Die Kämpfe des einen gegen den anderen
27. Februar 2012, 18:55
Uhr
Neueste Nachrichten: Baltasar
Garzón vom Obersten Gerichtshof freigesprochen. Der Ermittlungsrichter habe
sich bei seiner Untersuchung der Verbrechen des Franquismus im Jahr 2008 zwar „geirrt",
sagen die obersten Richter mit 6:1 Stimmen, aber nicht sein Amt missbraucht. Ein
Trost?
Wir hatten das Ergebnis erwartet. Einem Mann, über den seit letzter Woche ein
elfjähriges Berufsverbot verhängt ist, muss man nicht zwanzig Jahre mehr
aufbrummen. Garzón wird ohnehin im Rentenalter sein, wenn er seinen Beruf
wieder ausüben darf.
Pro oder contra? Noch immer habe ich keinen genauen Überblick über die
juristische Stichhaltigkeit der einen Meinung wie der anderen. Ich meine: Die
Vernichtungspolitik des Franquismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit"
zu bezeichnen kommt mir nicht so exotisch vor. Ich frage mich aber zugleich, ob
Garzón nicht das Gelände hätte besser sondieren müssen, um zu erfahren,
inwiefern seine These dem Amnestiegesetz von 1977 widerspricht. Es ist seltsam:
Wenn immer ich jemanden frage, ob er glaube, dass Garzón dieses bedeutende
Verfahren gut aufgebaut und klug begonnen habe, bekommt mein Gegenüber glasige
Augen. Die Menschen reden lieber von politischen Motiven (bei Garzón, bei
seinen Gegnern). Es scheint mir aber wesentlich wichtiger (auch wenn ich die
politischen Motive nicht leugne), die juristische Argumentation zu verstehen. Sofern
es sie gibt und sie nicht wiederum rein politisch gefärbt ist.

Am letzten Samstag ist keine Ausgabe von Público
mehr erschienen. Die Schulden waren zu hoch, neue Investoren fanden sich nicht.
Ich bedauere sehr, dass dieses Blatt vom spanischen Markt verschwunden ist. Die
symbolische Bedeutung ist unübersehbar: Die Zapatero-Jahre sind vorüber, der
Himmel ist trüb-dunkel, und jeglicher progressiver Stimmung in Spanien darf in
diesen Wochen entgegengehalten werden, es sei kein Geld für irgendetwas da,
schon gar nicht für ... (Bitte Zutreffendes ankreuzen.) Natürlich sind auch die indignados des 15. Mai ins Schlupfloch
gekrochen; vermutlich erstehen die buntscheckigen sozialen Bewegungen des
vergangenen Sommers als Massenstreik wieder auf, wenn nämlich die Zumutungen flagrant
und die Kürzungen (besonders im Bildungs- und Gesundheitswesen) unerträglich werden.
Da ich Selbstzitate umständlich zu rechtfertigen pflege, hier meine Begründung
dafür, dass ich weiter unten noch einmal einen älteren Artikel über meinen
Besuch bei der soeben eingegangenen Zeitung Público
anfüge: Eine andere Zeit schaut mich aus diesen Sätzen an; die Ahnung eines
gesellschaftspolitischen Projekts; eine gewisse Hoffnung, die noch nicht von
Immobilienkrise, Finanzkrise, Anzeigenkrise und Massenarbeitslosigkeit erstickt
war. Das Erscheinungsdatum des Artikels ist der 9. Oktober 2007.
Der Büroturm im Madrider Norden
sieht ziemlich neu aus, aber nicht so neu, dass er am Eingang nicht die
Namensschilder der Firmen trüge, die hier ihren Sitz haben. Nur die
Tageszeitung „Público", der jüngste Mieter, hat noch keinen. Es gebe da noch
ein Problem, sagt Thilo Schäfer, der uns am Eingang begrüßt, man habe doch
gerade erst angefangen. Schäfer selbst, früherer Wirtschaftskorrespondent der
„Financial Times Deutschland" in Madrid, hat Anfang August bei „Público"
angeheuert. Man hört das in den nächsten beiden Stunden immer wieder. „Wir
haben die Mannschaft erst seit zwei Monaten beisammen. Wir haben wie die
Wahnsinnigen auf den ersten Erscheinungstag hingearbeitet, aber nicht damit
gerechnet, dass es wirklich funktioniert. Dann kam der 26. September, und wir
hatten eine Zeitung. Wir können es selbst kaum glauben."

Tatsächlich wirkt die Sache wie eines der typischen spanischen
Improvisationswunder. Auf der Büroetage von „Público" hängen lose Kabel von der
Decke. Wo einmal Marketing und Werbung aktiv sein sollen, sitzt heute noch
niemand. Ein paar Schritte weiter jedoch ist Gesumm und Tastenklicken zu hören.
Wir betreten ein Großraumbüro für rund hundertdreißig Redakteure, die
Mannschaft, die für die neueste kühne Tat des spanischen Zeitungsmarktes
zuständig ist: 250 000 Exemplare täglich zum Dumpingpreis von 50 Cent. Erstmals
seit dreißig Jahren erscheint damit ein neues Konkurrenzblatt von links. Bisher
hatte „El Pais" nach dem Untergang von „Diario 16" den Markt für sich allein.
Ein hübscher Anblick,
wie schnell Journalisten blitzblanke Arbeitsflächen und nagelneuen Teppichboden
mit Unordnung überziehen können. Doch insgesamt geht es erstaunlich leise zu.
Man kennt einander noch nicht so gut. Oder bedeutet der Ausdruck auf den
Gesichtern stille Zufriedenheit? Einige hier sind durch die Offerte von
„Público" aus miserabel bezahlten Pauschalistenverträgen herausgekommen. Bei
„Público" beträgt der Mindestlohn 25 000 Euro im Jahr. Das neue Blatt hatte
offenbar keine Mühe, sich bei der Konkurrenz eine Schar gestandener
Journalisten zusammenzukaufen.

Neugründungen von Tageszeitungen sind in Spanien üblicher als in Deutschland.
Man ist experimentierfreudiger und reagiert schneller auf gesellschaftliche
Veränderungen. Der gegenwärtige Marktführer „El País" wurde 1976 gegründet,
kurz nach Francos Tod. „El Mundo" wiederum, die Nummer zwei, kam erstmals 1989
auf den Markt und stellte eine Reaktion auf die Skandale der Sozialisten und
die publizistische Vorherrschaft von „El País" dar. Gleichwohl findet Ignacio
Escolar, der Chefredakteur von „Público", der spanische Zeitungsmarkt des
zwanzigsten Jahrhunderts sei gescheitert. „1936, beim Ausbruch des
Bürgerkriegs, wurden drei Millionen Exemplare verkauft. Und heute, bei größerer
Bevölkerung und verschwundenem Analphabetismus, sind es immer noch drei
Millionen Exemplare! Etwas ist schiefgelaufen." Womit der Einunddreißigjährige
auch sagen will: höchste Zeit für einen neuen Versuch.
Escolars Stichwort heißt „Käufer". Die letzten Jahre haben Spanien den Aufstieg
der Gratiszeitungen beschert, allen voran das Blatt „20 minutos", das selbst
„El País" in der Auflagenhöhe den Rang abgelaufen hat. Aus drei Millionen
Käufern der hergebrachten Tagespresse sind plötzlich sechs Millionen Leser
geworden. Exakt in der Mitte zwischen dem Wochentagspreis der etablierten
Zeitungen (ein Euro) und den Gratisblättern liegen die fünfzig Cent von
„Público". Ein Preis, der lange Bestand haben soll, auch wenn manche
Kioskbetreiber, deren Kommission von zwanzig Prozent natürlich ebenfalls
halbiert wird, das Blatt boykottieren. Die Firma Mediapubli, eine Tochter des
Konzerns Mediapro, der mit Fußballfernsehrechten viel Geld verdient, hat
angeblich Atem für fünf Jahre. Ab dann muss „Público" schwarze Zahlen
schreiben.

Ignacio Escolar hat bei verschiedenen Sendern Fernsehen gemacht, in
Lateinamerika gearbeitet und schreibt nach eigener Aussage den „meistbesuchten
Blog Spaniens". Die Kombination aus Zeitung und Internet ist für das neue Blatt
selbstverständlich, auch die Redakteure sind darauf eingestellt, in wechselnder
Gewichtung für beide Medien zu arbeiten. Dem Layout im landesüblichen
Tabloid-Format sieht man es an. Täglich wird auf der Titelseite eine
Hauptnachricht privilegiert, andere erscheinen in Blöcken darüber oder
darunter. Der Gesamttext der Titelseite beträgt kaum mehr als vierzig Zeilen.
Oben neben dem Zeitungskopf prangt programmatisch ein Aquarell von Miquel
Barceló, dem berühmtesten spanischen Künstler seiner Generation, es zeigt eine
Menschenmenge. An dieses público, den
großen gesellschaftlichen Plural, wendet sich „Público".
Im Blattinnern herrschen
Buntheit, Balkenlettern, große Fotos, fette Linien und knappe, doch
konzentriert geschriebene Texte vor. Kein Ausbund an Eleganz, eher ein moderner
Rummelplatz, auf dem der Leser den Kopf alle fünf Sekunden in eine andere
Richtung dreht. Das katalanische Büro, das für das Gesamtdesign verantwortlich
zeichnet, hat auch die Neugestaltung von „Clarín" aus Buenos Aires und dem in
Barcelona erscheinenden „Periódico de Catalunya" besorgt. „Wir wenden uns an
Leser, die viele Informationsquellen haben", erklärt der Chefredakteur,
„Fernsehen, Internet, Mobiltelefon, Magazine, Tageszeitungen. Wir wählen aus,
bereiten auf, spitzen zu."

Bisher beschäftigt das
Blatt zehn Auslandskorrespondenten. Der Schriftsteller Rafael Reig, bis vor
kurzem ein vielgelesener Kolumnist bei „El Cultural", verantwortet die Seite
„Teilnahme", wo er täglich ins Gespräch mit den Lesern tritt. Dem Kulturchef
Juan Manuel Costa, der früher für „ABC" aus Berlin und London berichtete (und
exzellente Sprachkenntnisse vorweisen kann), stehen jeden Tag sechs Seiten zur
Verfügung. „Kulturen" nennt sich das Feuilleton, mit programmatischem Plural.
Daneben erscheinen eigene Seiten für Bücher, Kino, Musik, Geschichte und Forschung.
Es müsse mehr Recherche her, formuliert Costa als Ziel seiner Arbeit, spanische
Feuilletons begnügten sich allzu sehr mit der getreuen Reproduktion des
Veranstaltungsbetriebs.
Mehrere Faktoren sprechen für die Chancen des neuen
Blattes. „El País", das Leitmedium des Landes, ist in die Jahre gekommen und
zeigt Züge von „Prawda"-ähnlicher Orthodoxie. Die Bindung an die
Zapatero-Regierung ist zu eng, um Subversivität zu erlauben; Abweichler werden
hinausgedrängt. Bei „Público" argumentiert man zwar von links, aber nicht
regierungsnah. Wie ein Supplement am ersten Erscheinungstag erklärte, richtet
sich die Zeitung an junge Leser, was sich in den Leitbegriffen der
Themengestaltung widerspiegelt:
Modernität, Gleichheit, Transparenz, Umweltbewusstsein, Integration,
Laizismus. Alle Leitartikel sind namentlich gezeichnet. Eine Redaktionslinie
gibt es angeblich nicht. Als einzige große Tageszeitung verzichtet „Público"
auf das Anzeigengeschäft mit Prostituierten und Bordellen, ebenso auf die
Berichterstattung über Stierkampf. Schon dies könnten Signale sein, wohin der
Weg des modernen Spanien führt.
Uff. Das liest sich wie ein kleiner Traum über den Journalismus der Zukunft. Ob
ich damals so optimistisch sein durfte, weiß ich nicht, aber lieber zu positiv
als zu verkniffen. Leider hat Mediapubli beziehungsweise das Mutterhaus Mediapro
gerade mal die fünf Jahre durchgehalten, die angekündigt waren. Heute sieht ja
insgesamt alles etwas düsterer aus, wenn ich die oft verkrampften Popularisierungsbemühungen
der spanischen Presse betrachte. Dennoch will ich meinen Glauben, dass der
Anteil intelligenter Menschen an der Bevölkerung eines Landes ungefähr gleich
bleibt, nicht aufgeben; die Frage ist, ob diese Menschen Einfluss nehmen und
sich hörbar machen.

Gestern hatte ich einen interessanten Tag. Erst war ich in Vallecas, um meiner
Mannschaft zuzuschauen, danach im Vicente Calderón, um den FC Barcelona zu
sehen. Beide Spiele wurden durch je ein geniales Kunststück der Superstars
entschieden. Als ob es zum Thema gehörte, habe ich ein paar Fotos aus der
Partie von Vallecas ausgesucht. An ihnen erkennt man nicht nur, was für
eine tolle Kamera ich habe, sondern auch, wie nah der Zuschauer am Geschehen sitzt.
Die tiefere symbolische Deutung dieser Bilder in Bezug auf die soziale Lage in
Spanien überlasse ich Ihnen.
[ Fotos : Sanchos Esel ]
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