Die oft gefragten Fragen der zu verbessernden Gesellschaft.
19. Januar 2010, 23:55
Uhr
Ich besitze, ich
werde nicht besessen.
Aristipp von Kyrene
Vor rund einem Jahr bekam ich die vorsichtige Anfrage, ob
ich für die FAZ ein Blog schreiben wollte. Seitdem wurde hier über alles geredet,
was mir so eingefallen ist. Ich schrieb irgendwas, was mir in den Sinn kam, die
FAZ stellte den Raum zur Verfügung, und eigentlich könnte das immer so weiter
gehen, hier ein paar angenehme Luxussorgen, oder ein unklarer Gesellschaftsfinger,
und dort eine Steuerhinterziehung in die Schweiz, das Übliche halt, was einem eben so in den Sinn kommt, wenn
man nicht mehr ganz jung ist, und das Geld dieses Verlags nicht unbedingt
bräuchte. Es lief recht gut, sehr gut sogar, aber es war doch ein wenig
einseitig. Vielleicht wollen Leser ja ganz andere Themen. Oder sie haben
Fragen. Also fragte ich, und bekam auch Fragen zu hören. Sehr viele Fragen zum
Thema Sex, Liebe, Partnerschaft und Fortpflanzung in besseren Kreisen, die ich
in spezifischen Beiträgen zu beantworten gedenke. Wenn ich mich traue. Um dem
vorerst zu entgehen, hier zuerst all jene Fragen und Antworten, die hoffentlich
klug, aber nicht delikat sind.

Als jahrelanger Rebellmarktleser frage ich mich, wie Sie auf
die Idee für das Thema Ihres FAZ-Blogs gekommen sind? Ist das eine Idee, die Sie
schon länger hatten, gibt es eine Geschichte dazu, inwieweit hat sich das Thema
beim Schreiben entwickelt?
Nun, die FAZ sagte: Machen Sie einen Vorschlag. Zu der Zeit
gingen gerade Vanity Fair und Park Avenue vor die Hunde, mit ihren lächerlichen
Versuchen, im Bundeshauptslum eine Society zu erfinden, wo es dort doch nur
Politiker, Berater, Rechtsanwälte, Journalisten, Lobbyisten, Galeriebetreiber,
Friseure und andere runtergekommene Transferleistungsempfänger des Alten
Westens gibt. Gesellschaft, die den Namen verdient, gibt es in Deutschland nur
in den Westvierteln und dem Inbegriff des Westviertels schlechthin: Am
Tegernsee. Und ich dachte, es wäre eine gute Gelegenheit, mal so über die
Gesellschaft zu schreiben, wie sie wirklich ist und wie sie nur jemand kennt,
der darin aufgewachsen und privilegiert ist. Was ein gängiger Journalist
natürlich niemals könnte.
Wie sehr identifizieren Sie sich mit der Kunstfigur
"Don Alphonso"?
Eher wenig. Das Vorbild von "Don Alphonso", was
den bestimmenden, offensiven Teil des Charakters angeht, ist nicht der
Verfasser, sondern ein Junge aus der Nachbarschaft, der genau so war, bis er im
Alter von 22 Jahren zu viel trank, von falschen Freunden nach Hause gefahren
wurde, sich in deren Auto übergab und deshalb vor dem Haus schnell ausgeladen
wurde, wo er, hinter den Wagen seines Vaters gekrochen, in der Winternacht
erfroren ist. Vieles von dem, was ich schreibe, ist vielleicht das, was er so
sagen würde, wenn er inzwischen so alt wie ich wäre. Er war durchaus charmant, witzig
und gebildet. Nur eben nicht so schüchtern und höflich wie der Autor, dem es
passieren kann, dass er eine Woche intensiv um eine Frau zu werben glaubt, bei
der das alles nur als dezenter Charme ankommt.
Stammen Sie wirklich aus einer wohlhabenden Familie oder tun
Sie nur so?
Nach dem, was in Deutschland statistisch als
"reich" gilt, sicher. Nach dem, was in Deutschland als
"gebildet" gilt, ebenso. Gehobenes, politisch liberales, moralisch
eher konservatives Westviertelbürgertum mit Konzertvereinsmitgliedschaft und
Anlageschwerpunkt in Immobilien, die Jahrzehnte und Jahrhunderte lang gehalten
werden, und mit dem zufälligen Glück, in einer Stadt festzuhängen, die sehr
schnell enorm reich wurde.

Bis in welches Glied können Sie Ihre Ahnenreihe zurückverfolgen?
Maximal bis ungefähr 1600, aber auch nur in einem Zweig.
Ansonsten geht es ungefähr bis 1800 zurück, in einem Zweig aber recht
umfangreich bis 1700. Und manchmal findet man Dinge, bei denen eine kürzere
Geschichte netter wäre. Habe ich schon mal von der b'suffan Kohla-Mone
(hochdeutsch: die beim Erwerbsleben als Kohlengrosshändlerin dem Alkohol und
wohl auch Männern zusprechende Monika) erzählt? Oder meinem Urururgrossvater,
der sich nach dem Abschluss der Verkaufsverhandlungen für Weizen immer noch einen
Hut voller Getreide extra geben liess, nur um das Gefühl zu haben, besser als
andere gewirtschaftet zu haben? Oder dem Umstand, dass ich manchen Steinen im
Keller entnehmen kann, dass die Geschichten vom Grabsteindiebstahl um 1890
herum keine Legenden sind? Und dass mein Grossvater Sylvester 1928 leicht
bezecht dem Nachbarhaus den Kamin hinuntergeschossen hat? Und wir bis heute
dafür nicht gezahlt haben?
Würden Sie statt in der Gegenwart eigentlich lieber im
England zwischen den Kriegen leben und welche Preziosen sammelten Sie dann?
Zeitgenössische Qualität oder "Antiquitäten"?
Nein, keinesfalls. Die real existierende Klassengesellschaft
jener Zeit war nicht so lustig wie bei Evelyn Waugh beschrieben und selbst für
meine Begriffe viel zu hart. Meine Grosstante kam damit aber noch erstaunlich
gut zurecht.
Warum Silberkannen? Warum soviele Silberkannen? (Und viele
andere Fragen zu Silber)
Andere rauchen, trinken, besuchen Bordelle, Spielhöllen,
Investorenmessen und Kamingespräche der Arbeitgeberverbände. In der langen
Liste asozialer Verhaltensweisen und Dummheiten würde ich werthaltige
Silberteekannen als reichlich verzeihbare Fehlleistung minderer Bedeutung
einordnen, es ist ein kleiner Luxus, den ich mir leiste, weil mir andere Wege
der Verschwendung (siehe oben) aufgrund meiner spiessigen Moral versperrt sind. (Habe ich was vergessen? Hm.)

Haben Sie mehr Spaß an Artikeln, in denen sie diverse
Produkte und Verhaltensweisen loben oder die Artikel, in denen sie gefühlt
alles, was anders ist als sie, in Grund und Boden verdammen?
Ich habe an allen Artikeln in etwa gleich viel Spass, am
liebsten aber sind mir jene, bei denen ich mich selbst hinterfragen muss.
Was halten Sie von den Torten im Cafe Luitpold, München?
Ich bin vor allem im Cafe Arzmiller. Man folge in Sachen
Torten stets den fetten Tanten mit gebläuten Haaren.
Bedingen Oberschicht und Bildung einander (Ist die
Oberschicht immer gebildet und ist ein Gebildeter automatisch Mitglied der
Oberschicht)?
Das hängt von den Definitionen ab. Sowohl Bildung als auch
Oberschicht sind hochgradig volatile Begriffe. In der Regel definiert eine
Oberschicht die Bildung, die sie für richtig hält. Ich beispielsweise halte
Leute für sozial inakzeptabel, die sich vorrangig mit TV beschäftigen. Die
können vorgeblich kritisch sein, wie sie wollen: Das ist falsch gebildete
Unterschicht.
Wie heiratet man als Tochter aus schlechterem Hause
erfolgreich in die bessere Gesellschaft ein?
Das ist eine dermassen spannende Frage, dass ich sie in
einem eigenen Beitrag behandeln möchte. Kurz, indem man deren Strategien
anwendet: Angenehm lügen, Regeln nicht hinterfragen, Gebote heimlich brechen
und die Fassaden respektieren, wenn man schon das Gebäude der Falschheit
anzündet.

Halten Sie Takt für erlernbar?
Alles ist erlernbar. Auch reiche Neugeborene sind dumm,
laut, unerquicklich und in jeder Hinsicht ohne Manieren, ausser den schlechten.
Die Frage ist eher: Wann und wie bringt man denen das bei?
Vergeben Sie eigentlich anderen?
Brecht klaute einst bei Villon:
Und wer da redet von Vergessen
Und wer da redet von Verzeih'n
Dem schlage man die Fressen
Mit schweren Eisenhämmern ein.
Ansonsten gehört es zu den erfreulichen Errungenschaften der
besseren Kreise, dergleichen nicht nötig zu haben, man ist ja nicht abhängig
von ander Leute Meinung. Ausserdem findet heute jeder Freunde minderer
Qualität, aber hochwertige Feinde sind schwer zu bekommen.
Wissen Sie inzwischen von Mitgliedern der besseren
Gesellschaft aus der dummen, kleinen Stadt an der Donau, die Ihre Geschichten
bei den Stützen oder Rebellen verfolgen? Falls ja, gab es aus diesen Kreisen
bereits positives oder negatives Feedback?
Nehmen Ihnen die, über die Sie berichten, das übel? Anders
gefragt: Bleibt Ihnen die Gelegenheit zur eigenen Anschauung des alltäglichen
Verhaltens der "Stützen der Gesellschaft" ausreichend erhalten?
Sagen wir mal so: Man erzählt mir heute mehr in der
Hoffnung, ich könnte es bringen - etwa, bei wem ein Bürgermeister nächtigt, der
sonst katholisch tut. Allerdings haben mich manche von der Liste der Angebote
des zweiten Heiratsmarktes gestrichen. Aber das passiert immer, wenn es sich
herumspricht, dass einer Journalist geworden ist. Journalisten kennt man bei
uns vom lokalen Schmarrnblatt, die taugen alle nichts, und ziehen sich schlecht
an. Die FAZ gibt es hier natürlich nicht, und Internet benutzt man bei uns auch
nicht.
Warum, rein geographisch betrachtet, sind eigentlich immer
die Westviertel die "besseren Gegenden" und nicht die Ostviertel oder
Südviertel.
Das hat mit der Windrichtung zu tun, denn der Wind treibt
die Abgase und den Gestank der Städte weg. Das war gerade in jener Epoche der
aufstrebenden Industrie und Vororte immer ein wichtiges Kriterium für jene, die
davon profitierten.Gerade in Zeiten, da man die Elite auch daran erkannte, dass sie mit 70 noch kurte, als andere mit 30 schon an Tuberkulose starben.

Warum werden mit dem Begriff "Leistungstraeger" in
der Oeffentlichkeit immer die Personen betitelt, die keinerlei Verantwortung
und eigenes Risiko fuer die Folgen ihrer Entscheidungen tragen? Leute die meist
nur anderer Leute Geld gassi fuehren.
Erstaunlicherweise gibt es das nur als Bezeichnung von
Aussen, oder von Neureichen für sich selbst. Leistungsträger hat so was von
"Arme Sau, die nicht weiss, wie man das Leben geniesst". Bei uns sagt
man eher, dass man seit einer Woche die Anlage K bei der Steuer macht.
Werden Sie von Ihrer Familie wegen Ihrer linken Tendenzen
eigentlich als "Verräter" oder gar "Ketzer" angesehen, oder
glaubt sie an eine vorrübergehende Phase?
Ich bin politisch so liberal wie meine Familie seit der 2.
Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wenn man aus Bayern kommt, ist man in diesen
Kreisen entweder bei der Staatspartei, oder man hat Charakter.
Sind Sie noch zu haben?
Kommt darauf an, für was. Heiraten? Kinder? Niemals. Rodeln?
Meran? Immer.
Würden Sie sich zutrauen, die Atmosphäre am Stammtisch einer
Kneipe nachzuempfinden? Oder konkreter: Das Niveau dort richtig einzuschätzen?
Ich komme aus Bayern. Und zwar aus der finstersten Ecke. Der
Stammtisch ist hier nicht in den Kneipen, sondern in den Hirnen.

Wann haben Sie eigentlich angefangen, für die Öffentlichkeit
zu schreiben?
1998, im Internet 1999, Texte nur für das Internet 2000.
Was halten Sie von der Revolution, und wie könnte Ihr
Beitrag aussehen?
Wenig, nachdem Revolutionäre von beiden Seiten, links wie
rechts, wenig Geschmack haben und in mir als Beitrag eine formidable
Laternenbeschmückung sehen würden.
Sind Sie eine Stütze der Gesellschaft und wenn ja, warum?
Der Titel ist einem Theaterstück von Ibsen und einem Gemälde
von Grosz entlehnt. Ich benutze den Begriff bestenfalls ironisch.
Sind Sie ein Misanthrop?
Aber nein. Misanthropen bilden sich das alles nur ein. Ich bin schlimmer: Historiker. Ich kann es belegen.
Ist es eigentlich in Ihren Kreisen immer noch verpönt,
Sänger/in oder Schauspieler/in zu werden?
Das hängt von der Art der Darbietung ab. Je klassischer, desto besser.