Fürstlich anlegen, leben und ruinieren
20. Dezember 2011, 22:37
Uhr
Nicht nur der
Immobilienfonds CS Euroreal, auch der SEB Immoinvest bleibt
geschlossen. Die Sparer sitzen in den einst als liquide gepriesenen
Produkten fest.
Christian von Hiller,
FAZ.net
Ich lese gerade mit viel Vergnügen das
geheime Tagebuch des Herzogs von Croy. Der Autor, ein Privilegierter
des 18. Jahrhunderts, ist keiner der windelweichen adligen Aufklärer,
die sich an Menschenrechten und Linderung von Nöten versuchen, und
das Buch ist frei von jeder zwanghaften Moral. Besucht der Autor
Heidelberg, ist ihm bewusst, dass es die Truppen seiner Heimat waren,
die das Schloss zerstörten - trotzdem ärgert er sich über die
schlampigen Deutschen, die es nicht wieder aufbauen. Deutschland
scheint ihm zerlumpt und heruntergekommen zu sein - kein Wunder, es
wütet gerade der österreichische Erbolgekrieg, dessen Schrecken der
Beginn von Voltaires Candide sind. Croy dagegen, dessen Regiment
schlachtet und plündert, ist einfach unzufrieden und froh, bald
wieder daheim am Hofe von Versailles zu sein, und er gibt sich
überhaupt keine Mühe, irgendwelches Mitleid zu empfinden.
Aufmerksam gelesen, gibt es kaum einen Absatz, über den man sich
nicht empören möchte, und entsprechend langsam sollte man es auch
lesen: Man wird danach nie mehr auf Von und Zus dieser Welt und ihrem
schwersten Habitus hereinfallen. Meine absolute Lieblingsstelle
spielt sich im vom Krieg gebeutelten Hunsrück ab, als Croy mit einer
vierspännigen Kutsche kaum in Richtung Paris voran kommt:

„Wir stiessen auf einen
katholischen Leichenzug mit zwei Pferden, die wir übernahmen, wonach
wir trotz nunmehr sechs Pferden nur mit Mühe Trier erreichten, denn
Schnee und abschüssige Hänge machten die Wege schrecklich."
Man muss sich das vorstellen: Da sitzt
also der Herzog von Croy in der Kutsche und fährt durch das Land,
das seine eigenen Truppen verheeren, es geht ihm nicht schnell genug,
aber da kommen ein paar Menschen, die um einen Angehörigen trauern,
und wie praktisch! Sie haben Pferde! Die nimmt er ihnen ab, was mit
diesen Menschen da ist und wie sie die Leiche transportieren, ist ihm
egal. Er ärgert sich nur weiter, dass es kaum schneller geht auf den
Wegen, während die anderen schon wieder ob all der Mühsal vergessen
sind. Wie sich die Angehörigen gefühlt haben mögen?
Sicher, formal betrachtet war der
Herzog von Croy ein mieses Stück Aas, und weil er 1784 stirbt,
vergönnt er einem noch nicht einmal das Vergnügen, ihn auf dem
Schafott scheiden zu sehen. Ich bin gleichzeitig angeekelt und
fasziniert von dieser grenzenlosen Arroganz, der vollkommenen
Ichbezogenheit, der Ungeheuerlichkeit dieses Buches, das nach dem
Willen des Verfassern eigentlich nicht gelesen werden sollte, Es ist
sagenhaft borniert, weil all das direkt, ohne Mittelsmänner, ohne
Rücksichten passiert. Das allein unterscheidet Croy von den durch
zwischengeschaltetete Politiker, Juristen und Marktzwänge bestens
isolierten Bankstern, Bailoutselbstbereicherern, ausplündernde
Staatsmännern, unverschämten Neoliberalalas, dreisten
Marktfeudalismuströten, die Frechheit der Finanzmärkte, nach ihrem
totalen Debakel jetzt andere belehren zu wollen, von der
kaltschnäuzigen Fresserei am immer gut gefüllten Trog der
Notenbanken... der Herzog von Croy konnte ein Dorf niederbrennen
lassen und Pferde klauen, aber das sind Petitessen gegen die globalen
Raubzüge, die wir im Moment erleben. Und deshalb werde ich hier den
Teufel tun und raten, das Geld in irgendwelche Finanzprodukte zu
stecken, die so hübsch wie ein Schock Vermögensverwalter vor dem
Hintertackern ihrer Gesichtsruinen anzusehen sind.

Ich habe statt dessen eine Zeitgenossin
von Croy gekauft.
Gut, mehr als eine. Da war auch noch
eine degenerierte Habsburger Erzherzogin und eine minderjährige
Italienerin und eine Sibylle und eine spätbarocke ich denke aber
dass Sie das alles gar nichts angeht, liebe Leser, und deshalb
bleiben wir ruhig mal bei dieser einen Dame aus der Zeit um 1770. Im
Gegensatz zu dem, was momentan sonst so das Gespräch auf Feiern sein
mag, ist es nämlich überhaupt nicht so, dass alte Gemälde ein
sicheres Must-Have im richtigen Mix der Anlagestrategie sind. Im
Gegenteil, vermutlich gibt es nur wenig, was man mal eben in
Krisenzeiten schlechter zu Kartoffeln, Butter oder wenigstens Geld
machen kann, als bunte Leinwände. Die relative Seltenheit solcher
Bilder im Vergleich zur Leipziger Schule wird durch den Brennwert der
Rahmen in historischen Krisenzeiten begründet, und nach dem Krieg
hat man neben manchen Depots mit Leinwänden zerbrochene Fenster
vernagelt. Wer so etwas kauft, sollte sich mit dem Gedanken
anfreunden, dass das Geld erst mal wie in einem offenen,
geschlossenen Immobilienfonds weg ist. Rendite? Pfui. Darüber
spricht man nicht.
Nein, im Ernst: Ich investiere in
Wohlbefinden. Diese junge Dame lächelt mich jeden Morgen an, wenn
ich vom Perserteppich im Schlafzimmer kommend meine Füsse auf das
Parkett im Sommerzimmer setze. Das ist besser als, sagen wir mal, die
Zeitung vorzufinden, auf der die Bundeskanzlerin oder andere Menschen mit schlechter Laune zu sehen sind.

Aber das ist nur ein Aspekt. Der andere
ergibt sich aus der Dargestellten. Ich habe nicht die geringste Idee,
wer das sein könnte, aber ich weiss genug, um darin ein Schicksal zu
sehen, das in der Krise als Vorbild helfen kann. Machen wir uns nichts vor: Die
Wahrscheinlichkeit, dass diese junge Dame trotz des offenkundigen
Reichtums alt werden würde, war gering. Die gesellschaftlichen
Maximen dieser Zeit brachten es mit sich, dass junge Frauen in
Adelskreisen Wurfmaschinen für den Erhalt der Sippe waren; sie
starben oft und schnell im Kindbett, und wenn nicht beim ersten Kind,
dann halt später. Die ganze Epoche war nicht darauf angelegt,
Menschen und besonders Frauen ein hohes Alter erreichen zu lassen;
der Moment, in dem das Gemälde gefertigt wurde, war auch der
Augenblick der grössten Schönheit. Man findet in keinem Tagebuch
dieser Zeit irgendwelche Diskurse über ein Später, über eine
Rente, über Altersvorsorge oder Vermögenspläne, wozu auch, das
Leben ist nicht sicher, sondern eine dauernde Krise, vielleicht kommt
morgen der Hausfreund oder Typhus, man weiss es in diesen Zeiten
nicht. Die Vorstellung der heutigen Zwangsjugend bis ins hohe Alter
gab es damals nicht, weil das hohe Alter für niemanden wirklich
sicher war. Das Leben dieser Epoche war für alle eine Art Dauerkrise
mit nahen Horizonten, für alles andere hatte man die Religion und
die Jenseitshoffnung, so sicher wie die Rente und so profitabel wie
Riestern. Solange steckte man die teuren Perlenketten ins Haar, damit
sie auch jeder sehen konnte, schnitt das Kleid weit aus und trug
Farben und Opulenz, die uns heute ganz klein und mickrig erscheinen
lassen - seitdem dieses Gemälde dort an der Wand hängt, sehe ich
die Anschaffung eines purpurroten Seidenmorgenmantels mit
Granatapfelmotiven als unverzichtbar an.
Es ist also nicht nur, damit ich über
jene schallend lachen kann, die eine Überschrift wie „Anleger
werden vertröstet" böse anspringt. Es geht nicht darum, das Geld
von der Bank zu holen und es traurigen Verwaltern zu nehmen. Es geht
um das Bewusstsein, dass in unsicheren Zeiten das Leben auch mit
kürzeren Horizonten weitergehen muss, weil sie vergleichsweise
sicher sind. Fahre ich morgen nach Sterzing, kann es mir keiner
nehmen, denke ich statt dessen lieber an das, was in 30 Jahren sein
mag, werde ich panisch und fange an, in einen Generationenvertrag zu
zahlen, in Zusatzrenten, in Fonds, in sichere Anlagen wie
Staatsschulden, in irgendetwas von exakt jenen Finanzmärkten, die
gerade in der Krise sind. Etwas, das mir in 30 Jahren eventuell
zugute kommt, aber bis dahin... bis dahin profitieren erst einmal die
Nachfahren des Herzogs von Croy davon. Man muss dort nur nachlesen,
er bleibt vermögend durch die Abgaben irgendwelcher Untertanen, die
er nicht kennt und sieht und auch nicht erwähnt: So in der Art ist
auch die Fürsorge des Bankenchefs für seine Anleger, nehme ich an,
so ist das Wohlwollen seiner Angestellten, die auf ihre Verkaufsziele
achten müssen.

Natürlich weiss ich nicht, wie die
Geschichte der jungen Dame ausging, die wir hier ohne Rücksicht auf
die Altersvorsorge mit den Perlen im Haar sehen. Sie hätte ihr Geld
natürlich auch anlegen können, schon 1778 erschütterte die nächste
fundamentale Systemkrise die europäischen Märkte, und dann hätte
sie hektisch und nervös in den ersten Journalen geblättert, panisch
Briefe geschrieben und Prozesse geführt, die damals nicht weniger
nervenaufreibend als heute waren. Möchte man sie sich so vorstellen,
abgetakelt, ohne Perlen und Rosen, am Bureau Plat verzweifelnd?
Ich weiss natürlich auch nur, was
gewesen ist, und nicht, was kommen wird. Ich lasse mich aber gern
anlächeln und zur Leichtigkeit überzeugen. Gibt es einen Gott? Gibt
es eine Rente? Spielt das eine Rolle, wenn man aufsteht und so
angelächelt wird?