Die europäische Krise in San Gimignano
09. Mai 2010, 17:48
Uhr
Solo für einen Ort, sieben Autos und viele Regierungschefs
Hinter jedem der Autos, die in ihrer Gesamtheit des
Klassikerrennens der Mille Miglia das eigentliche Ziel dieser Reise sind,
lugt Italien hervor.

1000 Meilen in drei Tagen sind auch 1000 Gelegenheiten, an
denen man nicht angehalten, einen Schlenker gemacht oder etwas besichtigt hat,
das man gesehen haben müsste.

Und während die Karawane weiter zieht, vorne dran röhrende
Klassiker und hinten dran absurde Promotionteams in hässlichen PS-Monstern, hat
die Toskana hinter dem Jaguar XK120 einmal zu oft hinter den Autos
hervorgelächelt und geblinzelt.

Jetzt belässt sie es nicht mehr beim dezenten Lächeln. Ach
komm, sagt die Toskana in den Kurven Richtung Florenz, und räkelt sich mit
ihren Hügeln, du bist noch nicht mal in Rom richtig angekommen, da hast du
Siena schon wieder verlassen, der Campo war nur eine Kulisse für Fahrzeuge, und
die Ausstellung über die Frührenaissance hast du ignoriert.

Statt Lorenzetti an der Wand liegenbleibendes Blech. Nach
Brescia zum Ziel ist es noch weit, durch die Nacht und die Poebene, aber San
Giminiano ist von Siena aus schnell zu erreichen. Du kannst natürlich
weiterfahren und noch mal 300 Bilder machen, noch mal die gleichen Wägen
abzüglich derjenigem, die jetzt noch liegen bleiben, nur zu - sagt die Toskana,
und sie lächelt im Sonnenglanz. Und denkt sich: Du Depp. Sie hat ja recht.
Kommt gut an, Ihr anderen.

Und eh man sich versieht, kurvt man durch Hügel, erzählt der
Copilotin, dass man San Gimignano unbedingt gesehen haben muss, so etwas gibt
es kein zweites Mal. Denn im sehr viel weniger berühmten, weil nur in der vorzivilisatorischen und vorböhmischen
Oberpfalz liegenden Regensburg haben sich die mittelalterlichen
Geschlechtertürme der Patrizierfamilien sehr viel besser erhalten, und deshalb
liegt dieses Provinznest in der Toskana deutlich auf Platz zwei der besten
Orte, um einen Eindruck vom absurden Willen seiner Bewohner zu bekommen, im
Inneren einer Gemeinschaft Befestigungen gegeneinander anzulegen. Und den
Folgen, die dergleichen haben kann.

Das Mittelalter ist nämlich theroretisch eine ganz und gar
mauernfeindliche Zeit. De iure waren innerstädtische Befestigungen wie in San
Gimignano ebenso wenig vorgesehen, wie den Bankrott eines Landes der Eurozone,
oder dessen Rettung durch mehr oder weniger maulende Regierungschefs. In den
Städten durften laut Gesetz Mauern so hoch sein, dass ein Reiter auf dem Pferd
mit ausgestrecktem Arm die Spitze erreichen konnte. Ziel dieser Regelung war
es, allen Bewohnern die gleichen Rechte für eine begrenzte Einmauerung ihres
Besitzes zu geben. Wer mehr wollte, musste sich spezielle Rechte bei den
Mächtigen beschaffen. Betrachtet man San Giminiano mit seinen hohen Türmen,
kommt man nicht umhin zu erkennen, dass die Regelungen ähnlich trickreich und
dennoch offensichtlich umgangen wurden, wie die Haushaltskriterien der
Eurozone. Denn wie in Europa gab es im republikanisch verfassten San Gimignano
niemanden, der ein echtes Interesse an der Einhaltung der Regeln gehabt hätte.

Im Gegenteil war es so, dass sich in der Bürgergesellschaft,
grob gesagt, zwei Gruppen herausbildeten, die sich aufs Heftigste befehdeten.
Typischerweise sind Städte im Mittelalter Italiens von inneren Kämpfen geprägt,
bis die eine Partei die andere vertrieben hat, wonach sich aus ihrer Mitte in
der Regel ein Diktator aufschwingt und alle anderen unterjocht: Die Scaliger in
Verona, die Sforza in Mailand, die Este in Ferrara, die Malatesta in Rimini,
und, ja, auch die Medici mit der gelungenen Kultur-PR sind Beispiele für einen
einigenden Prozess, an dessen Ende es den Einen gibt, der anschafft, und die
anderen, die gehorchen. In San Gimignano jedoch musste man den Druck der
äusseren Feinde aushalten, was die Familien bei allen Differenzen vereinte. Man
hatte eine starke Mauer um die Stadt gegen die Gegner draussen. Und hohe Türme
im Inneren, um sich gegenseitig zu bekriegen. Das Gleichgewicht war fragil,
aber es hielt bis in die frühe Neuzeit. Dante ist nur einer der vielen Beamten,
die vergeblich versuchten, das Elend innerhalb der Geschlechter beizulegen: In San
Gimignano verliess man sich lieber auf noch ein Stockwerk auf den Türmen, hohe
Eingänge und hochgezogene Leitern, falls die Nachbarn aufkreuzten und etwas
haben wollten, das über Exkremente, Steine und kochendes Wasser hinausging. Und
wenn der Nachbar noch ein Stockwerk auf seinen Turm setzt, blieb man selbst
auch nicht eine Antwort schuldig.

Solche Ressourcenverschwendungen hält kein System ewig aus.
Die Besonderheit an San Gimignano ist nicht, dass es einfach so vor die Hunde
ging, sondern dass es in diesem verhärteten Zustand der inneren Uneinigkeit geschlossen vor
die Hunde ging. Während in den meisten Städten irgendwann ein aufgestachelter
Mob hellenischer Machart kam, um die Türme der gegnerischen Seite zu schleifen
und aus dem Stadtbild zu beseitigen, klebte man in diesem Nest weiterhin an
seinen Türmen, auch wenn der Ort selbst zunehmend in Hintertreffen geriet. Denn
während andere Städte in jener Zeit wuchsen und profitierten, zeigte sich im
späten Mittelalter, dass der exportbasierte Reichtum der Stadt - sie lebte vor
allem vom Verkauf eines teuren Färbemittels für Tücher - nicht von Dauer war.
Man konnte sich innerhalb der Mauern, von Turm zu Turm natürlich weiterhin die
Schädel einschlagen, und wenn es nicht mehr mit den modernen, teuren Waffen
ging, konnte man auch Steine, Kochtöpfe, Sonntagsreden der Kanzlerin, und was sonst noch schwer und stumpf
war, benutzen. Es änderte aber nichts am Umstand, dass dieses reizende,
pittoreske Städtchen irrelevant wurde, weil die Einigkeit seiner Bewohner nur
auf dem Pergament der Bürgerurkunden existierte. Ansonsten ging es zu wie beim
Konflikt in der EU zwischen jenen Ländern, die noch etwas haben, und jenen
anderen, die jetzt oder bald etwas brauchen. Die Idee, dass manche Länder
freiwillig pleite gehen und dem Rest damit helfen, ist vermutlich ebenso
realistisch wie die Erwartung in San Gimignano, ein verarmtes Geschlecht würde
seinen maroden Turm abreissen und die alten Fehden beiseite legen, denn in den
Urkunden des Ortes steht über die Zulässigkeit von Strassenschlachten
ebensoviel, wie in den Maastrichtkriterien von Bilanzfälschung und Vertuschung
von Defiziten mit Hilfe von Goldman Sachs.

Letztlich lagen einem der eigene Clan, die eigene Klientel
und das Wohlergehen der eigenen Gefolgsleute doch immer näher, als die
Vorstellung eines Gemeinwesens, das von selbst lief, solange man nur Geld
erwirtschaftete und verteilen konnte. Die inneren Uneinigkeiten gingen immer
weiter, bis der Ort zu einem drittklassigen Kaff herabgesunken war, der sich am
Ende selbst dem Herzogtum Florenz unterstellte, wohin all die Wirtschaftskraft
der Region gegangen war. Natürlich war Florenz alles andere als gesellschaftlich überlegen oder
gar ein Ort, wo man unterschiedliche Meinungen vertreten konnte; entkleidet man
das Medicifürstentum von seiner eigenen Propaganda, bleibt nur eine zynisch
durchkalkulierte Oligarchie übrig, deren aus der Republik übernommene
Strukturen so demokratisch wie der chinesische Volkskongress sind. Die Märkte
jedoch konnten damit mehr anfangen, als mit dem zerstrittenen Örtchen nahe
Siena, dessen Produkte man auch andernorts kaufen konnte. In Florenz baute man
keine Türme mehr, sondern Kuppeln und Uffizien, Paläste und Parks,
Handwerkerviertel und Bankhäuser, Galgen und Waffen für Söldnerheere. San Gimignano blieb ein Monument der eigenen,
turmbewehrten Dummheit und der Interessenspolitik seiner Geschlechter und
Patrizier.

Aber es ist sehr pittoresk und neben Regensburg einzigartig,
und durch die Gassen schlendern Abertausende von Touristen, denken sich
Italien! Toskana! Kultur! Türme! Und kaufen ein, Schuhe, Alabasterfrüchte,
Kissenbezüge (die sind allerdings wirklich sehr schön, mit Bommeln), es gibt
auch noch Ascotkrawatten, die so praktisch sind, wenn man offen durch die
Toskana fährt. Sie machen sich einen schönen Tag, es ist Urlaub, die
Kreditkarte sitzt so locker in Hand wie ein Brandsatz in Athen, und was morgen
ist, ist doch egal, unsere Politiker werden mit ihrem Krisentreffen und ein
paar Milliarden mehr das Kind schon schaukeln, in unserem einigen Europa, und
mit den Chinesen und Amerikanern werden wir allemal fertig. Wir sind doch nicht
von gestern. Oder vom Mittelalter.