Der von guttenoben zu untenwulff sauber gebratzelte Konservative
23. Dezember 2011, 20:03
Uhr
sauber gebratzelt
(sprich: sauwabrahdsld): Bayerisch für schwer auf den Arm genommen,
übel hereingelegt, ordentlich auf die Schippe genommen
Müsste man einen Pechvogel des Jahres
wählen, dann könnte nur einer gewinnen: Karl Theodor von und zu
Guttenberg. Immer, immer, immer hat er den falschen Zeitpunkt
erwischt. Man stelle sich nur vor, der Plagiatorenskandal wäre
aufgekommen, wenn er an der Spitze deutscher Truppen dem Namen
Deutschlands im libyschen Sand wieder Weltgeltung verschafft hätte:
Niemand hätte es ernsthaft wagen können, dem Sieger von Tripolis
mit ein paar läppischen Zitaten zu kommen. Oder er hätte seinen
Rückkehrversuch nicht verfrüht mit der Brechstange in einem
Londoner Hotel versucht, sondern jetzt zur Weihnachtszeit daheim im
Schloss, also im Familienschloss, dass muss man bei den
Kurzzeitmietern von Schloss Bellevue und anderen Eventlocations schon dazu sagen, in der Halle
beim Kamin, mit einer Mischung aus Demut und Erfahrung, ohne dem
Herrn Wulff den Rücktritt zu empfehlen: Soll sich der doch weiter um
Kopf und Kragen stöpseln, mit jedem Buchgeschäft und Fest von
Freunden würde die Republik sehen, was sie an Guttenberg relativ
hatte. Keinen, der sich kaufen lassen muss, keinen, der sich ziert,
Konsequenzen zu ziehen, und das, was sonst so war, ist doch längst
vergessen; die Christbaumkugeln hat übrigens die Urgrossmutter in
Familienfarben machen lassen, und es knistert das Holz aus den
eigenen Wäldern, von den eigenen Waldarbeitern geschlagen, und nicht
das Gas eines Grossversorgers, dessen Chef Gönner ist und sich
Politiker hält, wie echte Herren eine Rotte Jagdhunde.

Hätte man das geschickt und mit der
richtigen Mischung aus Demut, Nachdenken und ein wenig Einsicht in
diese blöde, naja, dumme, aber irrelevante Sache auf 80 Disketten da
gemacht, die Bildzeitung hätte zu Weihnachten das Volksfürstliche
Badewasser zu Schlürfen, Schnupfen und Bekreuzigen auf den Markt
werfen können, und man hätte ganze Swimmingpoolinhalte unter die
Leute gebracht. Zumindest unter die Leute, die mit so einer Attitüde
etwas anfangen können und dafür alle aufs Blut hassen, die bei
ihrem Kredit günstigere Konditionen haben, die sie als junger
Zweitfamilienvater vermutlich auch auf 80 Disketten zu erwähen
vergassen. Damit gewinnt man nicht alle, aber doch jene, mit denen
man später einmal Wahlen gewinnen kann. So viele Möglichkeiten, so
schöne Chancen, alles vertan.
Es ist eine Laune des Schicksals, dass
die beiden idealen Schwiegersöhne dieses Landes und seiner
konservativen Bewohner auf eine Art geschetert sind, die an die
gezielten Bestrafungen in Dantes Hölle erinnern: Der eine, entrückt
und abgehoben, stolperte sich an Fussnoten zu Tode. Der andere, von
unten kommend, klein und bescheiden, wollte ganz oben dabei sein,
passte nicht auf, wurde überheblich, verbrannte sich die Flügel und
stürzt zurück in die Schlagzeilen des Boulevard, die ihn lange Zeit
förderten. Das Schicksal, mag sich der Konservative trösten, kann
es noch, auch wenn sonst früher mehr Lametta war. Aber das ändert
nichts am unerfreulichen Umstand, dass hier diejenigen scheitern, die
von Oben und Unten kommend, besonders gern Werte betonten. Statt
dessen werden Manieren der Neureichen und die Arroganz der Gecken zur
Schau getragen. Also ziemlich genau das, was zu vermeiden erste
bessere Gesellschaftspflicht ist.

Dabei war Wulff nach seinen eigenen
Worten in der Bild angetreten, aus Bellevue eine, Zitat, Denkfabrik
für Deutschland zu machen; darunter geht es in der Berliner Republik
nicht. Er nahm dafür Worte aus deutscher Vergangenheit in den Mund,
als da wären Friedrich der Grosse und dessen Verbindung zu Voltaire,
oder Humboldt und Goethe als Staatsdiener. Gut, vielleicht haben die
Reporter das auch falsch verstanden und er hat genuschelt, vielleicht
sollte es Schenkfabrik heissen, und unsereins unterschätzt nur
gröblichst die geistigen Fähigkeiten derer zu Maschmeyer, Geerkens
und Grossmann. Mit etwas Glück bleibt das jetzt auch so, wenn das
Glück auf Seiten der Politik und der konservativen Parteien ist. Es
gibt weisse Weihnachten am Tegernsee, und der Morast in Berlin ist
weit weg.
Trotzdem wird, wenn die Biogans
gegessen und der unverzichtbare Jahrestributkirchbesuch abgestattet
ist, die Frage im Raum stehen - und neben den Christbäumen ist auch
noch viel Platz dafür - was nun eigentlich aus dem wird, was man
früher als bürgerliche Tugenden bezeichnete. Die
gesamtgesellschaftliche Entwicklung mit einer sich abschottenden
Elite und einer Unterschicht, die sich gar nicht mehr für die
Grundlagen einer solidarischen Gemeinschaft interessiert, liesse sich
ein paar Stufen weiter oben auch mit Guttenberg und Wulff erzählen;
der eine meint über den Regeln zu stehen, der andere borgt sich ein
Jetsetleben und Privilegien, als habe er nicht Wahlen, sondern eine
Castingshow gewonnen. Das alles konnte schon früher nicht gefallen,
aber 2011 ist das Jahr, da diese Verhaltensweisen an der Spitze
angekommen sind. Und alle reden darüber. Und es liegt nicht nur am
Internet.
Dass der Bundespräsident obendrein
auch den Willen hat, die Schande seines bürgerlich fragwürdigen
Lebensstils noch ein wenig weiter öffentlich auszutragen, zeugt auch
davon, dass man nicht mehr auf die klassische Politik und ihre
disziplinierende Wirkung hoffen darf. Mögen sich auch Berliner
Kreise gründen und die Gerüchte über eine Abspaltung der Union
halten: Es wären die alten Leute mit alten Ideen wie Nation, Volk
und anderem, was man vielleicht gar nicht mehr so gut findet: Was man
bräuchte, was entstehen müsste, wäre eine Art „Gemässigt
konservative APO der Alt-Besserverdienenden", die nicht gleich jede
Scheidung verdammt, aber deshalb noch lange keine Orgien auf
Firmenkosten akzeptiert. Eine Art Erneuerung, die das Alte nicht
aufgibt, aber einen sinnvollen Umgang mit der Moderne findet. Das
gelang im Mittelalter den Reformorden, und für die Zusicherung,
nicht allabendlich sehen zu müssen, wie die eigenen Leute und
Anführer das mit Füssen treten, wofür man sie eigentlich gewählt
hat, könnte sich so eine Haltung schon lohnen. Irgendwie schaffen es
ja Hospizvereine auch, sinnvolle Arbeit zu leisten, ohne dass deshalb
gleich peinliche Videos entstehen.

Diese Reform wird einem vermutlich
keiner abnehmen. Früher hätten vermutlich ein paar Ermahnungen
gereicht, und man hätte mit Rücksicht auf die vermögende
Kernwählerschaft den Wünschen entsprochen. Heute sind die
Konservativen absolut nicht mehr vermögend: Reich sind die Freunde
von Wulff, und selbst deren Reichtum ist nichts gegen die 489
Milliarden, die letzte Woche, einfach mal so, wir haben es ja, den
Finanzinstitutionen hinterher geworfen wurden. Diese neu gedruckten
489 Milliarden sind eine Spritze für die Banken, aber auch eine
klare Absage an alle, die sich ihr Geld nicht selbst gedruckt haben.
Sie sagen: Ihr und Eure Anliegen, Euer ererbter und erarbeiteter
Reichtum, Eure Tradition, Eure Werte und Eure Demokratie, das alles
spielt keine Rolle. Sie sagen auch: Wir sind abgekoppelt. Und ihr
seid machtlos. Am Tegernsee wohnt angeblich die Elite, die
bestimmenden Kreise dieses Landes, aber keiner, der hier wohnt, hat
dafür gestimmt, dass bei gleichbleibendem Besitz die Geldmenge so
aufgeblasen wird. Wir sind sauber gebratzelt, von allen Seiten, und
ziemlich gut durch wie eine Gans.
Es gäbe gute Gründe für eine
konservative Rebellion, für eine neue Partei, für Debatten und
radikale Fragen, für einen Klassenkampf von Oben, der keine falschen
Freunde schont. Vor allem aber gibt es auch gute Gründe für die
Biogans, danach den Skiurlaub - die Pisten in Österreich sind
endlich offen - für dieses neue Gasthaus beim Berg Isl, und für den
Kauf von ein paar Gemälden, zur Sicherheit. Man muss so viel tun, es
ist immer so ein Stress, die Kinder kommen und streiten um das Erbe,
es ist Weihnachten, und man fängt mit der neuen konservativen Moral
schon mal damit an, dass man einen Kachelofen einbauen lässt.

Es gäbe viel, was man tun könnte. Und
man wird 2012 das Angenehme mitnehmen und das andere da war doch noch
was...
Wir werden sehen. Hier bei den Stützen
des Gesellschaft, die allen Lesern und Kommentatoren Dank sagen
möchten für die Aufmerksamkeit, und schöne Feiertage wünschen.
Und einen angenehmen Rücktritt im
neuen Jahr.