Die Gemeinschaft der Idioten
21. November 2011, 10:00
Uhr
Was kann uns Dostojewski über das Internet sagen? Mehr als man denkt. Vielleicht sogar mehr, als bisher von
Experten gesagt wurde.
Aber was? Das Spannendste will ich nicht gleich am Anfang
verraten. Ich will erst einmal mit einem Klischee aufräumen.
Die klassische russische Literatur wird nicht erst seit
der Milchschnitte-Werbung mit den Klitschkos landläufig als "schwere Kost"
wahrgenommen. Das mag zu Teilen auch stimmen. Große Fragen, lange Zeiträume
und, für den deutschen Leser, eine verwirrende Vielfalt von Namen der handelnden
Charaktere heben sich ab von leichter Belletristik. Doch hat man das einmal in
Kauf genommen, erschließen sich dem Leser auch ungeahnte Größen und neue
Gedanken, die bis heute nichts an Relevanz eingebüßt haben. Nach den ersten
paar Seiten vertieft man sich so in die Geschichte, dass man seine anfängliche
Scheu schnell ablegt. Ich habe verschiedene Werke von Dostojewski mit einem
sehr unterschiedlichen Maß an Begeisterung gelesen, aber mein Lieblingsroman
war immer "Der Idiot".

Es gibt bestimmt an anderen Stellen des Internets gute
Zusammenfassungen der Handlung, die hier nicht kopieren will. Zum Inhalt sei an
dieser Stelle so viel gesagt:
Im Mittelpunkt der Handlung steht der Fürst Myschkin, ein
junger, zerbrechlicher Mann, der an Epilepsie leidet und von einer langjährigen
Behandlung in der Schweiz nach Russland zurückkehrt. Er war ein richtiger
Invalide, konnte sich nicht äußern, sabberte. Doch jetzt geht es ihm besser. Er
ist geradezu ein neuer Mensch geworden. Ein wenig seltsam ist so jemand
natürlich schon noch. Ob es seine völlig unpassende Kleidung ist, seine
ungeschickten Bewegungen oder sein Charakter. Er hat ein offenes, kindliches
Gemüt, das jedem freundlich zugeneigt, ja beinahe naiv ist. Er beschäftigt sich
gedanklich mit moralischen Fragen, redet mit Bediensteten über die Grausamkeit
der Todesstrafe, glaubt jedem aufs Wort und will am liebsten alle retten.
Kurzum, ein ehrlicher Gutmensch.
So einer gerät nun in die Petersburger High Society, und
die hat ihre eigenen Probleme. Da ist zum Beispiel Rogoshin, der das Vermögen
seines Vaters durchgebracht hat, um seiner Angebeteten Nastassja Filippowna ein
unbezahlbares Schmuckstück zu schenken. Die schöne Nastassja ihrerseits ist auf
einem Rachefeldzug gegen die ganze Gesellschaft und gegen sich selbst, für ein
Unrecht, das ihr in ihrer Jugend angetan wurde. Und Iwolgin hat damit zu
kämpfen, dass er ganz ordinär ist und sich in einer Gesellschaft aus leidenden
und poetischen Figuren schmerzlich unauffällig ausnimmt. Und dann ist da noch
das ältere Generalspaar, dessen Sorge es ist, die drei erwachsenen Töchter gut
zu verheiraten. Sie alle agieren unter einander, gegen einander, in einem zerbrechlichen
Geflecht aus Macht und Intrigen.
Wenn nun also ein Mensch, der alle retten will, in so
eine Gesellschaft kommt, kann man sich vorstellen, was alles passiert. Er
stellt diesem Geflecht nur seinen Glauben an das Gute im Menschen entgegen und
gerät leichtgläubig unter die Räder der Intrigen. Die Petersburger Gesellschaft
hat ihre ganz eigenen, feinen Spielregeln, die er sämtlich bricht und damit letztlich
an den ihm gestellten Aufgaben restlos scheitert.
Ich liebe diese Geschichte dafür, dass jeder einzelne
Charakter sehr fein ausgearbeitet, mit interessanten Konflikten beladen und an
sich spannend ist. Die Interaktion dieser Charaktere macht keine Seite dieses
Romans im Geringsten langweilig. Wogegen ich mich naturgemäß sträubte, war die
scheinbare Grundaussage des Werks: dass nämlich gute Menschen nicht bestehen
vor einer Welt, die von Intrigen, Lügen und dem Gesetz von Angebot und Nachfrage
bestimmt wird. Soll das wirklich alles sein? Ist jeder, der einfach eine
ehrliche Seele hat, dazu bestimmt, an der Welt zu scheitern und sich am Ende
gebrochen zurück zu ziehen?
Ganz so einfach ist es nicht. Eine andere Figur aus dem
Buch zeigt uns das: die Frau des Generals, Elisaweta Projovjewna, eigentlich
auch eine ehrliche Seele. Anfangs ist sie dem Fürsten gegenüber noch
Misstrauisch, bittet, ihm beim Essen eine Serviette umzubinden, damit er nicht
kleckert. Sie stellt jedoch bald fest, dass sie ihn unterschätzt hat, und wird
zu einer regelmäßigen Besucherin in seinem Haus. Sie sagt von sich selbst, dass
sie in ihrer Seele auch ein Kind ist, genau wie der Fürst. Dennoch hat sie sich
bei all ihrer ehrlichen Art fest in die Gesellschaft integriert und spielt nach
deren Regeln. Irgendwann fängt sie an,
das zu hinterfragen. Als ihre Tochter dem Fürsten nach einem misslungenen
Abendessen zürnt, sagt Elisaweta zu ihr: "Die Gesellschaft sagt, er ist
ein kranker Mensch. Aber an deiner Stelle würde ich die alle zum Teufel jagen
und nur ihn behalten. So ein Mensch ist er!"
Der Fürst hat in der alten Generalin also beinahe so
etwas wie eine Seelenverwandte. Es ist also nicht einfach der gute Charakter, der
zum Scheitern verurteilt ist. Ihn unterscheidet, dass er die Regeln des Spiels
eben nicht beherrscht und deshalb ein Außenseiter bleibt.
Menschen, die nicht den Regeln des Spiels folgen und
darum Außenseiter bleiben, kennen wir. Besonders gut kennen wir sie aus der
Schule, wo alle möglichen Arten von Menschen zusammengezwungen waren und sich
ihre Umwelt kaum aussuchen konnten. Teilweise Nonkonformisten, die sich
politisch interessieren und bestimmte Kleidung tragen oder kein Fleisch essen,
um eine Aussage zu machen. Teilweise sind es einfach sozial unangepasste Jugendliche
gewesen. Teilweise waren es die heute berühmten Nerds, die damals
Randexistenzen geführt haben. In meiner Schulzeit gab es nicht viele davon, und
sie alle waren allein. Viele waren ständig das Opfer von Mobbing, wie es -
modern gesprochen - auch unser Fürst zwischenzeitlich immer wieder war. Fürst
Myschkin - im Prinzip ein Moralnerd in der Petersburger Schulklasse, und dessen
traurige Existenz, Hoffnung, und dann folgt unausweichlich der Ruin.
Um die Jahrtausendwende geschah in meinem Umfeld
allerdings etwas Interessantes, was das betrifft: Das Internet begann, eine Rolle
zu spielen. Ich erinnere mich noch gut, wie viele von uns nach der Schule eilig
vor den Computer gingen und irgendwelche obskuren Foren und Chats aufsuchten,
wo andere schrieben, die so waren, wie wir. Einer in Berlin, einer in Basel,
einer in Köln. Und obwohl jeder in seinem Gebiet vereinsamt war, kamen im deutschsprachigen
Gebiet einige dort zusammen. Sie verabredeten sich, sie hielten online
Freundschaften, es entstanden sogar viele Fernbeziehungen. Das besondere war,
dass diese Communities andere Regeln entwickelten als die in den Schulen. Ich
will hier gar nicht beurteilen müssen, ob sie besser oder schlechter waren.
Aber sie waren eben anders. Auch das Internet hat seine sozialen Stolperfallen,
seine Gefahren. Aber es ist jedenfalls eine Alternative zur vorgegebenen
Gesellschaft.
Der Nerd an sich hat in den letzten Jahren einen markanten
Imagewechsel vollzogen. Von der unbeliebten Randexistenz zu einer Kultfigur.
Und ich frage mich: Kann dies eine Folge daraus sein, dass diese Menschen eine
für sich passende Gesellschaft entwickelt haben, wo sie sich so entfalten
konnten, wie sie waren? Hat das Internet das möglich gemacht?
Und dann muss ich weiter denken: Was wäre eigentlich,
wenn der arme Fürst Myschkin schon das Internet gehabt hätte? Nehmen Sie ihn mal
gedanklich aus seiner Welt der zeitlosen klassischen Literatur und setzen Sie
ihn vor einen Rechner - hätte er dann andere gefunden, die seine Krankheit auch
haben? Hätte er sich mit ihnen darüber austauschen können, wie sie damit
umgehen? Hätte er von dort Kraft und Rat schöpfen können, um sein eigenes Leben
und das der anderen wirklich ein Stück weit zu verbessern? Wie sähe die
Grundaussage des Romans dann aus?
Ich habe mich hier bei der russischen Klassik bedient,
obwohl ich, um diesen Punkt zu illustrieren, wirklich jeden modernen Roman über
einen Außenseiter hätte nehmen können. Mich fasziniert aber gerade diese
gewaltige Entfernung der Assoziation. Denken Sie an Dostojewski, wenn Sie an
Internet denken? Oder anders herum? Ein Roman, der in der Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts geschrieben worden ist, fernab von unserer Gesellschaft und
scheinbar fernab von unseren Fragen, stellt ein Problem heraus, auf das wir
möglicherweise erst heute langsam eine Antwort finden. Vielleicht hat Dostojewski im "Idioten" einfach
einen Mangel an etwas festgestellt. Ein Mangel an Freiheit, über seine eigene
Umgebung bestimmen zu können.Vielleicht hat er uns zukünftige Generationen um etwas
wie das Internet gebeten.
Das ist ja das Faszinierende an der klassischen Literatur
und warum sie bis heute überlebt: alle paar Generationen lohnt es sich, sie aus
der Schublade zu ziehen und zu schauen, wie sich die 'ewigen Thesen' in der
jeweiligen Gegenwart halten und was sie uns Neues verraten können. Die über Generationen
aufgestaute Weisheit können wir stets in neuem Licht neu bewerten. Und damit
vielleicht die Lage der "Idioten" von morgen verbessern.
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