Er möchte lieber nicht
20. Januar 2012, 22:10
Uhr
Es ist
nichts Ungewöhnliches in der südländischen Welt, dass Schriftsteller und
Künstler diplomatische Aufgaben wahrnehmen. Lateinamerika hat daraus eine
Tradition gemacht (Pablo Neruda, Augusto Monterroso, Antonio Skármeta), und wenn
die Motive, warum Schriftsteller zu Repräsentanten ihres Staates werden, auch
jeweils unterschiedlich sein mögen, ist die Idee selbst den Menschen sehr
vertraut. Auch Frankreich kennt einige Beispiele. Ein gewisser Glaube an die
Macht des geschriebenen und gesprochenen Wortes, den man nicht belächeln
sollte, mag darin mitschwingen.
Mario Vargas Llosa hat jetzt das Angebot abgelehnt, als Präsident des
Cervantes-Instituts weithin sichtbar die spanische Sprache und Kultur zu
vertreten. In Angebot wie auch Ablehnung liegt eine gewisse Pikanterie. Denn
nicht sein Heimatland Peru, sondern Spanien (dessen Staatsbürgerschaft der
Nobelpreisträger seit langem besitzt) hat die Offerte gemacht, und nicht um die
Vertretung eines Landes geht es, sondern um das, was das frühere Mutterland und
die hispanoamerikanischen Länder (zuzüglich der Phlippinen und der USA)
miteinander verbindet: die spanische Sprache. Damit allein die Idee nicht zur
Zumutung wird, hat die interessierte Seite sofort klargestellt, dass Vargas Llosa
keine administrativen, sondern allein repräsentative Aufgaben wahrzunehmen
hätte. Das Amt des „Präsidenten" wäre also neugeschaffen worden, während unter
ihm wie gehabt ein Direktor seine Arbeit täte. Man muss darin erinnern, dass
das Cervantes-Institut weltweit mehr als siebzig Zentren unterhält.

Die Medien haben inzwischen herausgefunden oder durchsickern lassen, wie die
Sache vonstatten gegangen ist. Danach hat Ministerpräsident Mariano Rajoy
letzte Woche König Juan Carlos angerufen und ihn gebeten, Mario Vargas Llosa
das Angebot der Regierung zu unterbreiten, und da der König kein Mann großer
Umschweife ist, könnte der Monarch den Satz fallengelassen haben: „Dann rufe
ich ihn mal an." Und das ist, wenn man der Zeitung ABC Glauben schenkt, auch geschehen. Der König hat Mario Vargas
Llosa angerufen.
Die beiden kennen sich seit langem. Vor sechzehn Jahren hat der Schriftsteller
in Alcalá de Henares aus der Hand von Juan Carlos den Cervantes-Preis
entgegengenommen, aber das war wohl nicht die erste Gelegenheit. Das Telefonat
wird also in vertraulichem, fast leutseligem Ton abgelaufen sein, und das
Einzige, was ich nicht genau weiß, ist, wie der Schriftsteller den König
anspricht. Dass es mit Ehrerbietung geschieht, darf man voraussetzen, denn
Vargas Llosa hält auf Formen. Der König wiederum könnte ungefähr gesagt haben:
„Hör mal, Mario, sie wollen, dass du das Cervantes-Institut leitest, und haben
mich gebeten, dir die Sache schmackhaft zu machen. Hast du Lust?" Der König
duzt bekanntlich jeden.
Höflich, wie er ist, hat der Schriftsteller sich Bedenkzeit erbeten. Man sieht
in seinem Innern zwei Ideen miteinander ringen. Beide Ideen sind groß, beide
sind würdig. Die eine ist die des public
writer, des sichtbaren homme des
lettres, der nur in Anzug und Krawatte in der Öffentlichkeit erscheint, in
Akademien sitzt, politische Kolumnen schreibt und für jede aufklärerische
Initiative zu haben ist. Man lese nur seinen Essay „La verdad de las mentiras"
(Die Wahrheit der Lügen) aus dem Jahr 1989, in dem er gleichsam für
Kulturfunktionäre zum Mitschreiben erklärt, warum Fiktionen und erfundene
Geschichten - die „Lügen" des Titels - gesellschaftlich nützlich sind. Es gibt
wohl keinen zweiten zeitgenössischen Autor, der in so allgemein verständlichen
Worten dargelegt hat, inwiefern die radikale Subjektivität der Schriftsteller
am Ende die Freiheit aller erweitert und sichert. Lesen, so verstanden, ist
deshalb ein demokratischer Akt. Schreiben erst recht. Beim Lesen darf es nie
darum gehen, die Freiheit des Erfindens einzuschränken (weshalb die Idee der
Zensur verdammenswert ist, wie schon der junge Mario Vargas Llosa den
Funktionären des Franco-Regimes entgegnete), sondern im Gegenteil, den
Grenzübertretungen des Autors zu folgen.
Man kann den Essay in einem nur noch antiquarisch zu findenden Band auf deutsch
nachlesen (Die Wahrheit der Lügen,
Suhrkamp 1994), auf spanisch in einer neueren Ausgabe (La verdad de las mentiras, Alfaguara 2002), die nicht 25, sondern
sogar 35 Essays zu großen Büchern des zwanzigsten Jahrhunderts enthält. Wenn
man so will: Vargas Llosas Liebeserklärungen an die Verschiedenartigkeit und
formalen Abenteuer der modernen Literatur. Das alles, wie gesagt, würde seine Eignung
für das Amt des Präsidenten des Cervantes-Instituts ausreichend begründen. Er kann
schreiben, dozieren, erklären, er kann öffentlich auftreten und würdig dabei
aussehen, und er verkörpert selbst die übergeordnete, im emphatischen Sinn
identitätsstiftende Idee, die er im Auftrag der Rajoy-Regierung hätte
repräsentieren sollen: dass die spanische Sprache und Kultur auch dann noch
Heimat sein kann, wenn die politisch-geographische Zugehörigkeit gefährdet oder
ausgesetzt ist.

Die zweite Idee im Kopf dieses Schriftstellers - man kann es nicht bedauern - hat
sich am Ende durchgesetzt. Diese Idee läuft darauf hinaus, dass er nun einmal
Schriftsteller ist und das Schreiben nicht aufgeben will. Er hat fünfundsiebzig
Lebensjahre erreicht, und auch wenn er immer ein disziplinierter Arbeiter und
guter Organisator war, sind Freiräume kostbar. Sie enger zu machen, dazu kann
er sich a estas alturas nicht
durchringen. Und so ungefähr wird er es mit der ihm eigenen Höflichkeit in
einem Brief an Mariano Rajoy geschrieben haben. Dass er dem Cervantes-Institut
nicht vorstehen könne, es aber gern unterstützen wolle. (Wie er es bisher schon
getan hat, könnte man ergänzen. Kann Mario Vargas Llosa überhaupt noch mehr
tun, als er schon leistet? Wohl eher nicht. Im Berliner Cervantes-Institut
haben sie die Bibliothek nach ihm benannt.)
Am Ende kann man ihn verstehen. Oft sind Nein-Entscheidungen wichtiger als
Ja-Entscheidungen. Der König wird es ihm kaum verübeln, der hat genug disgustos mit seinem Schwiegersohn.
Natürlich wäre es schön gewesen, in der Zeitung zu lesen: „Juan Carlos I.
überzeugt den Nobelpreisträger davon, die große Aufgabe anzunehmen" oder
dergleichen. Aber es sollte eben nicht sein. Für Schriftsteller geht es um das
ewige Leben im Reich der Lügen.
[ Fotos : DDP, Reuters ]
Wenn Sie diesen Beitrag kommentieren möchten, bitten wir Sie, sich vorher anzumelden.
Nutzen Sie dazu das Login-Feld oben im Kopf rechts. Dort können Sie sich auch neu
registrieren, falls Sie noch kein Passwort haben.