Die völlige Ausrottung des Ehebruchs in besseren Kreisen
06. Februar 2010, 14:37
Uhr
Bis dass der Tod
Euch scheidet
Populäre Unwahrheit,
die oft in Kirchenräumen zu hören ist.
Es gibt Themen, über die spricht man in besseren Kreisen
nicht. Und dann gibt es noch Themen, über die man nicht nur nicht spricht,
sondern die man auch nicht weiterplaudert oder weitertratscht. Themen, über die
man nicht spricht, sind Themen, die als allgemein bekannt vorausgesetzt werden
und über die man vertraulich schon mal ein wenig schwätzen kann. Themen, über die
man definitiv nicht spricht und deshalb auch nicht plaudert, sind jene Dinge,
die einen selbst irgendwie treffen könnten, und die ebenso unangenehm wie
häufig sind. Und dazu gehört auch der Ehebruch.

Das war früher ganz anders. Früher war es das Bestreben der
moralisch tonangebenden Kreise, die seltenen Fälle von Ehebruch so öffentlich
wie möglich zu machen, um Missetäter zu diskriminieren und Nachahmer
abzuschrecken. Zudem war Ehebruch bis 1969 auch strafrechtlich sanktioniert,
sprich, man konnte das mit allem Nachdruck tun und wusste das Recht auf seiner
Seite; die öffentliche Empörung und Blossstellung der Täter war nicht weniger
geboten als die Anzeige eines Ladendiebs oder eines Reifenstechers. Ehebruch
hatte in der öffentlichen Rezeption in etwa jenen Unterhaltungswert, den man
bei unsereins heute dem Vorfahren der Steuerfahndung beim Nachbarn zumisst,
selbst wenn man sein Geld jüngst nach Singapur verschob.
Der Ehebruch als solcher ist in Deutschland auch heute nicht
legal, es gibt sogar noch einen
Paragraphen im BGB dagegen, aber es gibt auf Autobahnen auch eine
Richtgeschwindigkeit und einen Mindestabstand zum Vordermann, und das, was in
Privatsendern zu späterer Stunde an Nacktheit und Promiskuität ohne jede
moralische Verbrämung zu sehen ist, war sicher auch nicht der Grundgedanke bei
der Zulassung von privaten TV-Anbietern. Nachdem aber die bessere Gesellschaft
deutscher Westviertel in diesen Punkten nicht zwingend liberaler ist, hat das
Verschweigen des Ehebruchs andere Gründe. Und die sind selbst gemacht: Die
eigenen Kinder.

Früher war es so leicht, über Ehebruch herzuziehen, weil das
Risiko der eigenen Betroffenheit eher gering war. Man ging nicht fremd, und
falls doch, gab man sich alle Mühe, es zu verheimlichen. Eine Scheidung aus
einem dummen, emotionalen Grund einer Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen
heraus wäre unvorstellbar gewesen, und hätte ausserdem enorme Kosten
verursacht. Man konnte das Thema ansprechen und dabei die sicher auch nicht
geringe Dunkelziffer geflissentlich ignorieren, denn die Geschwätzigkeit der
Öffentlichkeit wurde auf Seiten der Liebenden mit hochgradig effizienten
Verschleierungstaktiken beantwortet. Bei einem Risiko der eigenen Betroffenheit
von weniger als 5% lässt es sich leichter Leute ausrichten, als mit einem
Risiko von mehr als 50%.
Dort aber steht heute auch die bessere Gesellschaft. Denn
auch bei uns sind die Scheidungsraten inzwischen nicht mehr so niedrig, dass
man daraus die besondere Tugend dieser Kreise ableiten konnte, wie es früher
üblich war - Alleinerziehende, Geschiedene und zerbrochene Ehen waren stets nur
in niedrigeren Schichten anzutreffen, aber höchst unüblich in den konservativen
Kreisen, die für sich die moralische Führung beanspruchten. Eine Scheidung hat
noch zu meiner Kindheit nicht nur massiven familiären Druck nach sich gezogen,
sondern natürlich auch den Ausschluss aus allen sozialen Bindungen: Man kann
eine Geschiedene schlecht zu einem Kaffeetratsch einladen, in dem über
Scheidungen hergezogen wird, das verstanden alle, und die Frau zog vielleicht
bald weg, was nicht das Schlechteste wäre, denn wie erklärt man das den eigenen
Kindern, dass ihre Freundin keinen Vater hat? Schlechte Manieren breiten sich
ja so schnell unter der Jugend aus, man darf die das gar nicht mitbekommen
lassen. Das System aus Ehepartner, Familien und Umfeld war selbstverstärkend,
und spätestens nach der Geburt von Kindern war eine Trennung vollkommen
undenkbar.

Trotzdem muss es irgendwann einen Bruch gegeben haben, und
die Vermutung liegt nahe, dass die letzten Bastionen dieser Haltung, wie das
Westviertel, aus dem ich stamme, von einer Generation geschliffen wurde, die
mit mir in die Schule ging. Um es so brutal zu sagen, wie man es bei uns nie
sagen würde: Die Scheidungsrate ist inzwischen fraglos auf dem Niveau von
Blockvierteln. Die Illusion, bei uns würden die Partner besser passen und mit
grösserer Umsicht ausgewählt, erlitt an der verschwiegenen Erkenntnis
Schiffbruch, dass Vermögen und Mitgliedschaft im Konzertverein das Leben und
die Sinnesfreuden, nach denen mancher Partner giert, nicht dauerhaft
befriedigen können. Aus meiner Erfahrung kann ich - hier in dieser Zeitung,
aber nur begrenzt über Damast und Hutschenreuther hinweg - sagen: 40%
Scheidungsrate schaffen wir in den ersten 10 Jahren vermögender Ehen
problemlos. Und nachdem davor eine Zerrüttung der Ehe festgestellt werden
sollte, und die Partner formal getrennt leben, stellt sich eine weitere Frage,
die man nicht stellen sollte: Mit wem
haben sie Sex, wenn sie nicht miteinander schlafen? Und woher nehmen sie diese
Leute?
Als Unverheirateter und Junggeselle ist man natürlich in
solchen Fällen stets tatverdächtig, zumal die Scheidungen zwangsläufig solche -
diskreten, sehr diskreten - Untersuchungen nach sich ziehen. Wo eine Scheidung
ist, muss auch mindestens ein Beischläfer, ein Zizibeh, ein loses Weibsstück
sein, das leuchtet ein und ist logisch, aber der natürlich Lauf der Ehedinge
ist doch eher so, dass sich junge Paare zusammenfinden, und da stellt sich
natürlich auch die Frage, ob vielleicht nicht daraus der Missetäter stammen
könnte... und verkehrte der eigene Sohn mit der Schwiegertochter nicht auch
dort... Zum Elend der alten Tanten verwandeln sich die Scheidungen nicht nur in
persönliche Dramen, sondern auch zu reinen Tretminen gesellschaftlicher
Delikatesse. Geht eine Ehe in die Luft, fliegen Verdächtigungssplitter nach den
Ehebrechern durch die Wohnzimmer, vielleicht war es nicht der eigene Sohn, aber
die Tochter von der Bekannten soll recht frei denken und Dinge, also wirklich Dinge
sagen, die man nicht sagt. Die eigene Brut hat das früher so geschätzte Terrain
der öffentlichen Hinrichtung mit Sprengfallen versehen. Es könnte jeden
treffen. Mindestens jede 2. Person ist mit dem Problem verwandt, jeder kennt
einige, die man damit verletzen könnte, und nie kann man wissen, was die
anderen vielleicht über die eigenen
Kinder wissen, was man selbst nicht weiss.

Zum Glück gibt es ja noch den Ministerpräsidenten und seine
Verfehlung in Berlin, man kennt auch jemanden, der jemanden kennt, dessen Sohn
eine Frau aus Afrika mitbrachte, über den alten Deppen von Notar und seine aus
Russland bestellte Frau kann man reden, und auch ein Bürgermeister soll sich
wenig Mühe geben, den Wechsel in seinem Nichtehebett den Augen der
Öffentlichkeit zu verbergen. Es sind schwere Zeiten, man kann nicht mehr über
alles reden in der allgemeinen Schamlosigkeit, also sucht man sich Fälle, die
ausreichend weit vom eigenen Teetisch entfernt sind. Der verheiratete
Ehebrecher, der seriös erscheinende, aber von den Tanten enttarnte Lüstling ist
ebenso aus der Wahrnehmung verschwunden wie die unter dem Deckmantel der
Lebensbeziehung agierende Abenteurerin. Man kapriziert sich eher auf jene,
denen man ab erklärter Kinderfeindlichkeit ohnehin alles zutrauen kann, und
findet enorm viele wunderbar und sinnreich klingende Gründe, wenn die eigene Tochter gesteht, dass es mit dem
Karl so nicht mehr weiter geht: Seine Vorliebe für Wagneropern, sein Essen mit
offenem Mund, seitdem er für die Heuschrecke arbeitet, seine Lieblosigkeit. Ein
Ehebruch, das jedoch passiert immer nur anderen Leuten in weiterer Entfernung.
Und ausserdem redet man ohnehin nicht über solche Sachen. Noch etwas
Tee, Herr Porcamadonna? Und wie ist das Wetter am Tegernsee?
