Esel beim Geschlechtsverkehr
14. August 2010, 23:55
Uhr
Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht.
So müssen sich zwei Esel beim Geschlechtsverkehr anhören;
nichts Menschliches ist im gleichzeitigen Schreien, das die Gassen der Altstadt
erfüllt. Es ist mir mehr als nur peinlich, aber selbst, wenn ich der
Verursacher bin, so bin ich nicht schuld; das perverse Duett entspringt zwei
gleichzeitig betätigten Bremsen, die sich auf das Schreien verlegen, statt das
zu tun, was man von ihnen verlangt. Meine Bekannte, die sie zusammen mit einem
Rad erworben hat, hat generell ein schlechtes Händchen bei der Auswahl
fahrbarer Untersätze, aber während die Reparatur ihres Autos stets ein Vermögen
kostet, ist der Preis für eine Fahrradeinstellung ein Telefonat und ein
freundliches Lächeln in meine Richtung. Ein Lächeln, das gequält wirkt, wenn
sie die Eselsbrut hört. Es ist kein Rad, mit dem man positiv auffällt, selbst
wenn es ansonsten den Ansprüchen an ein
Gefährt der Oberklasse entspricht: Es hat ein Körbchen mit Spitzendecke,
einen Echtledersattel, eine altmodische Farbe und bei jedem Anhalten den
perversen Klang eines Eselfreudenhauses.

Während ich die Bremsbeläge einstelle und die Züge justiere,
plaudern wir über die farblose Saison, in der nichts passieren will; Alte Paare
scheinen es noch bis zum Herbst miteinander aushalten zu wollen, neuere Paare
sind selten geworden, und ansonsten - tut sich wenig. Der zweite Heiratsmarkt
leidet ein wenig an Nachschub, und die anderen Kombinationen, die denkbar
wären, sind aus diversen Gründen nicht machbar: Sie zu reinlich und er zu
verkommen, er zu berufsfixiert und sie zu besitzergreifend, generell: Zu viele
Forderungen bei geringer Leistungsbereitschaft. Ohne echte Marktteilnehmer kann
kein Markt funktionieren. Allerdings, gebe ich zu bedenken und wundere mich
über den Mangel an Lagerfett zwischen den Schrauben und Muttern, gibt es, also
zumindest hört man, dass ein gemeinsamer Bekannter nun...
Ja, sagt die Fahrrad- und Eselsorgienbesitzerin, das hat sie
auch schon gehört, und schlimmer, den Anlass auch schon im Vorfeld zu sehen
bekommen. Der Anlass kommt aus einem anderen Bundesland und hat hier keine
Familie, auf deren Ruf sie achten müsste, und hat sich zielstrebig in Richtung
derer orientiert, die beste Möglichkeiten boten, und sich dort entsprechend
offensiv dargestellt. So, wie man es vielleicht aus dem Fernsehen kennt, oder
aus der Werbung. Aber nicht so, wie man das gerne sehen möchte. Nicht so, dass
man von allgemeiner Waffengleichheit sprechen kann: Sehr sexy, aber auch
ungeniert. Oder anders gesagt, sie hat öffentlich auf Mittel zurückgegriffen,
die allenfalls nichtöffentlich denkbar wären.

Denn es ist, und da hat meine Bekannte recht, eine deutliche
Diskrepanz zwischen der unverblümten Dreistigkeit, die allgemein in Sachen
Annäherung abgebildet, vorgeschlagen und vorgezeigt wird, und dem, was man tun
würde und sollte, wenn man nicht mehr 19, aber dafür klüger und erfahrener
durch gescheiterte Beziehungen ist. Nur, weil ein Vorgehen wie hemmungsloses
Ranschmeissen tatsächlich bei mittelalten Herren nach langweiligen,
gescheiterten Beziehungen funktioniert, heisst es nicht, dass man es tun
sollte. Nicht alles tun, was geht, sondern nur das tun, was sich schickt, ist
die oberste Maxime bürgerlicher Sitte und Moral. Es gibt danach genug
Betriebsunfälle der bürgerlichen Beziehung, mit denen man sich das Gerede
einfangen kann, man muss nicht gleich zu Beginn sexuelle Annehmlichkeiten in
das Zentrum der Partnersuche stellen.
Werber, Frauenzeitungsartikelschreiber,
Talkshowstoryerfinder und Filmer haben dagegen nur begrenzt Raum und vermutlich
noch weniger Lust, Beziehungen in ihrem komplexen Entstehen zu zeigen, wie das
in früheren Epochen der Bürgerlichkeit noch üblich war, von Jane Austen über
Heinrich Heine und Balzac bis zu den seinerzeit als skandalös geltenden Werken
von Pitigrilli. Da räkelt sich das Modell auf dem Bild ohne Vorspann in Wäsche
auf dem Sofa, da hat keiner Zweifel, dass der andere in den nächsten 10 Minuten
zu küssen und anschliessend zu beschlafen ist, und Attraktivität hat nichts
mehr mit Bildung, Gemessenheit und guten Manieren zu tun, sondern allein mit
sexuellen Codes: Blicke, Posen, Aufforderungen, dauernde Bereitschaft. Nichts
jedenfalls, was einem die Erziehung im Westviertel frank und frei mitgeben
würde. Niemand muss deshalb ein zartes Mauerblümchen sein, aber die kurzfristig
effektivere und allgemein akzeptierte, weil verbreitete Variante der "on
Demand"-Verfügbarkeit, der Dienst- und Leistungsgesellschaft macht klar
das Rennen. Der Lustschrei hat zu kommen, wie das Quietschen der Bremse: Bei
leichtester Betätigung. Alles eine Frage der Einstellung.

Und genauso, wie sich die miserable Werkstattarbeit
verbreitet - weil es geht, bequem ist und alle anderen es genauso machen -
verbreitet sich damit auch das Ranschmeissen anstelle der sorgfältigen
Sondierung des Angebots auf dem zweiten Heiratsmarkt. Man sollte meinen, dass
Menschen jenseits erster Fehlversuche gelernt haben, bei der letzten grossen
Chance rationale Erwägungen zur Grundlage eines Handelns zu machen, dem
mittelfristig aufgrund des körperlichen Niedergangs so oder so kaum mehr als
eine gute Zweckgemeinschaft entspringen kann. Wer das erreicht, schafft
zumindest eine Fortführung der bürgerlichen Art in seiner Beziehung und
vielleicht sogar noch in neu entstehenden oder als Familienresten verbliebenen
Kindern. Das backfischhafte Ranschmeissen und Anhimmeln, das Erfüllen von
medial als normal dargestellten Praktiken mag generell der Neigung
entgegenkommen, die eigene Jugendlichkeit bis zu einem Alter jenseits der 40 zu
betonen - Erwachsen werden, Reifen ist vermutlich etwas anderes.
Mit etwas Glück wird es sich vielleicht etwas einbremsen,
wie Felgen und Bremsbeläge. Vermutlich jedoch werden der Öffentlichkeit immer
neue Offenheiten nahegelegt; man muss davon lesen, dass sich Menschen im Osten
des Landes beim Sex filmen und dergleichen online stellen, ohne ein
Schamgefühl, und allgemein verbreitete Konsumerwartungen sind einen langen Weg
vom Fresskorb über das Mäntelchen bis zum Partyurlaub auf Mittelmeerinseln
gegangen. Ein Weg, an dessen Rande die Zufriedenheit ausgesetzt wurde, weil sie
nur bei neuen Bedürfnissen stört, man hört so gar nichts mehr von ihr, nur noch
das bremsengleiche Gekreische nach immer neuen Sensationen, die man sich im
Alter mehr wird leisten können, solange sie nicht das erfordern, was im Alter
verlustig geht. Und dann, bestenfalls, der Hilfe des Schönheitsquacksalbers
bedarf.

Das alles ist heute so möglich wie das öffentliche
Bekenntnis zu Swinger Club und Peitsche, man gilt fast schon als spiessig, wenn
die eigenen Interessen den virtuosen Umgang mit dem Kochlöffel im Topf höher
als Verknotungen asiatischer Herkunft schätzen, wenn man fünf Gänge und nicht
drei Partner decken möchte. Laut muss man sein wie schlecht eingestellte
Bremsen und dreist wie ein Verkäufer strassenuntauglicher, aber schön
blinkender Räder, und am Ende muss sich ein anderer mit den Trümmern
auseinandersetzen und zu richten versuchen, was kaum passen mag, so billig und
schäbig ist das Konstrukt, und immer wird es schräg klingen, als hätten Esel
Geschlechtsverkehr. Zu alte Esel. Nicht guter Geschlechtsverkehr.