Frauen, die an Stränden leben
29. November 2011, 11:00
Uhr
Eigentlich
wollte ich etwas über die bedrohte spanische Buchkultur und den galoppierenden Werteverlust
des Abendlandes schreiben, was Sie sicherlich ziemlich überrascht hätte, aber
dann kam die Wahl zur „Miss España" dazwischen. Ich will damit nicht sagen,
dass ich mir diese Wahlen angesehen
hätte. Ich habe genug von Wahlen. Ich habe nur in der Online-Ausgabe der
Zeitung La Vanguardia einen
entsprechenden Artikel gelesen und mir das Video dazu angeschaut. Und bei
diesem Video dachte ich dasselbe, was die meisten von uns wohl denken, wenn sie
so etwas sehen. Ich dachte: Diese
Frauen, die sich letzten Sonntag in Sevilla zur Miss-Wahl präsentiert haben,
sehen ja alle gleich aus! Das ist
ungefähr so, als wären alle spanischen Parteien vorletzten Sonntag mit demselben
Programm angetreten!
Wie, das wurde schon einmal gesagt? Ist sattsam bekannt? Die weltumspannende
Tyrannei eines industriell fabrizierten Schönheitsideals? Mit high heels, riesigen lashes, gefrorenem Lächeln und diesem
Schlankheitswahn bis zur Magersuchtsgrenze? Nun, vielleicht, mag sein. Nur auf
mich hat das alles völlig neu gewirkt, was ich in diesem Filmchen gesehen habe,
und da habe ich mir gedacht, rufe ich mal unsere Bildredaktion an und bitte um
ein paar honorarfreie Bilder von dieser erstaunlichen Veranstaltung, damit die
Freunde und Freundinnen von Sanchos Esel sich ein Bild machen können.

Aber die Bildredaktion sagte: „Es gibt keine honorarfreien Bilder."
„Wie", sagte ich. „Es gibt keine Bilder?"
„Nein."
„Bei einem Ereignis, wo alle Welt nur glotzt ... wo es nur auf die Bilder und
nichts anderes ankommt, von diesem Event gibt es keine Fotos?"
„Nein", sagte die außerordentlich freundliche Dame unserer Bildredaktion. „Die
dpa zum Beispiel war nicht da."
Ich dachte: Da braucht man mal die dpa, und sie ist nicht da? Was ist denn nur mit der dpa los? Mag die dpa keine hübschen
Frauen mehr? Oder hat die dpa schon vorauseilend eine größere
Sinnlosigkeitsattacke erlitten und daher gleich auf die Sache verzichtet?

Aber Sanchos Esel gibt nicht so schnell auf. Und ich dachte mir, rufe ich mal bei
„Miss España" an, der Organisation, und frage die Leute dort, ob sie mir -
„Hier spricht die seriöse deutsche Presse" - ein paar schöne Fotos von ihrem
Miss-Wettbewerb in Sevilla schicken können. Das war am Montag um 12:30 Uhr. Ich
wählte also die Nummer, und eine nicht wirklich nach Miss España klingende
Stimme vom Band klärte mich darüber auf, dass dieses Telefon werkstags von 9
bis 14 Uhr und von 16 bis 19 Uhr oder so ähnlich besetzt sei. Dann sagte die
Stimme noch, Nachrichten könnten nicht hinterlassen werden. Ich schaute auf die
Uhr. Na gut, dachte ich bei mir, vielleicht sind alle noch in Sevilla, die neue
Miss España feiern, nicht jeder muss auf den Teint achten. Versuche ich es mal
mit dem Kontaktformular.

Es ist aber so, dass ich solche Kontaktformulare generell nicht mag, schon
wegen des Namens. Das Wort Kontaktformular strahlt etwas ganz Sonderbares aus:
Es gibt jenen, die es benutzen sollen, etwas Ranschmeißerisches (also mir), und
denen, die es ins Netz stellen, etwas Unanständiges. Ich habe es trotzdem
benutzt. Da meldete mein Computer einen Fehler; ich glaube, er wollte das
Kontaktformular wegen des Namens einfach nicht verarbeiten, und der Paketbote
hätte es ebenfalls nicht zugestellt.
Da ging ich auf die Webseite von Miss España und fand Bilder von früheren Miss
Españas oder früheren Miss-España-Kandidatinnen, so wichtig ist der Unterschied
nicht, selbst wenn man genau hinguckt. Und es sind diese Bilder, die Sie hier
sehen. Ich habe das Miss-España-Logo aus den Fotos herausgenommen und
interessante Ausschnitte gewählt, wie ich glaube. I'm sure you get my meaning.

Ich will jetzt nur noch erwähnen, dass ich in derselben Zeitung auch von Paul
Mason las, dem ehemals dicksten Menschen der Welt, der 258 Kilo abgenommen hat
und jetzt findet, dass seine Haut sehr unschön und schlabberig an ihm
herunterhängt, so dass er eine Schönheitsoperation gebrauchen könnte, aber die
Krankenkasse, heißt es, will das nicht übernehmen. Ich möchte hier nicht ins Detail
gehen, aber soviel steht fest: Paul Mason sieht garantiert nicht aus wie jemand anders. Der ist nur er selbst. Gewonnen hat in
Sevilla übrigens Miss Barcelona, die den hübschen spanischen Namen Andrea
Huisgen trägt und laut der Zeitung La
Vanguardia „medidas de vértigo (88-63-93)" besitzt, zu deutsch:
Wahnsinnsmaße. Was mir sonst noch auffiel: Auf den vorderen Plätzen landeten
nur Frauen, die in der Nähe eines Strandes leben.
[ Fotos : Homepage Miss España ]
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