Fluchtgedanken praktischer Natur (wiederhergestellt)
22. März 2011, 19:51
Uhr
Fluchtgedanken praktischer Natur
Bitte betrachten Sie vordem Lesen dieses Bild. In Japan retten
amerikanische Helfer alteFahrräder aus dem Trümmern und lassen Autos
liegen. Ich meine das alles wirklich nicht zynisch.
Um die Menschen zu verstehen, sollteman in Bayern auf den
Wochenmarkt gehen. Hier, unter mehrheitlich weiblicher Beteiligung, wird
das besprochen, was alle, auch die Oberschicht betrifft, und das Thema,
das es hierher schafft, ist wirklich ein bedeutendes Thema. Dass bei uns
Fukushima wichtig werden würde, stand ausser Frage; viele der hier
Verkaufenden waren schon vor Tschernobyl "bio", weil sie noch nie nicht
bio waren,und die damalige Zeit steckt allen noch in den Knochen:
Tschernobyl hätte beinahe auch dem Wochenmarkt hier den Garaus gemacht.
Mir wurden gestern zwei Fragen gestellt: Erstens, ob ich nicht
auch glaube, dass die uns alle anlügen. Und: Was ich denn täte, wenn
eshier krachen würde. Weil denen da oben und in den Medien, denen glaubt
man nicht, die stecken alle unter einer Decke, und wenn der Befehl zur
Evakuierung käme, wäre sowieso alles zu spät. Also, wa stun, fragt der
Wochenmarkt, und das ist eine Frage, der man sich hierzulande, wenn man
selbst Teil der führenden Klasse ist, besser nicht entziehen sollte.
Zuerst mal: Obschon ich bei diesem Medium - in mühevollster
Kleinarbeit bei Bienenwachskerzenschein - schreibe, verstehe ich das
Misstrauen, das einem entgegen schlägt.

Und weil das soist,
möchte ich mich auch nicht vor der zweiten Frage drücken: Sollte es
krachen, würde ich verschwinden. So schnell wie möglich. Stellt sich nur
die Frage: Wie?
In Gundremmingen, 80 Kilometer von hier entfernt, steht ein
Atomkraftwerk. Kommt der Wind, wie sehr oft, aus dem Westen, liegt meine
kleine, dumme Stadt an der Donau mit dem Wochenmarkt im nördlichen
Bereich einer Strahlenwolke, falls das Ding hochgeht. Leichten Wind
vorausgesetzt, hätte ich drei bis vier Stunden, um mich auf den Weg zum
Tegernsee zu machen, aber der Bayerische Rundfunk braucht sicher eine
Stunde, um seine Wahrheitenmit der Staatsregierung abzugleichen, Fenster
schliessen, drinnenbleiben, keinerlei Gefahr für die Gesundheit, man
kennt das. Im Höchstfall blieben, realistisch gerechnet, höchstens zwei
Stunden ,um mich in Sicherheit zu bringen. Am Tegernsee habe ich eine
Wohnung mit allem, was man zum Leben braucht, von der Kleidung bis
zur Silberkanne; ich reise also mit kleinem Gepäck, aber auch: Mit meinem
ganzen Leben. Und als Fluchtmittel nehme ich das hier:

Ein Fahrrad. Nicht irgendeines, sondern ein sehr hochwertiges,
pfeilschnelles Chesini Innovation von 1993. Ganz sicher keinAuto. Denn
jeder wird in so einer Lage instinktiv in die Berge flüchten,
idealerweise im rechten Winkel weg von der Verbreitungsrichtung der
Strahlenwolke. Dorthin führt auch die beste Autobahn Süddeutschlands, die
A9 Nürnberg-München. Würde meine Stadt mit läppischen 130.000 Einwohnern
nach Gmund auf den Weg machen, und würde man die Autobahn vierspurig
befahren und nur mit diesen Leuten befüllen, derer durchschnittlich 3 in
jedem Fahrzeug, und hätte jeder Wagen vorne und hinten auch nur 5 Meter
Platz - dann stünde der erste in Gmund. Und der letzte immer noch in
Ingolstadt .Ohne Neuburger, Donauwörther, Pfaffenhofener, ohne jeden
Münchner würde diese Stadt alleine die Hauptfluchtroute in die Berge
komplett dicht machen. Man ahnt: Der Gang zu Porsche und S-Klasse ist ein
Gan gin ein luxuriöses Verderben, die beste Autobahn ist ein
Nadelohr, durch das kaum ein Reicher gehen wird, wenn alle gehen. Und
in unserer Krisenregion der Wolke zwischen Gundremmingen und
Regensburg leben weit über eine Million Menschen.

Wenn sich weniger als die Hälfte davongleichzeitig in das Auto setzt und
losfährt, bricht der Verkehrgleich wieder zusammen. Von hinten die
Wolke, von vorne der Stau, dazu die Duldsamkeit des deutschen Autofahrers
in Bewegungslosigkeit,das alles ist keine erfreuliche Vorstellung.
Egoismus, Unfälle.Liegengebliebene Fahrzeuge, Benzinmangel,
kilometerlange Staus an Tankstellen, jeder ist sich selbst der nächste,
solange ihm nur nicht das Cäsium zu nahe tritt. Es gibt, das begreifen
deutsche Autofahrer allerdings nur selten, einen Unterschied
zwischen Höchstgeschwindigkeit und tatsächlich gefahrener
Geschwindigkeit, oder anders gesagt: Auch im Stau ist die stark
motorisierte Elite nicht gleicher als andere.

Zumal in Krisensituationen nicht gesichert ist, dass alle Strassen offen
sind. Normalerweise ist es eher schon seit der Epoche der Pest so, dass
man nur ungern Katastrophenopfer aus einer Krisenregion in einem
verschonten Gebiet aufnimmt. Dekontamination heisst die moderne Version
des Leprosenheimes, deshalb stellt man Checkpoints auf,
macht Strassensperren und verengt die Durchfahrt. Schlecht, wenn
die Baubreite einer S-Klasse 2,20 Meter ist. Mein Chesini ist,
vollbeladen, so breit wie meine Hüfte. Es kommt durch jeden Stau
und durch jede Strassenverengung. Notfalls eben durch den Wald daneben.

So ein Auto wird, nebenbei gesagt, auch langsam, wenn die Strasse
irgendwo aufhört. Sei es nun, dass man sie blockiert oder aufreisst -
gerade das Überwinden von Hindernissen jenseits der Bodenfreiheit ist ein
arges Problem mit vier Rädern.Man denke nur an einen querstehenden LKW,
oder einen ausgeplünderten Tanklastzug zwischen den Leitplanken einer
Autobahn: Da gibt es kei nEntrinnen. Auch der Radler muss bremsen.
Absteigen. Schieben. Darüberheben. Wo immer ein Mensch darüberklettern
kann, kann erauch das Fahrrad mitnehmen.
Ein Fahrrad ist übrigens auch auf Strecken fahrbar, auf denen kein Auto
mehr voran kommt. Abgesperrte Feldwege. Saumpfade. Schotterstrecken. Wenn
man ein Rad mit schweren,robusten Hochprofilfelgen und pannensicheren
Reifen hat, kann man mit dem Rennrad ganz erstaunliche Dinge machen. Man
kann alles tun, was ein Fussgänger tut, aber mit Geschwindigkeiten, die
höher als die der normalen Wolke sind. Es ist flexibel, wendig, und vor
allem autonom. Sollte der Stahlrahmen brechen, kann ihn jeder
Schlosser schweissen. Es läuft, solange man nur tritt - was man mit der
Wolke im Rücken sicher gerne tut - unter normalen Konditionen
4000 Kilometer. Danach wäre eine neue Kette nicht schlecht, aber es
gehen auch 2000 Kilometer Hamsterfahrten mehr, wenn man es nicht
ganz perfekt ohne Geräusche ertragen kann. Ein gutes Rennrad hat
einen Wirkungsgrad von bis zu 97%. Es ist, wie die bessere
Gesellschaft sein sollte, es steht für sich und braucht niemanden, es
gehorcht einfachen Regeln und übersteht die Jahrhunderte, es ist
simpel, robust und durch den Fahrer vom Willen beseelt, die
Herausforderungen zu meistern. Dem Auto ohne Benzin ist es vollkommen
egal, was der Fahrer will. Es steht, und die Wolke bewegt sich.

Es hat schon seinen Grund, warum man nach dem letzten Krieg das Rad
reparierte und den Automüll verschrottete. Es hat seinen Grund, warum in
Japan die Räder aus dem Schutt gezogen werden, und sich niemand um das
Statussymbol Auto schert. Das Rad mag langsamer sein, und man muss sich
anstrengen, es zwingt zur Haltung und ist mitunter unbequem, wie die
Klasse, der zu entstammen mir vergönnt ist. Es ist das einzige
Fluchtmittel, das nur das tut, was der Fahrer möchte, und sich nicht
um Strassensperren, Staus, Tankstellen und Überhitzung scheren muss.
Es braucht 6 Stunden an den Tegernsee, bei gemässigter Fahrweise. Das ist
viel, wenn man ansonsten in einer Stunde 20 Minuten fährt, aber eventuell
auch ein ganzes Leben, wenn das Rad der Hochtechnologie zu weit gedreht
wurde. Ihr Tegernseer, Chiemseer, Schlierseer und Salzburger
Steueroptimierer: Kaufen Sie sich ein hochwertiges, gebrauchtes, altes
Stahlrennrad zu Ihrer Zweitwohnung zwischen Kernkraftwerken. Es wird sie
stets zurück in die Berge bringen.

Und wenn es nicht nötig sein sollte,ist es gut für Ihre Figur.