Eine kurze, goldene Sommerliebe
28. Juli 2010, 17:33
Uhr
My love is like a high prison wall, but you
could leave me standing so tall.
Spandau Ballet, Gold
Es gibt aus der guten, alten Zeit - jenen Tagen des
Prinzregenten vor dem ersten Weltkrieg, dieser Zeit, in der Bayern liebenswert,
weltoffen, charmant und vermögend gewesen sein soll - diese nette Geschichte
von den reichen Kindern meiner dummen, kleinen Heimatstadt an der Donau, die
bei ihren Vätern nicht mit Glaskugeln, wie andernorts üblich, Schusser spielen
durften. Sie durften dafür Goldstücke nehmen. Es war eine gute Zeit für sie,
alles entwickelte sich prächtig, es kam das elektrische Licht und das Motorrad,
es kam der Prinzregent zum Jagen, und man hing die blauweissen Fahnen hinaus.
Dann starb der Prinzregent, es kam der grosse Krieg, das Gold gab man nicht
mehr für das Schusserspielen her, sondern für Eisen und patriotische
Kriegsanleihen, die nach dem Krieg wertlos waren. Es kam die Inflation und die
Rentenmark, es kam der Hitlerputsch und das Dritte Reich und der nächste Krieg,
und dann der lange, beschwerliche Weg zurück an die Weltspitze, an der man sich
vor 100 Jahren schon wähnte. Und bald, denke ich, werden Reiche wieder ihren
Kindern Gold zum Schusserspielen geben können.

Es ist ja genug da. Gold wurde in den letzten Monaten in
Münzen gekauft und in Zertifikaten mehr oder weniger gesichert, es gab
angeblich enorme Engpässe bei der Versorgung mit dem seltenen Metall, Omas
brachten die Zähne ihrer verstorbenen Männer zum Schmelzen, unverkäuflicher
Schmuck der 70er Jahre wanderte aus Leihhäusern in die Scheideanstalten,
Goldseiten im Internet stiegen zu gefragten Orakeln auf, und in den Talkshows
fanden sich immer welche, die dem Goldanteil im Portfolio angesichts von
Eurokrise und Schuldenmisere das Wort redeten. Das ist gerade mal ein paar Monate her. Inzwischen geht es Spanien
und Portugal noch schlechter, ein läppischer Stresstest wurde vorgetäuscht, die
Banken haben sich erfolgreich - nicht dass man es anders erwartet hätte - gegen höhere Eigenkapitalregeln gewehrt, in den
USA droht weiterhin eine zweite Rezession, die Gelddruckerei läuft immer noch
auf Hochtouren - und der Goldpreis ist vom Höchststand aus 15% abgestürzt. Oder
anders gesagt: Wer in den letzten drei Monaten Gold kaufte, kann sich jetzt
entscheiden zwischen Hoffen und Verluste realisieren.
Das Amüsante am Edelmetall und seiner Aura ist, dass es
allein durch seine Existenz einen begehrlichen Glanz hat, der dem banalen
Handel vollkommen abgeht. Das Fehlen von Gold auf dem Markt ist eine grosse
Nachricht, als würde die Sonne nicht mehr aufgehen, die Knappheit eine Gefahr
für Freunde von "Sicherheit", aber mit Banalitäten wie einer
geänderten Investmentstrategie durch die Auflösung von Handelskontrakten
schafft man es kaum auf die Seite 1 von Boulevardgossen, und auch nur begrenzt auf
Anlegerseiten etablierter Medien, Der Text hinter dem Link gesagt, dass das
Metall jetzt wieder weniger begehrt ist, und man ohne Probleme kaufen kann,
weil andere ihr Interesse daran verloren haben. Und diese Händler ohne
Interesse sind enorm viel grösser, als der klassische Westviertelbewohner in
seiner Angst vor dem Zusammenbruch, der nun im Staub des weiterziehenden
Marktes zurückgelassen wird.

Auf seinem zunehmend entwerteten Goldhaufen. Andere
Sachwertstrategien kann man irgendwie nutzen, von Silberbesteck kann man essen,
ein klassisches Fahrzeug kann man fahren, ein Bild kann man betrachten, auf
einem Biedermeiersofa kann man ruhig schlafen - aber was macht man mit ein,
zwei, drei Kilo Gold? Man denkt vielleicht erleichtert an die noch ärmeren
Betroffenen, die in diesem Wirtschaftsweltkrieg Geld für Zertifikate gaben,
oder gar für Futures, und dennoch liegen die Barren bleischwer herum. 10% des
Vermögens könnte und sollte man durchaus in Gold anlegen, tönten die üblichen
Gazetten für Entscheider und Reiche. Da kommt auch bei einem ärmeren Millionär
schnell ein ziemlicher Haufen zusammen. Warum also nicht in guter Tradition
wieder den Kindern zum spielen geben?
Über 50 Jahre hinweg, tönte es aus den Bleilettern der
Medien, sei Gold ohnehin preisstabil. Lange, sichere Anlagehorizonte, das
wollte man doch in Zeiten kurzfristiger Unsicherheiten, da muss man nun eben
etwas aussitzen. 50 Jahre sind eine lange Zeit, da kann man gar nicht früh
genug anfangen, den Nachwuchs in die Geheimnisse der Vermögensverwaltung
einzuführen, denn niemand weiss, ob das Gold in diesen 50 Jahren noch mal so
hoch steigt - und falls es das tut, was der Auslöser sein wird. Es steht zu
befürchten: Andere Dinge, die für die Vermögensverwaltung relevant sind. Im
Moment jedenfalls weist Gold noch eine üppige Wertverlustrate auf, die jede
befürchtete Turboinflation in den Schatten stellt, und noch ist Luft nach
unten.

Überhaupt, so scheint es, hat das Verhältnis zwischen den
Sicherheitssuchenden und Gold viel gemein mit einer überaus grossbürgerlichen
Ehe in Zeiten des Prinzregenten: Geschlossen mit finanziellen Interessen und
unter öffentlichen Fanfarenklängen und Gratulation, ein paar Wochen
Begeisterung ob der zu erwartenden Beglückungen, Gewöhnung, Normalität und am
Ende die schreckliche Erkenntnis, dass die Braut zunehmend unschön,
warzenbehaftet und hinkend wird, und man dennoch noch 50 Jahre mit ihr wird
aushalten müssen. Über so etwas redet man natürlich nicht, und darüber will man
auch nichts in der Zeitung lesen, man beisst die Zähne zusammen und hofft auf
bessere Tage. Derweilen sind die Hochzeitsarrangeure, die Kuppler, die
Betschwestern und die Tortenlieferanten froh, wenn es auch noch andere
Themen gibt, über die man reden kann,
ohne als schlechter Ratgeber dazustehen. Ansonsten werden Schlafzimmer
getrennt, und das einst so verlockende Funkeln kann irgendwo alleine liegen
bleiben. Nur echte, grosse Krisenzeiten, Kriege, Katastrophen könnten wieder
eine Zweckgemeinschaft formen. Derweilen überlegen schon die Puffmütter in Frankfurt,
welche losen Dirnen des Finanzmarktes sie demnächst in die besseren Viertel
schicken können, nachdem der Wunsch nach stabilen Verhältnissen so
unbefriedigend endete.
Aber davon, wie vorerst üblich, redet man nicht mehr in der
Öffentlichkeit. Niemand gibt gern öffentlich zu, dass er schlecht mit dem Geld
umgehen kann, oder sich gar von Talkshows beeinflussen lässt. Das passt nicht
wirklich ins Selbstbild, und zudem bleibt das Gold, es verschwindet und altert
nicht. Es ist zwar totes Kapital, es ist vielleicht für viele Jahre und
Generationen Verlust, aber es hätte immer noch schlimmer kommen können, man
denke nur an gewisse Immobilienfonds. Oder Medienfonds. Oder gewisse Freunde
Schifffahrt und ihre Anleger. Das sind die Dinge, über die man wirklich nicht
jenseits des Anwaltsbüros reden kann. Gold ist eine erkaltete Liebe, die einmal
heiss war, und noch weit, weit abkühlen kann. Aber sie wird nie blanker Hass
werden.

Und spätestens die Erben werden froh sein, wenn sie dereinst
einen Teil des Vermögens in die Jackentasche stecken und still davontragen
können, ohne die Zugriffsfreude von Finanzministern und ihrer Schergen, vor
denen man so viel anderes nicht mehr
verstecken kann. So gesehen sind die bisherigen 15% Wertverlust seit den
Höchstpreisen bei Gold immer noch zu verschmerzen. Das kann wieder steigen,
aber was die Zähne der Steuereintreiber wegnagen, kommt nie wieder. Aber
deshalb liebt man ja auch die Werte. Und nicht die Steuereintreiber, selbst
wenn sie in 50 Jahren längst vergessen haben, dass 2010 viel Papier für Gold
gegeben wurde, das noch irgendwo ist. Und bleibt.