Die Klassengesellschaft im Biergarten
21. Juli 2010, 19:54
Uhr
Bier her, Bier her,
oda i foi um.
(trad.)
Vielleicht hat der Klassenkampf von Unten an Strahlkraft
verloren, weil er immer die gleichen Rituale und Ansagen verwendet. Man trifft
sich am 1. Mai, hört Parolen, es gibt die üblichen Appelle bei den
Armutsberichten und Klagen über den Raubtierkapitalismus - ansonsten kauft man
billigste Kleider aus Bangladesh und bleiverseuchtes Spielzeug aus China, und
bei Lebensmitteln zählt allein der Preis. Klassenkampf von Oben kennt dagegen
viele Gesichter und Wirkungsweisen, hält sich nicht bei Forderungen auf, und
macht gleich die Wünsche in der Realität fest. Nehmen wir nur mal diesen
entzückenden Pfad über eine Wiese, über den wir rollen:

Am Ende dieses Pfades ist ein Damm. Der Damm steht hier,
weil wir uns im Überflutungsgebiet der Donau befinden. Früher war hier Urwald,
später "morastige Eselswiesen", und dann ein Schiessplatz, denn alles
andere wäre zu gefährdet gewesen. Später kamen ein paar Wochenendgrundstücke
dazu, und daraus entstand vor ein paar Jahrzehnten, als der Fluss reguliert und
mit Staustufen versehen wurde, ein Wohnviertel. Nicht irgendeines. Das
Westviertel der Stadt, aufgeteilt in zwei Areale, und dazwischen diese Wiese
mit dem Pfad und dem Damm. Der wurde 2001 schnell und nach neuesten
Erkenntnissen angelegt, nachdem sich die Donau 1999 als doch nicht so leicht
regulierbar erwies. Damals war diese Wiese ein See, und im Westviertel zerriss
das Grundwassser Fundamente, flutete Schwimmbecken und Keller, und erinnerte
die Bewohner an die Richtigkeit des Ratschlusses ihrer Vorfahren, das bessere
Viertel der Altstadt nicht im Sumpf "bei der Schleifmühl", sondern
auf dem Hochufer anzulegen. Als die Donau 2002 und 2005 schon wieder neue
"Jahrhunderthochwasser" zeitigte, sass man im Westviertel hinter dem
biotopverschönten Luxusdamm auf dem Trockenen. Niemand muss hier fallende
Immobilienpreise befürchten.
Klassenkampf von Oben hat viele Gesichter, und stets wird
etwas Kleines, Unscheinbares, scheinbar Unwichtiges gefordert, angeeignet und
genommen. Am Tegernsee verkaufen sie an die Superreichen, und manche heften ein
Schild mit der Aufschrift "Privatstrasse" an die Laternen.
Andernorts, wie hier weiter vorne, werden Anliegerzonen ausgewiesen und
Verkehrsflüsse umgeleitet, es darf vielleicht noch jeder hinein, aber so
richtig öffentlich ist der Raum nicht mehr. Mal ist es Verordnungen oder
Subventionen, die Reiche bevorzugen, mal sind es Preise, die Arme
ausschliessen. Die einen radeln entlang der Hauptverkehrsstrassen in die Stadt,
die anderen auf Brücken darüber hinweg und durch den Park.

Worin sich ein alter Befestigungsgraben befindet, darüber
ein Steg, und daran wiederum ein Hinweis auf den nahe liegenden Biergarten am
Wasser. Und dort steht - neben erfreulicher Preisgestaltung der angebotenen
Speisen und Getränke - geschrieben: "Essen darf mitgebracht werden!"
Ganz gross, auf leuchtend orangem Grund. Nicht "Exquisite Lage und
exklusiv zu hart gekochte Nudeln an irgendwelchem importierten Zeug, das hier
niemand richtig aussprechen kann, aber in den Kochsendungen wird so viel davon
geredet", oder "Heizpilze im Winter, Klimaanlage im Sommer und
Frankfurter Preise das ganze Jahr", oder "Top Location mit Event
Charakter, Abend Afterwork Chillen mit DJ Deus Ex Machina". Nein, hier
steht "Essen darf mitgebracht werden!" Mit Ausrufezeichen.
Früher war das immer so. Historisch gesehen sind Biergärten
kühlende Kastanienanpflanzungen über Bierkellern, an denen das Getränk billig
und ohne Aufwand ausgeschenkt wurde. Die sonstigen Einrichtungen sind bis heute
eher rudimentär, ein paar Tische und Bänke aus Holz in langen Reihen, eine eher
begrenzte Gastronomie, und daher eher "öffentlicher Raum" denn
"Wirtschaft". Irgendwo zwischen Zivilisation und Natur, kein Picknick
mehr, aber auch noch kein Restaurant, trinken muss man, aber essen darf man,
was man will. So steht es in der Bayerischen Biergartenverordnung, so sagt es
die Tradition, und eigentlich ist es gar keine schlechte Idee für diese unsere
Gegenwart, in der man mit Wurstsalat, Schweinshaxn, Steckerlfisch und Leberkäs
grössere Teile der Bevölkerung eher abschrecken und verjagen kann: Eine
gesellige Veranstaltung soll es sein, für Reich und Arm, und wer nicht
zufrieden ist, kann sich eben seine eigenen Dinge beim Molekularkoch um die
Ecke in eine handlackierte Bento Box packen lassen und mitnehmen. Hier
zumindest.

Trotz der Nähe zur besten Wohnlage. Andernorts bekommen die
Bedienungen enormen Druck, wenn sie nicht auf die Gäste Druck machen, dort das
Essen mitsamt dem Bier zu bestellen. Denn der Biergarten geht in allen besseren
Lagen den Weg aller einfacher Freuden, die zum Lebensgefühl, zum Stil, zum
unverzichtbaren Erlebnis umgewandelt werden. Auf den Spuren der Eselswiesen vor der Stadt, der Armenspeisen
von Austern und Krebsen, der vormaligen Unkräuter Rucola und Bärlauch, der
Unterschichtenverblödung der Volksfeste wandeln die Kastaniengärten in München
und am Starnberger See, es gibt zugeparkte Wege, astronomische Preise für
mediokre Massenware und eine Bedienung so pampig und dreist wie in Berlin, Extrakosten
für die Toilettenbenutzung und massenhaft Besserverdienende, die einfaches
Volk, Bauern und Gaudiburschen in Pseudotracht vortäuschen. Zusammen mit einer
scheinbaren Gleichheit auf Holzbänken, die aufgrund der Preise und des
Bestelldrucks schon lange nicht mehr von normalen Menschen frequentiert werden.
Klassenkampf von Oben sagt auch: Biergarten muss man sich dort erst mal leisten
können. Berufspartymacher sind willkommen. Der 52-jährige Lastwagenfahrer wird
sich dagegen in etwa so wohl fühlen, wie bei der scheinegalitären Strandbar in
Berlin Mitte.
Hier ist das noch anders. Es mag der umliegenden Bevölkerung
geschuldet sein, die nicht unbedingt den scheinbar heimatverbundenen Bayern
geben muss. Das ist hier nichts besonderes, man wird als Bayer geboren und lebt
damit, wie andere mit anderen Behinderungen leben. Man muss nicht vortäuschen,
was man ist, man muss dafür nicht spezielle Lokale aufsuchen, um als Bayer
aufzufallen und als solcher respektiert zu werden. Seit gut 30 Jahren komme ich
hier vorbei, und war nicht öfters als ein paar Dutzend mal in diesem
Biergarten, der hübsch und lauschig ist, aber halt auch nur ein Biergarten. Es
is, wias is, sagt man hier bei uns. Es ist nicht, wie es war, lernt man dagegen
an allen Orten, wo Menschen glauben, auf eine Art sein zu müssen, wie sie nicht
sind. Aber immer findet sich jemand, der bereit ist, damit Geld zu verdienen
und ihnen einzureden, dass sie nun dazu gehören - zu was auch immer: Gruppe,
Klasse, Elite, zu den Richtigen eben.

Träge rollt der Bierwagen durch den Park, vorbei an Rentnern und
Schülern, fährt hinab zum Graben der alten Befestigung, wo man am Wasser sitzen
und aggressive Bremsen totschlagen kann, die vom ordinären Schweiss angelockt
werden. Die Luft vibriert und lebt von Getier, von Schmeissfliegen genauso wie
von Schnaken, Bienen und Libellen, und dadurch sirren im wahren Klassenkampf
von Oben die Schwalben und töten sie alle ohne Unterschied. Es ist heiss, auch
am Wasser, man bestellt vielleicht noch eine Mass ohne Essen, gerade bei der
Hitze, und wartet auf die Kühle des Abends, wenn man etwas Zeit hat. Es gibt
schlechtere Orte, den Sommer zu verleben, und die erkennt man daran, dass sie
Kastanien haben, einen Zwang, etwas zu bestellen, und eine Gesellschaft, die
nicht wirklich gut ist.