Der analoge Balkon- und Streetview
19. August 2010, 19:29
Uhr
Er nahm mich zur
Seite, als wir zu den Innenhöfen hinabstiegen
Abbé Prévost, Manon Lescaut
Es gibt in Meran so etwas wie eine Balkonkultur, die
Besuchern ins Auge sticht. Sehr viele Privatwohnungen haben also eine Art Freifläche,
eine kleine Bühne am Haus ohne einen besonderen Blick, wenn man davon absieht,
dass der Blick auf eine der reizendsten Städte Europas trifft. Diese Kultur hat
eine lange Tradition. Es gehört in besseren Kreisen dazu, einen sichtbaren
Platz in der Öffentlichkeit zu haben, von dem aus man sieht und, je nach
Position, auch gesehen werden möchte. Was in den Häusern ist, vermag man nicht
zu sagen, aber der Balkon ist eine kleine Bühne der Offenheit, die bespielt
werden will.

Das mag banal klingen, zumal die Balkone in Meran
durchgehend schon, sauber und aufgeräumt sind. Niemand käme auf die Idee, hier
würde ein trister Sozialporno aufgeführt, wie man das oft bei den
Freiluftmülllagern vermuten kann, die schlechtere Viertel in deutschen Städten
verunzieren, idealtypisch hier: Der Reichshauptslum Berlin. Es sind Balkone,
wie Kinder sie zeichnen, oft mit Pfanzen versehen und spielerisch anmutig. Man
gewöhnt sich schnell an sie. Und man vermisst sie sehr, wenn man sie nicht hat.
Der Balkon ist die kleine Landlust der Städter, die Gartenlaube im Urbanen, das
Nest und darüber der Himmel, in den die Gedanken fliegen.
Banal - ist der Balkon dennoch nicht. Es ginge auch ohne.
Moderne Herrschaftsarchitektur verzichtet meistens auf Balkone, denn Herrschaft
wird heute nicht mehr mit Zuneigung zur Öffentlichkeit demonstriert, sondern
mit verspiegelten Glasfronten, Beton, gebauter Anonymität, die den Menschen
davor einsam, unwissend und fremd erscheinen lassen soll. In einer aufgeklärten
Welt versuchen es Konzerne und Behörden nicht mehr mit Gott und höheren
Mächten, sondern mit Undurchsichtigkeit, Distanz, Schweigen und Ignoranz
gegenüber der Umgebung. Es gibt in Meran auch Häuser des Historismus, die mit
damaligen Mitteln Burgen der Obrigkeit sein wollten - heute kann man darüber
allenfalls lächeln, und schon damals meinte man es nicht wirklich ernst. Man
beschoss niemand über die nachgemachten Zinnen. Aber die Balkone nutzte man
natürlich entsprechend dem Zweck.

Nun sind die Balkone, die hier zu sehen sind, fast immer so
prominent gebaut, dass man sie auch wirklich sehen kann, und teilweise in einer
Art verziert, die weniger den Besitzer als vielmehr den Vorbeigehenden
ansprechen soll. Sie sagen nicht: Nur für Besitzer. Oder: Du hast hier nichts
verloren. Oder: Verschwinde von hier. Sie bitten im Gegenteil darum, beachtet
zu werden, angeschaut, geschätzt, mit Blicken liebkost zu werden. Sie sind
nicht nur eine Hauserweiterung, sondern eine Art freundlicher Gruss an den
Passanten, eine Einladung zum Anhalten, Durchatmen und zu sagen: Ach ja. Wenn
ich einmal in Rente bin. Dann vielleicht. Dort oben sitzen und im Winter in der
nachgeschickten Heimatzeitung die Todesanzeigen der anderen lesen, während hier
die Palmen stehen. Das wäre schon nett. Und am Morgen den Bäckerjungen grüssen,
und den Enkeln zu winken, wenn sie wieder zurück müssen.
Die Gedankenspiele rund um Balkone haben meist mit einem
Wechsel von Privatheit und Öffentlichkeit zu tun, oft auch verweben sich darin
bei ihrem Besitzer beide Aspekte: Dass man eine Privatheit öffentlich zeigt,
die vorzüglich zu diesem Ort passt. Auf dem Balkon ruht man sich aus, man liest
ein Buch oder macht ein überlanges Frühstück. Es ist eine Idylle, an der
Betrachter teilhaben können, vielleicht sogar grüssen oder ein freundliches
Wort wechseln. Alles, was das Leben unschön und hart macht, hat hier nichts
verloren. Sie erzählen die Geschichte vom angenehmen Dasein. Und davon, dass
sich die besseren Kreise, Bürger, "Spiessbürger", wie manche
balkonlose Mieter schäbiger Kaschemmen in Berlin mit Vorliebe für
Schnüffelprogramme vielleicht sagen, nichts gegen Öffentlichkeit haben, sondern
durchaus damit umgehen können. Die Balkonöffentlichkeit ist eine, die man,
angefangen von der Bepflanzung über die Einrichtung bis zur eigenen Tätigkeit,
selbst bestimmen kann. Es herrscht ein Gleichgewicht zwischen Betrachter und
Balkonbesitzer, beide lassen sich auf diesen Umgang miteinander ein, und es
schadet keinem. Da sitzt, da steht ein Mensch.

Und dann rollt an diesem stillen Pakt eine Verkehrsbehinderung
namens "Opel" vorbei, oben drauf sind Kameras und drinnen allerlei
Technik, von der nicht mal die Firma Google selbst angeblich wusste, dass damit
auch illegal WLAN-Daten gespeichert wurden. Irgendwo in Kalifornien steht ein
Gebäude mit Glaswänden, Beton und vielen Menschen, die davon leben, dass sie
anderen Werbung aufdrücken, und um so mehr Geld verdienen, je mehr Flächen sie
dafür haben. Das Bild vom Haus, vom Garten und vom Balkon ist so eine Fläche,
und alles, was der Besitzer in die Kommunikation mit der Öffentlichkeit
hineingesteckt hat, wird nun zum Lockvogel für die Geschäfte der Firma Google.
Der Opel grüsst nicht, er lächelt nicht, er rollt und nimmt unterschiedslos
alles auf, was da ist. Er hat keinen Respekt und keine Zuneigung, sondern eine
Aufgabe. Niemand in Kalifornien hat ein Interesse am Balkon, am radfahrenden
Hund mit seinem Blumenkorb, an den Zinnen, oder Bedauern wegen des Leerstandes
der kleinen Burg im Gebüsch. Sie haben Interesse an der Verwertung.
Das ist keine Sache von Analog und Digital, von Internet
oder Realität, sondern in erster Linie von Anstand und Respekt, oder besser:
Dem vollkommenen Fehlen dieser Tugenden. Die Freiheit der Öffentlichkeit, die
sich das Bürgertum über Jahrhunderte in seinen Orten von der Obrigkeit
erkämpfen musste - glaube bitte keiner, in der mittelalterlichen Stadt hätte
sich jeder frei bewegen können - wurde sicher nicht konzipiert, damit eine
kalifornische Firma Opels mit Kameras herumschickt, um diese Öffentlichkeit für
sich zu vermarkten. Die Idee der Öffentlichkeit leitet sich von der Allmende,
dem Gedanken des Gemeinschaftsgutes ab, für die aber auch jeder etwas zu tun
hat. Was tut die kalifornische Firma Google nochmal fürdie Öffentlichkeit? Sich
in der Allmende wie eine Obrigkeit benehmen, war schon immer Anlass für Bürger,
zur Mistgabel und zum Hammer zu greifen. Dass man das in Amerika und in
versifften Wohnlagen um die Müllplätze Berlins herum und deren Dependance in
Düsseldorf nicht versteht, überrascht nicht. Nur sollten sie dann auch nicht
von den ablehnenden Reaktionen überrascht sein.

Oder gar behaupten, die Bürger hätten Angst vor der
Öffentlichkeit, würden sich verstecken und
dem Recht aller entziehen, sich anzuschauen, was sie so tun, haben und
wohnen. Man kann ohne ein böses Wort, von Mensch zu Mensch, jederzeit kommen
und Balkone und ihre Bewohner betrachten, Rückschlüsse ziehen und sich Gedanken
über die Hausherren machen. Das ist Öffentlichkeit, Kontakt, auch Konversation,
davon lebt die Gesellschaft, und schön wäre es, wenn auch am Abend, wie früher
einmal, die Gespräche von Balkon zu Balkon fliegen, anstelle des blauen
Irrlichterns der TV-Geräte, die von Mord und seichter Unterhaltung künden. Von
Streetview lebt Google, leben angeschlossene Werber und pickelgesichtige
Chickendöneresser in Berlin, die glauben, die Verknüpfung von Orten und Daten
sei "digitale Öffentlichkeit" und "neues
Herrschaftswissen", aber niemand lebt davon, dem man ernsthaft vorgestellt
werden möchte. So ist das nun mal in bürgerlichen Gesellschaften: Kein Respekt,
kein Anstand, kein Benehmen - keine Nettigkeiten. Keine Anerkennung. Kein guter
Ruf.
Das steht so in keiner Suchmaschine und nicht bei Wikipedia,
aber so funktioniert das analoge Leben. Die Überheblichkeit der Firma, die ihre
Rücksichtslosigkeit feiernden, in die Glotze gezerrten "Experten" des Netzes
machen das nicht besser. Im Gegenteil, der Feind bekommt ein Gesicht, und es
ist hässlich, fett, hat eine fragwürdige Körperhygiene und nichts Ordentliches zum Anziehen. Es mag
öffentlich sein, was da geboten wird, aber das Bürgertum hat nun mal nach
Jahrhunderten des Kampfes seinen eigenen, bequemen und angenehmen Begriff der
Öffentlichkeit.

Und seine kurz gehaltenen Politiker, die genau wissen, dass Google in
Kalifornien kein Wähler und auch kein spendender Atomkraftwerkbetreiber ist.