Der Wohlstand der Regionen oder Man möchte kein Bochumer sein
29. Mai 2009, 14:08
Uhr
"Danke, good
bye", sagte ich und ging, die Glacéhandschuhe überstreifend,, ohne Eile
hinaus, ganz langsam und erhobenen Hauptes wie eine Königin.
Dacia Maraini, Aus
den Memoiren einer Diebin
Man möchte kein Bochumer sein. Man möchte auch kein
Rüsselsheimer sein, und drüben schon gleich gar nicht, aber das wollte man ja
ohnehin noch nie. Aber es ist noch nicht so arg lang her, da war Opel ein
respektabler Autohersteller, und die heutige "die Boomregion
Deutschlands" - so steht das bei uns im Lokalblatt - scharaubte Mofas und
Kleinstwagen zusammen. Wie beim Paternoster: Die einen steigen auf, den anderen
fällt der Boden unter den Füssen weg. Bochum war früher reich und hässlich, und
die Boomregion war arm und schön. Heute ist Bochum immer noch nicht wirklich
schön, aber arm. Die Boomregion ist wunderhübsch herausgeputzt, kaum ein Haus
in der Altstadt erstrahlt nicht, und die Stadtverwaltung weiss gar nicht mehr,
wohin mit dem Geld.
Bochum dagegen ist, sagen wir es schonungslos, am Ende. Wenn
Opel dort dichtgemacht wird, fallen mit indirekten Auswirkungen ein paar
zehntausend Stellen weg. In einer Region, die ohnehin schon stark geschwächt
ist, seitdem man keine Kohle mehr braucht. Nebenan liegt Gelsenkirchen,
darunter aufgelassene Schächte. Bochum ist der Ort, an dem man nicht sein will,
und doch ist Bochum die Zukunft: Die Zukunft eines Landes mit Problemen in den
schlechteren, sich überlebt habenden industriellen Zonen.

Ganz gleich, wie die Hasardeure aus Politik und Wirtschaft am
Ende übereinkommen: Man wird sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass die
Grube mit all dem schönen Geld leer ist, und die Unternehmen sich davonmachen.
Opel-Freier Magna aus österreichisch-Vorrumänien, wage ich zu behaupten, ist
ein selbst nicht gut dastehender Zulieferer, der eine Möglichkeit sucht, an den
Tropf des deutschen Steuerzahlers zu gelangen; ein verzichtbarer Zulieferer auf
der Suche nach einer Chance, to big to fail zu werden. Es ist absehbar, dass
Bochum bei diesem Spiel zuerst zum Drohpotential und dann, nach ein paar
hundert Millionen, abgewrackt wird. Mit allen Folgen, die man sich nach einer
Bundestagswahl eher leisten kann.
Historisch gesehen sind solche Entwicklungen normal; aus der
Weltmacht England wurde nach dem zweiten Weltkrieg erst ein Art Gross-Bochum
auf einer Insel und nun, mit dem Industrieersatz der Banken, Gross-Island an
der Themse. Hamburg war früher einmal Welthafen, Wien die Hauptstadt einen
Weltreiches, Venedig eine Handelsnation; dort jedoch hat sich das ein oder
andere gehalten, was nun ästhetisch anregend verfallen und versinken kann;
Bochum jedoch.... Bochum hat das Pech, nicht als glänzendes Zentrum
unterzugehen, sondern als Industrieregion. Und das geht dann eher in Richtung
Bitterfeld, Chemnitz und andere Regionen von Vorder- und Hintersibirien.

Geschrumpfte Städte wie Schwaz, Brügge, Orvieto oder
Konstanz, denen in der frühen Neuzeit die Märkte und Industrien weggebrochen
sind, all die Siedlungen, aus denen nur die Flucht blieb, um nicht zu
krepieren, weisen nun jenen den Weg, die in Bochum ohnehin kaum etwas zu
verlieren haben. Für Mieter ist es ein leichtes, derartige Städte zu verlassen,
wenn die Lichter ausgehen und der Kraftwagen woanders von den Bändern rollt.
Das Fehlen eines festen Besitzes, seit je her Zeichen der Oberschicht, erlaubt
es, sich schnell den Gegebenheiten anzupassen. Natürlich wird Bochum nicht über
Nacht zur Wüstung, aber man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass dort in
naher Zukunft 20000 Menschen weniger arbeiten werden. Und etwas besseres als
den Tod in Bochum findet man überall, also: Wer sollte es ihnen verdenken?
Jene, die bleiben müssen. Man mag glauben, dass jene, die
man gemeinhin als "vermögend" bezeichnen kann, als erste verschwinden
und den Rest seinem Schicksal überlassen. Nichts könnte fälscher sein; allein
der Neureiche, dessen Vermögen eher in seinem Auto denn in seiner Wohnung
steckt, kann sicher ohne Probleme an Orte gehen, wo andere Neureiche sind. Vor
der Pest konnte man davonlaufen, um dann nach dem grossen Sterben heimzukehren.
Aber Auswandern? Für Menschen, die über Generationen und Jahrzehnte mit einer
Region verbunden sind, die ihnen Glück brachte, ist das so gut wie unmöglich.

Man verstehe mich nicht falsch; schon die Hartknäckigkeit,
mit der sich das römische Patriziat an die Ruinen Roms im frühen Mittelalter
klammerte, hat weder ihm selbst noch der Stadt gut getan. Diese erstaunliche
Beharrung ist ein Ausdruck mangelnder Alternativen. Man ist nur dort etwas, wo
man ist. Man bleibt bei dem, was bleibt. Wie soll man auch weg? Wer in Bochum
heute das zehnfache dessen an Immobilien besitzt, was er selbst für sich
benötigt, und somit als vermögend gelten kann, wird kaum in den Markt einer
schrumpfenden Stadt hinein verkaufen können. Sinkende Mieteinnahmen sind
dagegen weiterhin echtes Geld und keine realisierten Verluste. Man kann Häuser
nicht verkaufen, als wären es Brötchen. Schon gar nicht in einer Stadt wie
Bochum.
Am Tegernsee ist das übrigens ganz anders, dort könnte man
momentan alles verkaufen - nur denkt gerade keiner daran, diese sichere Region
mit ihren Kliniken, Bergen, Aufspritzern und Urlaubsgästen zu verlassen. Es
wäre aber auch nicht genug Platz für die Restreichen der Stadt Bochum: Bei
400.000 Einwohnern könnten sich 40.000 für meinen Wohnort qualifizieren. Der
wäre dann von Bad Tölz bis zum Spitzingsee voll, randvoll. Die Regionen, die
sicher sind und deren Reiche das Problem nicht so wie die Unglücklichen aus
Bochum fühlen, haben im Moment keine Kapazitäten frei. Die Krise, deren Teil Bochum
ist, verschärft die Trennung des Landes in Regionen, in die jeder will und nur
wenige können, und die anderen, in die jeder könnte und keiner will.

Natürlich wird die Politik alles tun, um solche Gedanken
erst gar nicht aufkommen zu lassen; man wird das Ruhrgebiet 2010 mit Kultur
noch etwas bunter pinseln und Trinkhallen streichen; man wird Förderungen
versprechen und täglich neue chinesische und arabische Investoren empfangen,
während die russischen Freunde von Magna mal wieder Geld brauchen, um ihre
Schulden zu restrukturieren. Deutschland war nie "ein Land", weder zu
jenen Tagen der Schlotbarone, als die Elite in Bayern sich noch über Tagwerke
definierte, noch heute, da man sich weigert, sinnlose Überkapazitäten ohne
milliardenteure Nebelwerfer der politischen Einflussnahme abzubauen. Natürlich
ist es für Bochum schrecklich, Man möchte kein Bochumer sein, und schon gar
kein Bochumer, der die Schattenseiten seiner Klassenzugehörigkeit mit der
Unmöglichkeit der Veränderung erfahren muss.
Glücklicherweise ist der Klassenbegriff, der in diesem
Projekt so geschätzt wird, einer mit langen Laufzeiten. Ich will nicht
ausschliessen, dass es in 100, 200 Jahren wieder ein Vergnügen ist, Bochumer zu
sein und an jene zu vermieten, die aus dem untergegangenen Hamburg fliehen
mussten. Manches renkt sich nach ein paar Dekaden wieder ein; schlimmstenfalls
wird man eben ein paar zehntausend Wohnungen - dann sicher wieder mit
Staatshilfe - abreissen. In zwei Generationen ist die kommende Bochumkrise, die
später weite Teile des Landes erfasste, nur noch eine blasse Erinnerung,
geprägt von Bildern schwitzender Politiker und hoher Abwanderung. Aber trotzdem
möchte ich kein Bochumer sein, und schon der Gedanke daran lässt mich zur
Überzeugung kommen, dass ein wenig Ablenkung mit Italienbildern das Schlimmste
des Unvermeidlichen dämpfen kann.

Begleitmusik: In Erinnerung an die gute, alte Zeit möchte ich zu Georg
Kreislers Chanson "Gelsenkirchen" auf dem Tonträger, idealerweise der schwarzen Platte "Everblacks" raten, der in unnachahmlicher Weise
die Reize der Region einzufangen wusste. Überhaupt höre ich im Moment gerne
Kreisler, dessen Zugang zu unserer schönen Welt mir im Moment sehr angemessen
und nur halb so zynisch wie jenes ist, was führende Mitglieder der Gesellschaft
aus Politik und Wirtschaft zwischen Rüsselsheim und Bochum so treiben.