Die beste Grundlage der besseren Gesellschaft
30. Januar 2010, 11:03
Uhr
It takes three years to build a ship, it takes three centuries to build a tradition.
Andrew Browne Cunningham, 1st Viscount Cunningham of Hyndhope, 1941
Tu es nicht, beschwor mich meine Mutter.
Ich kann nicht anders, insistierte ich. Ihr habe mich so
gemacht und erzogen, ich muss es tun.
Aber wenn Dich jemand sieht, gab sie zu bedenken.
Deshalb komme ich ja auch wie der Dieb in der Nacht.
Du kannst von uns haben, was Du willst, versuchte sie es
erneut.
Aber ich will genau den einen, und Vater hat es 1979 genauso
gemacht.
Aber das war im besten Geschäft der Stadt und Du...
Im Haus der alten Frau P. ist auch nicht Schlechtes. Ich
mache das jetzt.
Aber pass auf, dass Dich keiner sieht! Ich will kein Gerede!
Ich wartete, bis die Sonne an jenem Sommertag 2006 blutrot
untergegangen war, zog mir schlechte Kleidung an, und eilte durch die engen
Gassen meiner dummen, kleinen Heimatstadt an der Donau. Nicht weit von meinem
Haus steht ein anderer, etwas kleinerer Stadtpalast des Barock, damals der
Besitz der alteingesessenen Familie P.. Die alte Frau P. hatte sich bis zuletzt
darin gegen alle Versuche gewehrt, sie ins Altersheim abzuschieben, und als es
nicht mehr anders ging, kamen auch bald die Antiquitätenhändler und räumten
ihre Wohnung aus. Als Frau P. dann gestorben war, verkauften die Erben das
unrestaurierte Haus an einen Notar, der damit für den Rest seines Lebens
Steuern legal vermeiden wollte. Was noch im Haus war, musste weg. Als ich am
Nachmittag daran vorbeikam, warfen sie gerade den Sarough der Familie P. weg.

Die alte Frau P. war eine Bekannte meiner Grossmutter, so
wie man sich eben kennt, wenn man das ganze Leben im gleichen Viertel der
Altstadt wohnt. Der Sarough stammt aus der grossen Zeit der für die
Verhältnisse der Stadt immens reichen Familie, und lag schon im Wohnzimmer, als
Frau P. geboren wurde. Um 1900, schätzte Frau P., musste ihr Grossvater den
Teppich erworben haben, und er war das teuerste Stück im Haus: Ein Monstrum,
2,5 Meter breit und 3,7 Meter lang, und an die 80 Kilo schwer. Gross genug, um
einen halben Landesbankvorstand darin einzuwickeln und in der Donau zu
versenken, falls man als neuer Ministerpräsident alte Mitwisser loswerden
möchte. Aber viel zu schade dafür. Und ebenso zu schade für den Container, in
den ihn die Erben der alten Frau P. werfen wollten. Immerhin, sie hatten dabei
ein schlechtes Gewissen und waren heilfroh, als ich sie bat, das Monstrum
mitsamt seinem Staub und Mottenlöchern mir zu schenken. Es folgte eine nicht
ganz billige Restaurierung, und würde ich - was ich natürlich bis mindestens
zum nächsten Mal unter keinen Umständen tue, denn es wäre nicht schicklich - je
eine Frau in meinem Frühstückszimmer verführen, wäre der Sarough der Familie P.
die erste, weiche, angenehme und exquisite Station nach dem Herabsinken von
englischen Chesterfieldsesseln, deren Geschichte dereinst auch zu erzählen sein
wird.
Ich kann mir ein Zimmer ohne Perserteppich nicht vorstellen.
Das gehört einfach dazu. Das ist in uns seit Generationen drin, dieser Wunsch
nach dem Perserteppich, es gibt keine Alternative, und als meine Mutter dann
sah, was ich des Nachts keuchend durch die Gassen geschleppt hatte, freute sie
sich wie ein Kind. Über Jahrhunderte war der Perserteppich der ultimative
Einrichtungsgegenstand der Reichen; in der Renaissance benutzte man ihn noch
als Tischdecke, und nur die Allerreichsten konnten es sich leisten, auf solchen
Kostbarkeiten zu gehen. Von blauen Kurfürsten wird berichtet, dass ihm während
seines Exils in Holland der Verbleib seiner Gemäldesammlung reichlich egal war,
aber die Teppiche wollte er aus München haben. Bis zu meiner Generation ist der
Perserteppich neben dem edlen Porzellan und dem Silber und unabhängig von jeder
politisch-weltanschaulichen Einstellung die zentrale Erfahrung von gelebtem
Reichtum: Als Kind musste man dafür die Schuhe ausziehen, und durfte später
keinesfalls darauf, wenn die Eltern in Urlaub waren, der Apotheker und
Bankdirektoren Töchter hinunterziehen. Trotzdem oder gerade deshalb ist der
Perserteppich auch unvergesslicher Bestandteil des jugendlichen Erwachens, und
ich möchte behaupten: Es gibt da so einiges, an das man sich weniger gern
erinnert.

Dann kam Khomeini und das Austrocknen der persischen Kunst
und Importe, es kamen die indischen Teppiche und all die Betrüger, die bis zu
90% reduzierten, der Perser galt bald als unmodern und grosselternhaft, und es
dauerte keine 10 Jahre, bis der vom Mittelalter bis zur Gegenwart begehrte
Begleiter der besseren Gesellschaft des Hauses verwiesen wurde. Teppiche galten
als Hausmilbenheimat und viel zu indezent für den neuen Purismus, es gab
erbitterte Debatten um Kinderarbeit und die Menschenrechte, die
erstaunlicherweise weitgehend ausbleiben, wenn es nicht um die Bewahrung einer
Jahrtausende alten Kultur, sondern um billig zusammengeschluderte Kleider aus
Diktaturen wie Bangladesch und China geht. Heute bekommt man beste Teppiche im
Nachverkauf von Auktionen für einen
Bruchteil dessen, was sich an Preisen auf alten, sorgsam bewahrten Rechnungen
findet. Wenn man so will: Die Teppiche einer normalen Villa im Westviertel sind
ein schlechtes Investment für die Erben, die einen damals erheblich billigeren
Porsche in der Doppelgarage sicher nicht so verschleudern würden.
Derartig veränderte Einstellungen zum Besitz dürften auch
der Hintergrund für den Niedergang der Perserteppiche sein: Es gibt zu viele
andere Alternativen für die Repräsentation. Alles, was man als Heimelektronik
bezeichnet, spielte bis Ende der 60er Jahre keine besondere Rolle,
Ortsgespräche wählte man auf Drehscheiben an und konnte unbegrenzt reden, TV
gab es nur am Abend und Plattenspieler wurden für Dekaden erworben.
Nahrungsmittel wurden in den letzten Jahrzehnten billiger, aber die
Essgewohnheiten wurden mit dem Niedergang der Kochkunst sehr viel teurer. Die
Generationenanschaffung eines guten Teppichs dagegen hindert die Mobilität und
macht im Vergleich zu abwaschbaren Laminat erheblich mehr Arbeit. Wer seine
Freizeit nicht mit Gesprächen und Büchern verbringt, sondern abgedunkelt in
Sitzlandschaften vor der Glotze, hat auch nichts von so einem Teppich, ja, er
fühlt sich nicht mal armselig, und das Auf den Teppich Ziehen hat er dank
Pr0nodownload auch nicht mehr nötig.

Genau aber dieses Unvorstellbar-Unerlaubte jedoch, diese
byzantinisch-prunkvolle Freude am Hinabsinken mit dem Teuersten, das man hat,
auf das Teuerste, das man ererbt, geschenkt bekommt oder im Nachverkauf
abstaubt, könnte die Rettung für den Teppich sein. Es ging ein gewisses Raunen
durch die Modewelt, als Dolce&Gabbana 2004 es wagten, ihre Modelle auf
ausgefallenen Orientteppichen zu präsentieren. Seitdem muss man sich auf den
bevorzugten Jagdgründen mitunter schon wieder um manchen pastellfarbenen Seidenteppich mit
dreisten Rechtsanwälten streiten und über ihren, zur in Versace vom vorletzten
Jahr gekleideten Begleiterin geneigten Aufsteigerkopf einen Preis ansagen, der
vielleicht im retardierten Bayern immer noch gering wäre, aber im verkommenen
Berlin der Transferleistungsempfänger aus Kanzleien und Beratung bei der
allseits bekannten und sachverständigen Händlerfamilie M. schon eine gewisse
Achtung erzeugt. Von Renaissance zu sprechen wäre zu viel.
Aber vor ein paar Wochen traf ich einen Abkömmling der
Familie P., und der bedauerte schon wieder den Verlust so mancher schönen
Dinge: Das alte Haus, mit dem man selbst hätte Steuern sparen können, die alten
Möbel, die viel zu billig verkauft wurden, und der Teppich, von dem die alte
Frau P. so angetan war, und den man hergegeben hat. Aber so ist das eben, sage ich tröstend:
Natürlich macht eine Fussbodenheizung den Boden warm, wenn sie einmal läuft.
Natürlich kann man Schuhe anziehen, und spürt dann nicht die Härte der
Bodenplatten. Es gibt auch Webteppiche, die nicht hässlich sind, bis man das
erste Mal Wein darauf verschüttet, was beim Perser nicht aufgefallen wäre. Auch
die Katzen finden sich zur Not mit den Polstermöbeln ab und zupfen genervt jene
Fabrikfäden raus, die im geknüpften Teppich verbleiben würde. Es geht durchaus
ohne. Es sind ja nur 500 Jahre Tradition. Man kann so existieren.

Rational spricht also, auch wenn der Kampf um die
Abschaffung des Teppichs inzwischen wieder ein wenig offen ist, wirklich vieles
dagegen, auf derartig teuren Dingen herumzulaufen. Und wenn man mal Kinder hat
und in Urlaub ist, können die immer noch den Badvorleger benutzen, in der
Hoffnung, dass bei Apothekers daheim auch alles so kahl, glatt, sauber und kalt
wie in der Leichenhalle ist. Niemand braucht Perserteppiche. Es ist nur Luxus,
aber die neue Grundlage der besseren Gesellschaft ist ohnehin Marmor, wie im
Empfangsbereich der Kanzlei oder Bank. Das Zeug, das bei mir unten im Hausgang
liegt und nun auch schon ein paar Jahrhunderte mitmacht, wenn ich darauf den
Schnee von den Schuhen klopfe, um dann oben den Täbriz zu betreten. Und ein
paar weiche, feinste Millimeter einsinke. Es muss nicht sein.
(Der Teppich auf dem dritten Bild ist übrigens ein rund 130 Jahre alter
und extrem robuster Afschar, auf dem man angeblich mit dem Panzer fahren
könnte. Ich halte das für eine gemeine Untertreibung, hat er doch auch schon
Besuche von fünf Kleinkindern, davon drei nicht schlafend, überlebt!)

Begleitmusik:
Vor den alabastern Mauer des Kalifengarten
Heult der Broder und macht den harten
Moslemfeind. Ich aber ruhe unter Palmen
Trinke Tee und kaue an dan Halmen
Feiner Pfefferminze. Es ist schön hier.
So angenehm. Und es tönt mir
Wundersame Weise von dieser Platte
Die schon länger ich im Auge hatte
Zur Vorstellung dem wertem Publikum.
Der Broder aber kippt vor Grausen um.