Mann braucht Frau und Kontrolle
30. August 2010, 13:37
Uhr
MEDIA VITA IN MORTE SUMUS
Notker I. von St.
Gallen
Auch wenn das pseudowissenschaftliche Rassenforschertum im
21. Jahrhundert meint, im Rückgriff auf populäre Thesen des mittleren 20.
Jahrhunderts Gene bemühen zu müssen - was tut man nicht alles für einen
wohldotierten Vorruhestand - so bietet sich meines Erachtens doch eher die
familiäre Prägung als Grundlage allen Handels an. So gibt es Bayern bei allen
massiven Clanstrukturen nur einen zuverlässigen Vorgang, der dazu führt, von
der Verwandtschaft so selten wie nur irgend möglich aufgesucht, ja gar
geschnitten zu werden: Indem man Arzt wird. Der Arzt, so die gängige Meinung,
sieht einen beim Totenschein noch früh genug, und Krankheiten, die von selber
kamen, werden auch von selber wieder gehen. Zahnschmerzen, und ich rede da aus
eigener Erfahrung, werden lieber wochenlang ertragen, bevor man es einen Onkel
wissen lässt, der es dem Zahnarzt sagt, der dann anruft und zu hören bekommt,
es gehe schon wieder, aber, na gut, wenn er unbedingt meint... Zum Arzt geht
man so selten wie möglich, und das schliesst auch Familienmitglieder mit ein.
Es gibt kein Gen, das einen zum Familienarzt ziehen würde, aber sehr viel
Prägung, dass der Tod gar nicht so schlimm ist, im Vergleich zur Spritze.

Nach dieser zum Erhalt meines Rufes als schmerzresistentes
"Bummerl" unverzichtbaren Darlegung meiner Grundüberzeugung kann ich
nun sagen, dass ich mich nach dem unfreiwilligen Abgang auf die Almwiese über
den Lenker meines Rades am schönen, atomkraftwerkfreien Tegernsee mit brutaler
Gewalt zu einem Arzt geschleift und mich dort heldenhaft gegen jedes Ansinnen
verteidigt habe, mich zur weiteren Beobachtung in ein Krankenhaus zu stecken,
weil, was von selbst gekommen ist... Der Arzt kennt das, er kennt die Familie,
er weiss, dass es sinnlos ist, und gab mir nach den üblichen Ratschlägen, die
mir nicht mehr einfallen, Folgendes mit: Wenn es morgen besser ginge, sei ich
noch jung, wenn es dagegen schlechter ginge, würde ich merken, dass ich alt
werde. Es ging natürlich besser. Ich konnte sogar schon wieder zum Bäcker
humpeln, und wenn ich genau richtig atmete, konnte ich sogar aufrecht sitzen.
Also war ich doch noch jung, und junge Menschen brauchen
keinesfalls die Woche Bettruhe, die ihnen angeraten wird. Junge Menschen können
schon nach ein paar Tagen wieder auf den Wochenmarkt und sich in der
Öffentlichkeit zeigen. Sie können auch schon wieder dumme Witze über den
verlangsamten Denkvorgang machen und darüber, dass man die Politik gar nicht so
schlimm findet, wenn das Gehirn nur mit 25% Auslastung läuft - haben Sie je
einen Dackel über die CSU meckern hören? Hat sich je eine Amöbe beschwert, dass
die SPD Sarrazin für seine widerlichen Rülpser nicht den Tritt gegeben hat? -
und sich so in das Verderben reden. Denn mitnichten ist es so, dass man dafür
als "jung" gilt, auch wenn man es nach ärztlicher Definition noch
ist. Es gibt in diesen Kreisen eigentlich nur zwei Haltungen der Beurteilung
für das Alter der Söhne. Nicht "jung" oder "alt". Sondern
entweder noch zu jung, um etwas schon zu tun, oder schon zu alt, um etwas noch
zu tun.

Dazwischen gibt es nichts, und wenn ich den Einlassungen
Glauben schenken darf, habe ich diesmal die Grenze zwischen den Altersstufen
durchbrochen. Denn die allgemeine Meinung neben der Empfehlung, nun doch
endlich mal die Rennräder zu verkaufen und die Anschaffung eines Elektrorades,
das Gadget 2010 schlechthin im Westviertel anzudenken, lautet: In meinem Alter
bräuchte ich endlich eine Frau, die auf mich aufpasst. So gehe das nicht
weiter. In diesem Alter muss man vorsichtig sein, und wenn man es selbst immer
noch nicht ist, muss eben jemand her, die das für einen besorgt. Der Subtext
solcher Anwandlungen: Der hat sein Leben nicht mehr im Griff, der braucht jemanden,
der das für ihn tut. Bislang war die Argumentation eher andersrum: Der hat sein
Leben noch nicht im Griff, der braucht jemand, der das noch für ihn macht. Ich
denke, der Zeitraum, in dem ich erwachsen und selbstständig war, begann mit dem
Verschlagen des Lenkers und endete mit dem Aufschlag auf der Almwiese.
Nun ist Fürsorge der Mitmenschen natürlich eine feine Sache,
zumal sie sich nicht nur in Verboten äussert, sondern auch gleichzeitig
wohlriechende und mit zarter Haut verschönerte Alternativen anbietet: Für einen
Ü-40-Tanzkurs, so ist allgemein bekannt, besteht grosser Mangel an tanzwilligen
Herren, die sich der Damen erbarmen, die keinen Partner mitzubringen in der
Lage sind. Das ist auch Sport, aber dafür brauche man keinen Helm und sehe auch
nicht aus wie, Zitat, "Presssack in Plastik". Auch die Sache mit dem
"Studentencabrio" sollte ich mir mal zugunsten eines vernünftigen
Autos überlegen, das bislang unbekannte Tugenden wie Zuverlässigkeit, ein
wasserdichtes Dach und eine Heizung, die nicht nur im Sommer funktioniert, in
mein Dasein schleppt. Ein Dasein, das bislang mit einem Ladekabel,
einer Plastiktüte für die Sitze und einer Schöpfeinrichtung trefflich
funktionierte. Und wenn nicht, nehme ich halt solange das Rad.

Weitere Angebote des kleinstädtischen
"Lebensfortschrittsmanagements" umfassen die Schrecknisse einer
Putzfrau, deren Dienste ich früher in Anspruch nehmen sollte, weil ich nie
richtig putzen gelernt hätte; heute jedoch scheint es an der Zeit zu sein, es
endlich in kompetente Hände zu geben, statt mich damit "noch" abzutun,
zumindest solange, bis ich die Arme wieder heben kann, und dann wird man sehen.
Früher galt es, auf das jugendliche Gewicht zu achten, jetzt heisst es:
Vorsicht von Zucker und Cholesterin, nicht zu viel Fett, denn in diesem Alter
müsse man auf die richtige Ernährung achten.
Und so, wie sich die Ansprüche ändern, ändern sich auch die
negativen Beispiele. Erzählte ich früher vom letzten Anstieg auf den
Leonhardstein, berichtete man mit von irgendeinem Onkel, der in jungen Jahren
am Berg geblieben war. Fuhr ich schnell ein paar Pässe, wusste man immer von
einem jungen Verwandten zu berichten, der bei sowas mindestens das elterliche
Auto verschrottet hatte. Das waren noch Zeiten! Heute heisst es eher, dass
irgend ein Onkel auch lange nicht mehr laufen konnte und nach Neuburg - nach
Neuburg, das muss man sich mal vorstellen, zu den Barbaren! in die Reha musste,
als er vom Rad gefallen ist, so mit 77 oder 78. Ob ich Medikamente bekomme und
sie auch ja genau dosiert vor dem Essen einnehme - damit ist nämlich nicht zu
spassen, wenn man erst mal alt wird, irgendeine Grosstante wurde deshalb tablettensüchtig, während ein
Uropa vermutlich noch drei Jahre gelebt hätte, wenn er nur die Anweisungen der
Ärzte genau befolgt und die Dosis nicht aus dem Fenster gekippt hätte, wenn
keiner aufpasste. So oder so ist man im Leben vom Tod umfangen, aber mein Tod
ist nicht mehr Skeletthüpfer der des jugendlichen Leichtsinns, sondern der
morsche Knochenhaufen der Altersschwäche, zumindest in der öffentlichen
Wahrnehmung.

Ich konnte deshalb heute nach dem Konzert nicht umhin, mich auf mein
Rennrad zu schwingen und demonstrativ noch einmal an jenem Cafe vorbeizufahren,
wo sich die guten personifizierten Ratschläge aufhalten. Einmal mit überhöhter
Geschwindigkeit in die eine Richtung und dann, langsamer, zum freihändig Winken
in die andere Richtung. Es hat weh getan, und das Schnaufen geht deutlich
schwerer, denn man sitzt sehr gekrümmt an der Stelle, wo die Ripperl ans
angesäuerte Lüngerl reiben. Aber das sind eben die Opfer, die man in all den
kleinen, dummen Städten bringen muss, um Haltung zu zeigen und den Ruf zu
wahren.