Das Hohnlächeln des Westviertels für den Rest der Welt
19. Dezember 2009, 10:25
Uhr
Aber gegen Abend kam
er dann mit einem wirklich sehr, sehr schönen Brilliantarmband, und das
munterte mich richtig auf.
Anita Loos, Blondinen bevorzugt
Sollte dereinst jemand die Geschichte der grossen zweiten
Depression von 2007 bis 2012 schreiben, so wird sicher eines der köstlichsten
Kapitel jenes sein, das sich mit den weniger schlauen Vorhersagen schlauer
Leute beschäftigt. Ex post, mit einem Abstand von zwei, drei Dekaden, ist man
nicht nur klüger, sondern auch in der Lage, über all das Ungemach zu lachen;
der Staub der Verdrängung wird sich über alte Behauptungen gelegt haben, und
man wird sich an die Krise erinnern wie an jenen Tag, da Anne-Amelie nur vier
Wochen nach ihrer Hochzeit unter Missachtung aller gesellschaftlichen Normen mit diesem argentinischen Scheckbetrüger
durchbrannte: Da war was los, da ging es rund, da hat man auch etwas den
Glauben verloren, aber alles kehrte in geordnete Bahnen zurück, später warfen
die Anlagen wieder Renditen und Anne-Amelie die Julia, na ja, Schwamm drüber,
über Geld und ausserehelichen Nachwuchs redet man nicht, das besorgen schon die
Nachbarn.

Der Umstand, dass man auch in 20 Jahren mit der Vernunftehe
das Äquivalent zur islamischen Zwangsehe einfädelt und finanziell weiterhin
bestimmt, wie es weitergeht, weil man zu jenen 20% gehört, denen 80% des Landes
gehört, dieser eigentlich sehr angenehme Umstand ist im Kern dem Vollversagen
zweier irrigen Thesen zu verdanken, die 2009 von den westdeutschen Westvierteln
eindrucksvoll widerlegt wurden. Da ist zuerst einmal die in Deutschland oft
ventilierte These, die Krise würde für eine massive Angleichung von Ost und
West, von noch strukturstarken und industriell bereits abgewrackten Gebieten
sorgen. Mit dem Niedergang der Exporte würden die industriellen Zentren schwere
Rückschläge erleiden, die man andernorts bereits hinter sich und Alternativen
in Dienstleistungssektoren entwickelt habe - Berlin etwa sei mit seinen
Lebenskünstlern und niedrigen Preisen weitaus besser für die Krise vorbereitet,
als die bisherigen Leistungszentren mit ihren Immobilienblasen und überzogenen
Lebenshaltungskosten, die sich in der Krise keiner mehr leisten könnte. Für den
besseren Westen werde der Absturz deshalb sehr viel härter ausfallen.
Solche Überlegungen träufelten Gift in die besseren
Gesellschaftsseelen an exakt jenen Stellen, da sie verwundbar sind: Beim
Immobilienbesitz, bei den Geldanlagen, beim - der Theorie zufolge irrigen -
Annahme, Export wäre sicher und Dienstleistung ein Sammelbecken parasitärer
Elemente, die erst mal richtig arbeiten sollten. Das Szenario erinnerte
trefflich an das Grosse Welttheater des barocken Dichters Calderon de la Barca,
in dem der Reiche vor dem Tod vergeblich um seinen Besitz fleht und der Bettler
entspannt der jenseitigen Welt harrt.

Nun haben wir aber alle überlebt, und die Unterschiede
zwischen Arm und Reich in diesem Land sind so grotesk wie eh und je: Für den
Preis von 20 Quadratmeter Wohnfläche direkt am Tegernsee, errechne ich aus
Angeboten eines Miesbacher Werbeblättchens, bekäme ich rund 12000 Quadratmeter
Grund an einem See in Mecklenburg mit kleinem Haus. Die Flucht in sichere
Anlagen hat die Preise für bessere Wohnlagen in besseren Städten des Westens
steigen lassen, nichts findet man dort, während in Berlin die Luxuswohnprojekte
reihenweise gestoppt wurden, und Geierfonds auf der Suche nach billiger Beute
über den Baugruben kreisen. Die Krise hat den Export schwer getroffen, aber
viele andere Faktoren - Bildung, Qualifikation, geringe Verschuldung und ganz
simpel, enormer Reichtum und die Existenz einer vermögende Mittelschicht, die
den Reichtum der besseren Kreise nährt - sind ebenfalls wichtig. Sogar das
Gejammer wegen der Kursverluste von Anlagen ist verstummt. Die meisten haben
genug, um die Probleme einfach auszusitzen.
Das erschiene vielleicht anders, wenn die zweite Theorie
richtig gewesen wäre und zu lange die Anlagen belastet hätte; jene These, die
da lautete "First in first out": Die Länder, die zuerst in die Krise
gerieten, würden sie auch als erste hinter sich lassen; die von ihnen in den
Morast des Niedergangs nachgezogenen Länder würden länger darin verharren.
Während ich das hier schreibe, wurden
in den USA wieder mal 6 Banken unter Zwangsveraltung gestellt, mit rund 2
Milliarden Dollar Schaden für die Einlagensicherung. England, Spanien, das
Baltikum und der Balkan, Grossbritannien und Russland strampeln nun schon seit
Jahren durch die schwerste Rezession seit Jahrzehnten, und müssten die
Westviertel der Theorie zu Folge inzwischen auch nach sich gezogen haben. Westviertel,
in denen immer noch die Nachwirkungen des Grauen Kapitalmarktes aus der Zeit
bis 2007 - Schiffsfonds, Ostimmobilien, angeblich absolut sicherer Return aus
Filminvestments - den eigentlichen Anlass zur Klage liefern. Aber nicht diese
obskure Krise, die es wohl irgendwo gibt, aber nicht hier.

Angesichts dessen, was andernorts zur Dämpfung der Krise
getan wird, ist das Krisenmanagement der Westviertel lächerlich einfach:
Abwarten, Tee trinken, vielleicht etwas Geld in eine Immobilie umschichten, etwas
grundlos jammern, Kerzen für 80 Euro kaufen und Angst vor der Inflation haben.
Grosso modo: Nichts tun und gerade dadurch überleben. Es widerstrebt vielleicht
einem obskuren Gerechtigkeitsgefühl, dass in all den Stürmen neben den Bankern
auch manche eher Unschuldige einfach so weiter machen können, als wäre nichts
passiert, aber von allen Ländern scheint Deutschland mit am besten die
Bedrohungen zu meistern, und das vor allem in jenen Zentren, die den
wirtschaftlichen Kern ausmachen, jenen zugunsten, die hier in den Westvierteln
leben.
Und nachdem gemeinhin jene Bereiche und Regionen am
schnellsten vom Aufschwung profitieren, die nur geringe Substanzverluste
hinnehmen mussten, bleibt es hier vermutlich auch bei einer kleinen Delle im
Selbstbewusstsein und in den als selbstverständlich betrachteten Gewinnen.
Sonst passiert nichts. Warum auch. Die Abstände bleiben gewahrt, und man bleibt
unter sich.

Abgesehen von jenen Regionen im Osten, die von 1945 bis 1989 keine
Westviertel haben durften, überlebt die deutsche bessere Gesellschaft nun schon
seit 1813 eine Krise nach der nächsten. Sie überlebt die Krisen nie mit Anstand
und Mut, oder gar mit Hingabe und Leidenschaft. Sie ist im Überleben opportunistisch,
kleinlich, verzagt, sie hat Ängste und Träume banalster Natur. Ihre
Kernkompetenzen sind Überleben und die Bewahrung des Besitzes, das kann sie
perfekt, das hat sie durch Zusammenbrüche, Völkermord und fast alle Arten von
politischen Systemen bewiesen. Manche fallen heraus und andere steigen auf, es
ändern sich die Sitten und die Individuen sterben, aber das Kollektiv bleibt
bestehen. Eine ganz erstaunliche Beharrungsleistung angesichts des lemmingesken
Fortschrittsfetischismus zwischen New York, Berlin, Internethandel und
Echtzeit-Dauerkommunikation, der mit immer grösserer Geschindigkeit immer
grössere Blasen aufpustet, und jene verlacht, die einfach am See ihre Ruhe
haben wollen. Bitte nicht wundern, wen
man dort ab und an zurücklächelt, ohne das vielleicht angemessene
Bedauern, wenn es für die anderen mal wieder kalt und schlimm wird.