Der Krieg in unseren Dörfern
17. Juli 2010, 23:54
Uhr
Und es gibt nichts,
von dem Wir keine Schätze hätten; aber Wir senden es nur in bestimmtem Maß
hinab.
Mohammed, Der Koran
Wir haben die Räder genommen, sind den Hügel hinab gebraust,
schnell über die Strasse geschlüpft, auf der sich die eine Hälfte Münchens
Richtung Süden staut, während die andere Hälfte gerade noch im Stau auf der
Autobahn steht. Auf dem Parkplatz im Ort ist heute Flohmarkt, sie können nicht
bleiben und ergiessen sich Richtung Tegernsee und Rottach, aber wir radeln auf
einem kleinen Weg in eine andere Richtung, hinter ein paar Schilfgürteln
vorbei, bis die letzte Villa verschwunden ist und sich einige kleine Buchten
zum See hin öffnen. Ein paar Bäume spenden Schatten, und am Übergang zwischen
Kiesstrand und Wiese sind die Steine fast so fein wie Sand. Dort breiten wir
die Decken aus, ziehen das Porzellan behutsam aus meinem Schweizer
Militärrucksack, der für das Gepäck dieses Tages gerade so genug Platz hat,
nehmen etwas Tee, und was sich sonst noch findet. Von der anderen Seite dringt
das monotone Rauschen des Verkehrs herüber, aber hier ist es still. Wir sind
früh genug gekommen, für den kleinen Traum vom grossen Sommertag am See.

Es ist so friedlich hier und still, die Buchten sind so
klein, dass jeder eine für sich haben kann, und durch die Flora so getrennt, dass man für sich
bleibt. Wer hier liegt, kommt auch zumeist von hier, denn dieser Teil des
Sees ist noch wenigen bekannt, und schon gar nicht jenen Massen, die der
Verderbnis durch Mückenschwärme und Wüstenhitze nur für ein paar Wochen am See
entgehen wollen. Die treffen sich dann weiter unten im Süden, wo es dem
Fremdenverkehrsverband gefallen hat, Wellnessangebote und einen Sandstrand zu
offerieren. Dort zeigen sie dann die mässigen Erfolge ihrer Erziehungsarbeit
und neueste Kinderwägen vor, reden über den neuen Kindergarten, in dem ab dem
4. Lebensjahr Englisch unterrichtet wird, und schwimmen den trötenden
Ausflugsbooten in die Fahrrinne. Aber hier ist es noch friedlich, ab und zu
kommen Hundebesessene vorbei, ein paar alte Tanten oder andere Radler. Sehr
fein, das alles, sollte man meinen.
Irgendwo, vermelden Nachrichten, bringen Araber einander
oder Soldaten aus dem Westen um, in grossen Städten regiert Gewalt die
Strassen, verkündet eine falsch verstandene Religion Hass und Unterjochung,
muss sich der neuzugezogene Berliner Bürgerlichkeitsbürger unter hohen Kosten
den Wohnraum in Kreuzberg und Neukölln gegen türkischstämmige und den
Mieterverein bemühende Alteinwohner ergentrifizieren, und dann sind da noch die
blanken Muslimhasser, die sich bald im Jahr 9 des Weltkriegs des angegriffenen
Westens gegen die islamistische Bedrohung wähnen. Niemand sieht dagegen das
Drama, das unter der Stille am See tobt, der Konflikt zwischen Orient und
Okzident, der sich an diesen Gestaden auftut und alle, die hier wohnen, im
Wesenskern trifft. Es mag wie ein friedlicher, oberbayerischer See wirken, aber
längst toben auch hier Kämpfe um Verteilung und Räume. Gerade hier.

Denn aus irgendwelchen vollkommen unverständlichen Gründen
wurden nicht nur in meiner Heimatstadt Immobilien in Dubai als Wertanlage
angepriesen. In fernen Wüstenreichen muss es auch die Absurdität von
Vermögensverwaltern geben, die den dort lebenden Reichen von diesem See
erzählen, seinem angenehmen Klima, und nicht von all den Regentagen, die hier
bald nach Mittag mit tiefen Wolken und hellen Blitzen heran dräuen. Der Bayer
als ein solcher, müssen sie erstaunlicherweise behaupten, sei gar kein
schlechter Mensch, man könnte gut mit ihm auskommen, was vielleicht sogar
stimmt, wenn man als Bezugsgrösse einen Tiroler FPÖ-Wähler daneben stellt. Die
Landschaft sei lieblich, der Sommer angenehm, die medizinische Versorgung
bestens und gar nicht voll von fettabsaugenden Silikonpfuschern, und zudem
seien die Immobilienpreise recht günstig, wenn man sie mit Moskau, Tokio und
anderen Destinationen vergleicht. Kurz, es muss so gelogen werden, wie beim
Verkauf von Dubai als weltoffener und angenehmer Ferienregion, nur eben auf
arabisch. Und es funktioniert, wie man eben auch Menschen aus Pfaffenhofen
Häuser auf Palmeninseln andrehen kann.
Nur sind die im Meer aufgeschüttet. Hier am See wird der
Bestand international verkauft, und diese Klientel hat genug Geld, um sich
nicht mit Petitessen wie Preisvergleichen oder drohenden Enteignungen wegen
eines Wegebaus am Ufer zu scheren. Diese Klientel kauft, kommt ab und zu, macht
dies und das, vor allem aber: Sie hebt die Preise an. Man kann erheblich mehr
verlangen, sollte Opa sterben und eine Villa am See hinterlassen. Dem Makler
ist die Herkunft der Käufer egal. Der globale Markt gibt das her. In Berlin
können die Ausgebooteten, die weniger Vermögenden, die Ärmeren in andere
Viertel mit Wohnungsleerstand ausweichen, und dort auf den nächsten
Gentrifizierungsschub warten, der vielleicht nie bis zum Wedding kommt. Hier
jedoch ist das Tal zu eng, die Neubauten zu selten. Die weniger reichen
Deutschen werden in Lagen mit noch unreicheren Menschen abgedrängt. Der normale
Millionär etwa kann sich ein Ferienhäuschen mit Seezugang und kleinem Park gar nicht mehr leisten.
Sitzt am Sandstrand in Tegernsee und sieht, wie auf der anderen Seite in
Rottach die Verschleierten ihre neue Teilzeitheimat besichtigen. Wenn nicht
gerade mal wieder der vollverhagelte Hochsommernovember ausbricht, das Pendant
zur quallenverseuchten Gluthitze in Dubai.

Für das Opfer der arabischdominierten Reichengentrifizierung
kann es kein Trost sein. Es gibt nichts, was man dagegen tun kann, der
Kapitalismus ist bei der Festsetzung von Preisen nicht freundlicher als alle
anderen Arten der Gewaltherrschaft, der man sich mal freiwillig, mal erzwungen,
unterwirft. Es trägt nicht vollumfänglich zur Verständigung der Kulturen bei,
es folgt einer unbarmherzigen Logik und weniger den Gepflogenheiten einer guten
Nachbarschaft, und gerade die Legalität dieser Veränderung hinterlässt ein
bitteres Gefühl der Machtlosigkeit. Andernorts ist man längst dabei, die Konsequenzen zu ziehen: In Tirol bringt man Gesetze und Verordnungen
gerade in Urlaubsregionen gegen kaufwütige Piefkkes Deutsche in Stellung. In Meran gibt es bei
ein und derselben Immobilie niedrige Preise für Einheimische und hohe Preise
für Deutsche. Aber hier, am See, ist man den Marktgewalten zugunsten Anderer
schutzlos ausgeliefert. Gerecht ist das nicht. Wären die Häuser hier doch
wenigstens so schnell und billig zusammengeklatscht, wie das, was andere in
Dubai erwarben, dann wären sie bald unbewohnbar, und das Problem wäre durch einen schlechten, preismindernden Ruf gelöst.
Und so zieht man, unfähig, der arabischen Gegenbewegung
Paroli zu bieten, weiter in andere Orte, die das internationale Anlegerkapital
noch nicht gefunden hat, kauft sich dort ein, und blickt von der Ferne herab
auf Orte, die so gar nichts mehr zu tun haben mit dem, was den See eigentlich
ausmachen soll. Fein, so denken sie, wäre es, wenn man die Globalisierung aufhält, wo
sie raubt - an den Ufervillen, erworben mit diktatorischen Petrodollars - und dort fördert, wo sie Gutes tut - bei den
sicher demokratiefördernden deutschen Exporten von schluckfreudigen Autos nach China.

Und während der Zuckerschock hinter den eigenen Gardinen über die übelste Verstimmung angesichts der
Unmöglichkeit einer Reconquista hinweg hilft, überlegt sich vielleicht schon
ein leitender Angestellter einer globalen Maklerfirma, wie er den See dem
chinesischen Geschmack zuträglich machen könnte, denn mit der Aufwertung der
kommunistischen Währung hat man im Reich der Mitte ganz andere Möglichkeiten.
Nicht so gut wie die Araber vielleicht, aber es gibt am See ja auch noch andere
Orte, die nur darauf warten, für internationales Geld erschlossen zu werden.
Und im Vergleich zu den Spekulationsblasen in Fernost ist es hier immer noch
billig. Bis zur nächsten Angebotsverknappung und Preissteigerung, natürlich.