Perverse Vorstellungen mittelalter Männer in Hannover
06. März 2010, 23:52
Uhr
Es gibt nichts Neues
auf der Welt, ausser wenn es vergessen wurde,
sagte die berühmte Modistin Rose Bertin in jener Zeit, die
wir als Epoche der Aufklärung bezeichnen. Damals gab es noch keine Werber und
Social Media Berater, und so kam man auf die - heute eher unverständliche Idee
- dem Menschen jenseits von Herkunft, Bildung und Intelligenz einen hohen Wert
zuzumessen, dessen er sich dann in den folgenden Jahrhundert nicht allzu würdig
erwies. Aber zuerst kam die Aufklärung und irrte sich im Menschen, und dann kam
leider die Computermesse Cebit, wo sich schlecht angezogene, mittelalte Männer
mit Bauchansatz ihre Plastikschuhe ruinieren und glauben, sie könnten die
Menschen erneut dazu bringen, sich zu irren und jeden begrenzt haltbaren
Krimskrams zu kaufen, solange er nur von den Journalisten immer wieder als NEU!
NEU! NEU! angepriesen wird. Wie das Haus, das man wie einen Computer steuern
kann, mit dem nun schon seit Jahrzehnten bekannten Kühlschrank, der
selbstständig Eier nachbestellen kann. Dazu gibt es dann Pr0no für schlecht
angezogene, mittelalte Männer mit Bauchansatz und Plastikschuhen: Weibliche Modelle,
die die moderne Hausfrau vorstellen sollen, bedienen mit von jenen Männern
entworfenen Geräten das Haus, bequem meisten auf dem Sofa, und nirgendwo liegen
die muffelnde Wäscheberge wie bei ihnen daheim herum. Und Journalisten
schreiben dann mehr oder weniger kritisch über diese neuen Häuser für neue
Menschen.

Diese kleine, reaktionäre Runde hier betrifft das nun
insofern, als dass die diesem Blog zugrunde liegende Klasse - trotz des Bedeutungsverlustes - aufgrund der hohen
Kosten solcher Systeme als Erstkunden erkoren wurden. Wie bei fast allen teuren
Dingen - Autos, Plasmabildschirme, Bücher, Atomwaffen jedoch nicht zwingend
- üblich, sollen sie sich damit
absetzen wollen vom Rest der Bevölkerung, der sich aber nicht abhängen lassen
möchte, und bald auch kauft, womit die Preise sinken. Dann werden bald alle per
Mobiltelefon die Filme für die Glotze bestellen, den Kühlschrank mit
Fertigessen befüllen und die passende Schmusemusik für die hoffentlich
zukünftige Partnerin auswählen, während sie sich noch im ICE ärgern, dass
andere Erbsenzähler längst Business Class fliegen dürfen, aber solange machen
sie eben auf dem Mobiltelefon rum, damit alle sehen, wie toll sie ihr Haus im
Griff haben, selbst wenn sie auf Termin sind und eine Präsentation halten.
So ähnlich, aber sehr viel freundlicher erzählt man das in Hannover auf halbleeren Messehallenastrichböden dem
Journalismus, jener Brotberuf, der mit schlechter Bezahlung und wenig Ansehen
die meisten Beteiligten auf Lebenszeit von eben jenem Umfeld ausschliesst, in
dem sie wenigstens reich heiraten könnten. Es ist ein Illusion mittelalter
CeBit-Aussteller mit Bauchansatz für mittelalte Journalisten mit billigen
Plastikschuhen - wir, die ominöse Zielgruppe für derlei Klimbim, funktionieren
anders. Niemand hat hier etwas gegen hilfreiche Technik; Elektrizität, Licht,
Waschmaschinen, Kühlschränke und fliessend Wasser fanden sich
selbstverständlich zuerst bei der besseren Gesellschaft. Aber das
vollcomputerisierte Haus trifft gleich auf eine ganze Reihe von Widerstände.

So ein Haus stand vor ein paar Jahren (und steht vielleicht
immer noch) am Potsdamer Platz in Berlin als "Showcase" eines
Telekommunikationskonzerns. Ein ganz normales, langweiliges, durchschnittliches
Haus, wie es millionenfach in Deutschlands Vorstädten steht, leicht schräges
Dach, grosse Glasflächen, in Weiss und Dunkel farblos, die klassische
Hundehütte im Heimatschutzstil der Berliner Republik für alle, die sich nicht
mehr leisten können und sich deshalb zur Seite orientieren und das nachbauen,
was jeder so baut. In Westvierteln jedoch, seit jeher die Manifestation des
gebauten und fest gefügten Bürgertums, sieht es naturgemäss anders aus: Dort schielt
man allenfalls unbemerkt zur Seite, um noch eins draufzusetzen. Idealerweise
mit dem Blick nach oben. Das muss im Ergebnis nicht zwingend schöner sein als
das elektronische Wohnloch in Berlin, aber es hat eine andere Aussage: Die
Aussage der Überlegenheit.
Man kann jedes architektonische Detail, die meisten Moden
der Inneneinrichtung unter diesem Aspekt begreifen. In den 60ern zeigte man mit
Flachdach Modernität, und vor wenigen Jahren mit der Runderneuerung der Fenster
Umweltbewusstsein. In den 70er Jahren bewies man mit wappengeschmückten,
schmiedeeisernen Gartentoren patriarchalischen Anspruch, und mit den im Raum
stehenden Küchenblöcken mitsamt übergrossem Kaffeeautomat italienischer
Herkunft die einzig richtige Einstellung zur neuen Lust an der richtigen
Ernährung als Kennzeichen der immer fitten und sportlichen Elite. So sieht man
das in den gehobenen Einrichtungszeitschriften. Was man dort aber so gut wie
nie zu Gesicht bekommt, ausser vielleicht in den eher ungern vorgestellten
Arbeitszimmern, sind Computer. Computer haben in der Ikonographie der besseren
Kreise keinen Platz. Vermutlich, weil sie Arbeitsgeräte sind, und einen damit
in gewisser Weise auf eine Stufe mit den Hannoveraner Hungerleidern stellen.

Die nun wiederum haben eine ganz andere Idee, denn der
Rechner oder ein ähnliches Gerät wäre die Schnittstelle zum Haus, das damit
selbst nicht mehr die gebaute Anspruchshaltung ist, sondern eine bedienbare
Wohnmaschine. Es mag sein, dass dies einem Le Corbusier gefallen hätte, aber
der ist tot und die Mode möchte französischen und toskanischen Landhauszierat,
gern auch Stuck und anfälliges Parkett, aber definitiv nicht zur Reduktion des
Wohnens auf jene Kisten mit Bildschirm und Tastatur, mit denen man in diesen
Vierteln nicht angeben kann. In diesem Lebensideal gibt es Seeterrassen und
Dreifachgaragen, es gibt Kinder, die weit weg studieren und sicher Hunde und
Katzen, aber ganz sicher keinen wie auch immer gearteten Wunsch, sein Leben und
Haus über einem Rechner gebeugt zu organisieren. Wer das tun muss, hat schon
verloren - das ultimative Ziel des Westviertels ist nicht das Bedienen, sondern
das bedient werden.
Hersteller gehobener technischer Gerätschaften, wie die hier
so beliebten Tonmöbel, haben das längst verstanden und verbauen so wenig
Bedienelemente wie möglich. Man muss keinen guten Klang einstellen, das
besorgen die leicht rot glühenden Röhren auf den Verstärkern von selbst. Man
bekommt Lautsprecher mit jedem nur denkbaren Furnier, aber kaum einen
Plattenspieler, an dem man viel verändern könnte, wenn der passende Tonabnehmer
einmal gefunden ist. All diese Geräte müssen heute Dauerhaftigkeit und
Simplizität ausdrücken, sie müssen zuverlässige Diener sein, und nicht dem
Besitzer zu seinem Diener machen. Die Diener der Gegenwart erkennt man nicht
mehr an der Livree, sondern an ihrem Kratzbuckeln vor Rechnern, an denen sie
ihre Zeit vergeuden.

Natürlich kann man sich auch bei Dienern nie sicher sein, ob
sie nicht zum Räuber wandeln, wenn man ihnen dafür Gelegenheit gibt. Man muss
nur Don Giovanni auflegen, um das Wesen dieser Leute zu erkennen, wenn
Leporello, seinen Herrn zu betrügen, sagt: "Vom Fasan hier diesen Schlegel
bring' ich sachte ausser Sicht." Die neue Technik wird nicht so simpel wie
ein Lichtschalter sein, da wird es Prozessoren und Software geben, Module und
Schnittstellen, und kaum versagt etwas, wird man es nicht reparieren können,
und abhängig sein von diesen traurigen Hannoveraner Gestalten in ihren billigen
Anzügen, die dann ins Haus kommen und sagen, dass man bei diesem Gerät der
Stufe 1.06 heute nichts mehr machen kann, da sei man viel weiter, aber das neue
Programm laufe auch nicht mehr auf so einem alten Rechner, da bräuchte man
schon etwas Besseres - wenn es nur ein Schlegel wäre, oder vier Dublonen, mit
denen Don Giovanni den Leporello auf Linie bringt, aber hier hat man nun Leute
im Haus, die nicht dem Besitzer dienen, sondern den immer neuen Geräten, von
denen man abhängig sein wird, an die man sich wird neu gewöhnen müssen, die
etwas von einem verlangen, anstatt dass man etwas von ihnen verlangen kann.
Ich begreife nicht, warum das so schwer zu verstehen ist: Man muss, wenn
man hier etwas verkaufen will, bereit sein, sich und sein Produkt zu
unterwerfen. Man muss in den Staub oder zumindest die gleiche zynische Masche
wie der Vermögensverwalter anwenden, der Profit ohne Risiko und Arbeit
verspricht; man muss jenen, die überlegen sind, in diesem Gefühl belassen und es
zudem fördern, man darf nicht mit dem Anspruch antreten, ihr Umfeld, das für
sie geschaffen wurde, erneuern und revolutionieren zu wollen. Das kommt nicht
gut an in diesen Kreisen, die im Übrigen vielleicht auch gar nicht so
aufgeklärt sind, wie manche Potentaten im 18. Jahrhundert, und mittelalte
Digitalstaubsaugervertreter in billigen Anzügen nicht für ihre perversen
Vorstellungen des Computerbedienens zu füttern gedenken. Und die Eier muss
nicht der Kühlschrank holen; das kann man selbst machen, denn wozu wohnt man
sonst im Westviertel, dessen nächster Nachbar der Bauernhof mit Bioladen ist,
und nicht irgendwelche computergesteuerten Hundehütten, die so auch in
Hannover, am Potsdamer Platz oder in Vierteln stehen könnten, in denen niemand
wohnt, den man kennt.