Den Reichen in Deutschland könnte es besser gehen
31. Dezember 2011, 22:21
Uhr
Deutscher Bankkunde
(flüsternd): Ich würde gern 500.000 Euro anlegen.
Schweizer Privatbankier:
Sie können ruhig lauter sprechen, Armut ist keine Schande.
Liebe Leserinnen und Leser,
trotz Eurokrise, eines schlechten Jahr
an den Börsen, trotz diverser Umweltprobleme, einer ungehindert
agierenden Todesschwadron, Staatstrojanern und besonders der in den
letzten Wochen schlechten Presse für das Natürlichste des
Natürlichen - ein Vermögender hilft einem nicht ganz so
Vermögenden, ein kleines Vermögen in Immobilien zu erwerben -
stehen die Reichen in Deutschland gut da. Ich höre das auf meinen
weiten Reisen im glücklicheren Teil des Landes bei den
besserverdienenden Bürgerinnen und Bürgern immer wieder: Dort
drüben, hinter den Hecken, in jener Villa, dort am See, in jener
S-Klasse, da sei ein Reicher, und dem gehe es blendend. Ja, es ist
geradezu ein Merkmal dieses schönen Landes, wo Reklametafeln
abgebaut und Privatstrassenschilder hingeschraubt werden, dass dort
die Menschen reich sind, und es ihnen gut geht. Blick auf die Berge,
auf die Seen, auf den Taunus, oder auch nur auf den Wannsee oder gar
nur Sandödnis auf Sült: Es geht gut.

Und weil es uns gut geht und wir
obendrein in der Nachbarschaft auch stets jemanden kennen, dem es
noch besser geht, sollten wir zufrieden sein. Andernorts ist es
nämlich so, dass jeder einen kennt, dem es noch schlechter geht.
Viele Griechen zum Beispiel, deren Technokraten dort weitermachen, wo
die alten Oligarchen aufgehört haben. Viele Italiener, die länger
arbeiten sollen, weil das die Wirtschaft stärkt, weil sie kürzer
Rente beziehen und schneller sterben, weshalb die Wirtschaft weniger
Steuern zahlen muss und dann, hoffentlich, die Jugendarbeitslosigkeit
anpackt. Die Spanier - nun, die dürfen beim werten Kollegen Kaffeesatz lesen. Denen allen geht es nicht so gut, aber man muss es so sehen: Auf
diese Art und Weise wachsen unsere Armen im Ruhrgebiet und Berlin mit
denen im Mezzogiorno und Makedonien zusammen. Auch das ist
europäische Einigung, Gleichheit und Gerechtigkeit der
Lebensumstände, ein historisches Geschenk.
Wir aber leben in der Gegenwart. Trotz
all dem werden auch wir uns 2012 den Herausforderungen einer sich
immer schneller verändernden Welt stellen müssen. Wir alle haben es
am eigenen Leib verspürt: Die Preise für englische Silberkannen,
einst hübsche Mitbringsel von der Insel, sind heute ins
Unermessliche explodiert, und trotz fallender Rohstoffpreise ist auf
dem realen Markt keine Entspannung in Sicht. Schwere Stürme wüten
auch über den einstmals so ruhigen Gewässern des Kunsthandels: Für
eine anständige Ahnengalerie braucht man heute ein Vermögen einer
Erbtante, und nein: Photokunst oder Leipziger Schule nimmt man da
auch nicht in Zahlung. Natürlich macht uns alle die Preisentwicklung
der Liegenschaften auf dem Papier reicher, aber wir alle wollen
lieber das Geld in Betonsicherheit tauschen: Die ist so teuer wie
unser Bestand geworden ist, und macht uns deshalb ärmer.

Nachdem auch von höchster Stelle im
öffentlichen TV erwähnt wird, man habe sich bei der Rettung des
Euro - und welcher Euro ausser derjenige, der sich in diesem unserem
Lande vor allem bei uns befindet, sollte da gemeint sein - an
Rückschläge zu gewöhnen, sollten auch Reiche einmal von der
Betrachtung der Welt als Finanzkonstrukt wegkommen. Man betrachte es
lieber als Eigentumskonstrukt, und da sieht es so aus, dass die
gesamte Menge aller Güter nun mal verteilt ist. Die einen haben
mehr, die anderen haben weniger, und viele haben gar nichts. Wenn nun
auch 2012 wieder Gürtel enger geschnallt werden, heisst das nur,
dass oberhalb und unterhalb davon Besitz herausgedrückt wird. Der
Euro mag gerettet werden oder auch nicht: Am Ende ist immer noch der
Besitz vorhanden. Man sollte das Augenmerk also vor allem darauf
richten, dass nach dem Jahr 2012 von diesem Eigentum etwas mehr bei
den Besitzenden ist. Wie immer das mit der Währung ausgeht:
Irgendwann kommen neue Papierfetzen mit Zahlen drauf. Besitz aber
bleibt. Das entschädigt ein wenig für all die Gefahren und
Wirrnisse dieser Epoche im zusammenwachsenden Europa.
Ja, es mag sogar dafür sorgen, dass
die in letzter Zeit etwas bröckelnden Klassengrenzen wieder in altem
Glanze erstrahlen. Wie man in letzter Zeit gesehen hat, fehlt es den
Wulffen dieser Zeit einfach an der nötigen Grandezza des Nehmens.
Ein wenig Tugenden der Sparsamkeit tut dieser Klasse deshalb gar
nicht so schlecht, ein paar Wellnesswochenenden und Sternekochkurse
weniger können nicht schaden, und wenn wir ehrlich sind: Früher
ging es doch auch ohne, da war man für den Eierlikör schon dankbar.
Allenthalben wird durch diese hineindrückenden Etwasbesitzer auf
Traditionen gepocht, die angeblich die der Elite waren - die hätten
mal ein Jagdwochenende mit meinem Grosvater und seinen Freunden im
Högnerhäusl erleben sollen - da ist es eigentlich nur gerecht, wenn
man auch von ihnen erwartet, dass sie wieder ein wenig mehr ihre
eigenen Traditionen im Blick haben. Eierlikör kann man immer noch
zum Kultgetränk deklarieren. Solange die Eier von glücklichen
Hühnern sind. Kurz: Ein wenig weniger Rottach-Egern im Leben hat
noch keinem weh getan.

Mir übrigens auch nicht, denn ich war
in Rottach - die Bilder stammen von dort. Ja, Rottach. In Rottach
möchte ich persönlich nicht tot über der Friedhofsmauer der dort
begrabenen Altnazis hängen, weil: In Rottach sieht man leider auch,
wie es ist. Sturzbetrunkener Nachwuchs der Reichen schwankt, sich an
Luxushandtasche festhaltend, im Minikleid durch die eiskalte Nacht in
den berüchtigten Nachtclub in der Hoffnung, das von den Eltern
bezahlte Sternemenü in sich zu behalten; ein wenig weiter ein junges
Paar, sich laut üble Vorhaltungen machend. In der Öffentlichkeit.
Sich vorerst einmal nichts mehr schenkend. Ich will das hier nicht
wiedergeben, allein: Gute Manieren sehen anders aus. Das hätte es
früher nicht gegeben, möchte man fast sagen, aber auch nur fast,
denn das ist die Klage von Anbeginn der Zeiten her, das sagten sicher
auch schon die Mönche drüben im Kloster Tegernsee und die Altnazis
auf dem Friedhof und der Wulff vor Bekanntwerden seines Kredits. Wie
man sieht: Es bringt nichts.
Vielleicht sollte man deshalb für 2012
den Vorsatz fassen und sich angewöhnen, dass es eine Art natürlicher
Inflation beim Benehmen gibt. Es gibt beim Geld Inflationsziele; man
könnte sich auch auf Benehmensziele einigen. Nach 2011 - ich erwähne
nur die beim Volk das Vetrauen in die Elite ruinierenden Ausreisser
Guttenberg und Koch-Mehrin - sollte es nicht schwer sein, eine Art
Grenze festzulegen, was man Ende 2012 immer noch unschicklich findet,
und woran man sich besser gewöhnt. Völlig sinnlos scheint es mir,
uneheliche Kinder in unseren Zeiten zu verdammen; das wird in 10
Jahren nicht nur Normalität sein, sondern ungeachtet aller
Begleitumstände ein Akt der deutschen Arterhaltung auch für jene,
die heute noch die Nase rümpfen. Vielleicht sollte man auch
Scheidungen etwas lockerer nehmen. Zum Ausgleich kann man ja
Alkoholverbote in der Öffentlichkeit erlassen. Sollte das doch
einmal die eigene Brut betreffen - so ein Polizist ist eigentlich
auch nur Erziehung in Public Private Partnership und deshalb eine gar
nicht so üble Einrichtung in einer Zeit, da Mütter unter
artgerechter Haltung die Verbringung zum Masskonfektionär verstehen.
Auch das ist übrigens eine Sache, bei der Europa, von England und
Frankreich ausgehend, obenrum zusammenwächst.

Ansonsten wird sich natürlich auch
2012 die soziale Schere weiter öffnen und bei der Lockerung der
Eliten Spielräume nach unten aufreissen, es wird Staatstragendes
gesagt und die Staatsträgerei anderen überlassen, wir stehen alle
zu unserer Verantwortung als Bürger und ein dreifaches Hoch auf die
Gemeinschaft aller, solange sie nichts kostet ausser ein paar warmen
Worten - was ja auch schon etwas ist, in so einer kalten Winternacht.
Danke für die Aufmerksamkeit und das lustige Zusammenzeit hier bei den Stützen der Gesellschaft im Jahre 2011. Und auf ein glückliches, friedliches und
und vor allem reiches 2012.
Apropos friedlich und reich: Haben Sie übrigens schon an die
Anschaffung einer guten Alarmanlage gedacht?