Zum Fest drei schäumende Witwen
25. November 2011, 10:45
Uhr
Nach dem Menschenfleisch und der tafel- und höllenfahrtsbegleitenden Musik ploppen nun sanft die perligen Flaschen bei Christoph Raffelt, der sich als Weinkenner mit den Tücken und Freuden der Champagnerproduktion auseinandersetzt.
„Wie
lieb und luftig perlt die Blase
Der
Witwe Klicko in dem Glase!"
Wilhelm
Busch, Die fromme Helene
Spätestens
wenn im November im Weinregal der Discounter ein Teil des Angebots
zugunsten des Champagners weichen muss, wissen wir, bald ist
Weihnacht und Neujahr. Nun gut, die Marzipan- und Printengalore war
schon Wochen vorher da und auch sonst können wir uns dem Übermaß
an Weihnachtsartikeln kaum entziehen - spätestens am Heiligen
Abend dürfte man den Anblick eines Spekulatius als Nötigung werten.

Doch
irgendwann an diesen Festtagen, der Braten duftet schon im Ofen, ist
die Zeit gekommen, einen guten Tropfen als Aperitif hervorzuzaubern -
eben jene Flasche, auf die wir uns schon lange gefreut haben. Wie
entsagungsreich war die Zeit vom Kauf des Champagners bis zu seiner
Öffnung, eine Zeit, die wir mit günstigem Cava und Prosecco
überbrücken mussten, um nun endlich zur feierlichsten Zeit des
Jahres eine Veuve Monsigny öffnen zu dürfen. Eine Flasche dieses
edelsten aller Getränke - so heißt es in den Marketingabteilungen
der Luxusgüterkonzerne - in unseren Händen; am liebsten lassen
wir es laut knallen, es gibt ein Aaaah und Oooh und dann schäumt das
gezuckerte Ziel unserer Begierde in den Gläsern. Ein Fest ist es
dann ganz bestimmt, zumindest für jene, die sich das ganze
Schaumweinjahr mit dem oben angesprochenen Prosecco begnügt haben.
Und wenn man den Rebensaft die Kehle herunterrinnen lässt, fällt
das etwas Zuviel an Süße im Champagner gar nicht mehr auf - im
Prosecco hatten wir ja schon reichlich davon.

Nun
ist aber so eine Flasche Veuve Monsigny nicht unbedingt jedermanns
Sache. Selbst wenn wir uns bezüglich der Qualität in Schweigen
hüllen, stammt doch der Wein offensichtlich aus nicht ganz so noblem
Hause und ist auch der Preis letztlich ein Problem. Denn eigentlich
ist er für einen Champagner zu günstig, und das weiß der Gast, dem
ich etwas Besonderes kredenzen möchte. Garnelen kann ich dort gut
kaufen, das fällt nicht weiter auf, denn die stelle ich nicht samt
Verpackung auf den Tisch. Und wenn ich auch noch die mit dem Biolabel
nehme, bin ich zusätzlich auf der nachhaltig sicheren Seite.
Natürlich wäre es ebenso möglich - mir selbst ist das einmal
passiert -, dass der Gastgeber den Wein blind serviert und betont,
es handle sich um Champagner, um dann nachher die Provenienz zu
lüften. Das allerdings ist nicht sonderlich fair, da die Gäste
natürlich immer die vermeintlich gute Qualität bestätigen werden,
wenn wir davon ausgehen, dass sie wissen, wie man sich benimmt -
was ich an dieser Stelle schlicht voraussetze.
Warum
nicht also gleich zur großen Witwe greifen, zur originalen Veuve
Clicquot? Auch wenn es weh tut, denn, oh Gott, der Champagner kostet
mehr als das Dreifache der Handelsmarke namens Veuve Monsigny, doch
schließlich ist Weihnacht und so oft macht man eine solche Flasche
ja nicht auf und dann weiß man wenigstens, was man hat.
Ja,
was weiß und was hat man denn dann eigentlich? Man kauft ein
Marketingprodukt, eines, das voll aufgeladen ist mit allen Klischees,
die die Champagne heutzutage zu bieten hat: Glamour, Eitelkeit und
Exklusivität - und das Beeindruckende ist: Es funktioniert!
Das hat es schon immer getan! Nur dass es früher - wie
selbstverständlich auch die Riesengarnelen - den wirklich Reichen
und Mächtigen vorbehalten war, dieses edle Getränk zu verkosten, ja
es in Strömen fließen zu lassen. Napoleon war natürlich ein großer
Fan. Vor ihm schon der Sonnenkönig. Und die Zaren erst! Die haben
sich den Schaumwein, der damals noch so süß war, wie es heute keine
Erben-Spätlese mehr schafft, schiffsladungsweise kommen lassen. Im
Zweifel ging es an allen Absperrungen und Handelsbarrieren vorbei.
Dieser perlende Wein hat immer fasziniert und dank der enorm
gestiegenen Kaufkraft kann er heute selbst den Massenmarkt für sich
einnehmen. Mit weit über 300 Millionen jährlich verkauften Flaschen
kann man schon so manchen Menschen glücklich machen. Oder stolz.
Oder doch zumindest kurzeitig befriedigen.

Die
markante Flasche der Witwe Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin spielt auf
diesem Markt der Eitelkeiten dabei eine der ersten Geigen. Man
munkelt, dass der Luxusgüterkonzern Moët Hennessy Louis Vuitton
(LVMH), der von sich selbst behauptet, der luxury world leader of
prestigious brands zu sein, kurz der Máximo Lider des
massenkompatiblen Luxusgeschmacks, jährlich 15 Millionen der
orangefarbenen Flaschen umsetzt. Das fühlt sich so an, als wäre das
kurz hinter Coca-Cola, allerdings wohl mit höherer Rendite. Dabei
schaffen die Granden des Champagnermarketings es trotzdem, das
Produkt weiterhin exklusiv erscheinen zu lassen, was natürlich über
den Preis geht. Ginge es nach Qualität, Charakter oder -
ich wage es kaum auszusprechen - Individualität, würde ich
die Witwe, wie man sie unter Eingeweihten auch gerne nennt, im Preis
nur unwesentlich höher ansetzen als das Discountpendant. Doch darauf
kommt es ja nicht an, weil es dabei ja nicht um Geld geht. Vielmehr
gibt man ein Statement ab. Es ist eine Weltanschauung, die da
verkauft wird, sei es beim Erwerb eines solchen Champagners, sei es
beim Kauf eines von F.A.Porsche gestylten Ice-Cube oder eines
Shopping-Bag, sagt zumindest die Marketingdirektorin des
Unternehmens, während ich in der Clicquot-Boutique im Hamburger
Alsterhaus teste, wie lange ich diese orangefarbene Lebenseinstellung
wohl ertragen kann. Klar wird mir in solchem Ambiente allerdings,
dass ein solcher Champagner eigentlich viel besser zu einem
Weihnachtsfest passt, bei dem der Event-Caterer den Braten
anschneidet.
Wofür
also entscheide ich mich, wenn es Champagner sein und er zu dem
passen soll, was ich sonst favorisiere? Wenn ich auf dem Markt die
guten, frischen Dinge kaufe und mich beim Metzger meines Vertrauens
für ein Weihnachts-Roastbeef entscheide, wo das Rind noch vor kurzem
auf saftigen Eifeler Wiesen herumgetollt ist, sollte ich dazu nicht
auch die passenden Weine servieren? Gibt es beim Schaumwein überhaupt
diese Individualität und den entsprechenden Charakter, den ich immer
wieder erwähne? Natürlich! Doch man muss ihn suchen. Und es ist ja
noch eine der drei schäumenden Witwen übrig, von der ich noch nicht
berichtet habe. Die Dritte im Bunde ist also keineswegs die Witwe
Bolte, die jetzt ins Schaumweingeschäft eingestiegen wäre, es ist
vielmehr die Veuve Fourny, ansässig in Vertus, einem der Hauptorte
der Côte des Blancs. Nebenbei gesagt findet sich der Name Vertus
auch auf dem Etikett der Veuve Monsigny, aber das verrät nichts über
den Inhalt, da die Veuve Monsigny eben nur eine Handelsmarke ist.
Entsprechend dürfen dort alle Rebsorten aus allen Teilgebieten der
Champagne hineinwandern, solange die grundsätzlichen
Qualitätskriterien, die sich die Champagne selbst auferlegt hat,
eingehalten werden.

Bei
Fourny ist der Sitz des Familienunternehmens dagegen Programm. Die
gesamten 40 Parzellen liegen in und um Vertus, einem der Orte, wo die
Kreide so dicht an der Oberfläche liegt, dass sie dem Gebiet der
Côte des Blancs ihren Namen gegeben hat. Es ist weiß dort und auf
dem weißen Untergrund wächst am besten die weiße der drei
Hauptrebsorten, der Chardonnay. Seit 1930 füllen die Fournys ihre
Weine hier selber ab. Sie gehören mit ihren 8,5 Hektar zu den
kleinen Erzeugern - der Charakter ihrer Weine übertrifft den der
üblichen Verdächtigen jedoch um Längen. Es sind Schaumweine, die
aus Trauben erzeugt werden, deren alte Rebstöcke auf möglichst
natürliche Weise gepflegt und gehegt werden. Dort werden die Weine
viel eher im Weinberg als im Keller gemacht - was für die
Champagne immer noch ungewöhnlich ist. Die Trauben zeigen bei der
Ernte schon fast Spätlesecharakter und so bergen sie eine Fülle in
sich, die es dem Winzer erlaubt, den Champagner später ohne größere
zusätzliche Dosage, also Auffüllen mit Zuckersirup, in den Handel
zu bringen. Es sind Weine, die mit wilden Hefen vergoren werden und
lange in großen Fudern auf den Hefen reifen. Dies ist eine Form der
Herstellung, die ich bei einem nicht schäumenden Wein mehr oder
weniger als normal voraussetze, wenn ich ein gutes Produkt erwarte.
In der Champagne ist dies jedoch immer noch mehr die Ausnahme als die
Regel. Doch wenn ich wegmöchte von den Bildern, die mir vom
Marketing in den Kopf gepflanzt wurden, und hin zu denen, die für
mich Champagne abbilden, dann bin ich hier genau richtig, an diesem
Ort in dieser relativ unspektakulären Landschaft. Dann bin ich
wieder bei Menschen angelangt, die Winzer sind, und nicht bei Leuten,
die eher den Eindruck von Getränkedesignern machen.

Hier
also finde ich das eigentlich Besondere der Champagne und das des
jeweiligen Bodens, auf dem die Reben reifen. Hier wird die Kreide
präsent und der Charakter der jeweiligen Rebsorte. Hier wird
deutlich, wie vorteilhaft die kühle Lage ist, in der die Reben
ausreifen können, ohne die so wichtige Säure zu verlieren. Wenn
diese Voraussetzungen stimmen, wenn sich neben Hefe und Kreide die
Frische mit der Reife verbindet, und auch nur dann, mag auch die
Liebste diese Weine trinken, die sonst einen gut gemachten ehrlichen
Winzersekt jederzeit vorzieht, und zwar zu Recht! Dass ein solcher
Blanc de Blancs dann nur ein wenig mehr als das Doppelte eines
Discount-Champagners kostet und nur zwei Drittel der
Massenproduktionswitwe, mag nicht das entscheidende Kriterium sein
bei diesem mit Emotionen und Bildern aufgeladenen Produkt, es trägt
aber dazu bei, dass ich hier nicht nur am meisten Genuss pro Veuve
bekomme, sondern auch noch zu einem Preis, den sich so ein
Normalverdiener wie ich mal leisten kann, zum Fest oder als
Überraschung für den Abend zu zweit. Wenn ich dann solch eine
Flasche öffne, strömt endlich wieder das ins Glas, wofür es sich
lohnt, Champagne zu bezahlen. So etwas setze ich den Gästen gerne
vor, bevor sie sich über meinen Braten hermachen dürfen. Dass ich
noch eine zweite Flasche habe, verrate ich nicht, die nehmen wir dann
mit, wenn wir uns irgendwann dezent zurückziehen.