Die gnadenlose Modernität sieneser Ruinen und Bankenkrisen
06. April 2009, 11:06
Uhr
Nicht der Beginn
wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.
Katharina von Siena
Nähert man sich dem Dom von Siena von der falschen Seite,
also vom Chor aus, führt eine Treppe hinauf zum Gipfel des Hügels, auf dem die
Kirche errichtet wurde. Dort oben wartet eine mit gestreiften Marmorplatten
verzierte Mauer und darin ein gotisches Tor, das den Zutritt zu einem der
erstaunlichsten Bauwerke, oder besser, Nichtbauwerke des italienischen
Mittelalters gestattet.

Man nennt diesen Baukomplex, oder was davon im Norden des
Domes noch steht, den "Neuen Dom". Nach dem Willen der "Rat der
Neun", der damals in Siena herrschte und das Goldene Zeitalter des
Stadtstaates politisch dominierte, sollte an dieser Stelle die zweitgrösste
Kirche der Christenheit stehen, nur kleiner als der damalige Petersdom, und all
die Menschen aufnehmen, die das wirtschaftliche Wachstum von frühen Banken und
Handelshäusern in Scharen in die aufstrebende Metropole zog. Siena war im
späten 13. und frühen 14. Jahrhundert gleich nach Florenz das Finanzzentrum
Europas, Einnahmen aus Geschäften in ganz Europa strömten in die Stadt, am Geld
würde das Vorhaben kaum scheitern. Der alte Dom ist zwar auch nicht gerade
klein, war aber nicht gross genug, um mit der schnellen Entwicklung der Stadt
Schritt zu halten. Heute gehen Touristen achtlos an in den Boden eingelassenen
Marmorplatten vorbei, ohne sich zu wundern, warum hier diese Orte auf einem
Platz zu sehen sind.

An dieser Stelle sollten die Säulen des neuen Kirchenschiffs
stehen, das den alten Dom geradezu winzig hätte wirken lassen. Die Idee der
Sieneser war, am nördlichen Querschiff der Kathedrale ein neues,
gigantisches und überbreites Langhaus
anzubauen, und so den gesamten alten Dom zu neuen Querschiffen und Chorraum
umzuformen. Nebenbei hätte man damit Florenz gezeigt was eine Harke ist: Denn
der Dom in Florenz wurde gegen 1300 in seinem Bauvolumen so geplant, dass er
den Dom in Siena übertroffen hätte. Beide Bauten sind Kinder des 13.
Jahrhunderts, in dem die Wirtschaft blühte, die Bevölkerung wuchs und der
technische Fortschritt keine Grenzen zu kennen schien. Man baute damals für
unsere heutigen Begriffe durchaus modern: Nicht für die Gegenwart, sondern für
den Bedarf der Zukunft mit hohen Wachstumsraten ohne fundamentale Krisen. Es
ist kein Zufall, dass diese Erwartungshaltung, dieses Vertrauen auf eine
positive Entwicklung mit dem Aufstieg der Banken zusammentrifft, die aus
Zinserträgen und Einnahmen in der Lage zu sein schienen, schon heute für den
Profit von morgen zu garantieren. Der neue Dom war also eine Investition in die
Zukunft der Stadt.

Immerhin gelang es in wenigen Jahrzehnten, den nötigen Platz
zu beschaffen, die Hügelspitze zu fundamentieren, und Teile der
Umfassungsmauern zu erreichten. Am Nordportal, dessen Bau fast abgeschlossen
war, kann man zumindest die gewaltigen Dimensionen und die feine Qualität der
Architektur erahnen, die hoch, schlank und himmelsstürmend sein sollte. Statt
zuerst das Gebäude zu errichten und sich danach um den Schmuck zu kümmern,
baute man gleich richtig mit allem Luxus, der zu dieser Zeit modern war. Auf
die Maurer folgten die Marmorhandwerker, die das Gebäude in seiner Schwarz und
Weiss gestreiften Pracht erscheinen lassen sollten. Raum war wichtig, aber
wichtiger schien es zu sein, einen Raum zu haben, der etwas her machte.

Diese Haltung erfreut heute Bauforscher, die an den Resten
des Neuen Domes nachvollziehen können, wie die Bauhütte damals die Arbeit
organisierte, welche Techniken zur Anwendung kamen und wie Bauabschnitte in
Angriff genommen wurden. Mitunter sind Bauteile wie Fenster fast fertig, nur
ein paar Kapitelle müssten noch angefügt werden, und man könnte die Gläser
einsetzen. Allerdings kam es nie dazu, aufgrund von Fehlern und Entwicklungen
des Mittelalters, die für uns im 21. Jahrhundert äusserst modern wirken.
Zuerst, in den 20er und 30er Jahren des 14. Jahrhunderts, gingen die Sieneser
Banken reihenweise Pleite. Wie später auch die Florentiner Banken hatten sie
riskante Wetten auf das Wirtschaftswachstum anderer Regionen und ihre möglichen
Erträge abgeschlossen. Als diese Hoffnungen sich nicht erfüllten, kam es zu
Bank Runs, bei denen Teilhaber ihr Geld aus den Banken abzogen, die dann
zusammenbrachen. Überhaupt waren die Banken damals keine langweiligen
Sparkassen, sondern eher das moderne Finanzinstrument, das wir heute als Hedge
Fonds bezeichnen: Hochriskant, immer auf der Suche nach Fürsten, die jetzt Geld
brauchen und dafür zukünftige Einnahmen verpfänden, mit der Chance auf enorme
Gewinne, aber auch eine Katastrophe, wenn es mal nicht so gut läuft.

Wie die Finanzwirtschaft hatte auch die Architektur
kalkuliert: Um möglichst schnell einen möglichst grossen Baukörper zu
errichten, hatte man bei der Fundamentierung gepfuscht. Statt für den
unsichtbaren, aber wichtigen Teil ordentlich Geld in die Hand zu nehmen und
sich Zeit für die nötigen Berechnungen zu lassen, vergnügte man sich
offensichtlich lieber am eitlen Bauschmuck, den heute die Tauben mit Kothaufen
bedenken. Wie sich bald zeigte, waren die Fundamente viel zu schwach, und eine
Verstärkung hätte bedeutet, dass man weite Teile des Neubaus hätte abreissen
müssen. Und als wäre das noch nicht genug gewesen, erreichte auch die 1348er
Pest die überfüllte Stadt und raffte deren Einwohner dahin. Die Nachfrage nach
zusätzlichen Plätzen in der Kirche war damit ebenso erloschen, wie deren
Finanzierungsquellen.

Natürlich geben es die Mächtigen nur ungern zu, wenn sie falsch geplant
haben. Der Rat der Neun holte Gutachten ein, sprach mit Baumeistern und nutzte
die Pest als Anlass, den Bau eine Weile ruhen zu lassen - schliesslich hatte
man gerade andere Probleme. Probleme, die jedoch umfassender als die banale
Seuche waren. Der Rat der Neun, der die Geschicke Sienas über 70 Jahre geleitet
hatte, war zu einer Oligarchie verkommen, oder auch zu einer sich bereichernden
Kleptokratie, die Gewinne einstrich und die Kosten über Steuern sozialisierte,
dass man sie als historisches Vorbild für aktuelle Krisenländer wie England,
Irland und Island begreifen könnte. 1355 reichte es der Bevölkerung, und sie
wischte die alte Herrschaft mit einem Aufstand weg. Ein neu gegründeter Rat der
Zwölf setzte sich aus Vertretern der unteren Schichten zusammen, und nachdem
sich der Stadtstaat in schlechter Verfassung zeigte, wurde das Prestigeprojekt
der alten Elite schnellstens eingestellt. Heute ist der geplante Stolz einer Finanzsupermacht ein Parkplatz mit gotischer
Umrahmung, über den die Touristen zum nächsten Restaurant eilen, unbeachtet und
meist frei von Schaulustigen. Obwohl es bis heute ein Musterbeispiel für
modernes Finanzmanagement, politischer Führung und symbolhafter
Herrschaftsarchitektur zur Beeindruckung und Anleitung von Menschen ist, sowie
deren Fähigkeit, die eine schlechte Regierung durch eine auch nicht bessere Regierung
unter Hinterlassenschaft von Ruinen zu ersetzen.