Der Segen des Alberti und der Gonzaga Fluch
04. April 2009, 23:34
Uhr
Kein Gebäude kann
ohne Ebenmass und gutes Verhältnis gut eingerichtet sein, wenn es sich nicht
genau wie der Körper eines wohl gebildeten Menschen zu seinen Gliedern verhält.
Vitruv, 10 Bücher
über die Architektur
Es gibt Monumente, die sollte man Nachts aufsuchen, wenn mit
dem sächsischen Bustouristen der Leichenwurm der Kunstgeschichte im Bett liegt,
das schreiende italienische Kind nur noch daheim die Mama nervt und der
geistesgestörte Hupkonzertmeister von Verfolgungsjagden träumt. Die Kirche S.
Andrea in Mantua ist so ein Gebäude, das am besten wirkt, wenn wenige Menschen
zu sehen sind, und die Beleuchtung den Baukörper vor dem schwarzen Hintergrund
des Nachthimmels leuchten lässt. Erst dann erschliesst sich diese Inkunabel der
Renaissancearchitektur dem Betrachter, denn mit S. Andrea kehrt der
klassisch-römische Monumentalismus nach 1000 Jahren zurück in die Architektur
des Abendlandes. Ihr Baumeister ist Leon Battista Alberti, ein
Universalgelehrter an der Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit, der mit
diesem seinem letzten Werk endlich die Gelegenheit bekam, römische
Stilprinzipien in einem einzigen Grossbau umzusetzen.
Alberti (1404 - 1472) war einer jener Renaissancekünstler,
die konsequent nach Wegen suchten, mit der näheren Vergangenheit der Gotik,
ihrem Menschenbild und Kunstverständnis zu brechen. In seinem Buch über Malerei
sprach er sich für perspektivisch richtige Darstellungen aus, als die Gotik in
Deutschland noch Figuren nach Lust und Laune in der Grösse variierte. Sein Buch
über Statuen verlangt nach einem getreuen Abbild des Menschen. Und in seinem
Buch über die Architektur vertritt er die Haltung der bei Vitruv überlieferten
Antike, die da lautet: Architektur sei "Harmonie und Einklang aller Teile,
die so erreicht wird, dass nichts weggenommen, zugefügt oder verändert werden
könnte, ohne das Ganze zu zerstören." Was eine skandalös neue Auffassung
ist, wenn man sieht, wie zur gleichen Zeit in Brixen je nach Zahlkraft des
Spenders Gewölbe überpinselt werden. Alberti möchte Gebäude aus einem Guss
schaffen, schlicht, ebenmässig, gross und erhaben. Als Baubeauftragter des
Papstes hat er viele Gelegenheiten, sich mit den Leistungen der Antike
auseinander zu setzen und daran zu lernen. Alberti, selbst als uneheliches Kind geboren, glaubt, dass Elite nicht nur durch Geld und Herkunft, sondern auch durch Wissen und Bildung definiert wird. Nachdem er bis in sein hohes Alter jedoch nur Bestehendes umbauen oder mit neuen Fassaden ergänzen konnte, bekommt er in
Mantua letztlich doch die Chance mit dem Neubau von S. Andrea, einer damals
immens wichtigen Wallfahrtskirche, die Pilgern einmal im Jahr eine Phiole mit
dem Blut Christi zeigt. Alberti verspricht dem Markgrafen Luigi III. Gonzaga
mit markigen Sprüchen eine Kirche, die ausgesprochen gross, dauerhaft, würdig
und freudig sein soll. Und schon das Portal ist eine Kampfansage an die Gotik:
Der Entwurf kombiniert die klassische Tempelfront mit seinem flachen Giebel mit
einem Triumphbogen mit Kasettendecke und Pilastern.

Alberti hält sich also gar nicht mit überladenen
Bautraditionen der Gotik auf und präsentiert eine schlichte und monumentale
Fassade, die die Antike wieder lebendig werden lässt. Im Innenraum geht er noch
einen Schritt weiter, verwirft die damals üblichen Kuppel- und
Kreuzgratgewölbe, und baut zum ersten Mal seit dem Ende der Antike wieder ein
monumentale Tonnengewölbe über das Kirchenschiff und die Seitenaltäre. Heute
würde man sagen, die Kirche ist komplett durchgestaltet, auch wenn später noch
mit dem Altarraum und den Seitenarme Veränderungen angefügt wurden. Fassade und
Kirchenschiff zeigen neue Wege auf, sie machen Schluss mit dem Kleinklein der Gotik,
dem Stilgepansche späterer Hinzufügungen, es gibt einen genialen Baumeister,
der alles in eine Form zwingt und damit einen Raum für die Ewigkeit schafft.
Könnte man meinen.

Aber Alberti stirbt schon in der ersten Bauphase, und beim
Tonnengewölbe über dem Hauptschiff geht das Geld aus. Statt echte Kassetten
einzubauen, deren Herstellung teuer und zeitraubend ist, greift man zu Farbe
und Pinsel und fälscht die Kassetten mit illusionistischer Malerei. Albertis
fortschrittliches Menschenbild beziehen die Gonzaga mit einigen
Missverständnissen auf sich selbst, und statt teurer Kirchengewölbe finanzieren
sie lieber kleinere Kassettengewölbe in ihrem neuesten Projekt: Dem Palazzo del
Te, ein Lustschloss vor der Stadt, ganz dem Vergnügen, dem Müssiggang und der
Ausschweifung gewidmet. Man möchte heidnische Baukunst weniger dem Ruhm der
Kirche zugänglich zu machen, als vielmehr die Antike als eigenes Rollenmodell
zu nutzen. Im Palazzo del Teè inszenieren sich die Gonzaga als Herrscher in
römischer Tradition, man hält sich seine Hetären, man gibt rauschende Feste und
widmet seinen Pferden gemalte Monumente an der Wand. Christentum spielt hier
keine Rolle mehr. Darüber biegen sich Tonnengewölbe mit feinsten Kassetten aus
Stuck und Marmor, wie in der Antike -

und erneut sind sie ausgemalt, wie es dem Herrscher und dem Künstler
gefällt. Nackte und Götter, Sagen und Sex, Besäufnis und Schlacht. Mit den
Kassettendecken kommt nicht die römische Grösse und Schlichtheit zurück zur
Gesellschaft, nicht der Ernst und nicht die Würde, sondern nur eine neue Mode
der überladenen Projektionsflächen für gesellschaftliche Elite, ein Spielplatz
für eitle Selbstverwirklichung, überladener Prunk, Angeberei. Es ist aber im
Gegensatz zu Albertis schlichtem Monument auch ein Erfolgsmodell, denn überall
in Europa versucht man bald, dem Vorbild der prunksüchtigen Gonzaga, weniger
aber dem des gebildeten Alberti nachzueifern. Später, nachdem der Palazzo del
Te fertig ist, wird man auch an S. Andrea noch mal rumpfuschen, auskleistern, überfüllen
und Gold ankleben. Vielleicht hat Alberti das schon geahnt und den Raum
seiner Kirche reichlich düster gestaltet, so dass die reine Form auch heute noch die
schlimmsten, sich im Dunkeln verlierenden Zutaten der protzenden Gonzaga
dominiert.