Wacholder für den Affen
15. Januar 2012, 16:20
Uhr
Ein feuchtfröhlicher Gastbeitrag vom Experten Christoph Raffelt (mehr von ihm hier und hier) in diesem sonst von Abstinenz und Freudlosigkeit geprägten Blog.
Die
Wacholderbeeren in Wein gesotten / und darvon getruncken / ist gut
den jungen Kindern / so einen starcken schwären athem haben / dass
sie bisweilen auch Blut auswerffen / und soll eine gewisse Kunst seyn
/ dann es zertheilet den Schleim in der Brust / und machet
denselbigen desto leichter auswerffen.
Tabernaemontanus
(1520-1590)
Wenn
ich an Wacholder denke, denke ich zunächst an Rehrücken und dann an
Amsterdam. Es war der Rehrücken, bei dessen Zubereitung mir zum
ersten Mal der Duft des zerdrückten Gewürzes durch die Nase zog.
Etwas später dann habe ich den Wacholder dann als Destillat
wahrgenommen. Das war in der niederländischen Metropole, ich war mit
meiner Holden durch die Stadt gelaufen und irgendwann eingekehrt. Es
gab Bier und Jonge Genever und wir redeten und redeten und tranken so
nebenbei und draussen gingen die Lichter und bei uns unbemerkt die
Lampe an und als wir spät am Abend auf die Straße traten, schlug
uns die frische Luft ohne zu Zögern ihre Keule ins Gesicht. Der
Alkohol hatte sich hinter den Aromen ausgezeichnet versteckt. Ein
linderndes Mittel hätte gut getan, doch es war keines zur Hand. Und
den Genever, ursprünglich in den Niederlanden als Arznei entstanden,
mochten wir nicht mehr zu Rate ziehen.
Es
kommt übrigens gar nicht so selten vor, dass ein eigentlich als
Medizin gedachtes Produkt den Weg in den Alltag findet. Coca-Cola,
in Zeiten allgemeiner Quacksalberei eines von vielen dutzend
Produkten, die gegen Magen- und Darmkrankheiten helfen sollten,
dürfte das berühmteste Beispiel sein. Zu diesen als Arznei
entwickelten Getränken
gehören jedoch vor allem Destillate, zu dessen bekanntesten
Vertretern neben Klosterfrau
Melissengeist der Gin gehört.

Die
Möglichkeit, Alkohol sauber destillieren zu können, haben, wie so
viele andere Erfindungen auch, Araber über Spanien nach Europa
gebracht. Nicht zum Zweck des großen Besäufnisses, das verbietet
schon die Religion; es war vielmehr jene oben angesprochene
Notwendigkeit, heilende Substanzen haltbar zu machen. Der Alkohol
diente, und dient natürlich bis heute, der Konservierung. Die
Erfindung der Alembik-Destille wird auf das achte Jahrhundert datiert
und dem Gelehrten und Alchimisten Abu Mūsā Jābir ibn Hayyān
-
auch »der Gerber« genannt - zugeschrieben.
Diese
Form der
Medizindarreichung wurde im
- dem Alkohol nicht abgeneigten - europäischen Mittelalter
sicherlich besonders gerne übernommen und dürfte neben dem
heilenden Aspekt auch zur ein oder anderen wichtigen Vision geführt
haben. Die Verbindung von Wachholder und neutralem Alkohol - denn
daraus besteht ja der Genever - findet sich dabei schon in frühen
Quellen. Nicht zuletzt soll diese Kombination auch zur Bekämpfung
der Pestilenz eingesetzt worden sein, allerdings mit nicht
belegter Wirksamkeit. Der Wachholder gilt schon seit Jahrhunderten
als Standardheilpflanze, es werden dabei nicht nur die Beeren
genutzt, sondern ebenso die Nadeln. Wer schon einmal einen
Wachholdersirup selbst hergestellt und eingenommen hat, was früher
ein typisches Rezept der Hausapotheke war, wird am eigenen Leib
erfahren haben, dass dieser deutlich schleimlösender ist als die
üblichen angepriesenen Mittel aus der Apotheke. Genau aus diesem
Grund, und weniger um heimlich im Keller das Hochprozentige zu
brennen, fanden sich die Büsche früher fast in jedem Garten.

Die
eigentliche Tradition des Genevers entwickelte sich in Holland im 17.
Jahrhundert, von wo aus ihn die Handelsleute irgendwann mit nach
London nahmen. Zu jener Zeit lebten rund 5.000 Holländer in der
englischen Hauptstadt - selbst der König Wilhelm III. von Oranien
hatte niederländische Wurzeln. Alkohol kann man überall erzeugen,
und den Wachholder gab es ebenso auf der Insel, die Herstellung war
also kein Problem. Viel problematischer dagegen war die Feindschaft
des protestantischen Königs mit dem katholischen Frankreich, die zu
einem Importstopp des damals ausgesprochen beliebten französischen
Weinbrands führte und zur Folge hatte, dass ab 1702 unter Queen
Anne, der letzten Stuart-Königin Englands, die bis dato notwendige
Lizenz zur Produktion von Gin nicht mehr benötigt wurde. Was aus
dieser Freizügigkeit entstand, wird heute als Gin-Epidemie
bezeichnet, und hat das genaue Gegenteil von dem verursacht, wozu
dieses Getränk ursprünglich produziert worden sein soll. Statt
Krankheit zu vermeiden, wurde sie begünstigt. Jeder dahergelaufene
Prolet durfte Gin brennen, und wer dies nicht gelernt hatte, konnte
schnell erblinden, denn beim Produktionsprozess entstehen hochgiftige
Stoffe. Wer nicht mit Blindheit geschlagen wurde, wurde abhängig.
Getrunken wurde schon Morgens und auch die Kinder, die häufig schon
krank geboren wurden, bekamen den Fusel zu saufen. 1727 sollen etwa 6
Millionen Engländer 5 Millionen Gallonen Gin, also 22,5 Millionen
Liter jährlich getrunken haben. Bei diesen Zahlen wirkt es
erstaunlich, dass das Inselvolk überhaupt überlebt ha,t und die
Franzosen die Zeit nicht genutzt haben, um die Insel zu besetzen. Eine
1736 eingesetzte Kommission bemerkte: »Kinder werden schwach und
kränklich geboren, sehen oft so eingefallen und alt aus, als ob ihr
Alter schon viele Jahre zählte. Die Leute geben den Alkohol
täglich ihren Kindern... auf dass sie kosten und an diesem sicheren
Vernichter Gefallen finden mögen.«. Die Auswüchse dieser Zeit
wurden schließlich 1751 im so genannten Tippling-Act
reglementiert, was auf Dauer erhebliche Einschränkungen bei
Herstellung und Konsum zur Folge hatte.

Die
heutige Form des Gin, vor allem aber die des Gin & Tonic, in dem
sich neben dem Wachholder eine Vielzahl weiterer so genannter
Botanicals wieder findet, hat viel mit der englischen Kolonialzeit in
Indien zu tun, in der nicht nur dem Gin diverse Gewürze
hinzugemischt wurden, sondern auch Chinin genutzt wurde, um Malaria
zu bekämpfen. Um das tonische Getränk nicht zu herb werden zu
lassen, vermischte man es mit Zucker, irgendwann wurde es als Tonic
Water bezeichnet und mit Gin gereicht.
All
das hat mit Deutschland eigentlich nicht viel zu tun. Natürlich wird
auch hier Gin getrunken, allerdings war die Auswahl lange Zeit
ziemlich begrenzt. Doch gerade weil dieses zwischenzeitlich etwas aus
der Mode gekommene Getränk in Bars eine gewisse Renaissance erlebt,
findet sich eine stetig steigende Anzahl angebotener Sorten und
inzwischen werden hier sogar Destillate hergestellt, die einen
internationalen Vergleich nicht scheuen müssen.

So
gab es beispielsweise einen in Indien geborenen Engländer namens
Montgomery Collins, der - die Geschichte wirkt natürlich zu schön,
um wahr zu sein - nach dem zweiten Weltkrieg auf Grund seiner
Deutschkenntnisse nach Berlin beordert wurde, um dort beim
Wiederaufbau zu helfen. Er kümmerte sich neben vielerlei anderer
Tätigkeiten auch um den Zoo, um dort schließlich die Patentschaft
für einen Affen zu übernehmen. Irgendwann verschlug es den
Engländer auf Grund seiner Liebe zu Uhren in den Schwarzwald, um das
Uhrmacherhandwerk zu lernen, bei dem sich allerdings alsbald
herausstellte, dass er dafür gänzlich unbegabt war. Er entschloss
sich also zur Eröffnung eines Landgasthofes, den er einige Jahre
später wieder schließen musste, nicht ohne dort mit der Herstellung
von Gin experimentiert zu haben, und das Rezept samt Probeflasche in
einem Koffer auf dem Dachboden zu belassen, wo es Jahrzehnte später
zufälligerweise entdeckt wurde.

Das
also ist die Story zu einer aufwendig und schön gestalteten Flasche
namens Monkey 47,
und einem, das muss man ihm lassen, wohlschmeckenden Inhalt mit 47
verwendeten Kräutern und Gewürzen und 47% Alkohol. Seit dem der
Inhaber Stein und der nicht unbekannte Destillateur Keller diesen Gin
auf den Markt gebracht haben, ist er regelmäßig ausverkauft. Alles
passt also zusammen bei dieser Luxusvariante eines Getränks, das
historisch gesehen zur Arbeiterklasse gehört. Um auf einem
eigentlich gesättigten Markt eine Nische zu finden, bedarf es eben
zumindest in hiesigen Breitengraden einer gewissen Exklusivität.
Dazu passt ein solches Gesamtkunstwerk samt passender Geschichte, die
wiederum in Artikeln wie diesem hier weitergetragen werden kann,
natürlich hervorragend. Was Luxus ist, bleibt attraktiv, und so
finden wir in der gehobenen Gastronomie den Wasser-Sommelier, können
zwischen Einzellagen-Plantagenschokoladen wählen oder sortenreinen
Apfelsäften. Warum sollte dies nicht auch bei Wacholderschnaps
funktionieren? Bei all diesem ausdifferenzierten (Über-)Angebot
schwanke ich immer häufiger zwischen Übersättigung und
Bewunderung.

Dem
Monkey 47,
der vor allem durch seine feine Wacholder- und Zitrusnase, durch
seinen Schmelz und die Länge besticht - am Gaumen vermisse ich ein
wenig die Prägnanz des Wacholders -, steht der The
Duke - Munich Dry Gin zur Seite.
Auch hier sind es zwei Herren, die aus dem zunächst passiven Genuss
eine aktive Passion entwickelt haben. Der Gin, destilliert in einer
kleinen Produktionsstätte mitten in der Landeshauptstadt,
präsentiert sich nicht im Retro-Flacon, die Gestaltung wirkt
bodenständiger, mit einer leicht ironischen Note, würde ich mal
behaupten, und in den Ingredienzien in Bioqualität finden sich neben
Koriander, Zitronenschalen oder Kubebenpfeffer auch Hopfenblüten und
Malz. Das ist nicht nur eine Reminiszenz an den Herstellungsort,
sondern wirkt insgesamt ausgesprochen harmonisch und gelungen und
etwas kräftiger als beim Monkey
47. Die verwendeten Inhaltsstoffe
werden mazeriert und - wie auch auch beim Schwarzwald Gin -
zweimal durch die kupferne Brennblase geschickt, um eine Premium
London Dry Gin Qualität zu
erhalten. Wer beim Probieren mit Tonic mischt und noch einen drauf
setzen will, kann natürlich zusätzlich zwischen verschiedenen
Tonic-Qualitäten wählen, aber das würde jetzt zu weit führen,
auch wenn ich speziell den Fentimans
zum Duke
und Fever Tree
zum Monkey 47
empfehlen würde.

Die
beiden Wacholder-Brände zeigen sehr schön, dass man in einem Land,
in dem es keine traditionellen Erzeuger gibt, trotzdem mit viel
Experimentierfreude und Passion innerhalb relativ kurzer Zeit ein
ausgezeichnetes Produkt herstellen kann. Und was die Traditionen
angeht finde ich es persönlich ja Schade, dass es hier kein Pendant
zum »Appointment to her Majesty the Queen« gibt. Wie wohltuend
könnte solch ein Allheilmittel doch wirken in Bellevue, sei es gegen
Magenbeschwerden, als Antidepressivum, gegen Verschnupfung oder um
einfach eine Vision zu erzeugen.
Bildquelle:
William Hogarth, Gin Lane, 1751, public domain