Wie der Bauer zur Kunst kam
13. Februar 2012, 10:00
Uhr
Der Westfale an sich, so sagt man, ist ein eher ruhiger, bodenständiger
Typ Mensch. Während ich kein Fan von Verallgemeinerungen bin, bleibt mir - als Zugezogene in Münster - festzuhalten, dass da etwas dran sein mag. Westfalen trinken
ihr Herrengedeck, spielen Doppelkopf, sind im Verein. Sie feiern Feste, aber
nicht zu laut. Sie sind katholisch und ein wenig stolz darauf, dass die große,
weite Welt woanders stattfindet.

Dass ausgerechnet in Münster regelmäßig eine weltberühmte Skulpturausstellung
stattfindet, klingt erst mal wie ein seltsamer Zufall. Tatsächlich aber handelt
es sich nicht um einen Zufall. Dass die gemütliche Stadt Heimat moderner Kunst
geworden ist, liegt vielmehr genau an ihrer bodenständigen Mentalität.
Es begann aber so: Im Jahre 1973 bemerkte man, dass das 20. Jahrhundert in
Münster noch gar nicht so richtig stattgefunden habe. Es gab keine moderne
Kunst im Stadtbild. So wollte die Stadt die Plastik „Drei rotierende Quadrate"
von George Rickey kaufen. Ein für den Künstler recht typisches Werk, eine Säule
mit drei beweglichen, quadratischen Teilen. Nicht gegenständlich, aber auch
nicht aufregend, dazu hübsch, eine Art farbenfrohes Windspiel. Zur Folge hatten
diese Pläne allerdings einen Aufschrei der Empörung. „Da muss man schon
ziemlich auf dem falschen Bahnsteig sein, wenn man das als Kunst ansieht", hieß
es von den braven münsteraner Bürgern, die lieber in die Restauration der alten
Gemütlichkeit ihrer Stadt investiert hätten. Die Proteste dauerten so lange,
dass die Stadt sich dagegen entschied, das Werk für 130.000 DM zu erwerben.
Stattdessen wurde die Plastik 1975 von der Westdeutschen Landesbank gekauft und
der Stadt Münster geschenkt. Die Münsteraner aber hatten nun endgültig den Ruf
von Kulturbanausen.
Zu dieser Zeit hatten Klaus Bußmann und Kaspar König die
Idee, eine Ausstellung moderner Skulptur im öffentlichen Raum zu machen. Zwischendurch
gab es die Idee, als Ort Paris auszuwählen. Aber in Paris wäre solch eine
Ausstellung gar nicht aufgefallen, ist die Stadt doch ohnehin von Kunst übersät.
Nein, es musste etwas her, das für Schlagzeilen sorgt, das die Skulpturen
nochmal kontrastiert und betont. Da fiel Münster ins Auge, Münster mit seiner
aufgebrachten Bevölkerung und seinen engen, ordentlichen Häusern. 1977 lud man
Künstler ein, sich einen Standort auszusuchen und dort eine Skulptur zu
installieren. Man bezog also den Raum, die Geschichte, die Menschen intensiv in
die Gestaltung mit ein. So entstand die erste Ausstellung der skulptur.projekte
münster. Sie sollte alle 10 Jahre widerholt werden. Noch 1987 mussten die
Arbeiten an den Skulpturen teilweise unter Polizeischutz durchgeführt werden,
weil die Bevölkerung so aufgebracht hat. Gleichzeitig erreichte das Projekt
internationale Bekanntheit, konnte sich leicht mit der documenta in Kassel
messen und schnitt beim Vergleich besser ab. Touristen aus aller Welt strömten
in die Stadt.
Ich selbst sah zum ersten Mal kurz nach meiner Ankunft in Münster
die skulptur.projekte 2007. Was ich dort sah, hat mich zutiefst beeindruckt.
Die Stadt war zu einer Art Zaubergarten geworden, wo es an jeder Ecke etwas zu
entdecken gab. Gänge aus Schilf, märchenerzählende Blumen aus Surfbrettern,
einsame Türen auf großen Plätzen... Ich würde gern die tausend kleinen Wunder
wiedergeben, die mir begegnet sind, doch sie in Worten wiederzugeben wäre Lüge.
Wohin man auch ging, Staunen begleitete den Weg durch Münster. Von jeder
Ausstellung blieben einige Werke permanent stehen. Mal von der Stadt erworben,
mal privat und dann der Stadt geschenkt. So prägen sie auch heute jeden Tag das
Stadtbild und haben aus der verschlafenen Westfalenmetropole eine märchenhafte Weltstadt
gemacht.
Noch heute sind die „Giant Pool
Balls", die sogenannten Aaseekugeln, eines der Wahrzeichen Münsters. Mit dem Reichtum, den der Tourismus
brachte, und mit der langsamen Gewöhnung, wuchs auch die Akzeptanz in der
Bevölkerung. Heute ist man stolz auf die kulturellen Errungenschaften. Dabei
war es die Empörung, die Münster so attraktiv als Standort gemacht hatte. Diese
Geschichte erzählte mir der Oberbürgermeister Lewe. Dann fügte er hinzu, dass
die nächste Ausstellung - 2017 - die schwierigste werden würde. „Man muss
wieder von der bloßen Kunst weg, hin zur Provokation".
Das ist wohl, was diese Dinge so zauberhaft und faszinierend
ist. Das ständige Getriebensein, nicht gewöhnlich werden zu dürfen, anzustoßen.
Nur, wenn sie anstoßen, können diese Skulpturen und Installationen uns dazu
bewegen, stehen zu bleiben, uns umzusehen, und uns, den Raum, die Anderen
bewusst wahrzunehmen, mit neuem Blick. Und dann erwacht die Aufmerksamkeit und
neue Gedanken regen sich. Was gewohnt war, wird plötzlich in neuen Kontext
gestellt, die geliebte Tradition wird verändert, wird fortgerissen und mit der
realen Welt konfrontiert. Und dann entdeckt man all das Wundervolle, was sie zu
bieten hat.
Ich kann nicht bis 2017 warten.
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