Meister und Sklaven der Zeit
19. November 2009, 16:19
Uhr
Stunden verwunden.
Die Letzte tötet und heilt.
Gräfin Aurora von
Königsmark
Die Apothekerstöchter bekamen zum Abitur eine Rolex,
Damenmodell mit Weissgold, damit es nicht so auffällt. Ich durfte nach Amerika,
kaufte mir ein Oldsmobile Delta 88, Baujahr 1973, candyrot mit weissem Dach,
und machte zwischen San Francisco, Reno, der Mojavewüste und Los Angeles
einiges, was heute mit Jugend und der Befreiung von schulischen Pflichten, und
nicht unbedingt meiner Herkunft zu erklären ist. Am Ende hatte ich mich
ausgetobt, zuviel von den USA und den real existierenden Eigenheiten gesehen,
und war froh, als ich in Deutschland ankam. Den Wagen konnte ich nicht
mitnehmen, aber in Visalia, einem Kaff
im kalifornischen Zentraltal, hatte ich mir das gekauft, was nach meiner
Ansicht eine adäquate Uhr für den Schulabschluss war: Eine Gruen Curvex von
1938. Ein extremer - und damals extrem teurer - Entwurf des Art Deco, den man vielleicht aus der Zeit heraus
erklären muss.

Denn 1938 waren die Folgen der schweren Weltwirtschaftskrise
zumindest in der Oberschicht so weit überwunden, dass man sich wieder etwas
Besonderes und Ausgefallenes leisten konnte. 120 Dollar für eine Curvex klingt nicht nach einem hohen Preis, aber ein normaler Chevrolet kostete in jenen Tagen 700 Dollar. Der Optimismus war zurück, der
Glaube an die technische Entwicklung und den Fortschritt, alles wurde grösser,
schneller, schöner. Die Uhren, deren Zeiger diese Beschleunigung festhielten,
änderten radikal ihre Form: Von der Taschenuhr aus der Zeit nach dem ersten
Weltkrieg, die man noch behäbig aus der Westentasche ziehen und vielleicht
sogar aufklappen musste, über runde Armbanduhren, die noch wie Taschenuhren
gestaltet waren, hin zu eckigen, technisch wirkenden Formen der späten 20er
Jahre, die mit dem Streamline Design wieder abgerundet, flacher und dem Arm
angepasst wurden. Die Zeitmesser verliessen die körperferne Kleidung, fesselten
sich an den Leib, und mit der Gruen Curvex, in der nicht nur die Form, sondern
sogar das Werk gewölbt und dem Handgelenk angepasst war, stand die Uhr kurz
davor, integraler Teil des Körpers zu werden: So stark schmiegte sie sich den
menschlichen Linien an. Oder, in der Werbung, auch umgekehrt.
Natürlich müssen Uhren nicht aerodynamisch sein, und wie ein
Flugzeug oder ein Auto im schnellen Kampf gegen die anstürmenden Luftmassen
bestehen. Aber gerade weil die Form ohne Notwendigkeit die Erkenntnisse von
Fliegen und Rasen, von Überbrückung weiter Strecken in möglichst kurzer Zeit
aufzeigt, weil sie so schmal ist, dass immer ein Blick auf das Zifferblatt vor
den Manschetten möglich ist, sagt sie auch viel über den Zeitbegriff des
Besitzers aus: Zeit als omnipräsente Dimension, in der es gilt, möglichst viel
zu erreichen.

In den 71 Jahren zwischen der Entstehung meiner Gruen Curvex
und dem Moment, da ich das hier schreibe, ist etwas im Zeitverständnis schief
gelaufen. Die Unruh einer mechanischen
Uhr macht fünf Halbschwingungen pro Sekunde in ihren Lagern aus künstlichen
Halbedelsteinen, also 2,5 Hertz. Der Prozessor in dem Rechner, auf dem Sie das
hier lesen, ist so viel schneller, dass es Zeitverschwendung wäre auszurechnen,
wie sehr die technische Geschwindigkeit zugenommen hat. Aber auch nach 71
Jahren läuft die Curvex korrekt mit ihren 5 Halbschwingungen - in meinem Umfeld dagegen, bestehend aus
arbeitenden Kindern besserer Familien, grassiert die Zeitnot und die
Erschöpfung. Sie schaffen es im Gegensatz zu den Prozessoren nicht, immer noch
mehr Vorgänge in die verfügbare Zeit zu stopfen. Sie müssen dazu auch nicht auf
die Uhr schauen, denn die Uhr ist unten in der Statuszeile des Rechners. Und
bei jedem Arbeitsschritt wird dokumentiert, wann die Dokumente erstellt wurden,
oft auch der Ort und die Dauer. Jede Schwingung einer Unruh durchrast die
Zukunft und hinterlässt Vergangenheit, die bestenfalls Erinnerung und Erfahrung
wird. Die Uhren in den Rechnern hinterlassen eine "History". Und die
vergeht nicht, sondern stellt Ansprüche an die Gegenwart.
Eine Bekannte ist das, was man vielleicht als
"Millionenerbin" bezeichnen kann. Sie arbeitet im mittleren
Management einer Bank. Ihre Eltern, deren einzige Tochter sie ist, hätten an
einem oberbayerischen See ein paar tausend Quadratmeter Baugrund und genug
Geld, darauf ein paar Villen zu errichten. So hatten sie sich das Leben ihrer
Tochter auch vorgestellt: Das Grundstück aufteilen, drei Villen bauen, zwei
verkaufen und ausgesorgt haben, vielleicht jemanden heiraten, der nicht
Mitgiftjäger ist. Statt dessen versucht sie, so viel Arbeit wie möglich in die
kleinen Zeittakte der Firma zu stecken. Wenn sie es aufgrund all der kleinen,
omnipräsenten Zeitfresser wie Mobiltelefon, Blackberry und Notebook nicht
schafft, die Zeittakte genug dicht zu füllen, schafft sie sich Neue: Obwohl in
ihrer Abteilung Überstunden als Regel angesehen werden, geht sie, wenn sie zu
viele Stunden auf dem Konto hat, mit einem Kollegen vor die Tür, trägt sich mit
der Karte aus und geht mit ihm wieder hinein, um das zu machen, was nicht an
ihrem Rechner getan werden muss. Der wird von der Firma überwacht. Es darf dort
keine Zeiteinheit, keine Millisekunde Arbeit hineingestopft werden, wenn sie
laut Karte abgemeldet ist. Sie hat panische Angst, dass irgendwann die
Überwachung verbessert wird, weil sie nicht weiss, wie sie dann noch die Arbeit
in die verfügbaren Zeiteinheiten stopfen soll. Sie hat eine Jaeger LeCoultre
Reverso. Diese Uhr kann man umdrehen, um das Glas zu schützen. Entwickelt wurde
die Uhr für das Polospiel, aber sie wirkt auch in den Momenten, da einen die
Zeit auffrisst.
*
Es gibt natürlich auch Beschleuniger für Menschen,
Zigaretten, Ritalin, Kokain, Wachhalter. Es gibt Teams, die einen mitziehen,
und den Druck, den man bekommt, wenn man ihn sich nicht selbst macht. Es gibt
Firmen, die ihr Geschäftsmodell auf der Selbstvergewisserung solcher Existenzen
aufbauen, es gibt Blogs und Twitter, bei denen die Arbeitsakkorde und
Fortschritte dokumentiert und der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht werden,
um aus dem menschlichen Elend eine schicke Fassade zu verpassen. Alle
Redakteure der "Welt Kompakt" wurden zum twittern verdonnert. Auf die
Frage "Was tust Du gerade" wird nicht mit dem angemessenen "Das
geht Sie nichts an" oder "Wurden wir uns schon vorgestellt",
sondern mit möglichst vielen, präzisen und zeitnahen Informationen geantwortet.
Und weil das Alte niedergelegt und dokumentiert ist, kann man sofort das Neue
nachschieben. Komplexe Gedanken, auf einander aufbauende Geschichten,
Vertiefung, Fabulieren, Abschweifen, das alles ist unter diesem Druck
kontraproduktiv. Es gibt dafür keine Zeitkästchen.
Irgendwann in den letzten 71 Jahren hat sich der dynamische
Geist der Gruen Curvex durch den Gehäuseboden aus Gold geätzt, ist in die
Blutbahn gelangt, und hat im Gehirn der Menschen jene Beschleunigung
durchgesetzt, gegen die sich das Werk der Corvex mit ihren 2,5 Hertz seit 71
Jahren sperrt. Weil die Unruh mit einer Hemmung die Energie der Feder des
Aufzugmechanismus kontrolliert abgibt. Die Hemmung, jener kleine Hammer mit
Rubinköpfen, erlaubt es der Unruh, die kontrollierte Herrin der Federkraft und
damit auch der Zeit zu sein. Für mich ist es immer ein gutes Zeichen, wenn die
Uhr ab und zu abgelaufen ist, und ich das erst nach ein paar Stunden bemerke;
meine eigene Hemmung gegen die Zeit und ihr Diktat funktioniert also noch.

Das ändert allerdings nichts am Paradigmenwechsel, der
allgemein unter der sogenannten Leistungselite, oder Entscheider, oder der
Besserverdiener von Morgen stattgefunden hat. Ein Autor der FAZ geht an den
See, betrachtet ein paar Frauen beim Picnic und macht sich einen Tag lang
solche Gedanken. Die Welt Kompakt wurde dazwischen schon 31 mal getwittert:
"0,17 Seconds", teilt mir der Dienst mit, habe meine Suchabfrage
gedauert. 0,17 Sekunden, eine Zeitangabe, die alles über den Zeitbegriff dieser
Leute sagt. Sie sind schnell, so schnell, dass sie das brauchen, und es
folglich nicht haben. Niemand, für den das eine relevante Grösse ist, kann
selbst relevant sein.
Es war auch heute am See ausgesprochen schön.
*Die Abbildung zeigt aus Gründen der besseren Sichtbarkeit nicht das von
Platinen verborgene Caliber 330 der Gruen Curvex, sondern das offenliegende
Werk einer Gruen Verithin von 1948.