitungen so wenig konkrete Informationen zu den Entscheidungsprozessen zu lesen sind. Natürlich verstehe ich, dass ABC nicht besonders geübt darin ist, auf die Straße hinabzusteigen, es sei denn, es handele sich um Wahlveranstaltungen der Volkspartei; dennoch hätte ich mir mehr pure Berichterstattung und weniger Wertung gewünscht. Um es also schnell zusammenzufassen: El Gobierno de la República del Sol hat eine Vollversammlung (Asamblea), das höchste Organ für Debatten und Beschlüsse. Von dort gehen zehn Ausschüsse (Comisiones) aus, deren Aufgabenfelder lauten: Alimentación - Infraestructura - Respeto y Cuidados - Comunicación - Extensión -Acción - Coordinación interna - Legal - Sonido. Ich will nicht vorgeben, Genaueres zu wissen. Nur, dass die Regierungsform horizontal angelegt ist und es rotierende "Sprecher" geben soll, das Ganze erinnert im Kleinen an die Anfänge der Grünen, die ja auch einmal angetreten waren, die Personalisierung und den Starkult der Politik zu durchbrechen, bis sie in Joschka Fischer ihre größte Führungsfigur fanden. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Abstimmungen laufen per Handheben ab, mit sicherlich unvermeidlichen Ungenauigkeiten. Für weiter entfernt Stehende ist nicht immer erkennbar, wo die Vollversammlung aufhört und der Pulk von Neugierigen, Sympathisanten, Touristen, Taschendieben und Undercover-Agenten beginnt. Aber gut.



2.  Soziologisch ist dieses kleine Universum sehr interessant, und zwar aus mehreren Gründen. Bei all den getroffenen Entscheidungen müsste man nämlich fragen, wer sie denn umsetzen und im Zweifelfall ihre Umsetzung erzwingen soll. Wer genau ist der Adressat dieser Forderungen? Mal dieser, mal jener. Und was geschieht, wenn irgendwann nach der Wahl wirklich die Polizei kommt und morgens um fünf Uhr mit dem großen Besen ausfegt? Und wer wird für die indignados sprechen, wenn sie nicht mehr an der Puerta del Sol kampieren dürfen? Ungelöste Fragen.

3.  Der Beschluss des Zentralen Wahlrats, keine Versammlungen am „Tag der Reflexion" zuzulassen, hat der Regierung stark zugesetzt. Unter den gegebenen Umständen war die Entscheidung, die Menge zu dulden, vernünftig. Aber es war eben auch ein opportunistisches Einknicken vor der schieren Masse der Wähler, die zu den Protestierenden zählen oder mit ihnen sympathisieren. Wie überhaupt alle Sätze, die vor der Wahl gesprochen wurden, nach der Wahl auf ihre Ernsthaftigkeit zu überprüfen wären.

4.  Es ist kein „rechtes" oder rein ordnungspolitisches Gedankenspiel, wenn man sich fragt, was in Zukunft passiert, wenn eine gut organisierte Gruppe unbehelligt einen öffentlichen Platz besetzt und die Erfüllung des Gesetzes unmöglich macht. In diesem Licht ist das Kokettieren Zapateros mit den indignados besonders unangenehm. Er will nicht gemeint sein, ist es aber. Er vor allem.



5.  Der wichtigste Gedanke - die Lehre, wenn man so will - dieser Tage könnte sein, dass die Bevölkerung Formen demokratischer Beteiligung einfordern kann, die in der Routine der Parteiendemokratie nicht vorgesehen sind. Plötzlich entwickelt „die Straße" einen Druck, der über Volksbefragungen und genehmigte Demonstrationen hinausgeht. Unter den Soziologen, die sich in den Zeitungen dazu äußerten, war keine Einigkeit zu erkennen, wie es denn weitergehen könnte. Der eine fand den Vorgang aufregend, belehrend, ein Modell für irgendetwas Zukünftiges, für das es noch keinen Namen gibt. Ein anderer meinte, der Protest werde bald verpuffen.

6.  Wichtige Erkenntnis: Wir wissen nicht, was sich entfalten kann, wenn sich eine größere Zahl Menschen darüber einig ist, was sie fordern oder bekämpfen will. Die selbstauferlegte „horizontale" Form der Beschlussfassung dürfte aber wohl verhindern, dass die hier entwickelten Ideen zu tiefgreifenden Veränderungen führen. Die Leitfiguren (die es immer gibt - wenn nicht jetzt, dann demnächst) werden sich irgendwann vom Willen der Menge absetzen oder vereinnahmt werden. Der homo politicus als solcher ist nicht gut. Entscheidungen entstehen durch Reibung, Debatte und Kampf, nicht durch gutherzige Parolen, wie sie die freien Flächen an der Puerta del Sol bedecken. Ein Teil der Sympathie für diese Bewegung gilt auch der Naivität und Nettigkeit ihrer Anhänger.



7.  Dass der Staat mit großen Augen auf diese meist jungen Leute starrt und sich aus Unsicherheit kleinmacht, ist falsch. Die Parteien sollten einerseits eine Debatte über Formen direkterer Teilnahme beginnen, andererseits geschlossen fordern, dass die Zeltlager möglichst bald abgebrochen werden. Rubalcabas Versäumnis liegt auf der Hand: Am letzten Montag hätte er räumen lassen müssen, und wenn jeder Demonstrant von je vier Polizisten hinausgetragen worden wäre. Ein demokratischer Staat darf das. Wollte Rubalcaba aber nicht, denn das hätte Wahlstimmen gekostet.

8.  Um einmal staatstragend zu werden: Demokratie kann nicht so funktionieren, dass sich eine bestimmte Gruppe eine Minidemokratie innerhalb der Demokratie bastelt und deren Beschlüsse dann den weiter draußen Lebenden aufzwingt. Dazu fehlt es an Legitimation. Die indignados sollten eine Partei gründen oder andere Formen der Bürgerbeteiligung finden.

9.  Das Großsprechertum über die angeblichen Wirkungen des Protests im Ausland finde ich einigermaßen peinlich. „#spanishrevolution"! ¡Por favor! Was ist denn daran eine „Revolution"? Überhaupt das ganze Gezwitschere in den sogenannten sozialen Netzen. Hat sich mal jemand angesehen, was da kommuniziert wird? Vorwiegend heiße Luft. Sagen wir es offen: Die ganze Sache ist auch verdammt unterhaltsam. Man fühlt sich besser, wenn man sich den Ärger mal von der Seele brüllt. Der Festivalcharakter des Protests steht jedenfalls außer Frage. Aber das allein kann ja wohl nicht gemeint sein.

So viel für heute.

                                                                       [ Fotos : AFP, AP, dpa ]

Veröffentlicht 22. Mai 2011, 02:30 von Paul Ingendaay
Kommentare

Dulcinea

22. Mai 2011, 02:53

Mein Protest für heute: Punkt 4. Glaube ich nicht. Ist Zapatero vor allen gemeint? Vor Aguirre, vor Camps? Dann verstehe ich das alles noch viel weniger!

Don Alphonso

22. Mai 2011, 08:01

Danke!

colorcraze

22. Mai 2011, 12:00

Vielen Dank für diesen Bericht! Punkt 6 kann ich nur zustimmen. Das war schon bei Züri 80 und dem AJZ so, daß ein solches "Plenum" nur ein paar Tage (bzw. Wochen) funktionierte. Und so ähnlich schätze ich die Sache auch ein, eine Art Wiederkehr der 80er, nur daß die Politik heute sehr viel schwächer und ungreifbarer ist als damals. Es ist einerseits das (wie ich finde, sehr legitime) Bedürfnis der Jungen, als Gruppe mal in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, das sich da ausdrückt, und auf der anderen Seite nichts, was zu dauerhaften Politikformen führen _kann_, weil es reine Adhocitis ohne Legitimation ist. Ich schätze es als Sich-Sichtbarmachen einer Generation von Jugendlichen ein, die man "nicht mitspielen" läßt und die entsprechend illusionär in ihren "Forderungen" bleibt.

cfruehwirth

22. Mai 2011, 12:12

Auch ich fühle mich leicht indigniert. Was ist los mit der faz? Die einzige Zeitung –meines Wissens- die nicht auf Seite 1 berichtet. (Sogar nytimes berichtet online auf Seite 1). Und im Spanienblog verstreicht eine ganze Woche; eine Ewigkeit im Kommunikationszeitalter.

Und dann ein Artikel, den ich nicht verstehe. Wie ist das gemeint, Zapatero sei gemein? Vor allem er? Genauso und ohne Erklärung? Das ist ja allerfeinster PP-Azñar-Rajoi-Stil!

Natürlich haben Sie auch Recht. Wenn man sich die Plätze genauer anschaut –wie hier in Barcelona- dann findet man vor allem perroflautas, Schaulustige und viel Infantiles.

Aber das Wichtigste: Fast niemand verurteilt diese jungen Menschen, im Gegenteil: bis hin zu Oma und Opa haben fast alle Verständnis.

Und noch etwas: sogar die Organisatoren sind vom Erfolg überwältigt. Lassen wir ihnen etwas Zeit und hoffen wir, dass wir es mit der Geburtsstunde einer neuen politischen Gesinnung zu tun haben. Meine Stimme haben sie!

cfruehwirth

22. Mai 2011, 12:22

Upps! Vielleicht hätte ich den Artikel etwas aufmerksamer lesen sollen. Dann wäre mir der Unterschied gemein-gemeint aufgefallen! Hiermit nehme ich das mit dem „PP-Stil“ natürlich zurück und entschuldige mich auch dafür!! (denn das ist wirklich eine äußerst hässliche Anschuldigung

HansMeier555

22. Mai 2011, 12:29

"Ein demokratischer Staat darf das".

.

Ach so. Und die Arbeiter-und-Bauern-Diktatur darf das nicht?

Paul Ingendaay

22. Mai 2011, 12:33

No hard feelings, cfruehwirth.

Sie nehmen es mit der Zeit nicht sehr genau, scheint mir. Im Lauf der Woche standen in unserer Zeitung vier Artikel zum Thema, zwei im Feuilleton, zwei in der Politik. Was auf die Titelseite kommt, entscheide ich nicht. Der Blog ist bei Redakteuren und Korrespondenten - leider - eine Zusatzaktivität. Sie wird also oft neben und nach der sonstigen Arbeit erledigt. Allein an den Tageszeiten, zu denen Blogs oder Kommentare freigeschaltet werden, erkennen Sie, dass von festen Arbeitsstunden keine Rede sein kann.

Paul Ingendaay

22. Mai 2011, 12:40

So ungefähr, HansMeier555. Ein demokratischer Staat darf das, weil über die Entscheidungen seiner Funktionsträger in regelmäßig abgehaltenen freien Wahlen abgestimmt wird. Das ist der Unterschied zur Arbeiter-und-Bauern-Diktatur.

Dulcinea

22. Mai 2011, 12:47

Das ist ja hübsch, Sanchos Esel, Sie meinen, das Foto über Punkt 7 könnte auch mit "Die Blogger von der FAZ" unterschrieben sein?

*

Die Arbeiter-und-Bauern-Diktatur, wie Sie sagen, hat es aber auch nicht gemacht. Selbst wenn sie nicht gedurft hätte.

Paul Ingendaay

22. Mai 2011, 12:51

Ja, Dulcinea. Treffender hätte ich es nicht sagen können.

*

Die Arbeiter-und-Bauern-Diktatur hat was nicht gemacht?

HansMeier555

22. Mai 2011, 12:56

"Demokratie kann nicht so funktionieren, dass sich eine bestimmte Gruppe eine Minidemokratie innerhalb der Demokratie bastelt und deren Beschlüsse dann den weiter draußen Lebenden aufzwingt."

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Lieber Herr Ingendaay, Demokratie hat nie anders funktioniert. Was ist denn eine etablierte Partei anders als genau so eine Gruppe?

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Oder das Treffen der EU-Staats-und-Regierungschefs?

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Aber gut, Sie meinen natürlich die Nichtprivilegierten.

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Klar, die Leute auf dem Platz sollen jetzt halt auch einfach eine Partei gründen, ihren Willen artikulieren, Wahlen gewinnen und dann im Parlament ihre legitimen Interessen in der vorgesehenen Weise vertreten!

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Das wäre das Szenario aus dem Demokratie-Bilderbuch, das aber mit der Realität leider nicht mehr zu tun hat als das Marktwirtschafts-Bilderbuch mit der Bankenrettung.

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Ja, man könnte im Rückblick einen historischen Erfolg der Arbeiterbewegung, der Gewerkschaften und der parlamentarischen Demokratie darin sehen, im Lauf des 20. Jahrhunderts das Volk in den politischen Prozeß integriert zu haben.

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Aber was ist in den letzten 20 Jahren passiert? Die Gewerkschaften haben sich aufgelöst, die Interessen der Unterschicht will sich niemand mehr zu eigen machen, die Entpolitisierung der Jugend allseits begrüßt und das Volk ansonsten mit  Sport und Privatfernsehen zugeballert -- und jetzt wundern sie sich, dass sich das Volk auch selber genau so benimmt?

Paul Ingendaay

22. Mai 2011, 13:06

Hans Meier555, ich teile Ihre Sympathie für das, was dort geschieht. Sie ist in meinen Artikeln und auch in meinem Blog sichtbar. Ob Sie selbst sich meine Fragen früher stellen oder später stellen, ist dabei nicht so wichtig.

*

Ihren letzten Satz finde ich kryptisch. Das Volk benimmt sich ja gerade nicht so, wie die Verdummungsindustrie es sich mal ausgerechnet hat.

Dulcinea

22. Mai 2011, 13:06

Ach so, Entschuldigung! Es ging um das Räumen des Platzes, das Rubalcaba am Montag versäumt habe, und ich hatte nur daran gedacht, daß 1989 auch nicht geräumt wurde und alle waren nachher froh darüber. Ich meinte damit, es ist gewaltlos immer besser, so oder so. Ich drücke mich ungeschickt aus.

*

Das hier fand ich übrigens sehr schön: "Für weiter entfernt Stehende ist nicht immer erkennbar, wo die Vollversammlung aufhört und der Pulk von Neugierigen, Sympathisanten, Touristen, Taschendieben und Undercover-Agenten beginnt." Darüber habe ich sehr lachen müssen.

cfruehwirth

22. Mai 2011, 13:09

Natürlich habe ich gesehen, dass es im Blattinneren Artikel zum Thema gab; aber eben nicht auf der Titelseite. Sogar bis heute morgen oder bis jetzt? und das obwohl Wahltag ist! Aber natürlich ist das nicht Ihre Entscheidung. Es wundert mich bloß! Und Ihren Blog lese ich jedesmal sehr gerne, ja ich freue mich immer schon darauf -auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit Ihnen bin! democracia real, eben...;))

Paul Ingendaay

22. Mai 2011, 13:14

Aber, Dulcinea, wir müssen doch nicht ganz so weit zurückgehen, oder? Ist es nötig, auf die feinen Unterschiede zwischen der Situation 1989 und der Situation an der Puerta del Sol im Jahr 2011 hinzuweisen?

cfruehwirth

22. Mai 2011, 13:17

Natürlich habe ich gesehen, dass es zum Thema Artikel im Blattinneren gab, aber eben nicht auf der Titelseite. Ich glaube bis jetzt nicht und das wundert mich schon sehr. Immerhin ist heute Wahltag. (natürlich ist das nicht Ihre Entscheidung)

Gleichzeitig möchte ich aber auch sagen, dass ich Ihren Blog jedes mal sehr gerne lese, ja mich immer schon darauf freue, auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit Ihnen bin. democracia real eben.......;)))

HansMeier555

22. Mai 2011, 13:34

Nein Herr Ingendaay,

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über die Entscheidungen der Funktionsträger wird eben nicht in Wahlen abgestimmt, nur über ihre Person.

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Auf die Entscheidungen, welche die gewählten Personen in der vierjährigen Legislaturperiode dann treffen, hat der Wähler, wie Sie ja wissen, hinterher, keinerlei Einfluß mehr.

Paul Ingendaay

22. Mai 2011, 13:46

Ja, aber wie könnte es anders sein? Über die Person wird doch im Licht von Wahlprogrammen entschieden. Was einer dann tut, gehört der Zukunft an - und der durch den Wähler erteilten Zensur in Form einer Abstimmung vier Jahre später. Rodrigo Rato war Direktor des Internationalen Währungsfonds und hat seine Arbeit ungefähr so erledigt, wie man sich das bei seiner Wahl erhofft hatte. Bei Dominique Strauss-Kahn ist etwas dazwischengekommen.

HansMeier555

22. Mai 2011, 13:46

Herr Ingendaay,

.

auch ich teile ja Ihre Vorbehalte gegenüber Demonstrationen. Eine Artikulationsform, die nichts ist als physische Präsenz, ist durchaus dumm.

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Viel klüger wäre es, wenn die jungen Leute Parteien gründen, Argumente vortragen und dann und Wahlen gewinnen würden! Das muss jeder zugeben. Aber aus Erfahrung wissen wir, dass das Volk zur konstuktiven politischen Willensbildung nicht in der Lage ist. Es ist nun mal dumm: es kann immer nur akklamieren oder protestieren, artikulieren kann es sich nicht. Es kann ein Regime stürzen, nicht aber sich selbst regieren.

.

Das können nun einmal nur die Eliten und eben darum (und nicht weil sie "gewählt wurden") haben sie auch das Recht, im Zweifelsfall öffentliche Plätze räumen zu lassen.

Dulcinea

22. Mai 2011, 14:04

Ich komme nicht ganz mit, Sanchos Esel, vielleicht das warme Wetter? Verzeihung. Ich dachte, Sie fragten nach der Arbeiter-und-Bauern-Diktatur. Da muß man dann eben so weit zurückgehen, um eine Antwort zu geben.

Paul Ingendaay

22. Mai 2011, 14:40

Dulcinea, wenn Sie es zurückverfolgen wollen: Von der Arbeiter-und-Bauern-Diktatur sprach zuerst HansMeier555. Ich sagte darauf: "Ein demokratischer Staat darf das [= die Lager an der Puerta des Sol räumen lassen], weil über die Entscheidungen seiner Funktionsträger in regelmäßig abgehaltenen freien Wahlen abgestimmt wird. Das ist der Unterschied zur Arbeiter-und-Bauern-Diktatur."

*

HansMeier555, Ihre Vorbehalte gegen Demonstrationen teile ich nicht. Nur, damit kein Missverständnis aufkommt. Ich finde es auch nicht "dumm", was dort artikuliert wird. Und ich gebe wenig auf die "Eliten", die sich als so elitär ja nicht erwiesen haben. Was in Spanien gerade geschieht, ist sicherlich keine Revolution, sondern etwas Neues und Anderes, das die demokratischen Institutionen vor ungenau definierte Aufgaben stellt. Allein das macht es spannend zu beobachten, wie eine Bewegung, die sich eine Woche vor der Wahl zu erkennen gegeben hat, in den Wochen und Monaten nach der Wahl handelt. Wohin sie sich entwickelt, was sie sein will.

Dulcinea

22. Mai 2011, 15:43

Was mich daran stört, jetzt wiederhole ich mich, ist genau das: wenn einem Wahlen alle vier Jahre nicht genug sind, hat man andere Möglichkeiten, sein Recht auf Meinungsäußerung geltend zu machen. Leider sehe ich solche Bürgerbewegungen hier kaum. "Das hat alles keinen Sinn", "uns hört ja niemand" stimmt auch nicht, ich kann mich beispielsweise daran erinnern (auch, wenn mein Erinnerungsvermögen gering sein mag), daß einmal ein (Auto-)Parkhaus unter den Parque de Berlín gebaut werden sollte. Zum Teil war es den anhaltenden Protesten damals zu verdanken, daß das nicht geschehen ist. Genau vor der Kommunalwahl vor vier Jahren hat Bürgermeister Gallardón auf der Plaza de Prosperidad versprochen, die Baupläne zurückzuziehen. Damals dachten wir: nur ein Wahlversprechen, und in einigen Monaten rücken die Bagger an. Sie sind aber nicht angerückt. Entsprechend gäbe es fünfzigtausend konkrete Mißstände, für die es sich lohnen würde. Allerdings bin auch ich gespannt darauf zu sehen, was aus der Bewegung werden wird. Wenn der lange Atem gefragt ist.

Paul Ingendaay

22. Mai 2011, 16:58

Sie haben recht, Dulcinea. Ob man es Bürgerbewegung oder Stadtteil-Initiative nennt, dergleichen gibt es in Spanien wenig. Der Nukleus, auf den man sich bezieht, ist die Familie. Die ist für dergleichen Pläne aber nicht geeignet.

RocinanteReal

22. Mai 2011, 17:50

Diesmal hatte ich belustigt erwartet, zugereister Rucio, wie du jetzt zu der Bewegung schreiben würdest und was. Und wieder hast du nicht enttäuscht. Der gute Rucio hat genau so reagiert, wie man es erwartet, wenn man nur ein paar Artikel von ihm gelesen hat, bei denen man ein bisschen mehr Kenntnis über Spanien, über Spanier braucht. Aber was kann man wissen, wenn man nicht aus den Stall nicht hinauskommt und nur mit seinesgleichen umgeht, wenn man einfach in einer spanischen Kulisse lebt, in Sicherheit vor den Spaniern – ja, vor den gleichen Spaniern, die „spät essen, laut reden, [...] die Mülltrennung vergessen“ - nicht man de heimischen Fußballvereine dürfen gut sein, sondern eher nur „berühmt“! Man könnte ja denken, du bleibest nur unter diesen zwar in Europa lebenden Unterentwickelten, um einen Vorwand zu haben deine Landsleute zu empören und ihnen das Gefühl zu verleihen, um wie viel besser sie alle sind. Und du mit ihnen. Nur du tapferer, Rucio, mit deinen langen Eselohren... „Die ganze Sache ist auch verdammt unterhaltsam“ (aber natürlich, Rucio, hast du noch nicht gelernt, dass so etwas möglich ist?), „Die indignados sollten eine Partei gründen oder andere Formen der Bürgerbeteiligung finden“: Rucio, lass das. Du hast nichts kapiert. Kannst auch nicht.

RocinanteReal

Gatamad

22. Mai 2011, 19:17

Herr Ingendaay, Normen und/oder Gesetze respektieren nur weil sie immer noch existieren, hat doch keinen Sinn. Glauben Sie wirklich, dass im Zeitalter des Internet (blogs, Facebook, Twitter usw.) ein "Tag der Reflexion" noch Sinn hat? Vor allem wenn in der friedlichen Versammlung auf öffentlichen Plätzen KEINE Wahlkampagne gemacht wird? Darüber müsste auch mal nachgedacht werden. Gesetze sollten das Zusammenleben regeln, und nützlich sein, sind aber nicht ein Sinn an für sich. Vielleicht gibt die vernünftige Entscheidung, die indignados in Sol zu dulden, den Anstoss mal wieder zu denken, und nicht einfach alles als Gegebnen zu akzeptieren, so frei nach dem Motto: schalte den Fernseher aus, und dein Gehirn ein."

Die Bezeichung "spanische Revolution" halte ich auch für, nun, einfach für bescheuert. Ich war diese Woche da wegen der Forderung "democracia real ya", mit all meinen Zweifeln und meiner Prise Zynismus. Aber der Versuch etwas zu ändern, wie all das auch ausgehen mag, war es mir wert.

Dulcinea, es stimmt, dass in den letzten Jahrzehnten die Nachbarschafts Vereinigungen, Bürgerinitiativen u.ä. fast verschwunden sind. Ich frage mich aber, ob sie nicht durch mangelnde, reale Möglichkeiten im politischen Leben mit zu wirken, abgestorben sind. Die Parteien,  alle, haben das politische Leben exklusiv für sich beschlagnahmt. Obwohl es auch wahr ist, dass der spanische Nihilismus, und manchmal auch fehlende Zivilcourage, existiert. Sie leben ja auch in Madrid. Erinnern Sie sich noch an die verschiedenen Bürgerinitiativen gegen das megalomane Projekt M-30? Vor wenigen Monaten kam endlich das Gerichtsurteil wegen des fehlenden "estudio de impacto medioambiental". Jahre danach, als alles schon fertig ist, und Madrid für über 35 Jahre verschuldet ist.

Was die Reaktion von Medien, Parteien, Politiker und tertulianos gegenüber den indignados anbelangt, da war es ein Paradebeispiel von Ignoranz, Arroganz, Frechheit und sogar Verleumdung. Die Revolution ist nicht ausgebrochen, stimmt, aber die Blindheit und mangelnde Sensibilitat gegenüber den vielen Gründen zum empört sein,  erinnert schon fast an Marie Antoinette und ihr "S’ils n’ont pas de pain, qu'ils mangent de la brioche!", oder der Tagebucheintrag ihres Gatten am 14.7.1789: "Rien".

Marcos de Quinto, Oberboss von Coca Cola Spanien und Portugal, also wahrlich weder ein perroflauta noch ein verdächtiger Systemgegner, wurde auch verhänselt, weil er mit seinem Firmenwagen nach Sol fuhr. Ihm wurde vorgeworfen, er wäre nur dahin gefahren, um zu sehen wie er sein Geschäft mit seiner Zielgruppe, der Jugend, sichern könne. Ich finde, er ist hellhörig und intelligent genug, um sich wenigstend mal um zu schauen. Seine Ansichten dazu bestätigen meinen ersten Eindruck:  "die Bewegung 15. Mai ist nicht gegen das System, sondern gegen die, die es inffizient und korrupt verwalten", und dass die Leute "von Parteien und Gewerkschaften enttäuscht sind." Der Korporatismus der Parteien, und die Toleranz gegenüber der Korruption in den eigenen Reihen, hat ein wesentliches zur Verärgerung der Bürger beigetragen. Einfach wählen, wie bisher, hat für viele von uns daher keinen Sinn mehr. Die Frage ist jetzt, wie bringen wir unsere Politiker dazu die notwendigen Veränderungen durch zu setzen. Was in den nächsten Tagen und Wochen geschehen wird? Ich weiss es nicht. Aber ich hoffe, dass es ein Anfag ist, um etwas oder vieles zu verändern.

Dulcinea

22. Mai 2011, 19:23

Uh, Rocinante! For real?

Paul Ingendaay

22. Mai 2011, 19:48

Vielleicht möchte uns RocinanteReal seine Gedanken mitteilen und war nur etwas scheu. Auf! Andere haben sich auch getraut.

Paul Ingendaay

22. Mai 2011, 19:54

Gatamad, der día de reflexión hat seinen Sinn, nehme ich an. Ob er ihn heute noch auf dieselbe Weise hat, müsste man prüfen. Ich komme gerade von der Puerta del Sol zurück. Der Grad an Organisation ist erstaunlich. In der Hauptversammlung um 18 Uhr wurde bekanntgegeben, dass am Dienstag die asambleas de barrio Kontakt aufnehmen sollten, also die Anwohner mit den Organisatoren. Sie wissen vielleicht, dass am kommenden Samstag die entsprechende Hauptversammlung geplant ist. Insgesamt empfinde ich die letzten Tage ähnlich wie Sie: Mal sehen, was sich Politiker und Institutionen einfallen lassen, um auf gewaltfreien Protest und Gegenentwürfe von der Straße zu reagieren. Francisco Camps und Dominique Strauss-Kahn, um nur zwei Vertreter aus Politik und Finanzwelt zu nennen, sind keine Beispiele, die sich empfehlen lassen.

Gatamad

22. Mai 2011, 20:59

Zu DSK kann ich nur sagen: USA, was für ein grossartiges Land!

Vorläufige Wahlergebnisse. Wie vorgesehen, stürzt die PSOE total ab, PP, allen vor an der korrupte Camp in Valencia, bekommen mehr Stimmen. Wird er aus dem Knast regieren? Peinlich!

Doch die allergrösste Überrraschung kommt aus dem Baskenland. Die PP hat ja BILDU so eine grossartige Wahlkampagne geliefert, dass sie die wirklichen Sieger sind. Ich bin ziemlich überrascht.

pardel

23. Mai 2011, 10:24

Von der Ferne aus gesehen, sind die Ereignisse in Spanien verwunderlich und widersprüchlich. Leider ist die Information in den deutschen Printmedien nicht sehr brauchbar gewesen: oft mehr Bilder als Text, sogar in Zeitungen wie das Handelsblatt, und der Text zu den Bildern war nicht immer sehr analytisch. Mitunter war auf den Bildern mehr Text in Form von Transparenten zu lesen als in der Bildunterschrift dazu. Vielleicht erwarte ich zu viel von der Presse.

Und von der protestierenden Jugend, was ist von der zu erwarten? Es fällt mir schwer, es zu beurteilen. Der Unterschied zu den Revolten in Nordafrika ist evident, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Aber auch der Unterschied zu den deutschen Wutbürgern fällt mir auf: In Spanien wird nicht um Besitzstände gekämpft, sondern um elementare Menschenrechte. Vor allem das recht auf Würde. Man liest, diese spanische Generation sei eine verlorene. Diese? Ich zähle mindestens drei! Eine verlorene? Nein. Nicht verloren, sondern betrogen. Ihrer Chancen beraubt. Auf ihre Zukunft lasten mehrere Hypotheken, im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinn. Die Bedrohung, die diese Generation empfindet, scheint diffus zu sein. Daher vermutlich ihre diffusen Forderungen. Immerhin bleiben die Proteste friedlich. Fast feierlich, den Bildern nach zu urteilen.

Aber was liest man auf den Transparenten? "Rebelde sin casa" Da musste ich lachen! Schöne Anspielung auf den Film "Rebel without a cause" mit James Dean (1955). Nach dem Schmunzeln setzt aber das Denken ein: Was will uns das junge Paar unter dem Transparent sagen? Dass, wenn sie eine Wohnung hätten, sie nicht demonstrieren würden? Dass Grundeigentum der erste Schritt zum "aburguesamiento" ist? Oder vielmehr, dass man ihnen ihr Leben lang erzählt und vorgemacht hat, dass man (sprich: sie!) ein Recht auf Wohnungseigentum hat, und sie nun erwarten, dass dieses Recht eingelöst werden kann? Diese falschen Erwartungen sind ein Teil dessen, was ich oben als Betrug an dieser Jugend bezeichnet habe. Dieses Recht auf Wohnungseigentum gibt es nicht, nirgends. Da fällt mir übrigens auf, dass besagter Film auf Deutsch mit "...denn sie wissen nicht, was sie tun" übersetzt wurde. Sicher nur Zufall.

Auf einem anderen Transparent lese ich: "Tenemos derecho a nuestros sueños y a que éstos se hagan realidad". Mit dem ersten Teil der Aussage kann man nur einverstanden sein. Aber der zweite Teil ist schlicht falsch, und da die beiden Halbsätze mit "und" logisch verbunden sind, wird der gesamte Satz falsch. Was soll man diesen Menschen sagen? Dass sie die spanischen Klassiker, z.B. Calderón lesen sollten? Dass Pangloss Unrecht hatte? Diese falsche Erwartung wäre ein weiteres Mosaiksteinchen dessen, was ich als Betrug - nicht nur an dieser Jugend - bezeichne. Wie kam es dazu, dass so eine Erwartung geweckt werden konnte? Oder war das Transparent ironisch gemeint?

Das waren nur zwei beliebige Beispiele unter vielen. Vielleicht waren sie nicht räpresentativ.

Die Elterngeneration dieser Jugend hat in Spanien politisch großartiges geleistet. Ebenfalls (alles in allem) friedlich. Mugabarrus amatxu etwa. Wir hatten Glück, Fortüne (und der Zeitgeist, und viel Geld und Unterstützung aus dem Ausland...) war auf unserer Seite. Aber dann "nos hemos dormido en los laureles". Viele Weichen, vor allen wirtschaftlich, sind falsch gestellt worden. Die Politik ist selbstgerecht, selbstgefällig und sehr, sehr korrupt geworden - und wir haben es zugelassen. Ich wüsste nur zu gerne, was sowohl mugabarru samt Nachbarprovinz als auch seine amatxu dazu meinen. Zeltest du gerade auch, mugabarru?

Dulcinea

23. Mai 2011, 10:54

Bravo, pardel! Ich habe Sie schon vermißt, und nicht zu unrecht! Sehr treffend! An mugabarru und die Nachbarprovinz muß ich auch sehr viel denken, aber mugabarru ist eine treue Seele, und er kehrt zurück.

Die Wahlergebnisse waren so zu erwarten, natürlich sind sie recht bedrückend, ich erwarte wenig Gutes. Wenn ich so etwas sehe: www.elpais.com/.../pro_photo1306114213.jpg möchte ich ... ... nicht weiterschreiben jedenfalls.

Paul Ingendaay

23. Mai 2011, 11:50

Eine Schlussfolgerung lässt sich aus den Wahlen mindestens ziehen. Korruptionsverdacht und anhängige Gerichtsverfahren bei Politikern scheinen die Wähler nicht zu stören.

GregorKeuschnig

23. Mai 2011, 12:49

http://begleitschreiben.twoday.net

Es ist ja inzwischen so, dass in den Medien solche Proteste per se schon positiv konnotiert sind.  Aber leider erfahre ich immer nur, wogegen die Protestierenden sind - nicht aber wofür. Dabei sind mir die basisdemokratischen Mechanismen der Protagonisten zunächst einmal zweitrangig.

Wenn ich in den Kommentaren lese, die junge Generation in Spanien sei "ihrer Chancen beraubt" und Politik sei "selbstgerecht, selbstgefällig und sehr, sehr korrupt geworden", so sind dies nur Behauptungen.

Interessant ist, dass die Proteste sich scheinbar gegen den existierenden Parteienstaat und dessen Institutionen richtet. Damit wird ein Vorbehalt gegenüber demokratischen Institutionen artikuliert, die sich, erst einmal konstituiert, immer mehr der laufenden Kontrolle entziehen und eine Art Parallelwelt entstehen lassen, die sich immer mehr abgekoppelt hat. Die Enttäuschung ist sehr groß - glaubte man doch lange an sie die Infrastruktur für ein modernes Leben delegieren zu können. Grundsätzlich dürften diese Stimmungen in allen europäischen Demokratien bestehen; in Deutschland absorbieren gerade die Grünen noch einmal diese Form der außerparlamentarischen Kritik.

Wichtig wäre es festzustellen, welchen Rückhalt diese Demonstranten in der Bevölkerung haben. Zwar sind die Bilder der demonstrierenden Massen eindrucksvoll. Gleichzeitig verzerren sie aber, weil suggeriert wird, ganz Spanien stünde vor einer friedlichen, demokratischen "Revolution".

jangrothe

23. Mai 2011, 13:37

Also irgendetwas überseh ich hier anscheinend: Im Blogeintrag geben Sie den harten Konservativen, die Kommentare werden immer weicher. Wie kommt's dazu?

a) Die Forderung, dass man doch gefälligst Parteien gründen und doch bitte schön nicht zwischen den Wahlen seine Meinung äußern soll, lässt mich jedes Mal staunen. Ich erklär sie mir mit der Gewohnheitstier-Eigenschaft verbunden vielleicht mit Furcht vor Chaos in Ihrer doch schon etwas älteren Generation.

Denn erstens, warum nicht? Zweitens, warum nicht? Drittens, warum bitte schön denn nicht?

Viertens setzen Sie bei so einer Aussage eine funktionierende Demokratie voraus. Eine funktionierende Demokratie ist mehr als Wahlen alle paar Jahre. Was eine funktionierende Demokratie ist, kann man nicht vorher sagen oder wissen. Man siehts wenns funktioniert.

Lösen Sie sich mal bitte von Ihrem eventuellen Politologie-Studium. Falls Sie einen wissenschaftlichen Überbau brauchen: Click "Offene Gesellschaft" und "Popper"

Fünftens, überschätzen politische Journalisten Politik ungemein. Eine verständliche déformation professionelle. Im Bezug auf Parteien heißt das: 99% der Vorgänge in einer Partei sind Vereinsmeierei. Wie bei einem Kleintierzüchterverein. Nur dass wir Bürger damit in der Tagesschau behelligt werden. Also warum eine Partei gründen? Was die indignados machen ist wohl auch zu 99% Vereinsmeierei. Aber hat doch ein bisschen mehr Flair als der Kleintierzüchterverein FDP bspw.

Sechstens, Leute gehen heutzutage in Parteien, um Karriere zu machen. Nicht weil sie Visionen haben oder Gutes tun wollen. Jedenfalls wird es so wahrgenommen von vielen. Von daher: Wohin mit meinen Visionen, meinem Elan, meinen Weltverbesserungsabsichten? Warum nicht auf nen Platz gehen?

Siebtens, - zu einem Kommentar oben - Parteien werden weder wegen der Leute und noch viel weniger wegen des Wahlprogramms gewählt. Sondern wegen der Erwartungen der Leute bzgl. der zukünftigen Performance der Parteien. Die Leute sind nicht doof. Sie glauben Wahlversprechen nicht einfach so. Sie bilden sich Erwartungen, ob und unter welchen Umständen und in welchem Ausmaß die Wahlversprechen umgesetzt werden können oder nicht. Natürlich kann sich die Realität anders entwickeln und meine Erwartungen werden dann enttäuscht.

Dann muss es Möglichkeiten geben, meinen Unmut zu zeigen. Zwischen den großen richtungsgebenden Wahlen. Z.B. durch Landtagswahlen. Oder eben Wutbürger-Versammlungen.

Ich belass es erstmal dabei, zu b) komm ich ein ander Mal :)

Jan Grothe

Paul Ingendaay

23. Mai 2011, 13:43

Über das mit dem harten Konservativen werden Sie vermutlich selber lachen. Lesen Sie den Eintrag mal ganz. Ihre Sehnsucht nach Eindeutigkeit kann ich leider nicht befriedigen. "Geben" Sie hier nicht jemanden? Später verlinke ich meinen nächsten Zeitungsartikel dazu. Geduld.

tomasalcubo

23. Mai 2011, 13:57

http://Javier

Diese Indignados sind Meschen die empört sind, weil die liberal-konservative PP wahrscheinlich wieder an die Macht kommt (in den Ländern und Gemeinden hat sie es schon geschafft).

Daher sprechen diese Indignados von wahrer Demokratie und schimpfen angeblich auf den Zweiparteinsystem, was sie aber in Wirklichkeit wütend macht ist die Möglichkeit, dass eine liberal-konservative Partei zurück an die Macht kommen kann und dass die sozialistische Regierung nach sehr langem Verneinen der Krise die Träumerein vergessen und Maßnahmen ergriffen hat, um Spanien das griegische Schicksal zu sparen.

Vor 7 Jahren haben sie geglaubt das Land würde für die Ewigkeit links regiert werden, dies hat sich aber als Ilusion entpuppt und die entsprechende Frustration erzeugt. Das bei der listen der konservativen Partei nicht alles sauber läuft, verstärkt die Empörung und bringt Mitläufer. Die Sparmaßnahmen und die Arbeitslosigkeit lassen auch bei einigen schon dazu geneigten Menschen die antikapitalistischen Tendenzen aufleben lassen.

Die Versammlungen von Indignados in ganz Spanien haben viel mit Linksradikalismus zu tun, daher wird die Bewegung bei Público so aufmerksam und liebevoll behandelt und daher wurde in den Versammlungen sehr häufig verlangt und empfohlen weder PP und PSOE noch die gemäßigten christdemokratischen Nationalisten -PNV und CiU- in Baskenland und Katalonien zu wählen.

Aber im Unterschied zu den Grünen fehlt eine Kernidee, die diese Bewegung mittel und langfristig von den üblichen Reivindikationen des Linkradikalismus unterscheiden kann sie zusammenhält und noch dazu sie erlaubt real zu werden (ohne Realos würden die Grünen warhscheinlich immer noch mit der 5% Hürde kämpfen) ohne die Kernidee zu verraten, um gemäßigten Wähler um sich zu versammeln.

pardel

23. Mai 2011, 14:20

Sehr geehrter Herr Keuschnig,

natürlich stelle ich mit meinen Beobachtungen und Fragen "nur" Behauptungen auf. Was kann ich schriftlich anderes aufstellen? Denkverbote? Wolkenkuckucksheime? Möchten Sie, dass ich meine Aussage, der Jugend in Spanien habe man (zumindest einen Teil) ihrer Zukunft beraubt, erläutern? Gerne:

Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt in Spanien sagenhafte 45%. Offiziell, wohlgemerkt. Das bedeutet, dass 45% der Menschen unter 25 Jahren, die dem spanischen Arbeitsmarkt zur Vefügung stehen, keine Arbeit finden. Dem Arbeitsmarkt stehen per Definition NICHT zur Verfügung: Studenten und Menschen, die sich - aus welchen Grund auch immer - nicht beim Arbeitsamt als arbeitssuchend melden (das sind meistens Jungendliche, die noch nie eine Arbeit hatten und/oder Frauen). Von den 55% der dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Jugendlichen, die einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, sind viele in der Ausbildung. Ihr Lohn ist karg. Viele andere werden als "becarios" eingestellt. Das kann man als "Stipendiaten" übersetzen, ist aber ein Euphemismus: Gemeint sind Praktikanten. Die kriegen wenig mehr als einen feuchten Händedruck. Und viele andere, die eine Stelle ergattert haben, sind "mileuristas" (d.h., sie kriegen rund 1.000€/Monat) und/oder prekär beschäftigt (jederzeit ohne Abfindung kündbar, da unter Zeitvertrag eingestellt). Grob überschlagen heisst das für mich, und bitte korrigieren Sie mich, wenn ich mich verrechnet haben sollte: Auf 100 Jugendliche unter 25 Jahren kommen in Spanien 10-15 in den Genuss eine anständigen Gehalts, 25-30 in den Genuss eines sehr unzureichenden Gehalts und 60+ haben kein eigenes Einkommen. Demanch können sich 80-90%, sofern ihre Eltern nicht vermögend sind, keine eigene Wohnung leisten. Sie können de facto keine Familie gründen. Sie werden es mit zunehmenden Alter immer schwerer haben, eine Job zu bekommen, der ihre Lage dauerhaft zum Besseren ändert. Ihre Ausbildung, sofern sie eine genossen haben, wird zunehmend an Wert verlieren, je länger sie brach liegt bzw. unzureichend genutzt wird. Sie bekommen keine adäquaten Fortbildungsmaßnahmen, ihre Fähigkeiten werden obsolet.

Das waren alles wieder "nur" Behauptungen, das ist mir bewußt. Die Daten kann man aber nachprüfen. Und wenn ich ein spanischer Jugendlicher wäre, ich würde mich um meine Chancen und meine Zukunft betrogen fühlen. Wie würden Sie es denn bezeichnen? Wie würden Sie sich fühlen?

Soweit zur Behauptung, die spanische Jugend sei ihrer Chancen beraubt worden. Die zweite Behauptung, die mit den Politikern, ihre Selbstgerechtigkeit und ihre Korruption... nun: entweder Sie kennen Spanien, und in diesem Fall sollten Sie wissen, dass wir in dieser Hinsicht mit Italien vergleichbar sind. Oder Sie kennen Spanien nicht. Dann bleibe ich einfach bei meiner Behauptung, sie zu untermauern ist mir zu langweilig, müßig und - ja, deprimierend. Wenn Sie jedoch Ihre implizite Gegenbehauptung - nämlich die, spanische Politiker seien NICHT außerordentlich korrupt, selbstgerecht und selbstgefällig - untermauern möchten, würde ich Ihre Argumentation gerne lesen. Es würde mich schon interessieren, wie man zu einem solchen Schluss gelangen kann.

Mit freundlcihen Grüßen

pardel

PS: Wenn Sie schreiben, "dass die Proteste sich scheinbar gegen den existierenden Parteienstaat und dessen Institutionen richtet", ist das auch nur eine Behauptung, selbst wenn Sie sich durch den Gebrauch des Wörtchens "scheinbar" abzusichern versuchen. Meine ad hoc Gegenthese: Sie protestieren gegen die Globalisierung, gegen das Unbehagen in der Kultur und gegen die Entfremdung des Individuums. Vielleicht auch gegen das schlechte Fernsehprogramm und gegen das Ende der Ligasaison in enem Jahr ohne (Männer-)WM und ohne EM.

PPS: Die Grünen sind in Deutschland kein Sammelbecken, in dem sich außerparlamentarische Kräfte sammeln. Außerparlamentarische Kräfte gehen anständigerweise gleich in den Untergrund oder, wenn sie unbedingt Krawatte tragen wollen, in die FDP. ;-)

Dulcinea

23. Mai 2011, 14:35

Ich habe gestern nacht noch an meine -- zugegebenermaßen schmalen! -- basisdemokratischen Erfahrungen hier in Madrid denken müssen, sie stammen aus einem Nachbarschaftsverein, der sich eher so definieren würde, wie es tomasalcubo so schön darstellt. Es ging damals gar nicht um viel, ein paar Plakate kleben. Man fühlt sich bei solchen Treffen ja ohnehin immer in Studentenzeiten zurückversetzt, und es waren auch alle freundlich. Aber es wurde unglaublich viel geredet. Viel mehr noch als bei uns früher! Uff! Man wartete auch relativ diszipliniert und alle stellten ihre Meinung dar und redeten und redeten. Da geht einem auf, warum bestimmte Dinge in Spanien anders funktionieren. Es ... dauert! Und dauert und dauert. Es wurde auch lautstark gegen recht unsichtbare Feindbilder gekämpft, das fand ich unsinnig. Die anderen nicht. Ich wünsche der Bewegung trotzdem, daß sie die Campingphase überlebt und sich fortträgt. Man könnte ja einmal wieder hingehen! In die barrios! Letztlich hängt es auch wieder von allen ab, was daraus wird.

pardel

23. Mai 2011, 14:40

Danke für die freundlichen Worte, Dulcinea. Manchmal kann ich die WG nur aus der Ferne verfolgen, aber ich habe Ihre und Gatamads Austausch gerne gelesen.

Babieca

23. Mai 2011, 14:44

SOLIDARIDAD

Ja, estimado Rocinante, dass ist das Wort das dieser Rucio übersieht und -vielleicht- nicht verstehen kann.

Davon können die Deutschen nur träumen...oder kannst du dir vorstellen das  Omas dieser Jugend Kaffee bringen, bars Brötchen verteilen, die mobilen Toiletten auch spontan gespendet werden von Fremden, einfachen symphatisanten??

Nur herabsehen auf die Schwächeren, den Familien die trotz Arbeit vom Jobcenter abhängig sind, wegen den scheis-slöhnen dort ;-)

Dasi st Deutschlands Realität und die kann man nicht aplaudieren, gescweige den belächeln.

Lieber Esel halte die Ohren steif, denke und sehe "con sangre",  denn wir sind viel mehr als sympatische Chaoten und heissen Señoritas.

Dieses Gehabe, diese grosskotzerei mit der ihr allen Südländern belächelt, wiegt Deutschland in blinder Ignoranz.

Man könnte ja auch die Germanen als das Volk der Wochend-Koma-Säufer, der plötzlich ausbrechenden Gewalttätigen Jugendlichen die aus Spass Fremde zusammenschlagen.

Ich war in der Plaza de la Encarnación in Sevilla- auch rammelvoll aber agressionsfrei, Wärme, Bruderschaft...ich kann mir solche gigantischen, spontanen Volksbewegungen im korrekten Deutschland  nicht vorstellen, neeeee !!!

tomasalcubo

23. Mai 2011, 14:49

http://Das Unbehagen in der Kultur

Stimmt, die Indignados protestieren gegen das Unbehagen in der Kultur. D.h. ihr Protest ist so absurd, als wenn sie gegen den Tod protestieren würden und noch dazu das System und/oder die Regierung dazu verantwortlichen machen wurden, dass es den Tod überhaupt gibt.

Dulcinea

23. Mai 2011, 15:15

Das genau meinte ich mit unsichtbare Feindbilder, babieca.

Babieca

23. Mai 2011, 15:59

Eine Reaktion gegen den wilden Kapitalismus, den zynischen Verhandlungen, die uns nicht nur des Geld, sondern sie Würde raubt.

Ohne Rechte - keine Freiheit.

Pd: Gandhi erreichte viel einfach mit Bewegung, Volksbewegung. Man soll ja nicht übersehen dass man nicht mit der ganzen Stituation, die Krise der Mächtigen die nur das Volk zu fühlen kriegt.

tomasalcubo= paletoalcubo?? Frage nur, ist wohl der Levante Wind der mich etwas langsamer macht ;.)

Paul Ingendaay

23. Mai 2011, 16:55

Wir haben uns in diesem Blog an einen höflichen Umgangston gewöhnt. Ich bitte also um korrekte Anrede und Verzicht auf Ressentiments.

Gatamad

23. Mai 2011, 17:38

Trotz D'Hondt-Verfahren sind mehrere, kleinere Parteien zum Zug gekommen, obwohl der Anstieg der "votos en blanco" diesen kleineren Parteien geschadet haben, da sie mehr Stimmen brauchten.

Die votos nulos + votos en blanco sind ebenfalls stark angestiegen, und "repräsentieren" die 5. politische Option im gesamten Land.

politica.elpais.com/.../1306104164_099870.html

www.20minutos.es/.../record

www.rtve.es/.../434067.shtml

www.elreferente.es/.../las-elecciones-de-2011-dejan-una-cifra-record-de-votos-en-blanco-13012

Die Parteispitze der ERC ist geschlossen zurück getreten, nach dem schlechten Wahlergebnis. Die PSOE sucht immer noch nach "externen" Gründen. Wenn sie jetzt nur nach einem neuen Gesicht suchen, dann haben sie gar nichts verstanden.

Melibea

23. Mai 2011, 22:12

Dieser Live-Stream ist recht gut, man versteht immerhin, was per Lautsprecher besprochen und gefordert wird. Zur Zeit reden die Sprecher der verschiedenen comisiones.

www.ustream.tv/.../live-from-sol

HansMeier555

23. Mai 2011, 22:12

Um nochmal auf Punkt 8 zurückzukommen:

.

Das Argument wäre logisch im Rahmen einer "funktionieren Demokratie", wo das Volk den Sinn der demokratischen Instutitionen und Prozeduren begriffen hat, von ihnen Gebrauch zu machen verseht und in ihre Wirksamkeit vertraut. Dann stiften Wahlen tatsächlich Legitimation. Aber dann kommt es eben auch erst gar nicht zu solchen Erscheinungen wie jetzt.

.

Die Ereignisse sind wohl ein klares Signal dafür, dass die Demokratie eben nicht mehr funktioniert, ihre Partizipationsangebote nicht mehr angenommen werden. Das wird in Europa künftig noch häufiger passieren.

Aguacate

24. Mai 2011, 12:04

Die Situation der jungen Spanier ist wirklich furchtbar deprimierend. Die Zahlen kannte ich zwar, aber trotzdem danke (soweit man sich für so unangenehme Informationen bedanken kann) für die bedrückenden Schlussfolgerungen daraus, Pardel!

Auch mir scheint diese Hoffnungslosigkeit der jüngeren Generationen die eine allen gemeinsame Hauptmotivation der momentanen Proteste in Spanien zu sein. Schlimm ist, dass Besserung nur schwer möglich sein wird: jede spanische Regierung der kommenden Jahre wird extrem sparen müssen. Eine Konjunktur wie in den 90er oder 0er Jahren wird kaum noch mal vom Himmel fallen.

Meine Befürchtung ist, dass die momentanen Proteste nur der Anfang von zukünftigen unschönen Zerwürfnissen in der spanischen Gesellschaft sind. Vermutlich werden sich die Protestierenden in alle möglichen politischen Schattierungen aufsplitten, was der Protestbewegung etwas den Schwung nehmen wird, aber durch die (meiner pessimistischen Meinung nach) schlechten wirtschaftlichen Aussichten Spaniens werden zukünftige Proteste auch nicht mehr so gutmütig und sympathisch daherkommen.

Bleibt also nur die Hoffnung auf unerwartete Besserung der Situation und mal wieder gute Nachrichten aus Spaniens Wirtschaft und Politik (und nicht immer nur aus der Welt des Sports (wobei sich Barca am Wochenende bitteschön noch den Titel sichern soll)).

Dulcinea

24. Mai 2011, 12:47

Haben Sie daran Zweifel, Aguacate?

Aguacate

24. Mai 2011, 13:49

Nein, Dulcinea, um Peps junge Männer mache ich mir weit weniger Sorgen als um die vielen anderen, besonders nicht, was die unmittelbare Zukunft (Samstag!) betrifft.

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