Briefe aus Stresa I: Die normalisierte Elite in Zuoz
14. September 2009, 12:13
Uhr
Das Kasernenleben
hat wieder angefangen und auch die schöne Jahreszeit.
Henri-Pierre Roché,
Die beiden Engländerinnen und der Kontinent.
Es gibt so eine Art Durchschnitt für das, was Bewohner von
Westvierteln ihren Kindern in dem 80er und 90er Jahren angedeihen liessen:
Abitur auf einem harten bayerischen Gymnasium um jeden Preis, Studium in
München, idealerweise mit Berufsziel Chefarzt, Ausstattung mit eigener Wohnung
und eigenem Auto, zwei, drei Studienabbrüche in der Orientierungsphase in der
Hoffnung, der Nachwuchs würde wenigstens bei Jura enden, 12+x Semester, davon
bis zu 6 Semester Münchner Nachtleben in den angesagten Clubs plus der dort zu
entrichtenden Studiengebühr. So gesehen war ich ziemlich unterdurchschnittlich,
normal und langweilig, zumal ich meinem Fach treu blieb, und auch nicht trinke,
rauche, Drogen konsumiere und andere Dinge treibe, die man schamhaft beim
Treffen mit anderen Eltern verschweigen könnte. Selbst den offenen Wagen wollte
nicht, sondern meine kleine Schwester - ich habe ihn nur später übernommen, um
jetzt damit an den Lago Maggiore zu fahren.

Dass derartige nicht ganz billige Erziehungsbemühungen
jedoch nicht zwingend notwendig sind, sieht man etwa am Beispiel des Sonnenkönigs.
Ludwig XIV. hat man in seiner Jugend zum Spielen mit den Kindern der Diener in
die Gräben des Louvre geschickt - geschadet hat es ihm nicht, und was er bei
Schlägereien im Müll lernte, wandte er später erfolgreich in der Aussenpolitik
an. Dergleichen Methoden jedoch wäre in unserer Zeit unvorstellbar, da eine
Bekannte in der kleinen, dummen Stadt an der Donau mit der kalten Bemerkung
einen Skandal verursachte, sie habe keine Lust, sich mit dem schulischen
Versagen ihrer Tochter zu befassen, und wenn die es nicht schaffe, müsse sie
eben auf die Realschule.
Das absolute Gegenteil dieser Haltung ist auf dem Vormarsch.
Denn während es in meiner Jugend noch als Zeichen schulischer Inkompetenz,
schlechter familiärer Verhältnisse oder gar Probleme mit dem Gesetz galt, wenn
Eltern ihre Kinder in ein ausländisches Internat eingewiesen haben, spricht man
heute darüber, als sei es ein besonderer Verdienst am Kind, es in eine
Privatschule mit Rundumaufsicht zu stecken. Idealerweise in einem
Prestigeinternat wie dem Lyceum Alpinum in Zuoz.

Von welcher Seite der Berge man auch kommt, ob von den
grünen Wiesen am Tegernsee oder von der üppigen Palmenpracht des Lago di Como:
Man kann nicht umhin, die Landschaft in jenem Graubündner Hochtal als
gewöhnungsbedürftig zu umschreiben. Karg wäre ein anderes Wort, abweisend,
schroff, auch etwas lebensfeindlich. In dieser Einöde eröffnete 1904 das
Institut Engadina seine Tore, mit dem Ziel, die Kinder der internationalen
Elite zu erziehen: Nicht mehr so locker wie Ludwig XIV, aber noch weiter weg
als der Burggraben. Man kennt das aus den Gesellschaftsromanen jener Zeit: Man
heiratet, bekommt Kinder, gibt sie dem Kindermädchen und überlässt den ganzen
Ärger dem Personal, das dafür bezahlt wird. Anschliessend übernimmt in England
und der Schweiz eine Privatschule, in Deutschland dagegen oft eine kirchliche
Einrichtung die weitere Abrichtung der lieben Kleinen. Hauptsache, sie waren
irgendwo untergebracht, blieben unter sich, und hatten die nötigen
Einrichtungen, um sie zu Mitgliedern der besseren Gesellschaft zu machen.
Und
so hat Zuoz alten einen Cricketplatz und eine Cricketmannschaft, und ein eher
neues Leitbild, in dem sich Sätze finden wie: "In der Tradition des "Spirit of Zuoz" entwickeln unsere
Schülerinnen und Schüler die Kompetenz, in einer komplexen Welt als
"Global Citizens" bestehen zu können." Einen
Golfplatz mit internationalen Ansprüchen und ein Old Boys Netzwerk gibt es
natürlich auch.

Ich
kenne eine junge Dame, die einen Aufkleber der Schule am Heck ihres Sportwagens
durch München fährt, und es gern tut. Es gefällt also, es kann also nicht so
schlimm sein, wenn die Eltern bereit sind, die nicht ganz billigen
Schulgebühren zu bezahlen. Allerdings kenne ich auch einen Fall, in dem die
Kinder in so eine Anstalt sehr gegen ihren Willen verfrachtet wurden. Man muss
als Eltern eben manchmal Entscheidungen treffen; natürlich ist einiges zu
bezahlen, aber da oben in den Bergen kann der Nachwuchs keinen Blödsinn
anstellen, wie er im Westviertel nur zu oft den teuren Anlass für übelste
Nachreden gibt. Kinder sind auch so schon teuer genug, und wer will es den
Erziehungsberechtigten verübeln, wenn sie noch etwas mehr investieren und dafür
die Garantie bekommen, dass alles wunschgemäss verläuft.
Man
muss bei solchen Preisen natürlich auch bedenken, dass eine Erziehung daheim
teuer ist. Bei einem Stundensatz von 500 Euro, den ein besserer global citizen
im Wirtschaftsleben verlangen kann, würden gerade mal 100 Stunden eher
unprofessionelle Erziehungsarbeit so viel wie ein ganzes Jahr in den Bergen
kosten. Sprich, 20 Minuten Beschäftigung pro Tag mit einem Kind sind für die
Elite teurer als eine Komplettbetreuung. Und wenn man noch die Ersparnis bei
Kindermädchen, Putzfrau, Nachhilfe, Rechtsanwalt, Ärzten und wegen des ausbleibenden
Anrufes um drei Uhr Nachts, das Balg nach der Abtretung etlicher Aussenspiegel
bei der Polizei abzuholen, miteinrechnet - dann lohnt sich die Verbringung in
das Hochtal auch ohne die erstklassigen Zukunftsaussichten, die derartige
Institutionen fast garantieren können, mit Skipiste neben dem Schulhaus.

Allerdings,
so mag mir scheinen, wird Zuoz selbst Opfer des eigenen Erfolges. Denn die
Zucht der Elite ist längst nicht mehr das Thema einzelner Institute in der
Schweiz und in Süddeutschland. Es beginnt heute schon in staatlich
bezuschussten, privaten Kindergärten mit Kursen in den wichtigsten
Weltsprachen, mit prohibitiven Aufnahmegebühren und Begrenzung auf das richtige
Klientel - ein schnell wachsender
Markt, in dem sich viele neue Anbieter rührend um Kinder bemühen, deren Eltern
sie nicht schon mit 3 Jahren vom internationalen Standard abgehängt sehen
möchten. Es wird die Normalität in dysfunktionalen Regionen wie Berlin, wo man
auch als Protestant mit besserem Einkommen die Kinder zu den Jesuiten schickt,
auf dass sie nicht die staatlichen Schulen und deren Nachwuchskriminelle
besuchen müssen. Und ein Leitbild für den globalen Wettbewerb hat heute auch so
manche Schule besserer Provinzkäffer. Früher, in meiner Zeit, als die ältesten
Lehrer ihre ersten pädagogischen Erfahrungen noch in der Waffen-SS gesammelt
hatten, nannte man das Drill. Heute hat man dafür sicher ein paar nette
Umschreibungen, die stark danach klingen, als wäre die Elitenzucht ein Dienst
an der Gesellschaft.
Elite
entsteht an Orten, wohin man als Aussenstehender nicht aufsteigen kann, wo
Grenzen undurchdringbar und Abstände nicht zu verkleinern sind. Zuoz war das
früher, aber das Auseinanderbrechen der Gesellschaft in Arm und Reich sorgt
dafür, dass die Reichen ihre Kinder gern weiter oben sehen möchten. Und so, wie
der Bereich zwischen staatlichen Schulen und Zuoz mit privaten Angeboten
aufgefüllt wird, wie sich die Rampe der neuen "public schools" und
"school centers of excellence" an das Hochtal heranschiebt, wird auch
jemand kommen und etwas vermarkten, was noch exklusiver, noch besser, noch
teurer ist. Weil es welche gibt, die es sich leisten können, und der
erstklassige Standort von 1904 im Jahr 2010 auch anderswo liegen könnte:
Irgendein Land, das klimatische Vorteile hat, Eltern nicht ab und an in dieses
kalte Hochtal zwingt, und dessen Bewohner auch keine feigen Schweizer sind, die
ihre besten Kunden gerade an die Steuerfahndung in den USA und Frankreich
ausliefern.

Wir
aber verlassen das Hochtal und die Schweiz, fahren hinunter nach Italien und
erreichen das Ziel dieser Reise: Stresa am Lago Maggiore, in das gerade jeder
Rentner der Welt einzufallen scheint.