Die Menschen mit den Kopfhörern
05. Dezember 2011, 10:00
Uhr

Der Herbst weicht zurzeit unwillig dem Winter und nicht einmal
die größten Optimisten können das jetzt noch leugnen. Der Himmel ist überzogen
von grauer, kalter Milch, die müden Bäume werfen ihr braun-oranges Laub in
nassen Haufen auf die Straßenränder. Die ganze Welt ist gewaschen, ist kalt und
duftet angenehm nach rottendem Laub.
Ich habe heute meinen roten Mantel angezogen. Auf dem Weg zur Universität
steckte ich mir die Kopfhörer meines mp3-Players in die Ohren und hörte französischen
Chanson. Die Pianoklänge untermalten den Wind, der meine Haare durcheinander
warf, spielten mit den fallenden goldenen Blättchen, färbten das Grau der Luft
warm. Als ich über die Brücke ging, floss unter mir das ruhige Wasser, in dem
rote und gelbe Blätter wie Schiffe trieben, immer im Takt, eine einheitliche,
vollkommene Schönheit.
Ich wurde mir mit Mal folgender Sache bewusst: Die Frau, die mir auf dem
Fahrrad entgegenkam, hatte ebenfalls Kopfhörer in den Ohren. Der Junge, der mit
mir in den Bus stieg, auch. Viele Menschen.
Ich frage mich, was sie wohl hörten. Hörten sie Rock, der ihre Aufmerksamkeit
aus der Welt stahl? Hörten sie traurige Filmmusik, die jeden Menschen, dem sie
begegneten, in ihrem Geist mit einer tragischen Geschichte verband? Sahen sie
mich tänzeln? Passte mein Tänzeln wohl zu ihrem Takt? Wie sieht ein Mädchen in
einem roten Mantel aus, für jemanden, der Jazz hört, oder für jemanden, der
Metal hört? Denn schließlich färbt Musik ja die gesamte Wahrnehmung. Wie sieht
die Welt meiner Mitmenschen wohl aus?
Ich kann es nicht wissen. Sie tragen Kopfhörer, und ich kann nicht hinein hören,
was sie hören. Jeder von ihnen trägt seine Stimmung, seinen Hintergrund, wie
ein Schneckenhaus mit sich mit. Der Grund für ihre Aufgeputschtheit oder ihre
Traurigkeit fließt unsichtbar durch schwarze Kabel gleich in sie hinein und
bleibt der Welt, mit der sie interagieren, verborgen. Ein Stück weit trennt uns
das von einander. Ein Stückweit macht es uns frei.
Kopfhörer sind wie die materielle Fortsetzung von Gedanken. Und ich würde so
gern hineinsehen.
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