Ornament und bürgerliches Verbrechen
08. April 2011, 09:24
Uhr
Out flew the web and
floated wide- the mirror crack'd from side to side;
Alfred Tennyson, The
Lady of Shalott
Am skandalös frühen Morgen, um 10.36
Uhr verlässt mein ICE das Vortaunusstädtchen Frankfurt a. Main in
Richtung Brüssel, und von dort aus geht es mit dem Eurostar nach
London. Ich trage eine schwarze Rolex Oyster, Socken von Burlington,
einen nachtblauen Pyjama mit dünnen, roten Streifen und eine
silberne Teekanne. Der Zug nimmt Fahrt auf, rumpelt etwa einen
Kilometer von mir entfernt durch Griesheim, und rast Richtung einer
Stadt, in der gutes Essen den gleichen Stellenwert wie gute Politik
in Berlin hat. Am Samstag findet in London der Tweed Run statt, aber
dieses Spektakel ist nichts gegen das, was in meinem Kiefer zur
Aufführung kam, nachdem ich die Bahnkarte erworben habe. Die
Entzündung sei psychosomatisch, spottet eine liebe Freundin, mein
Innerstes wollte zurück nach Italien. Deshalb bin ich nicht an Bord
des Zuges, deshalb wird man in London andere vergiften, deshalb muss
ich weiche Marzipantorte essen, deshalb muss der geplante Beitrag
über die Untauglichkeit der Bahn für echte Reisende ausfallen, wie
alles andere auch, und ich trage Pyjama und Übergewicht, das ich mir
in Erwartung von fünf Fastentagen in London angegessen habe. Aber
Sie, liebe Leser - Sie wollen trotz all der Un- und sonstigen
Pässlichkeiten bespasst werden.

Genauere wissenschaftliche Erklärungen
dessen, was mich von der Reise abgehalten hat, würden Sie vermutlich
nicht darüber hinweg trösten können, dass damit auch er geplante
Beitrag über das schauderhafte, vor allem spätere Gothic Revival
des victorianischen Zeitalters ausfallen muss - sogar bei Teekannen
greife ich lieber zu Exemplaren der edwardianischen oder
georgianischen Epoche. Zum Glück jedoch ereilte mich die
Niederstreckung in einem Ortsteil, der in Zeiten des Historismus
erblühte, und gleich um die Ecke ist das, was Sie dort oben im
schlimmsten Detail sehen: Das deutsche Haus.
Das deutsche Haus ist nicht gerade
neogotisch, sondern ein Stilmischmasch. Der Herold? Stadtbläser? Wächter? mit Trompete,
Fahne und einer sehr unvorteilhaften Gesichtsbehaarung, die alle
breiten Anlagen nur noch betont, nimmt auf die Mitte des 16.
Jahrhunderts Bezug. Die mit vorgetäuschten Zinnen bekrönten
Spitzgiebel wirken dagegen etwas älter, und erinnern an Bürgerhäuser
der 2. Hälfte des 15. Jahrhundert. Die breiten Fenster mit ihren
leicht gerundeten Fensterstürzen berufen sich auf die Renaissance.
Ganz unten und entlang der Hauskanten hat man roh behauene Quader
gesetzt, wie sie in der Zeit der Staufer an Türmen und Häusern sehr
modern waren. Kurz, das deutsche Haus, das hier im Viertel als
Inbegriff der auffälligen Architektur des wilhelminischen Zeitalters
gelten darf, ist mit jeder Menge Deutschtum - oder was man dafür
hielt - früherer Zeiten übergossen.

Man stelle sich jetzt noch einen
Männerchor dazu vor, lauter breite Gestalten, die 10 Jahre älter
und unvorteilhafter aussehen, als sie sind, und nochmal 10 Jahre geistig unbeweglicher, und dieser Chor intoniert der an dieser
Stelle unter dem Herold "Heil Dir im Siegerkranz". Oder den
"Trompeter von Säckingen". Oder "Oh Du alte
Burschenherrlichkeit". Oder "Als die Römer frech
geworden". Oder Schlimmeres, das 19. Jahrhundert, das so
vielversprechend mit Heine und zarten Biedermeiermöbeln begonnen
hatte, bekam zum Ende hin so einen gewissen Drall... man muss es sich
nur vorstellen. Wie es wäre, wenn man so eine Darbietung eine Stunde
ertragen müsste. Und danach den Kaiser hochleben lassen. Und danach
mit einer Stütze der Gesellschaft die Plastik am Hause wohlwollend
besprechen. Sicherlich stimmig. Es gibt Vergangenheiten wie die Pest
bei Boccaccio oder den 7-jährigen Krieg bei Voltaire, die bei allem
Schrecken durchaus ihren menschlichen Charme bewahrt haben. Und eben
andere - deutscher Historismus, Wiener Barock, Gothic Revival -
anhand derer man sich die Frage stellen kann: Wäre die Sache nicht
doch besser gelungen, wenn man sich nicht gar so deutlich auf eine
Ideologie, hergeleitet aus einer ebenso zusammengeschusterten wie
idealisierten Vergangenheit, verlassen hätte?
Denn die Erbauer von Neugotik wollten
nicht spielen, sie meinten das ernst. Ob nun Westminster Palace in
London, das Rathaus von München oder eben dieses deutsche Haus:
Nichts davon sollte ironisch, skurril oder "gothic" im
Sinne von schauerlich wirken, man wollte beeindrucken mit Geschichte,
Vergangenheit und Tradition. Derartige zurückgreifende
Legitimierungsbemühungen haben es nun mal so an sich, dass man sich
keinerlei Hohnlachen dazu wünscht, heute nicht und morgen auch
nicht. Westminster Palace gilt immerhin als Sehenswürdigkeit,
Japaner und Amerikaner bestaunen das Müncher Glockenspiel, aber hier
nun, in der mittelmässigen Adaption als Dekor, Ornament und
Verbrechen ist die ganze Erhabenheit dahin.Von hier ausgehend, muss
man - pardon - in Richtung München und London sagen: Die anderen
haben ihre nicht so ganz vorhandene Geschichte nur besser und grösser
vorgetäuscht.

Die nettere Interpretation solcher
Bauten unterstellt ihren Schöpfern, sie seien angeödet von den
Massenprodukten und Umwälzungen der Industrialisierung gewesen, und
hätten sich in eine Epoche der Handwerker, Zünfte und stabiler
Ordnung zurück geträumt: Der Historismus als gebautes Manufactum
des 19. Jahrhunderts. Weniger nett ist dagegen der Vergleich der
damals modernen deutschen Tugenden, von denen Opern, Romane und die
Gartenlaube kündeten, Bescheidenheit, Anstand, Fleiss, Sparsamkeit,
Sittsamkeit, Keuschheit, mit den gebauten Monstrositäten, die eine
ganz andere Geschichte erzählen. Verschwendung, Geltungsbedürfnis,
Aufschneiderei, das Heraushängenlassen von Qualitäten, hinter denen
ganz normaler Backstein verbaut ist, die Obszönität des goldenen
Horns auf Unterleibshöhe, die Arroganz, die aus Türmen und Zinnen
spricht. Über dem Eingang steht in goldenen Lettern "Grüss
Gott", aber das gilt nicht für Humor, Ironie und leises
Kichern.
Dieses deutsche Haus eines auf dem
Grillhendlspiess der Geschichte geistig-moralisch gewendeten
deutschen Bürgertums, das erst in unseren Tagen langsam verblasst -
dieses Haus ist eine bierernste Angelegenheit. Was vielleicht auch
der Grund ist, warum sich darin heutzutage keine Gastwirtschaft auf
Dauer halten kann. Immer wieder wird es versucht, aber fast macht es
den Anschein, das Haus sabotiere jeden Anlauf, in ihm etwas
anzubieten, das nicht Sauerkraut, Bier und Eisbein in Aspik ist.
Glaubt man, dass es ein wahrhaft deutsches Haus ist, dann singt man
darin gerne traditionell vom Gott, der Eisen und Worschtberge
wachsen liess. Ringt man sich aber dafür ein ironisches Lächeln ab
- geht man vielleicht doch lieber woanders hin. Es ist leider zu
bombastisch, um noch als amüsante Irrung gelten zu können. Und
nicht monumental genug, um davor wohligen Schauder zu empfinden. Oft
denke ich mir: Was für ein Glück, dass meine Familie damals keinen
Neorenaissanceklotz gebaut hat, sondern einen richtigen
Renaissancewohnsitz erwarb.

Mitunter neigt man dazu, der
Bürgerlichkeit ein nahes Aussterben nachzusagen, und tatsächlich
habe ich oft den Eindruck, dass diese neue Welt, das neue Deutschland, das uns bald aus neuen Zahlen entgegen tritt, wenig von den alten
Befindlichkeiten des Westviertels hält. Man wird sich etwas
einfallen lassen müssen, um nicht bedeutungslos zu werden, aber wie
man hier sieht: Man klebe besser keine unvorteilhaften Requisiten
vergangener Zeiten an die Häuser, erfinde sich dazu Sekundärtugenden
und denke, damit sei die Zukunft bewältigt. Aussterben ist nicht
schön; das hat die alte Bürgerlichkeit im ersten Weltkrieg dann
auch Heil Dir in Siegertrance wo Eisen wuchs vorgeführt. Aber
wenigstens sollte man dabei eine Substanz hinterlassen, zu der den
Nachfolgenden Erfreulicheres als das Netteste einfällt, das mir beim
Historismus in den Sinn kommt:
Ts.