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Digitale Bücherverbrennung und Feudalismus bei Amazon
19. Juli 2009, 11:07
Uhr
Ein Buch ist ein
Sack voller Samenkörner
Andre Gide
Der Aufstieg meiner Klasse zu dem, was sie heute ist - die
ökonomisch bestimmende und politisch einflussreiche "bessere
Gesellschaft" - ist in Deutschland ein rund 200 Jahre langer Kampf, zuerst
um Aufstieg und Gleichberechtigung, und dann, unter Akzeptanz einer
theoretischen Gleichheit aller, um den Machterhalt. Auch diese gesättigte Elite
musste sich einst gegen Verbote und Drangsale von Kirche, Adel und Obrigkeit
wehren, und dieser Kampf lässt sich auch anhand des Aufstiegs der Belesenheit
erzählen. Das Recht, sich frei zu entfalten, geht einher mit dem Recht, sich
anzulesen, was man will. Genau das versuchten die feudalen Strukturen zu
verhindern, die gerne weiterhin alles und jeden in ihrer Abhängigkeit gesehen
hätten.
Der Feudalismus, die Herrschaft der Adligen versuchte es mit
Zensur und Buchverboten, mit Schikanen und Unterdrückung, mit Bücherverbrennung
und Aufknüpfen von Autoren, oder, wenn das nicht ging, Erhebung in den
Adelsstand und Totmästung ihrer Ideale, siehe Göthe. Freier Bürgerwille war den
Adligen suspekt; man hätte die Menschen gern weiter in Hörigkeit gehalten, ohne
Recht auf Grundbesitz, abhängig vom Wohlwollen der Herren, an deren Scholle sie
gekettet waren, ohne Chance auf Aufstieg oder individuelle Freiheit. Dieser
Kampf zwischen Autorität und ihrem Konzept der Hörigkeit und dem bürgerlichen
Konzept der Freiheit, zwischen ideologisch bedingter Vorgabe von Inhalten und
dem Recht zu lesen, was man will - der dauerte ziemlich lange. Für mich in
Bayern bis zu meinem 16. Lebensjahr.

Damals - Bayern war so schwarz wie ein frischer Kuhfladen
und in etwa so demokratisch wie eine absolutistische Fürstabtei - gab es in
meinem Gymnasium nicht nur etliche Ostfrontfreunde unter den Lehrern, sondern
auch eine AG Literatur, und der veranstaltende Lehrer sah sich mit dem
Vorschlag konfrontiert, ein Buch von Andre Gide, namentlich "Die Verliese
des Vatikans" zu lesen. Der Direktor der Schule untersagte es. Gide sei
schwul gewesen, das Buch sei atheistisch, und es würde nur die Entwicklung
jener Schüler stören, die sich in der AG Literatur drängelten, um den ansonsten
wohlbehüteten Töchtern der Chefärzte und Apotheker bei Tee und Katzenzungen den
Hof zu machen. Also lasen wir Gide verbotenerweise heimlich, ohne dass es den
Versuchen der Annäherung an jene besseren Töchter Abbruch getan hätte. Gegen
den Anspruch des Direktors, uns nur das zu gestatten, was er unter seinem
Herrschaftsbereich zugelassen hat, setzten wir uns durch, und kamen uns sehr libertinär und rebellisch
vor. (Übrigens markiert Microsoft Word auch das Wort "libertinär" als
falsch geschrieben, man ziehe selbst Schlüsse)
25 Jahre später ist auch Bayern nicht mehr so zurückgeblieben.
Sorgen wegen Alkohol und Zigaretten haben das kleine Übel nicht genehmer
Weltliteratur längst von der Agenda der Schulleiter verdrängt. Die Pornographie
kommt aus dem Netz, die nackte Nachbarstochter findet man beim sozialen
Netzwerk, und sollte jemand, wie bei Gide beschrieben, grundlos, nur der
Bosheit willen, aus dem Zug geworfen werden, kann man sich darauf verlassen,
die Bilder der Aktion bald per MMS auf das Handy zu bekommen. Man sollte
meinen, dass in Zeiten wie den Unseren jede feudalistische Bemühung andere
Sorgen hat, und dass gerade Buchhändler wie das Versandhaus Amazon sich alle
Mühe geben sollten, dagegen zu halten, und den Menschen andere
Gesellschaftsaktivitäten als Spannerei, Gewalt und unerfreuliche Ausprägungen
des Internets zu vermitteln. Schliesslich geht es um jene Kultur, von der die
Buchhändler nur leben, weil sie zusammen mit dem gehobenen Bürgertum entstanden
und aufgestiegen sind.

Ist aber nicht so. Im Gegenteil. Der Buchversender Amazon
denkt anders und macht eine Rolle 200 Jahre zurück. Die Denke ist totalitär
und, sagen wir es mit einem klaren Wort, geisteskrank, die Methoden jedoch
hochmodern, effektiver als jede Bücherverbrennung. Denn Amazon vertreibt das
"eBook", die elektronische Lesemaschine Kindle; eine Art kleiner
Computer, für den man sich bei Amazon Buchinhalte, neudeutsch
"Content" gegen Geld beschaffen kann. Ich schreibe absichtlich nicht
"kaufen", denn tatsächlich besitzt man damit keinen Gegenstand, wie
man ihn beim Buch besitzt, verschenken und vererben kann: Was man bei Amazon
erwirbt, ist nur das Recht, einen Text zu lesen. Und dieses Recht kann
jederzeit ohne Warnung wieder entzogen werden. Genau das ist jetzt auch
passiert, denn aufgrund von Rechtsunsicherheiten hat Amazon Texte von George
Orwell von den "eBooks" seiner Kunden entfernen lassen. Auf
elektronischem Weg, ohne Frage, ob es dem Kunden recht ist. Einfach so. Lapidare Begündung: "We
recently discovered a problem with a Kindle book that you have purchased".
Es handelte sich dabei ausgerechnet um Orwells Dystopie 1984.
Man bleibt da ein wenig fassunglos zurück. Einerseits, weil
es also dem Buchversender möglich ist, mit einem Knopfdruck die Bibliothek zu
rupfen, zu verändern, Werke je nach Belieben verschwinden zu lassen oder zu
verändern. Kein dreckiger Diktator, Staatsverbrecher und reaktionärer Politiker
von Peking über Pjönjang bis Rom, dem so etwas nicht gefallen würde: Gäbe es
keine Bibliotheken mehr, sondern nur noch Kindles, könnte man dem Buchhändler
einfach juristisch Druck machen: Ein Knopfdruck, und schon wäre jeses
missliebige Werk weg. Bücherverbrennungen sich ein Witz gegen das, was Amazon
zu tun in der Lage ist. Kindle ist das effektivste Werkzeug zur
Inhaltekontrolle, das man sich vorstellen kann, und mit Amazon gibt es auch
einen Konzern, der offensichtlich bereit ist, diese Macht einzusetzen, wenn es
den Firmenzielen dient.

Die Nutzer dagegen wird es vermutlich auch nicht trösten,
wenn ich ihnen erkläre, was sie da gerade mit ihren teuren "Gadgets"
erleben: Amazon führt damit vorbürgerliche Verhältnisse wieder ein. Amazon
kehrt zurück zum Feudalismus und zur Hörigkeit. Wer ein Kindle besitzt, ist
nicht nur abhängig von Amazon. Wie ein Höriger des Mittelalters hat er
allenfalls bewegliche Habe: Den Kindle; so, wie sein Vorfahr eine Sense, einen
Spaten oder einen Schleifstein besitzen konnte. Die Inhalte, die Texte jedoch
werden ihm nur gegen Abgaben zur Verfügung gestellt, wie das Land den
abhängigen Bauern nur geliehen wurde. Es ist das zutiefst mittelalterliche
Konzept der "Lehen", der Verleihung von Gütern für Gegenleistung und
Unterwerfung, die jederzeit und ohne Angabe von Gründen widerrufen werden kann.
Wollte der Vorfahr dem Adligen entlaufen, hatte er gute Chancen. Der
Kindlebesitzer dagegen sieht sich mit einem "Digital Rights
Management" an den Händler gekettet, der Einblick in das Tun und Treiben
hat, und bei Belieben -
nun, man wird sehen, was Amazon sonst noch alles können
wird, und was an Möglichkeiten in diesen flachen Geräten steckt. Bischof
Bernward von Hildesheim setzte als Exlibris in seine Bücher einen Spruch, den
ich auch ab und an hineinschreibe: "Anathema diaboli sit, quisquis mihi
dempserit" - Der Fluch des Teufel treffe ihn, wer auch immer mich
entwendet. Er ist nicht allzu wirksam, denn all die vielen Frauen, die bisher
die Rückgabe meiner Bücher vergessen haben, sind noch gesund und allenfalls
geschieden - Amazon jedoch hat das Anathem eingeschrieben, den Fluch, der
wirklich wirkt. Sie verabschieden sich damit aus dem Wertekanon der
bürgerlichen Gesellschaft, und führen sich selbst als neue Gewaltherrscher ein,
die niemandem Rechenschaft schuldig sind, autokratisch über Bildung und
Unwissen entscheiden, und das mit eben jener Beiläufigkeit tun, die man so gern
mit der "Banalität des Bösen" erklärt. Nun - ich rufe natürlich nicht
zum Boykott von Amazon auf. Nur weil ich so etwas schlecht finde, muss es noch
lange nicht schlecht sein, wie ein Blick in die Geschichte zeigt: Es gab auch
Bürger, die mit grosser Begeisterung ins stalinistische Russland oder ins
faschistische Spanien gereist sind, und auch Pol Pot geniesst unter seinen
Anhängern ein viel besseres Ansehen, als im bürgerlich-dekadenten Westen. Es
ist einfach eine andere Kultur. Amazon macht mit dem Kindle ein Angebot dieser
neuen Kultur. Jeder muss selbst wissen, ob er das nachfragen will.

Begleitmusik: Unterwerfung hat natürlich auch Tradition: 1721 versucht
sich auch ein gewisser Johann Sebastian Bach bei Markgraf Christian Ludwig von
Brandenburg anzudienen. Das 3. Brandenburgische Konzert BWV 1048 findet sich neben
einigen anderen, eher heiteren und weltzugewandten Stücken auf der CD
"Concerts avec plusieurs instruments II" des Ensembles Cafe
Zimmermann - benannt nach der Lokalität, in der sich Bach später von seinem
kirchenmusikalischen Untertanendasein erholte, und dem Leipziger Bürgertum eben
jene geistvolle Unterhaltung schenkte, die man uns fast drei Jahrhunderte
später im Digitalen allenfalls zu vermieten bereit ist; uns, die wir heute von
unfreundlicheren Labels als dem Hersteller dieser CD mehr als Inhaltediebe und
nicht als Kunden gesehen werden.