Moderne und Absolutismus 2: Der Fürstbischof.
23. Juni 2010, 17:19
Uhr
Es lag ein Bischof
tot in einer Mur am Zederngebirge fünf Stunden schon unter strömenden
Wolkenbrüchen. Die Mur war hinabgemalmt mit ihm und seinem Karren und seinen
Maultieren und seiner Geliebten, unter ihm fort, über ihn hin, als schmettere
das Erdreich ihn in den Schlund der Hölle, kurz vor Anbruch der Nacht.
Wolf von
Niebelschütz - Die Kinder der Finsternis
Unter den Domen der
deutschen Christenheit nimmt der Kiliansdom in Würzburg eine Sonderstellung ein:
Nach der Bombardierung im 2. Weltkrieg stürzte das Langhaus ein, und wurde
bewusst ohne all die Pracht der früheren Barockstuckatur wiedererrichtet. Die
Neugestaltung greift statt dessen die ursprüngliche Form des Kirchenraums aus
der Mitte des 11. Jahrhunderts wieder auf. Schlicht und schmucklos ist die
Architektur, nur an den Säulen stehen aufgerichtet all die Grabdenkmäler der
Fürstbischöfe, die den Bombensturm überlebt haben.

Seit an Seit stehen sie dort, in vollem Ornat, und man ist
versucht, sie zu fragen, was sie denn von den aktuellen Vorgängen rund um die
katholische Kirche, ihre Bischöfe, deren Streitigkeiten und Konflikte, den
unrühmlichen Abgang von Mixa, die mutmasslich nicht ungezielte Weiterleitung
von Dossiers an die Presse, Entschuldigungsschreiben und die Verwicklung des
Vatikans in all diese Vorgänge halten, Oder dazu, dass nun langsam bekannt
wird, dass man vieles schon recht lange ahnte, und sich bei den Bischöfen auch
manche Überraschung über die diversen Vergehen doch in recht engen Grenzen
hielten.

Die Herren aus Marmor und Kalkstein, denen man diese Fragen
stellen könnte, sind natürlich zu ganz anderen Zeiten in Amt und Würden
gewesen, in aller Regel frei von irgendwelchen Journalisten, Zeitungen, und
aufmüpfigen Landeskindern. Sie treten vor den Betrachter auch nicht nur als
Gottes Diener, den sie anbeten, sondern auch, vermittels des Herrn mit dem
Schwert in der Hand, als weltliche Herren. Kaiser Barbarossa hat dem Bistum
Würzburg eine autonome Stellung im Reich verliehen, und so stiegen die Bischöfe
auch zum weltlichen Herzog von Franken auf. Von Gewaltenteilung hielt man
damals allgemein recht wenig, und so betätigten sich die geistlichen Herren so,
wie es eben nur Leute tun können, die Exekutive, Legislative, Judikative und
obendrein Herrscher über das Seelenheil und Unheil anderer sind. Manche
verbrannten ihre Landeskinder, andere vertrieben Andersgläubige, viele führten
bewaffnete Konflikte, einer wurde wegen einer gestrichenen Belohnung eines
Parteigängers ermordet, und andere pressten das Land und das Bistum nur aus, um
sich im Rokoko grandiose Schlösser zu bauen und dort angenehme Gesellschaft von Frauen zu pflegen, von denen im Dom, angesichts des
Todes, weniger die Rede ist.

Es ist dies alles natürlich trotz der nicht immer schönen
Begleitumnstände sicher mehr das "christliche Europa", das immer so
gern beschworen wird, wenn es um die Leitkultur geht, als, sagen wir mal, der
letztlich dem Zeitgeist doch hinterhereilende Glaube der überzeugten Anhänger
in den Gemeinden; ein Glaube, der zwar immer noch seine liebe, weil Diskriminierung
nun mal Spass macht, Not mit Geschiedenen hat, aber auch ein Glaube, der nicht
mehr ist wie in den 50er Jahren, als Frauen in der Kirche Kopftücher tragen
mussten, oder in den 30er Jahren, als man ohne Beichtzettel nicht heiraten
konnte, oder in den 10er Jahren, als man das Gerede bekam, wenn die Angetraute
nicht katholisch war, und Welten fern von der Vorstellung, dass tatsächlich ein
geistlicher Herr über alle Belange des Lebens entscheiden konnte.

Nun sind die Fürstbischöfe nicht ohne Grund unter Napoleon
in Deutschland weggefegt worden, ihre Herrschaftsbereiche wurden Fürsten
zugeschlagen, die sich nicht mit Händen und Füssen gegen das neue Vermögen
sträubten, und auch im Biedermeier war allen Beteiligten ausser den letzten,
entmachteten Fürstbischöfen klar, dass man zu den Zuständen vergangener
Jahrhunderte nicht würde zurückkehren können. Der geistliche Potentat war
damals schon so undenkbar, wie es heute eine Rückkehr Chinas in die
Kulturrevolution wäre, oder eine neue, adenauersche Bleiplatte über der
Bundesrepublik. Es gibt einfach historische Gesellschaftsstrukturen, die durch
den Fortgang der Geschichte ihre Existenzberechtigung verlieren. Da ist nichts
an der alten Elite der Fürstbischöfe, das heute noch vermittelbar wäre.

Diese banale Selbstverständlichkeit, die man leicht
angesichts der verwitternden Grabplatten im Kreuzgang von Würzburg formulieren
kann, wird dennoch konterkariert durch all das, was man im Moment über
Kirchenvertreter lesen muss. Man kann die Selbstherrlichkeit diverser
Kirchenmänner angesichts des Offensichtlichen schlimm finden, man kann sich
auch noch über immer noch verstockte Entschuldigungen eines Emeritus Mixa
ärgern, in denen geschrieben steht: "Während der vergangenen Monate ist
sehr viel in den Medien über die Verhältnisse in der Diözese Augsburg, auch
über meine Person, geschrieben und gesagt worden. In vielfältiger Hinsicht
waren die Berichte in dieser oder jener Richtung tendenziös." Und
weiteres. Man könnte aber auch die Frage anders stellen: Tritt uns hier nicht
einer der alten Fürstbischöfe entgegen, und , auch diese Frage muss, selbst
wenn sie für gerade konservative Eliten dieses Landes schlimm sein mag,
gestellt werden - war das nicht doch ein Fürstbischof, den man da hatte, nicht
mehr mit der weltlichen Macht, aber mit dem Bewusstsein der Macht und der
Illusion der Unberührbarkeit, die auch all die Herren an den Säulen des
Würzburger Domes auszeichneten?

Offensichtlich konnte man eine ganze Weile in einigen
Bistümern mit dieser inneren, alteuropäischen Haltung eines Fürstbischofs
Karriere machen, Entscheidungen treffen und Dinge tun, die nirgendwo
undenkbarer als ausgerechnet bei den eigenen Anhängern wären. Da reibt sich das
trunkene, sinnenfreudige, sorglose und prächtige 18. Jahrhundert mit seinem
ganzen Feudalismus noch einmal kräftig an der moralischen Grundeinstellung des
Bürgertums, da ragt ein Stachel des Absolutismus hinein in das weiche,
ungeschützte Lendenfleisch der Menschen, die sich für die Wortführer der
Anständigkeit halten. Dass man nun auch unter den Kollegen dieses Herrn nicht
mehr bereit ist, die Handlungen als Fortschreibung einer Tradition zu
begreifen, sondern als Problem für die Existenz in der Moderne, ist kein gutes
Zeichen für alle, die noch eine Hang zu autoritären Denkweisen haben. Mit Mixa
wird nicht ein Bischof aufs Altenteil geschoben, oder, wie manche denken, ein
unliebsamer Konservativer, sondern das Konzept des Fürstbistums. Man ordnet
sich der Leitkultur des Bürgertums unter, solange es einen noch haben will.

Natürlich, und auch das ist eine Lektion des Würzburger
Doms, sind all jene Bischöfe interessanter, die sich nicht nur der Sanierung
der Finanzen, dem Zukauf von Herrschaften und den geistlichen Belangen
widmeten. Die fraglos besseren Geschichten haben all die Herren, die so gar
nicht den geistlichen Tugenden entsprachen, Vermögen verprassten, gigantische
Schlösser bauten und enorme Schulden für Untertanen hinterliessen, die ihren
Särgen hinterher spuckten. Allein, solche Geschichten gewinnen erst ihren morbiden
Charme, wenn man niemand mehr kennt, der darunter leiden musste, und dieses
Privileg hat man in Zeiten der Massenmedien nicht mehr. Zumal ganz andere schon
längst bereit stehen, die verdrängten Wünsche nach feudalen Zuständen und wenig
Nachdenken zu befriedigen. Denn ein Baron ist in den Augen vieler immer noch
ein Baron, selbst wenn sein Verhältnis zur Wahrheit mitunter auch nicht
anheimelnder ist, als das eines Bischofs, dessen Kaseln nie so fesch sitzen
werden, wie ein bürgerlicher Anzug.