Reiche in Plattenbauten
19. Juli 2011, 10:15
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Die Partei, die
Partei, die hat immer recht
Sie, liebe Leserinnen und Leser, wollen auch so ein
zeitgemässes Niedrigenergiehaus? Nun, da gibt es eine einfache Lösung: Wenn sie
jener besseren Hälfte der Weltbevölkerung mit fliessendem Wasser im Haus
angehören, kennen Sie den Unterschied zwischen Blau und Rot, die für Kalt und
Warm stehen. Wenn Sie zudem das Glück haben, zu jenen 20% der Bevölkerung
dieses Landes zu gehören, die nicht die durchschnittlichen 44, sondern gleich
80 oder mehr Quadratmeter pro Person bewohnen, vulgo also drei oder mehr Zimmer
durchschreiten können, ohne Leben jenseits Ihrer Katze zu sehen, dann können
Sie das Niedrigenergiehaus ganz billig haben: Malen Sie das grössere, hellere
Zimmer mit Parkett in kühlen Farben wie Blau oder Grün aus, verwenden sie kalt
funkelnde venezianische Spiegel, und halten Sie sich dort auf, wenn es heiss
ist. Ein kleineres Zimmer malen Sie in warmen Rottönen aus, legen einen bunten
Perserteppich aus, und runden das mit vielen Büchern in Mahagonimöbeln und
dunklen Gemälden und Spiegeln in Goldrahmen ab. Schon haben Sie einen Raum, der
im Winter nicht nur schneller warm wird, sondern Ihrer Psyche vorgaukelt, dass
es wärmer ist und die Heizung nicht so hoch aufgedreht werden muss.

Denn unsere Psyche will belogen werden. Hier ist es -
ausnahmsweise - einmal für einen guten Zweck, für die Umwelt, und einen noch
besseren Zweck, Ihr Vermögen. Und vielleicht sogar für den besten aller Zwecke,
wenn Sie zu all dem Überfluss auch noch einen repräsentablen Altbau haben: Für
die Tradition, in der Sie stehen nämlich, denn weisse Räume, im Winter kalt und
im Sommer grell, sind in besseren Kreisen eine Marotte der Moderne. Kratzen Sie
nur mal an den Malschichten in Richtung 1700, Sie werden erstaunt sein, wie
bunt - und vor allem, überlegt bunt - Ihre Familien- und/oder Hausgeschichte
war. Mein Vorzimmer etwa sieht aus wie das Innere eines
Himbeerpuschfaschingskrapfens - und es ist die Farbe, die man hier tatsächlich
auch vor 200 Jahren verwendete.
Was man hingegen ganz sicher nicht, nie, unter gar keinen
Umständen gemacht hätte: Den Verputz des Hauses abgeschlagen. Das Haus
nachgerade gehäutet. Ich kenne einen Schlossbesitzer im Altmühltal, der aus
eigenem Erleben sagen kann, warum das keine gute Idee ist: Als er vor
Jahrzehnten begann, das Schloss zu restaurieren, empfahl man ihm, den alten
Putz abzuschlagen. Seitdem hat er einen neuen Putz und damit nichts als Ärger:
Der neue Putz passt in seiner Wasserdurchlässigkeit nicht zum Mauerwerk. Er sieht
an einigen Stellen viel zu neu aus. Und er ist an anderen Stellen seit Jahren
ein Restaurierungsfall, bröckelt, zieht Wasser, platzt nach der Winterkälte ab
und lässt einen verwundert zurück, wieso der alte, abgeschlagene Putz nach 300
Jahren besser gehalten hat. Oder kommen Sie zu mir: Im Hausgang haben wir eine
gute Putzschicht von 1450. Die hält. Was man darüber später aufgebracht hat,
beschert mir Jahr um Jahr jede Menge Arbeit, denn zuerst kommt das Wasser aus
dem Boden, und dann fällt der neue Putz ab. Ich, der Schlossbesitzer und andere
Altimmobilieneigentümer: Wir wurden zwangsweise, leider, Experten in Sachen
Hausklima, historisch korrektes Verputzen und besonders für die Erkenntnis,
dass die Alten schon wussten, was sie taten, und wie teuer es wird, wenn man
sie nicht achtet. Die Neuen - hauen den Putz runter, früher, weil er alt war
und heute, weil man das Haus in Styropor einpackt und zum Plattenbau macht.

Letzte Woche war ich in Frankfurt und in Waldbüttelbrunn bei
Würzburg; die Stadt geht auf diesem Weg klar voran, und in jener Siedlung der
Zeit um 1900, in der ich zu Gast war, werden gerade nebenan zwei Häuser
verpackt. Also erst mal gehäutet, dann mit Styropor überzogen und verfettet,
und dann neu verputzt, so glatt und eben, wie man das auf Plastik gut machen
kann, damit es nachher auch so eben und tot wie Plastik aussieht. Das
Mauerfleisch wird künstlich 10 Zentimeter aufgequollen, genauso tief versinken
dann die Fenster in Bunkerlöchern. Es sieht gut aus für die Energiebilanz, und
es sieht so aus, als habe das Haus etwas Falsches gegessen, und nun schwillt
der Körper an, die Haut ist straff und darunter pocht der Eiter an den Nerven.
Die Alten haben sich durchaus Gedanken zu Themen wie Form und Proportion
gemacht, was man von einem Styroporaufbringer und einem Energiepass eher nicht
sagen kann.
Lang, lang hat es gedauert, bis sich die Erkenntnis
durchsetzte, dass man alte Häuser besser nicht entkernt und sich eher überlegt,
wie man das Vorhandene richtig nutzt. Jedes ausgeräumte Haus ist eine verlorene
Schlacht, das alles kommt nicht wieder, Geschichte kann man nur einmal
wegreissen, und inzwischen versteht man, dass es nicht reicht, nur Fassaden zu
erhalten. Und jetzt also geht man dazu über, die Fassaden zu verkleiden und
darüber eine neue Haut zu spannen, die erst wie Disneyland aussieht und später,
wenn das Wetter das tut, was es eben zu tun in der Lage ist, wie das, was es
ist: Vergammelndes Plastik. Und später dann: Neue Sanierungskosten. So ein
alter Putz hat geatmet, da konnte Wasser und Wärme durch die Mauern. Styropor
ist dicht, ausser an den Stellen, wo es undicht ist und das Wasser
hineinsickert. Wenn ein altes Stück Putz einmal abfällt, macht es nichts. Wenn
so ein neuer Putz auf Styropor ein Loch hat, ist man gleich auf Plastikgewebe, das man in letzter Zeit in Städten so oft an Schrammen sieht.

Die Stadt geht voran, das ist der Trend und die Zukunft und
die Bauvorschrift, ein Mieter hat ein Recht nachzulesen, wie toll ein Haus
eingepackt ist. Auf dem Land ist man in der Hinsicht noch etwas hintendran.
Vielleicht, weil es sich aufgrund der Immobilienpreise nicht richtig lohnt.
Vielleicht aber auch, weil man auf dem Land noch genug Zeugnisse einer ganz
ähnlich verrückten Vergangenheit noch sieht. Dieses Verpacken von alten Häusern
nämlich ist keine neue Erfindung, sondern etwas, was Modernisierer in den 50er,
60er und 70er Jahren schon einmal versuchten, um Dörfer und
Kleinbürgersiedlungen den Idealen der Stadt anzupassen. Zuerst eliminierte man
die Sprossenfenster. Dann schnitt mal breite Fenster a la Bauhaus in die
Fassaden. Dann setzte Man Glasbausteine ein. Dann noch so eine praktische
Patten an die Fassade, die so schön sauber und einheitlich waren. Und wenn dann
noch Geld übrig war: Mosaik rund um die Türen. Keine Frage, das Bauhaus hat am
Ende gewonnen. Bei uns in Gmund am Tegernsee wohnt übrigens ein bundesweit
bekanntes Architektenpaar, das wegweisende Bauten entwickelt - in einem penibel
restaurierten Gründerzeitpalästchen. Es gibt so Siege, die man besser anderen
überlässt.
Welcher Sieg jetzt besser ist - die modernisierten Altbauten
oder die fetten Styropormonster - wird sich erst in einigen Jahren zeigen, wenn
man die Rückbaukosten in Relation setzen kann. Prinzipiell habe ich auch gar
nichts dagegen, wenn altes Putzhandwerk dann wieder auflebt; ich kenne da einen
Experten, dem ich sehr viel mehr Aufträge als den Plattenherstellern wünsche.
Aber vorerst kann kein Zweifel bestehen, dass unter der Ideologie der
Heizungskosten eine ganze Generation von Besserverdienenden drauf und dran ist,
in Plattenbauten zu ziehen. Es ist nicht mehr Beton und es ist dahinter ein
alter Kern, aber es ist zweifellos Platte, und ich bin mir sicher, dass es in
der DDR genau so verordnet gewesen wäre, wenn man dort nur genug Styropor
gehabt hätte. Trotzdem muss man zugeben, dass es ein Fortschritt der Zivilisation
ist: Das früher sehr beliebte Asbest erzeugte Krebs, was noch weniger schön als
Schimmel ist.

Es mag sein, dass vielen der Unterschied zwischen einem
alten und einem neuen Verputz gar nicht auffällt. Es mag auch sein, dass die
Finanzkrise ein schlimmeres Beispiel für die mangelhafte Lernfähigkeit der
Menschen ist. Als Historiker macht man sich in der Hinsicht ohnehin keine
grossen Illusionen. Aber manchmal frage ich mich schon, ob wir den Osten
übernommen haben, oder der Osten uns und dann alternativlos mit einer besseren
PR und Werbung das durchzieht, was seit jeher im Sinne der 5-Jahrespläne war.
Wir sind drauf und dran, unsere Stadtoberflächten zu zwangskollektivieren. Was
wir dann noch herzeigen, sind ohne Aufforderung Energiepässe - hat da jemand
VoPo gesagt? - und neue Häute eines neuen, effizienten Menschen, der alles
weiss pinseln kann, weil die Haustechnik den Rest nach Verordnung und Programm
reguliert. Ein altes Haus nach dem anderen. Man kann dann mehr Miete verlangen.
Die neue Funktionselite schaut darauf. Die Partei hat immer recht.
Sie hat recht. Sie braucht keinen Stuck, fleischfarbene Wände,
Perserteppiche, goldene Spiegel und Capriccios, die Italien zeigen.