Hilfreiche Sekundäruntugenden I: Diskriminieren in besseren Kreisen
23. Dezember 2009, 23:50
Uhr
Think of all the fun I've missed, think of all
the fellas that I haven't kissed.
Eartha Kitt, Santa Baby
(Bitte diesen und die beiden folgenden Beiträge *** grano
salis lesen. Danke) Es gibt Dinge, die man in der besseren Gesellschaft tut:
Man sagt Bitte und Danke, man wartet, bis man gefragt wird, man fällt anderen
nicht ins Wort, man achtet die Älteren und spendet zu Weihnachten. Das sind die
Tugenden. Und es gibt Dinge, die man keinesfalls tut: Man geht nicht ins
Bordell, man säuft nicht, man nimmt keine Drogen, man spreizt nicht die
Ellbogen bei Tisch ab, man fährt keinen Opel, man hinterlässt keine unehelichen
Kinder und Spielschulden. Das sind die Untugenden. Über die spricht man auch
nicht.

Neben Tugenden und Untugenden gibt es aber auch noch
Sekundärtugenden, die man tut, ohne darüber zu sprechen. Kuppelei auf dem
zweiten Heiratsmarkt zum Beispiel. Die richtige Qualität kaufen. Beziehungen spielen lassen. Es passiert,
aber es wird einem - im Gegensatz zu den Tugenden - nicht explizit beigebracht. Und dann
gibt es auch noch Sekundäruntugenden, die man ebenfalls tut, und über die man
nicht redet. Diese Sekundäruntugenden sind delikat, weil sie zwar gewöhnlich
und in allen Schichten der Gesellschaft anzutreffen sind, in besseren Kreisen
aber anders gehandhabt werden. Gerade zu Weihnachten und Neujahr jedoch werden
sie genutzt, denn in dieser Zeit kommt man mehr als sonst unter Menschen, die
man nicht einschätzen kann. Mir beispielsweise passierte es einmal, dass ich
bei einer Feier neben einer hochrangigen Mitarbeiterin des Bayerischen
Rundfunks sass.
Und diese Dame nun, die gar nicht genug mit führenden
bayerischen Politikern in Flugzeugen zu weltbewegenden Augenblicken der
bayerischen Geschichte unterwegs sein konnte, diese stets devote
Fragenstellerin mit implizierten Antworten, die so nur in China, in Nordkorea,
im kongolesischen Staatsfernsehen und eben in Bayern über den Äther gehen, war
hier plötzlich gar nicht mehr devot. Die Feier fand in einem guten Restaurant nahe
des bayerischen Landtags statt; gut, und selbst wenn es nicht gut gewesen wäre,
würde man als Gast schweigen, aber offensichtlich nicht gut genug für die
Journalistin. Diese Dame, die, vorsichtig gesagt, nicht eben mit dem
Silberlöffel im Mund auf die Welt gekommen, sondern eher auf der Brennsuppe
dahergeschwommen ist, wusste alles zu bemäkeln. Raunzte den Kellner an,
stocherte missmutig im Essen und begann nach der Vorspeise in diesem teilweise
doch gehobenen Rahmen mit dem Diskriminieren.

Nun ist die Diskriminierung exakt eine jener
Sekundäruntugenden, die das granitharte Fundament jeder Klassengrenze bilden.
Jeder, der nur ein paar Sekunden über das Thema nachdenkt, wird begreifen, dass
es aufgrund der Verschiedenheit der Menschen gar keine Klassengrenzen geben
kann, denn die Übergänge vom bildungsfernen Schläger vor der Rütlischule und
Derivatezocker über den Werber, den Journalisten, den Politiker, den
Pharmalobbyisten, den Arbeiter, den Bäckermeister bishin zu der sog. Besseren
Gesellschaft sind volatil und fliessend. Gerade diese Indifferenz aber schreit
nach Diskriminierung, einer Grenzziehung, die in ihrer Irrationalität um so
wirkungsvoller ist, je willkürlicher sie getroffen ist. Der Altamerikaner
musste möglichst gross durchbohrte Ohren haben, der Papst musste alle Gegner
exkommunizieren, und wer oben mitspielen will, braucht nicht nur totale
Übereinstimmung bei Manieren und Ansichten, sondern auch einen Begriff davon,
was man Rausdiskrimieren möchte.
Und hier machte die Journalistin den entscheidenden Fehler.
Geboren jenseits der Westviertel, aber mit einem enormen Drang, anerkannt und
akzeptiert zu werden, diskriminierte sie die Falschen: Die Bedienung, ihre
Untergebenen, Dienstleister, Menschen, die von ihr abhängig waren, und über die
sie sich erhöhen wollte. Typisch für Neureiche und deren Unfähigkeit zur
richtigen Diskriminierung: Diese Menschen glauben, dass sie Klassengrenzen
überwinden können, wenn sie sich von jenen Kreise absetzen, aus denen sie
stammen. Neureiche und Aufsteiger diskriminieren immer alles, was unter ihnen
ist, und versuchen damit zu zeigen, dass sie keinesfalls zu "denen"
gehören. Sie trampeln sich mit der Diskriminierung eine Rampe der
Überheblichkeit fest, über die sie Zugang zur besseren Gesellschaft haben
wollen. Sie wollen nicht fragen, ob sie hochkommen dürfen - sie versuchen zu
zeigen, dass sie auch oben sind.

Und genau das ist der Fehler. In besseren Kreisen
diskriminiert man ganz anders. Man hat es absolut nicht nötig, sich an der
Theke mit dem Metzger darum zu streiten, ob er noch 10 Gramm mehr drauf tun
darf. Man würde nie die Putzfrau ausrichten. Ganz im Gegenteil, gerade durch
die nicht zu verleugnenden sozialen Unterschiede kann man mit anderen plaudern,
ohne dauernd darauf herumzureiten, oder es die anderen spüren zu lassen. Dieses
paternalistische Leben und Leben lassen ist gleichermassen angenehm, stressfrei
und strukturerhaltend: Beide Seiten sehen zwar die Unterschiede, aber auch
deren Bedeutungslosigkeit, wenn es um das Tagesgeschäft geht. Das lernt man in
unseren Kreisen schon als Kind, weil man gnadenlos rundgemacht wird, wenn man
in so einem Fall nur ein einziges Mal unhöflich sein sollte, man lernt es in
der Kinderoper beim Barbier von Sevilla, wo Almaviva den Barbier braucht, und
beim Don Giovanni, der nichts ohne seinen Leporello wäre.
Man lernt beim Barbier aber auch den schleimigen Basilio
kennen, und den geldgierigen Dr. Bartolo, der eine hinterhältig und
ausrichtend, der andere heimtückisch und nach Aufstieg schielend.
Zusammengenommen sind sie der Urtyp dessen, was sich oben mit der Verachtung
anderer Leute lieb Kind machen will, der Aufsteiger, das Wiesel, der Parvenü,
der nur so lange nett ist, bis er zum Überholvorgang ansetzt. Solche Menschen
respektieren weder jene, von denen sie abstammen, noch jene, die ohne jede
Leistung dort geboren und aufgepäppelt wurden, wo sie gerne wären. Verständlich
- aber es ist auch verständlich, wenn sie statt akzeptiert - die natürlichen
Ziele der Diskriminierung der Oberschicht werden.

Denn der Aufsteiger ist das perfekte Opfer: Er ist einfach
auszusondern, weil ihm die gemeinsamen Erfahrungen des Aufwachsens in den
besseren Kreisen fehlen. Er ist einfach zu treffen, weil er sich bei seiner
Anbiederung exponiert. Er ist nicht systemrelevant, weil er isoliert ist, und
man dabei nicht Gefahr läuft, mit ihm auch sein Umfeld oder eine gute Familie
zu insultieren. Es wird allgemein akzeptiert, weil der Aufsteiger im Gegensatz
zu anderen sozialen Schichten die Klassengrenzen in Frage stellt - natürlich
ohne zu verstehen, dass er es tut, aber in besseren Kreisen lernt man früh,
dass Unwissenheit vor Strafe nicht schützt. Und, das Schönste am Aufsteiger,
mit seiner Ausgrenzung kann man anderen Schichten demonstrieren, dass man für
Verräter nichts übrig hat. Aufsteiger ausgrenzen ist hochgradig
systemerhaltend, ja, besser noch: Es verleiht einer vollkommen irrationalen,
komplett eingebildeten und nur durch Vorurteile definierten Mauer einen Sinn
und echte Geltung, wenn einer herabgefallen und sich an ihrem Fuss das Rückgrat
gebrochen wird.
Also schneidet man den Aufsteiger nicht nur, man lässt auch kein Wort
von dem durchsickern, was er über andere so äussert, man ist
mucksmäuschenstill, solange nicht mindestens drei schlimme Ratschkatteln auf
dem Wochenmarkt oder zwei Friseusen zuhören. Nie würde man natürlich auf die
Idee kommen, ihn einfach nur auf seine Ebene zurück zu schicken; spricht man
von ihm, sortiert man ihn stets hinter jenen ein, über die er sich zu erheben
trachtete. Man reisst seine Rampe nieder, man teilt das öffentlich mit, und
signalisiert, dass man nichts dagegen hätte, würde man ihm weiter unten seine
Diskriminierung mit Gleichem vergelten. Man restauriert die zinnenbewehrten
Mauern und reinigt den Graben davor, und wundert sich ein wenig, warum die so
sind. Gäbe es doch so viele Möglichkeiten, die verfetteten Herzen all jener
alten Tanten zu erobern, die gar nicht so schlimm sind, wie immer behauptet
wird, solange man das System der besseren Tugenden und hilfreichen
Sekundäruntugenden nicht in Frage stellt. Derweilen werden die verhinderten Aufsteiger Mitglied bei Facebook und Xing und versichern sich, dass sie trotzdem dazu gehören.