All die schönen Reichen
09. August 2011, 15:26
Uhr
Natürlich bist Du
nicht hübsch, aber für mich gibt es nichts Schöneres als Dich.
Coco Chanel
Ich darf zu Beginn, bevor wir uns mit der Gegenwart
beschäftigen, vielleicht zwei Beispiele aus der Geschichte meiner eigenen
Gesellschaftsschicht bemühen, die für mich eine Frage aufwerfen: Tun wir uns
weh, weil es manchmal sein muss, oder leiden wir immer, weil wir es nicht
anders kennen?
Im 18. Jahrhundert war "Belladonna" ein beliebtes
Untensil der Schönheitspflege. Belladonna enthält Atropin, ein Extrakt der
schwarzen Tollkirsche, und damit weiss vermutlich jeder: Es ist giftig. Das
trifft zu, aber eines der Anzeichen der Vergiftung ist eine Weitung der
Pupillen, das wiederum erscheint uns als "schön", und so kamen die
Damen zum Belladonna, die Männer zu einem feurigen, undwiderstehlichen Blick
und die Tollkirsche zu ihrem schönen lateinischen Namen: Atropa Belladonna.

Fairerweise muss man sagen, dass schon damals die Giftigkeit
des Mittelchens wohlbekannt war, und die Damen sich damit nur in entscheidenden
Momenten verschönerten, wenn es wichtig war, besonders faszinierend zu
erscheinen: Bälle, Empfänge, Verführungen, Hochzeiten, auf dass die Männer wie
Fliegen in den grundlosen, schwarzen Seen der Pupillen ertranken. Ansonsten
behalf man sich eher mit dem Halbdunkel der Räume, um die Pupillen zu weiten
und eventuelle Gebrechen zu verschleiern. Gegen Hautunreinheiten halfen
Gesichtsüberzüge mit wachshaltigen Kosmetika, zur Perfektion hatte man als
künstlichen Leberfleck das Schönheitspflaster, und an der folgenden Syphilis
dürften insgesamt mehr Menschen gestorben sein, als an den paar Tropfen
Tollkirschengift.
Dann setzte sich das Bürgertum durch. Mit dem Bürgertum
ändert sich alles, die Vorstellung der Ehe etwa und die Moral, aber auch der
Griff der silbernen Teekannen. Man gibt die massiv silbernen Griffe des Rokoko
auf und verwendet fast schwarzes Ebenholz, obwohl Silberprodukte im 19.
Jahrhundert sehr viel billiger und die Kannen erheblich schwerer werden. Diese
Veränderung ist allein durch das Schönheitsideal der Zeit zu erklären:
Möglichst weiss und bleich müssen Haut und Hände der Bürgersfrauen sein, und
gegen einen schwarzen Holzgriff erscheint Haut beim repräsentativen Tee sehr
viel heller, als gegen einen glänzenden Silbergriff. Zu jenem Zwecke gibt es
damals sogar schwarzes Porzellan, und wer sich wundert, warum das Porzellan der
Biedermeierzeit so bunt ist, findet im Kontrast zur Haut eine logische
Erklärung.

Das klingt erst mal klüger als die Verwendung eines
Nervengifts zur Pupillenerweiterung, lässt aber noch die Hautbleichung ausser
Acht: Jene Zeit ist es, die vom altbekannten Cerasso, einer seit der Antike
verwendeten Bleimischung, abkommt und statt dessen - es ist die Zeit der
chemischen Erfindungen - auf ungleich effektivere und giftigere
Quecksilbermischungen umsteigt. Und es erscheint mir nicht ganz zufällig, dass
die Literatur des atropingetränkten Rokoko so viele herzrythmusbeschleunigte,
lebhafte Damen kennt, während das quecksilberverseuchte Biedermeier gerne von
Frauen erzählt, die schnell ohnmächtig werden, Migräne haben und Schwindel
empfinden.
In einer schönen, grossen und reichen Stadt des Südens nun
gibt es heute eine Zeitschrift, deren Chefredakteurin ihren Mitarbeiterinnen
zwecks Einhaltung körperlicher Idealmasse das Essen verbietet. Es ist eine
dieser Zeitschriften, die das Dauernuckeln an der kohlensäurefreien
Wasserflasche ebenso fördert wie Minimaldiäten und pseudowissenschaftliche
Indices, um dann zu jeder Zeit und am besten auch noch jenseits der 50 in
Kleider zu passen, die dem Rest der Menschheit den Anblick der Folgen von
Mangelernährung zu ersparen. Eine Bekannte hat dort wieder gekündigt, und was
sie erzählt, klingt nach einer kollektiven Mischintoxination von Belladonna und
Quecksilber mit allen Nebenwirkungen. Und würde man heute nicht auch Bücher mit
öffentlich zur Schau getragener Bulimie verkaufen können, würde ich sagen: Ein
Tollhaus. Wie kann man nach einem Viertel Jahrtausend immer noch so dumm sein?
Wie kann sich das so ausbreiten, wie kann das Unkulturgut so tief und breit
einsinken? Wieso muss das vom kurzfristig vergifteten Adel über das
dauerverseuchte Bürgertum zum verbindlichen Lebensstil für alle werden, deren
Vorfahren vieles erdulden mussten, aber wenigstens nicht jene Exzesse, über die
man nach einiger Zeit zurecht den Kopf schüttelt? Und kann man sich dann
überhaupt noch über die neuere deutsche Literatur aus Frauenhand wundern, in
der keine Heldin nicht wenigstens eine ordentliche Essstörung und ein paar
Selbstmordversuche mitmacht?

Als sich das
bürgerliche Lager anschickte, zur bestimmenden Klasse zu werden, gab es diese
Idee, vom verlotterten Adel die ein oder andere theoretische Tugend zu nehmen,
und all die unnatürlichen Fehlentwicklungen zu vermeiden. Das hat
offensichtlich nur begrenzt funktioniert, die Marotten stehen nicht nur allen
offen, sie werden auch breit genutzt und kultiviert. Mir könnte es egal sein -
dass "Fruchtbombe am Furkapass und Mirabellenmassaker in Meran: Die 1000
besten Tortenrezepte des Alpenraums, aufgeschrieben in einem unterhaltsamen Reiseroman
von einem bumberlg'sunden Reisenden ohne Sexproblem" kein Bestseller
werden würde, war mir schon immer klar - aber diese andere Einstellung, die
nähert sich meinem Refugium. Es begann damit, dass der "rüstige
Rentner" verschwand und der "aktive Lebensgeniesser" auftauchte.
Dem rüstigen Rentner war es noch egal, wenn er wie eine Kreuzung aus Helmut
Kohl und Norbert Blühm aussah, der aktive Lebensgeniesser kann, neben mir am
See sitzend, über die richtigen Golfschuhe genauso sprechen wie über Schönheits-OPs
für den Mann. Die er nicht braucht, aber er kennt doch jemanden, und deshalb
weiss er auch, wer das in Bad Wiessee kann und wer nicht. Das sind so die
Momente beim Essen am Strandbad, da wünschte man sich, man hätte einen anderen
Platz gesucht und könnte sich noch in der Illusion wiegen, es gäbe ein Alter,
in dem der Bodymass-Index keine Bedeutung mehr hätte.
Man wird gewissermassen von den Flügeln her aufgerollt. Auf
der einen Seite jene, denen die Essstörung von der Patchworkfamilie und den
Medien in die Wiege gelegt wurde, auf der anderen Seite jene, die schon alles
haben und finden, dass sie auch fünf Jahre jünger ausschauen könnten, weil das
Geld, das haben sie ja. Keine Perücken wie im Rokoko, aber jede Woche zum
Friseur. Die Frau geht zur Wellness, der Mann geht mir, da gibt es inzwischen
ja auch so Angebote für die Männer. So ein strahlendes Gewinnerlächeln kommt
nicht mehr so sauber unter den Tränensäcken rüber, kann man da etwas tun? Man
kann. Man kann es als eine Art der Gleichberechtigung betrachten, als
Herdentrieb, als Zeitgeist, als Modetorheit, vor allem aber als etwas, das
gekommen ist, um zu bleiben. Vielleicht ist das ja etwas für den deutschen
Literaturbetrieb: Roman über die Innenansicht eines bösen, reichen Opa im
Sportwahn mit Bulimie, krassen Sexpraktiken und Hang zu minderjährigen
Prostituierten, um sich zu beweisen.

Es ist, als würde jemand, eine unerklärliche Macht, an den
Stellschrauben der Massengesellschaft drehen, als würden manche Schichten sich
dem Druck sofort hingeben und andere langsam nachrutschen, sei es nun aus
freien Stücken oder in Folge des Konkurrenzdrucks, der keinen Platz mehr für
eher runde und selbstzufriedene Menschen kennt. Für eine Oberschicht sind
solche Tendenzen nicht weniger als die Infragestellung ihrer Position: Wozu ist
man eigentlich oben, wenn man sich dort dem gleichen und dauerhaften
Optimierungsdruck aussetzt, der ansonsten stets das Kennzeichen jener ist, die
so etwas aufgrund mangelnder Privilegien nötig haben. Man träufelt kein
Belladonna mehr in die Augen, man nimmt kein Quecksilber mehr zum Tee, es ist
auch gar nicht nötig: Das Gift, das uns die Torte verweigern lässt, ist längst
in unserem Hirn.
Entschuldigen Sie mich bitte. Teezeit! Ich glaube, ich gehe jetzt erst
mal die wohlgenährte Konditorenverkäuferin besuchen.