Nora und ihr Weihnachtsgeschenk
23. Dezember 2011, 16:15
Uhr
Um mich seelisch auf den
Hauptgewinn der spanischen Weihnachtslotterie einzustellen, ging ich neulich in
das Madrider Viertel, in welchem eine Tippgemeinschaft letztes Jahr den gordo gewonnen hat. Ein Freund hatte mir
erzählt, diesmal habe es die Richtigen getroffen, alles Leute mit wenig Geld,
eine Gruppe von zwanzig bis fünfundzwanzig Menschen. Die meisten waren
Stammgäste in einer schummerigen Bar, in der einige décimos des Hauptgewinns verkauft worden waren. Mein Freund sprach
auch noch von der Inhaberin des Kiosks eine Straße weiter, die er gelegentlich
sehe, auch sie sei unter den Gewinnern gewesen. Also ließ Sanchos Esel sich die
Adresse des Kiosks geben, um der Dame einen Besuch abzustatten. Die Frage
lautete: Hatte der Lotteriegewinn die Kioskbesitzerin verändert? Und was konnte
mir der Inhaber der Bar erzählen? Mein Freund hatte gesagt, in den ersten
Monaten nach dem Gewinn sei die Bar geschlossen gewesen, und im Frühjahr habe
sie plötzlich wiedereröffnet: Aus der schummerigen Höhle sei eine helle, fast
freundliche Bar geworden.

Tags darauf sah ich die Inhaberin des Kiosks. Ich sprach sogar mit ihr, als sie
gerade zuschloss. Aber sie war sehr in Eile und wollte kaum stehenbleiben.
Besonders glücklich sah sie nicht aus. Ich könne ja in den nächsten Tagen
wiederkommen, wenn ich etwas wissen wolle, sagte sie. Aber ich hatte schon die
Lust verloren. Nehmen wir an, sie hat mit ihrer Losbeteiligung im letzten Jahr 200.000
Euro gewonnen. Ihr Leben ist dadurch anscheinend nicht sehr verändert worden. Wie
auch? Versuche ich es mal in der Bar, sagte ich mir.
Ich kam gerade zur Mittagszeit, die beste Stunde, um das Ambiente eines Lokals
zu bestimmen. „Bodegas Huergeta", so der Name, besteht aus einem einzigen Raum,
der fast vollständig vom Tresen eingenommen wird, der ein großes Quadrat
bildet, so dass man fast jemanden beiseiteschieben muss, um die hinten
gelegenen Toiletten zu erreichen. Innerhalb des Quadrats stehen die
Angestellten wie in einer Wagenburg, außerhalb die Essenden und Trinkenden. Als
ich hereinkam, herrschte ein angenehm beiläufiges Sprechen und Murmeln, als
hätten sich zwanzig gute Bekannte verabredet. Nur eine ältere Dame saß ganz
rechts für sich, aß ein kleines Tellergericht und trank ein Glas Rotwein.

Die Bar gefiel mir. Ich bestellte Kaffee, ließ die Atmosphäre auf mich wirken
und sprach ein paar Minuten später einen lebhaften jungen Mann neben mir an. Ob
er letztes Jahr den gordo gewonnen
habe, dessen Lose hier in der Bar verkauft worden seien?
„Nein, ich bin heute nur zufällig hier. Ich wohne in einem anderen Viertel."
„Ah. Die Leute dieses Viertels haben damals zusammen getippt
und den gordo gewonnen. Und viele von
ihnen kennen sich aus dieser Bar."
„Mal sehen", sagte er, „ob ich diesmal Glück habe. Die Leute in dieser Bar
gewinnen dieses Jahr nicht nochmal."
„Nein, das werden sie
wohl nicht."
Ich fragte Natalia, die Bedienung, ob sie im letzten Jahr dabei gewesen sei,
als der gordo gewonnen wurde.
„Nein, da habe ich noch nicht hier gearbeitet."
„Das ist Pech."
„Ja. Der neue Besitzer hat hier erst im April aufgemacht. Vorher gehörte die
Bar einem anderen. Aber der hat sich mit seinem Gewinn aus dem Geschäft
zurückgezogen."
„Kann ich ihm nicht verdenken", sagte ich. „Dann hat der neue Besitzer auch
renoviert und alles?"
Natalia ließ den Blick mit einem gewissen Stolz über die hellen Wände
schweifen. „Ja. Das sah vorher ganz anders aus."
„Viel dunkler, hat man
mir erzählt."
„Ja", sagte Natalia. „Das hatte einen ganz anderen Charakter."
„Vielleicht klappt es ja dieses Jahr mit dem gordo."
„Das wäre schön", sagte sie.

Ich trank meinen Kaffee und dachte darüber nach, was 200.000 Euro im Leben
bedeuten, kam aber nicht sehr weit. Dort, wo ich mit dem Nachdenken aufhörte,
muss ich wohl gedacht haben, sie bedeuteten nicht so schrecklich viel. Ich
sprach die alte Dame neben mir an, ob sie letztes Jahr am Hauptgewinn
partizipiert habe. Sie schob ihren Teller beiseite und fing an, mir aus ihrem
Leben zu erzählen.
Die alte Dame hieß Nora und kam aus Puerto Rico, wie sie sagte, hatte aber den
größten Teil ihres Lebens in Madrid verbracht. Sie war Inhaberin der Drogerie
und Parfümerie an der Ecke. Sie stehe aber nicht mehr hinter der Ladentheke, ihre
Tochter kümmere sich jetzt um das Geschäft. Ob ich die Drogerie kennte?
„Nein", sagte ich. „Ihre Drogerie kenne ich leider nicht."
„Geh da mal vorbei, junger Mann, und grüß meine Tochter. Sag ihr, wir kennen
uns aus der Bar."
„Gern."
„Wo waren wir?"
„Der gordo", sagte ich. „Sie wollten mir vom gordo erzählen."
„Der gordo! Ich sag dir was. Hier in
dieser Tür wurde mir letztes Jahr ein Los angeboten. Und ich habe es
ausgeschlagen! Die Siegernummer. Was habe ich mich geärgert. Manche Chancen
kommen nur einmal im Leben. Das war meine."
„Spielen Sie öfter?"
Sie legte mir die Hand auf den Arm. „Jede Woche", flüsterte sie.
„Jede Woche ... einen décimo? Zwanzig
Euro?"
„Jede Woche", sagte sie. „Seit fünfzig Jahren. Jeden Tag bete ich darum, dass
ich gewinne."
„Wann? Zu welcher Tageszeit?"
„Das Beten? Wann es sich ergibt. Aber mindestens morgens und abends. Ich zünde
mir eine Kerze an und bete. Es vergeht kein Tag ohne Gebet."
Wir plauderten noch ein wenig über ihre Enkel, die Königsfamilie und diesen
Urdangarin. Nora war von den skandalösen Enthüllungen um den Schwiegersohn des
Königs nicht sonderlich überrascht. Wir verabschiedeten uns und wünschten uns
Glück.

Ich weiß nicht, welche Losnummer Nora bei der gestrigen Weihnachtslotterie
hatte, aber wenn sie bei Doña Manolita gekauft haben sollte, könnte sie eine
Kleinigkeit abbekommen haben. Natürlich nicht annähernd das, was sie in fünfzig
Jahren für Lose ausgegeben hat. Das ist weg für immer. Tausend Euro pro Jahr,
macht fünfzigtausend Euro in fünfzig Jahren, um es mal einfach zu halten. Doch
was ist schon Geld? Nora sah gesund aus, die Wohnung ist bezahlt, und der
Rowein schmeckt ihr auch noch. Das sind die wichtigen Sachen, sage ich mir. Hat
Nora nicht allen Grund, eine Kerze anzuzünden?

[ Fotos : Sanchos Esel ]
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