Ein jedes Ding bei seinem Namen
19. Dezember 2011, 19:13
Uhr
Vor
wenigen Stunden hat der neue spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy im
Parlament versprochen, er wolle das Brot stets Brot und den Wein immer Wein
nennen. Also jedes Ding bei seinem Namen. Er wolle die Spanier auch nicht
anlügen, sagte er, während es zur selben Stunde in Valencia vor Gericht um die
Korruptionsaffäre seines alten Kumpels Francisco Camps ging, für den eine Schneiderei nach
neuesten Erkenntnissen nicht nur einen Anzug gefertigt hat, wie er behauptet, sondern fünf. Insgesamt ist die Rede von zwölf Anzügen, die der ehemalige Ministerpräsident der Region Valencia mutmaßlich erhalten hat. Es fällt also ein
bisschen schwer, Rajoys hochtönender Ankündigung Glauben zu schenken, wenn mit
der Wahrheit so selektiv umgegangen wird.
Aber vielleicht kommt es darauf gar nicht an. Wir sind ja nicht in Deutschland.
Vielleicht besteht in Spanien die wichtigste Frage darin, ob überhaupt irgendwelche
Mittel der neuen Regierung gegen Arbeitslosigkeit und Schuldenkrise greifen. Ob
es reicht. Ob der gesellschaftliche Konsens groß genug ist. Ob jeder bereit
ist, etwas weniger zu haben, damit alle zumindest etwas haben.

Ich gestehe, auch da bin ich nicht sonderlich optimistisch. Natürlich ist es
keine schlechte Idee, den Unfug der spanischen Brückentage, die das ganze Land
immer wieder lahmgelegt haben, etwas zu begrenzen, wie Rajoy jetzt angekündigt
hat. Ja, das sollte man machen. Kostet nicht viel und bringt sicherlich einen gewissen
Effizienzgewinn.
Doch die betrügerischen Affären des Herrn Urdangarin, des Schwiegersohns des
spanischen Königs, zeigen, mit welch staunenswerter Frechheit auch die
begüterten, jedenfalls nicht bedürftigen Kreise die öffentlichen Kassen
plündern. Und wenn zutrifft, was jetzt verbreitet wird - dass der Monarch
seinen Schwiegersohn im Jahr 2006 einfach aus dem Verkehr zog, indem er ihm
dank bester Kontakte zur spanischen Industrie erst einen hochdotierten Posten
bei Telefónica in Barcelona, 2009 dann einen Job in Washington verschaffte -,
gibt es wenig Anlass, ausgerechnet in der Schuldenkrise auf spanische
Ziviltugenden zu setzen. Zu Mitleid mit Christian Wulff besteht gewiss kein
Anlass; aber die Vorgänge um Urdangarin setzen das spanische Staatsoberhaupt in
kein geringeres Zwielicht als jenes, in welchem sich Wulff gerade befindet. Nur eben,
dass sich hier kein Mensch mehr darüber aufregt. Man wünscht dem spanischen König doch keine Scherereien mit der Justiz!
Sprechen wir vom kommenden Glück, dem gordo,
dem großen Los, das uns am 22. Dezember alle reich machen wird. Ich erwarb den décimo für uns acht Teilnehmer(innen) am
10. Dezember, eine Stunde vor dem clásico,
direkt am Bernabéu-Stadion. Ich sagte mir: Wenn Barcelona gewinnt, bekommen wir
den gordo. Wenn Real Madrid gewinnt,
bekommen wir ihn nicht. Kein Witz, das waren meine Gedanken. Hier sehen Sie
unser Los.

Ich fragte den Losverkäufer, ob er glaube, daß wir mit diesem Los gewinnen.
Er sagte: „Todsicher." Dann empfahl er mir noch, gleich das Los für den 6. Januar
mitzukaufen, denn später könne ich das nicht mehr.
„Warum nicht?", fragte ich.
„Nach dem 22. Dezember siehst du mich nicht wieder. Dann bin ich mit meinem
Losgewinn auf und davon."
„Oh", sagte ich. „Verstehe. Aber dann gibt es für mich auch keinen Grund, ein
Los für den 6. Januar zu kaufen. Ich gewinne am 22. Dezember doch auch."
Das sah mein Losverkäufer ein und wünschte mir Glück. Wir gaben uns sogar die
Hand. Dann sahen wir uns in die Augen wie Männer, die sich nicht wiedersehen
werden.

[ Fotos : Sanchos Esel }
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