Die kleine Schweiz und die kleinen Boni kleinlicher Banker
10. Dezember 2009, 23:57
Uhr
Ihr geratet wohl, wie
ihr wollt in das Land Schwyz hinein kommen, jedoch geratet keiner, wie ihr
wieder wollt heraus kommen.
Kuony von Stocken
Ach je, die Schweiz. Das kleine Land mit dem grossen,
rechtslastigen Problem, noch vor wenigen Tagen die Lachnummer der
internationalen Gemeinschaft, steht plötzlich wieder hoch im Kurs. Bei
Beschäftigten jener drei Quadratkilometer, die den Londoner Finanzdistrikt
bilden. Dort, wird allgemein in der wirtschaftsnahen Presse behauptet, werden
nach der Bedrohung durch eine Strafsteuer auf Bankerboni die Koffer gepackt. Die
ehemals angesehene, heute jedoch zum Murdoch-Imperium gehörende "Times" etwa
schrieb, das sei gut für die Wirtschaft der Schweiz, in Zürich werde man die
Fliehenden gerne empfangen, und man brauche Grossbritannien doch die Banker nötiger, als die Banker die Briten. Man sollte kaum glauben, dass es sich dabei um den Rest des ehemals stolzen britischen Empires handelt.

Man kann das natürlich so und so sehen: Angesichts der 650
Milliarden britischer Peseten, die die Regierung ihrer Majestät zur Stützung ihrer und indirekt anderer Leute
Banken aufwendete, sind die zu erwartenden Einnahmen von 550 Millionen Peseten
durch die Bonisteuer ein Klacks. Bedenkt man zusätzlich noch, dass es ohne jene
Milliarden in Ermangelung von Banken auf der gesamten Insel keinen Banker mehr
geben würde, der seinen Boni ausserhalb der Toilettenreinigung oder der Zweitverwendung von Pappbechern bei der Strassenkollekte verdienen
könnte, kann man die britische Regierung und ihre Applaudierenden in Berlin und
Paris durchaus verstehen, ohne sie deshalb gleich als Populisten zu bezeichnen.
Allerdings ist die Schweiz ein wirklich schönes Land, und in St. Moritz etwa
kann man sich beim Liftfahren schon mal überlegen, was man mit jenen Millionen
macht, die man als Banker hierher mitbringt. Und Leistung müsste trotzdem
belohnt werden, und man kann das Kapital nicht aufhalten, und die Elite ist nun
mal mobil - all das wird bei diesem Thema in den Medien vorgetragen.
Meines Erachtens vor allem, weil Journalisten nur beim Monopolyspiel, nicht aber bei den Profit Centern des Herrn Murdoch reich werden; realiter
verstehen sie, die sich bisweilen schon über einen vollen Tank im Testwagen freuen, nichts von Reichtum und Umverteilung. Deshalb sind manche arm, links,
beim Neuen Deutschland und für Strafsteuern, und manch andere arm, rechts,
Freunde des Buffetgesprächs und glauben an die dort kolportierte Mär der
Schweiz. Für Menschen, die auch nur ansatzweise reich sind, ist die Idee, Banker
wegen der Bonisteuern in die Schweiz zu schicken, vollkommen absurd, ja sogar kontraproduktiv. Schweiz
kommt gar nicht in Frage, die Realität der Betroffenen ist nicht glänzend wie
die Pisten bei St. Moritz, sondern so trist wie ein geschlossenes Hotel auf dem
Malojapass vor der Abfahrt in die italienische Krisenzone. Und das aus besten Gründen.

Dazu muss man das Wesen des Bonus verstehen. Ein Banker
erhält einen Bonus, weil er, alles zusammengerechnet, der Bank einen Gewinn
über jenes Mass hinaus beschert hat, das als Grundlage seines normalen
Einkommens betrachtet wird. An diesem Überschuss wird er als Angestellter
beteiligt. Von der Bank, und deren Besitzern, weil er primär deren Vermögen
mehrt. Ein Banker ist nicht der Boss, sondern nur ein Angestellter, ein Diener,
ein Büttel, ein Handlanger. Und wie in allen anderen Wirtschaftsbereichen ist
es seinem Arbeitgeber vollkommen egal, ob der Untergebene nun von anderen
geschröpft wird, oder nicht. Deshalb darf er keinesfalls weitere Kosten
verursachen.
Nähern wir uns der Bankerflucht in die Schweiz mit einem
anderen, ausgedachten Beispiel, das auch ärmere Zeitgenossen verstehen. Stellen
wir uns einen kleinen Handwerkerbetrieb in Stuttgart vor, der viele Überstunden
macht. Nun führt unser ehrenwerter Finanzminister Schäuble zur Senkung der
Lohnnebenkosten eine Steuer auf Überstundenzuschläge ein, sofern sie nicht bei
der informellen Überbringung von Briefumschlägen anfallen. Für die Mitarbeiter
des Handwerkerbetriebs ist das höchst unerfreulich - und nun stelle man sich
vor, sie würden bei den Medien anrufen und sagen, ihr Betrieb solle in die
Schweiz wechseln, damit sie diesen Zuschlag auch weiterhin steuerfrei bekommen.
Jeder Chef würde diese aufsässige Bande bei den Gedanken an die Kosten solcher
Ansprüche eiskalt feuern. Wie zum Teufel kommen Mitarbeiter dazu, aufgrund
ihres eigenen kleinen Vorteils, ihrer läppischen Kröten die Übersiedlung einer
Firma zu verlangen, wo er doch weniger Lohnnebenkosten zahlen müsste?

Banken sind da nicht anders. Im Gegensatz zum weit
verbreiteten Glauben kann man Bankgeschäfte nicht einfach so nach Belieben von
London nach Genf verschieben. London wurde wegen massiver Deregulierungen als
Bankenstandort gross, wegen der Verfügbarkeit einer Vielzahl von notwendigen
Institutionen, Beratung, Bewertung, Anwaltskanzleien und Steuerberatern. Die
Vorstellung, eine Firma könnte aus so einem spezialisierten und verwobenen
System einfach mal ein paar Abteilungen und abziehen, und dadurch unter hohen
Kosten grosse Strukturen aufbrechen, nur um ein paar Managern einmalig ein paar
Euro zu retten - die kann vermutlich nur einem Journalisten einfallen.
Derartige Änderungen wären schon in der Planung aufgrund der Unterschiede in
den Rechtssystemen der Länder kostspielige ABM-Massnahmen für Grosskanzleien. Abgesehen von diesen
paar Unannehmlichkeiten für mittleres Management ist London immer noch der
freundliche Bankenplatz, der gute Geschäfte auf internationaler Ebene
verspricht.
Machiavellistisch gedacht ist für die Besitzer von Banken
ohnehin positiv, wenn an einigen wenigen Bankern jene Strafen vollzogen werden,
die das Volk fordert. Es sind, wie gesagt, nur Mitarbeiter, deren
Gewinnbeteiligung im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Ganz im Gegensatz zu den
tatsächlich mit den Staatshilfen wieder erwirtschafteten Gewinnen. Die Politik
sucht sich die Opfer in der zweiten Reihe ausgerechnet bei jenen Angestellten,
die sehr teuer sind, und nun als Sündenböcke dazu betragen, dass sich die
Stimmung für die in der Kritik stehenden Banken bessert. In dem Moment, da
Banken diese Mitarbeiter in die Schweiz retten würden, würden sie sich selbst
dem massiven Druck der Öffentlichkeit aussetzen. Und, seien wir jenseits aller
praktischen Erwägungen auch emotional ehrlich, altes Geld hat noch nie geweint,
wenn Neureiche bluten mussten.

Was vom Umzugsgerede bleibt, sind die in diesem Sektor
üblichen Drohszenarien. Betrachtet man den Komplex nicht von der subalternen
Journalistenhaltung, sondern von oben, spricht allein schon aus Kostengründen
wirklich alles gegen einen Umzug wegen der - relativ gesehen - läppischen Bonieinbussen
einiger Mitarbeiter: Mietverträge für Bürogebäude sind nicht nur langfristig
abgeschlossen, die Besitzer finanzieren diese Gebäude in der Regel auch über
Kredite bei den Mietern, und es ist gerade absolut nicht die richtige Zeit, mit
einer Kündigung von Flächen in der eigenen Gewerbeimmobilienabteilung für noch
mehr Abschreibungsbedarf zu sorgen. Um den Wert von gewinnträchtigen
Abteilungen zu behalten, müsste man sie möglichst komplett als Struktur
verpflanzen, und damit allen teuer eingekauften und ausgebildeten Mitarbeitern
den Umzug bezahlen, wenn die überhaupt bereit sind, London zugunsten eines
zurückgebliebenen Berglandes mit seltsamen Sprachen der Eingeborenen zu
verlassen. Man würde vielleicht den Chef so einer Abteilung bevorzugen, die Abteilung
selbst aber zerstören. Der in dieser Debatte so oft als steuerparadiesisches
Ziel genannte Kanton Zug hat rund 100.000 Einwohner und absolut keine
Kapazitäten, solche Strukturen in grösserer Zahl zu beherbergen. Und wo nimmt
man in Andermatt mal eben einen Spezialisten für bolivianisches
Gesellschaftsrecht her, wenn man gerade einen braucht und die Zeit drängt?
Obendrein wäre noch zu berücksichtigen, dass Boni und Gehälter, in minderwertigen amerikanischen oder britischen Peseten ausbezahlt, in der Schweiz dank des stabilen Franken fast so attraktiv wie nigerianische Naira sind. Dazu kommt die in der Schweiz stärker werdende Opposition
gegen die steuerliche Bevorzugung von Fremden und Steuerflüchtlingen, die dort
zur sozialen Ungleichheit beitragen. Ein paar Flugzeugladungen indezenter City
Boys, die in der Schweiz nur ihren eigenen Steuervorteil sehen, helfen eher den
Bestrebungen, solchen Leuten die Privilegien zu nehmen. Vielleicht bliebe dann
noch der Umzug innerhalb der Schweiz in nettere Kantone, zu anderen
Schweizern mit noch unverständlicheren Dialekten. Und das alles wegen einer
Steuer, die man im nächsten Jahr nicht mehr zahlen wird, weil man Boni intern
so regelt, dass sie den Gesetzen entgehen. Daran arbeitet sicher schon die
nebenan residierende Kanzlei.

Oder man übernimmt einfach das System von Goldman Sachs, das sie blitzschnell aus der Tasche zogen, und gibt ein Buffet aus, damit es in der
armen rechten Presse als die beste aller möglichen Welten präsentiert wird. Die
arme linke Presse versteht das alles ohnehin nicht.