Amerikanische Antworten auf alteuropäische Probleme
12. November 2011, 23:22
Uhr
No country for old men
Es war schon einmal erheblich leichter,
Transatlantiker zu sein. Das war in etwa in jener Epoche, als Schüler
davon träumten, nach dem Abitur wochenlang die Westküste zu
bereisen, oder an der Ostküste zu studieren, zumindest ein, zwei
Semester. Die Eltern sagten, dass alles, was in Amerika passiere,
auch in zwei Jahren zu uns käme, und vor diesem Hintergrund war das
Hobby des Transatlantikers eine feine Angelegenheit. Zumal diese
Tätigkeit damals noch von älteren Herren betrieben wurden, die
selbst noch aus Nazi-Deutschland geflohen waren, es als GIs erobert
hatten oder der Meinung waren, für eine bestimmte Art des liberalen
Westens etwas tun zu müssen. Vielleicht war es auch nur einfacher,
jungen Deutschen etwas über die Werte von Freiheit und Demokratie zu
erzählen, als den Mormonen, den Farmern im Mittelwesten oder den
Chicago Boys.

Ich selbst habe einige Jahre für
Publikationen in den USA geschrieben, auf Deutsch und auf Englisch,
es wurde sogar klaglos gedruckt, und ich habe dabei viele feine
Männer und Frauen kennengelernt. Es waren lustige Zeiten, besonders
so um das Jahr 2000 herum, als Europa mit ein paar unerfreulichen
Eigenständigkeiten auf sich aufmerksam machte: Haider in Wien, die
Zwangsarbeiterpeinlichkeiten in Deutschland, da gab es viel zu tun
und zu besprechen, Interviews waren zu führen und, mitunter auch,
doch, der ein oder andere Fallstrick zu legen, auf dass nicht jeder
Depp trampelnd die Wege über den Atlantik ruinieren konnte. Und wie
es so ist: Man lernt sich kennen, man sagt, wenn Du nochmal kommen
solltest, lass etwas von Dir hören, ich freu mich narrisch. Ich
selbst, nun, ich bin nicht gekommen, ich reise nicht in die USA, ich
mag keine Länder mit Todesstrafe. Andere kommen aber nach Europa,
und sie freuen sich, durch die verwinkelten Gassen von Innsbruck
geleitet zu werden, von jemandem, der ihnen das Schloss zeigt, sie an
der dortigen Konditorei mit dem bekannten Namen vorbeiführt und zu
jenem „Damencafe" von 1803 bringt, das so ist, wie
österreichische Cafes gewesen sind.
Die Idee damals war, grob gesagt: Das
Alte Europa, das wie dieses Cafe aussehen sollte, mit den Idealen der
Neuen Welt - die im Kern die Ideale des richtigen Alten Europa waren
- dauerhaft krisensicher zu machen, ohne dass es gleich bei McDonalds
bestellt. Aber dann kamen nicht nur die Blochers und Haiders, sondern
auch die Rumsfelds und die Bushs und der War on Terror und An End to
Evil, entweder seid ihr mit uns oder gegen uns, die Kriege, der
Hindukusch und Abu Ghuraib und Waterboarding und Guantanamo, und bei
all dem blieben ältere, feine Herren auf der Strecke, die erzählten,
wie sie mit einem kleinen Koffer für immer ihre Eltern verlassen
mussten, in Europa kämpften, in Amerika Firmen und Kanzleien
aufbauten, sie verkauften und dann nicht segeln gingen, sondern
transatlantisch Schulen besuchten. Damit so etwas nicht nochmal
passiert. Und dann kam die Finanzkrise, die ganz neue
transatlantische Wege aufzeigte, Geldströme, denen die
Systeminfektionen folgten. Hypo Real Estate, Commerzbank, Rezession,
Kurzarbeit: Alles transatlantisch.

Und nun, im zweiten Akt der Krise, die
mit einigen Zwischenspielen sicher noch etwas dauern wird, kommt
transatlantisch die Rache für all die guten Ratschläge aus Europa
an die Adresse der Amerikaner. Sicher, die Hauspreise in den USA sind
immer noch am Boden und das gute Rating ist weg, die
Hypothekenversicherer brauchen Milliarden vom Staat, um sie den
Banken zu geben, es gibt die Tea Party und eine Faststaatspleite und
lediglich finanzpolitisches Flickwerk. Trotzdem sehen sich
Präsidenten, Berater und Ökonomen berufen, über den Atlantik
hinweg zu sagen, was man in Europa tun soll: Geld drucken.
Staatsanleihen kaufen. Goldschätze und Währungsreserven riskieren.
Grundsätze über Bord werfen. Sonst starre man demnächst
gesamteuropäisch in den Abgrund. Den man in den USA schon zur Genüge
kennt, aber das sagt man nicht dazu. Genausowenig wie das Problem der
Ansteckung, denn was uns die IKB bei den Subprimes war, ist den
Amerikanern die Kreditausfallversicherung, wenn Italien wackelt.
Absurditäten wie Geldwertstabilität, das A und O jeder besseren
Wählerschichtenpflege, will man dabei natürlich nicht gelten
lassen. Finanzmarktgurus aus den USA wissen, wie man in Deutschland Schlagzeilen macht.
Und wir bestellen Torte und reden über
die alten Zeiten, in denen es noch um Values und nicht um Worth ging,
damals in Wien und in Bonn beim Aussenamt am Rheinufer. Als man
dachte, die Zeiten des gegenseitigen Reinwürgens wären irgendwann
wieder vorbei, und man würde sich bald wieder verstehen. Vor diesem
Hintergrund ist das neue Diktat der Ökonomie eine sehr
unerfreuliche, sehr peinliche Sache. Auf beiden Seiten des Atlantiks
steht die demokratische Zivilisation nicht wirklich gut da, die haben
FOX und wir gerade eine ganze Serie von Vorfällen, in denen nicht
die Demokratie entscheidet, was man tun soll: Irland, Italien,
Griechenland, Spanien, man kann dort vielleicht wählen, aber was
bedeutet das noch? Und ich erzähle ihm die Geschichte von der
Elitesse mit Abschkuss eines der besten Colleges der USA, die danach von einer Aufhilfsarbeit zur nächsten sprang. Trying to start a career, wie das dort heisst. Während der Behandlung
einer chronischen Erkrankung war sie gezwungen, die Krankenkasse zu
wechseln. Die neue Kasse zahlte nicht mehr, und sie musste die 1400
Dollar pro Monat selbst zusammenkratzen. Bei einem Anfängergehalt in
den Medien. Auch der Gesundheitssektor ist so eine Sache, wegen der ich
nicht nach Amerika will.

Aber genau hier, meint der
amerikanische Gast listig, könntet Ihr doch Eure Probleme lösen.
Bei uns ist man der Meinung, dass das Kernproblem der Eurokrise ein
Zuviel der staatlich verpflichtenden Leistungen ist. Ihr Europäer
seid einfach zu teuer. Weniger Sozialstaat, weniger Kosten, weniger
Schulden. Pause. Wie unter Brüning, einfach mit Notverordnung. Wir
lachen. Es ist Österreich, da kann man bittere Witze machen.
Andernorts liest man schon, dass die Märkte mit Vertrauensverlust
jene auf Linie bringen werden, die nicht bereit sind, ihren
Anforderungen nach sicheren Profiten zu entsprechen. Auch das ist
übrigens so eine Sache, die schon unter Brüning zu beobachten war,
mit nicht gerade idealen Ergebnissen für den Fortgang der
Geschichte. Überhaupt ist es eine gute Zeit, sich mal mit diesem
Reichskanzler zu beschäftigen. Er wird gerade wieder modern,
diesseits und jenseits des Altlantiks, selbst wenn die meisten
Ökonomen mit diesem Namen vermutlich wenig anzufangen wissen.
Doch bei allem Trennenden und all dem
bissigen Streit um Geld und Schulden und Schuld ist da immer noch der
gar nicht so unwichtige Umstand, dass die Alternativen zum finanziell
unsicheren Westen in Sachen Lebenseinstellung nicht gerade attraktiv
sind. Ich weiss nicht, ob man so mit den Chinesen reden könnte, die
die Strasse runter das Goldene Dachl ablichten, oder mit den Russen,
die in Verona, der nächsten Station des Gastes, die Geschäfte
ausräumen. Der Westen, der sich um den Atlantik gruppiert, ist von
seinen Theorien zu Staat und Gesellschaft immer noch eine recht
kleine, feine Angelegenheit, und der Umstand, dass dies nur noch mit
Gläubigern mit wenig demokratischen Staatsfonds gehen soll, ist
zuerst mal eine moralische Katastrophe. Dann politisch. Und danach
erst wirtschaftlich.

Allein, für einen Kuchen reicht es
noch, für eine Reise, und für sein Alter sowieso und seine Kinder
wohl auch, und für mein Alter mache ich mir keine Illusionen, denn
wenn auf Riesters Grab fragwürdige Dinge getan werden, wird mein
Haus wie eh und je stehen, und wohnen müssen die Menschen immer. Man
wird schon irgendwie durchkommen, und leichter als andere sicher
auch. Es ist schade um das Alte Europa, das gerade als Idee
implodiert, weil man den Traum durch eine Währung und
Finanzinteressen ersetzt hat. Es ist schade um den Westen, und es
dauert sicher nicht mehr lang, dann werden sich Chinesen oder Russen
über den renitenten „Alten Westen" aufregen, der nicht das tut,
was man erwartet. Solange wird man sich noch etwas zerfleischen und
über den Niedergang der anderen freuen, weil es einem noch besser
geht. Nicht so gut wie den Märkten natürlich, aber die sind nicht
West oder Ost oder Europa oder Amerika, sondern das, was Menschen
daraus machen.