Wie man nach dem Schlafen bettet
17. August 2010, 11:21
Uhr
Mit einer merkwürdig
wölfischen Heimlichkeit ging sie um die Ecke herum.
D. H. Lawrence, Die
Frau, die davonritt
Man nennt es allgemein "die Neuzeit" oder
"die Moderne" und versucht damit auszudrücken, dass die Epoche von
1900 bis zu unseren Tagen irgendwie eine Einheit wäre. Aber fassungslos und
entsetzt stünde ein Kurgast der k.u.k. Monarchie in Meran heute vor dem Treiben
auf der früher mondänen Kurpromenade von Meran. Nicht nur, dass sich die
Menschen nicht drei bis fünf mal am Tag umziehen, keine Hüte mehr tragen und
jede Menge nacktes Fleisch herzeigen. Auch die Umgangsformen, oder besser, die
Umgangsunformen würden ihn erschüttert zurücklassen. Genauso wäre der heutige
Tourist vollkommen und in jeder Hinsicht überfordert von den Regeln,
Konventionen und Selbstverständlichkeiten der Kurgäste jener Tage.

Das tut man nicht, würden die Blicke im Cafe sagen, wenn
sich der Oberkörper beim Essen zum Tisch neigt. Das tut man nicht, würde man
denken, wenn er sich ohne ein Wort des Bedauerns an anderen vorbeiquetscht. Das
tut man nicht, hiesse es, würde er essen und gleichzeitig reden oder die Hand
beim Gähnen nicht vorhalten. Man tut es eigentlich auch heute noch nicht, aber
die Zahl derer, die noch so empfinden, ist verschwindend klein, und die
Sportsandalenträger werden nicht mehr die Freundlichkeit haben, ihr Verhalten
zu überdenken: Sie sind die Sieger der Gegenwart, und die Promenade von Meran
ist ihr besetztes Territorium. Fehlt nur noch ein Google Streetview Opel und ein offenen Maules dönerkauernder Schnüffler am Steuer.
Allenfalls dünne Traditionsfasern, zarte Gespinste reichen
von der Gegenwart zurück in jene Zeiten des Reisens, die mit der Veränderung
des Aufenthaltsortes keinen grundlegenden Wechsel im Betragen mit sich brachte.
Die Gesellschaften an den Kurorten rückten noch näher zusammen, waren noch mehr
unter sich, sassen sich in den Cafes und Restaurants noch näher als daheim. Man
konnte gar nicht anders. Man musste auf sich und sein Betragen achten. Man
wollte keine falschen Eindrücke hinterlassen. Und manchmal gibt es auch heute
im Urlaub noch gewisse Verhaltensweisen, die vielleicht unbemerkt bleiben, aber
dennoch sagen: Man denke nichts Schlechtes.

Natürlich wird heute keiner mehr verlangen, dass man am Tag
fünf verschiedene Anzüge ausführt, und so ähnlich verhält es sich auch mit den
Betten nach dem Aufstehen. Zimmermädchen - und die sind in dem Hotel, in dem
ich verweile, tatsächlich noch vorhanden und nicht aus dem Ostblock stammende
Saisonarbeiterinnen - werden sicher nicht sinnierend vor dem zerwühlten
Bettzeug stehen und sich überlegen, wie es in diese Lage kam. Wer sich dort wie
gewälzt hat, welche Nähe sich in den Falten der Laken ausdrückt, ob der Gast nach
den Strapazen des Einkaufs schnell eingeschlafen ist, oder vielleicht die
Grundlage zu einer guten Ehe, oder dem Brechen einer anderen Ehe gelegt wurde.
Schliesslich leben wir nicht mehr um 1900, als Hotels
aufpassen mussten, dass sich keine unverheirateten Paare einschlichen und dem
Haus Unehre machten. Auch gibt es keine Kurzeitungen mehr, die auf den Klatsch
der Zimmermädchen als Informationsquelle angewiesen wären. Das Aufräumen des
Bettes ist eine normale Dienstleistungstätigkeit, die schnell während des
Frühstücks vollbracht wird, und die einzige Aufmerksamkeit gilt dem Geräusch
des Schlüssels im Schloss, das von der Abwesenheit der Gäste kündet. Zumal: Auf
dem laufenden Rechner fänden sich noch ganz andere Informationen, als sich im
Kaffeesatz der Laken entdecken liessen.

Und dennoch. Da ist etwas - die Erziehung, die Sitte, der
Anstand - das es manchen unmöglich erscheinen lässt, das Zimmer einfach so
hinter sich zu lassen. Wie bei der Steuerhinterziehung und dem Ehebruch treibt
"etwas" wohlanständige Menschen dazu, die Spuren aller nicht- und
teilöffentlichen Handlungen zu verwischen, sie quasi ungeschehen zu machen. Man
ahnt es in der Schweiz, wenn Deutsche nach dem Tanken keine Quittung haben
wollen, man kennt es, wenn der brave Kombi vor dem Haus stehen bleiben darf,
und der Ferrari in der Garage verschwindet, wenn man sich zufällig in einem
sehr guten Restaurant ein paar Städte weiter trifft und erst dort in einer
Weise bestellt wird, die man daheim eher ablehnen würde.
Und in diese Kategorie bürgerlichen Verhaltens, als
kostengünstiger und immer möglicher Einstieg in das richtige Benehmen bei
falschem, oder auch nur falsch interpretierbarem Verhalten, darf dann auch das
Aufräumen des Bettes gelten. Es ist eine sinnfreie Tätigkeit, denn jedes
Zimmermädchen, das auf sich hält, wird die künstlich geschaffene Ordnung wieder
zerstören, alles wieder auseinandernehmen und neu - und vermutlich noch besser,
gerader und glatter - zusammenfügen, sauber gestrichene Laken abziehen,
zusammenknuddeln und der Wäsche zuführen. Wie so oft im bürgerlichen Dasein
gilt eine Tätogkeit nicht dem. Was man ist, sondern dem, von dem man möchte,
dass andere es so sehen. Und wenn es "nur" das gelangweilte
Zimmermädchen ist.

Oder der - Männer
sind nun mal Männer - etwas legere Mitreisende, der an solchen Feinheiten
erkennen kann, dass es die Richtige ist, falls er in Sachen der Reisenden und
Bettglattstreichenden ernsthafte Absichten hat. Es gibt da im Übrigen
schlimmere Martern aller Art; als ich klein war und mit einigen Familien der
Stadt zum Skifahren fuhr, mussten wir Kinder und Männer leicht genervt eine
halbe Stunde vor der Tür warten, bis die saubersten aller Mütter die an sich
tadellosen Zimmer mit eigens eingepacktem Sagrotan nachgereinigt hatten. Das
ist noch die ganz alte Art gewesen: Dem Zimmermädchen, den Männern und vor
allem den gerne dreckigen und im weiteren Verlauf des Urlaubs auch blutigen
Kindern - wozu Piste, wenn da ein Bergwald ist - gleich zu Beginn zu zeigen, dass die Ansprüche des Gastes
mindestens so hoch wie die des Hauses sind. Das glatte Bett ist da nur eine
kleine Aufmerksamkeit, eine Feststellung, dass die Reisende nicht als etwas
anderes gesehen werden möchte, als das, was sie ist.
Es ist nur ein Ritus, ein Akt der Selbstachtung, etwas, das
man letztlich nicht für andere, sondern für sich selbst tut. So, wie man
alleine nicht aus dem Topf isst, sondern das gute Porzellan nimmt, wie man
versucht, andere mit seiner Existenz nicht zu belästigen oder zu nahe zu
treten, wie man Distanzen wahrt, wo es nötig scheint, wie man etwas tut, weil
es nach eigener Auffassung richtig und angemessen ist, und nicht nur opportun.

Ob andere das goutieren? Für das Zimmermädchen gibt es vermutlich eine
grosse Spanne zwischen dem verschmutzten Loch eines Eimersäufers, der Nachlässigkeit
von einer bestimmten Sorte Pauschaltouristen, die den Dreck hinterlassen, weil
sie für seine Beseitigung mitbezahlt haben, meinem privaten Silberkannen- und
Reiseporzellanchaos (Mein KPM! Prego, Signiora, ich räume das schon beiseite)
und der schlichten Sauberkeit, die nichts verrät und doch vieles sagt. Es ist
nur eine Kleinigkeit, eine Minute vielleicht, nichts von Bedeutung. Aber
durchaus mit Haltung.