Besuch bei Analphabeten und Zauseln
19. April 2010, 06:06
Uhr
Zur Klarstellung nach einer Woche mit diversen, begrenzt kompetenten
Wortmeldungen, die ich so nicht unterschreiben würde
Wie es nun mal nach einer anstrengenden Tour über fünf Pässe
sein kann, wache ich reichlich spät auf. Durch die grünen Fensterläden, die
eine angenehme Reminiszenz an alte Bautraditionen darstellen, fällt lichter
Sonnenschein auf den kaukasischen Läufer und die alte Reisetruhe eines längst
vergessenen Vorfahren. Wie immer am See, betrachte ich meine Gemälde von
Rupprecht Geiger an der gegenüber liegenden Wand, stehe auf und überlege mir,
was ich heute, an jenem sonnigen Frühlingstag anziehen könnte. Angesichts des
üppigen Kleiderschranks - Art Deco und innen Mahagoni, da war einiges an Geld
in der Familie - und seines Angebotes gibt es leichtere Aufgaben. Ich
entscheide mich für ein dezentes, sandfarbenes Glencheck-Sakko aus
Seidenwollstoff von Carlo Barbera, eine passende, unauffällige
Baumwollhose und zweifarbige Sportschuhe von Tricker's. Im Glencheck ist ein wenig
Blau, und nach etwas Suchen finde ich ein passendes Hemd mit Streifen. Es sind
viele Hemden da, aber es ist nie ganz leicht, den richtigen Blauton zu finden.
Selbst in ihrem Weltbild unerschütterliche Netzmenschen
wie der Berliner Felix Schwenzel, der in seiner Zotteligkeit dem Prototyp des
Bloggers ziemlich nahe kommt
Harald Staun in der FAS
Über Nacht und, zugegeben, fast den gesamten Vormittag sind
beim letzten Blogeintrag über die Bedeutung des Romans "Brideshead
revisited" für die Angehörigen meiner Schicht in den späten 80er Jahren
einige sehr interessante Kommentare eingegangen, die ich nun leider verspätet
freischalte. Beantworten kann ich sie aufgrund meiner Verpflichtungen im
Augenblick nicht. Dann begebe ich mich nach draussen. Mein Gast ist lange vor
mir erwacht, war aber so nett, mich schlafen zu lassen, und vertreibt sich die
Zeit auf der Terrasse mit einem Buch aus der Bibliothek.

Angetan hat es ihm "Karl August Böttiger: Literarische
Zustände und Zeitgenossen. Begegnungen und Gespräche im klassischen
Weimar." Wir plaudern etwas über die Zustände an jenem Hof und überlegen, wie
Weimar seine Bedeutung für die Kulturschaffenden verlieren konnte. Im
Biedermeier zog es die Literaten weg von den Höfen, wo man von der volatilen
Gunst der alten Eliten abhängig war, hin zu den Salons der Städte, wo man offen
war und froh um geistreiche Unterhaltung, wo man sich unterhielt, und nicht als
redender Affe gehalten wurde - so zumindest interpretiere ich manch abschätzige
Bemerkung des verehrten Heine über das deutsche Fürstenwesen.
"Schliesslich liest man im Internet nicht, man
scrollt."
Oliver Jungen bespricht das Buch "I am Airen
Man" des durch das kollektive Versagen deutscher Feuilletonisten im
Hegemann-Skandal bekannt gewordenen Bloggers Airen in der FAZ

Ich frage meinen Freund, ob ich ihm das angesichts der
Zumutungen des modernen Literaturbetriebs vermutlich vergriffene Buch leihen
soll, aber er hat es sich bereits im Internet antiquarisch bestellt. Wir
begeben uns in die Küche und bereiten aus dem, was wir nördlich und südlich des
Alpenhauptkammes erworben haben, ein nicht ganz karges, aber auch nicht allzu
verfeinertes Frühstück; es findet sich ein wenig Parmaschinken und Salami aus
Sterzing, Trüffelpecorino und diverse Brotsorten aus Brixen, ein Dutzend
Wachteleier aus dem Donautal, französische Meersalzbutter, und zwei Arten
Scamorza. Gerade der Scamorza aus diesem kleinen Geschäft in den Lauben von
Brixen hat es uns angetan, er ist saftig geräuchert und von einem fast feuchten
Aroma.
Ich glaube, dass das unendliche Mediengespräch des Netzes,
in dem so viele sich verfangen haben und gefangen sind und das doch zugleich so
immateriell und ungreifbar bleibt, eine tiefe Unsicherheit gegenüber allem
produziert, was sich dieser unendlichen Plauderei entzieht.
Thomas Hettche in der FAZ

Also, Brixen, das muss ich Ihnen erzählen, wir waren
natürlich nicht zum einkaufen dort. Wir waren im Kreuzgang von Brixen, einem
Meisterwerk der spätmittelalterlichen Kunst, und ich erzählte dem Gast etwas
über die Bildprogramme der Parlerzeit; warum etwa die Auferstehung Christi
zusammen mit Samson erscheint, der die Tore von Gaza zum Hügel bei Hebron
trägt, und daneben eine recht späte
Darstellung des eher in der Spätantike beliebten Jonah zu sehen ist, der dem
Wal entrinnt. Wir stehen im Kreuzgang, bis uns die Hälse weh tun. Ich mache das
gerne, das kann ich wenigstens, ich bin ja kein Journalist, der sich das Zeug
erst mal in der Wikipedia zusammenklauben muss, um darüber zu schreiben. Ich
kann zwar nicht schreiben, ich habe das als Blogger ohne jedes Volontariat
natürlich nicht gelernt, aber ich habe etwas Ahnung von der Kunstgeschichte des
späten Mittelalters.
Stilistisch gelangt das Opus nirgends über den
schnodderig-expliziten Tonfall und die Parataxe hinaus, welche die meisten
Online-Foren prägen. Das Tempus ist der Tagebuchform wegen ein ödes
Universalpräsens.
Oliver Jungen a.a.O.

Jetzt aber unterscheiden wir uns nicht besonders von anderen
Privilegierten an einem übervollen Frühstückstisch; Essen macht angenehm träge,
und wir plaudern ein wenig über Themen, wie sie gerade kommen: Über den fiesen
Lärm, den Passanten erzeugen, und der einem erst auffällt, wenn man an einer
Anliegerstrasse in den Bergen wohnt. Über den geschmacklichen Unterschied
zwischen Wachteleiern und normalen Eiern - ich meine, dass Wachteleier
konzentriert alle guten Komponenten des Eigeschmacks mit sich bringen, ohne mit
den unerfreulichen Aspekten zu ennuieren. Über das Für und Wider des
bedingungslosen Grundeinkommens, und wie lustig das wäre, wenn zu dessen
Finanzierung die Mehrwertsteuer in Deutschland auf 50% stiege - und hier das
günstige Ausland vor der Haustür liegt, und ansonsten alle Steuern abgeschafft
werden, wie das mancher wünscht. Das wären feinste Zeiten für uns, die wir hier
leben.
Sie gingen an einen Ort, an dem noch keiner vor ihnen war
und bauten an einer Gemeinschaft, wie es sie noch nicht gab.
Marcus Jauer im "Dossier Deutsche Blogger" in
der FAZ

Es geht erstaunlich normal und zivilisiert zu, kein Rechner
piepst und keine Zeitlinie wird ergänzt, oder was auch immer man erwarten
sollte, wenn zwei bekannte deutsche Blogger zusammensitzen. Es ist recht frei
vom Thema Internet, nur ab und zu wollen ein paar Kommentare freigeschaltet
werden, man mag die Ruhe und die entspannte Haltung über all die Stunden in der
Sonne hinweg kaum glauben, wenn man liest, was alles über Zausel und
Analphabeten wie uns in der Zeitung, auch in dieser Zeitung steht. Natürlich
machen wir, vom journalistischen Standpunkt aus, hassenswerte Dinge; wir
plaudern, wir halten uns nicht an die relevanten Themenvorgaben der Medien, wir
erzählen Geschichten so wie jene, die wir später in das Internet schreiben. Wir
kennen uns auch aus dem Internet, später auch privat, es macht keinen
Unterschied, wie auch nicht bei den vielen anderen, die ich kenne. Es geht um
Gespräche, um das Amüsante, den Diskurs, es muss keinen Anfang und kein Ende
haben, es darf sich verbindlichen Formen verweigern, weil die Formen keine
Bedeutung haben, und die Leser sie noch nicht mal kennen. Wir arbeiten
irgendwie bei Medien, aber wir kümmern uns nicht um das, was sie theoretisch
einfordern, und es kommt erstaunlicherweise gut an, weil wir uns eher um das
kümmern, was die Leser sagen, wenn es
im Netz steht.
Bloggen, nur um dabei zu sein, ist meine Sache jedenfalls
nicht. Ich denke aber, dass Sie von mir lesen werden.
Bischof Overbeck im Gespräch mit der FAZ

Also, Sie, liebe Leser, Sie merken schon, dieser Text
zerfasert und läuft auf ein Ende zu, das keines ist, wie auch ein gutes
Frühstück zum Ende hin zerfällt und zum Mittegessen übergeht, aber das, was ich
hier am Tisch mit meinem Freund in Echt, in Echtzeit, in Realität mache, das
möchte ich auch im Internet machen. Es ist eine Möglichkeit, die das
"Bloggen", um das Wort lässig auszusprechen, das so vielen Kollegen
mit der gleichen Abscheu über die getippten Lippen kommt, wie das verrufene
"Ich", die dieses Bloggen zulässt, weil es mit Verboten und Regeln
nicht funktioniert. Ich - Sie merken vielleicht, wie leicht ich das
niederschreibe - ich glaube, es ist ein
ebenso üblicher wie massiver Fehler, Sie zu ignorieren, wenn ich nicht gerade
etwas Angenehmes wie dieses Frühstück zu tun habe, und deshalb freue ich mich
über Kommentare. Dafür stosse ich Sie mit meinem klar andersartigen Dasein auf
der besseren Seite des Lebens mit unkorrekten Haltungen vor den Kopf, wo andere
peinlich genau darauf achten würden, nur ja nicht selbst in Erscheinung zu
treten. Diesem meinem Verhalten kommt man mit journalistischem Werkzeug nicht
bei; nach der Theorie des Journalismus dürfte es das nicht geben, und wenn
doch, dürfte es beim Leser nicht gut ankommen. Wenn es trotzdem gern gelesen
wird, muss der Leser einen Fehler machen. Zu dumm, zu seicht, zu sehr auf
Plaudern eingestellt. Irgendwas findet man immer, man muss sich nur einzelne
Aspekte einer Sache oder, wollte ich feuilletonistische Überlegenheit
demonstrieren, würde ich "Entität" schreiben, rausgreifen, platt schlagen
und mit ein paar hämischen Bemerkungen an einer dafür konstruierten Theorie,
gerne auch mit Verweis auf Luhmann oder wenigstens Brechts Radiotheorie,
scheitern lassen. So, wie das Deutsche Feuilleton dem Blogger Airen nie
vergeben wird, dass sein geliebtes Haschibopperl Hegemann bei ihm abgeschrieben
hat, werden Journalisten auch den Lesern nie verzeihen, dass sie sich bei ihrem
Leseverhalten nicht an Regeln halten, die sie nicht kennen, und jene
begünstigen, die auch ohne Regeln erzählen können.
im Internetkosmos, wo dieser narzisstischen Selbstbeschau immerhin die Gnade des Übersehenwerdens zuteil würde.
Oliver Jungen, a.a.O.
Nun ja.
Darf ich Ihnen noch eine Tasse Tee anbieten?