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Stützen der Gesellschaft

Die Kunst, Zeit durch Musik zu verlängern

28. Februar 2012, 16:55 Uhr

Normalerweise führt dieses Blog in das Leben von Menschen, die viel Zeit, aber nicht wirklich viel störende Arbeit haben, was, ich sage das als Kurberichterstatter ehrlich, eine angenehme Art des Daseins ist. Aber wie wir hier leider mit einem Beitrag von Venezia Fröscher erfahren müssen, ist die Hektik auch in jene Stunden vorgedrungen, da wir uns mit klassischer Musik beschäftigen; und ich habe jetzt auch begriffen, warum ich so wenig mit Musik nach 1800 anfangen kann:

Was tun, um seine Zeit nicht zu verlieren? Sie in ihrer ganzen Länge empfinden: (...) An der Theaterkasse Schlange stehen, und dann seine Karte nicht benutzen.
Albert Camus (Die Pest)

Wer ausreichend Zeit besitzt, benötigt sie wenig. Wer zu wenig von ihr hat, sucht sie. So wie ich nach einem hektischen 2011 zum Jahreswechsel , denn erst das Ende machte eine Bilanz möglich. Wo war sie geblieben, die Zeit? Das Jahr hat zwar angeblich laut Kalender 365 Tage, aber es schienen deutlich weniger gewesen zu sein, und gefühlt ratterte das Jahr im Schnelldurchlauf dahin. Gegen Jahresende legte es noch einen Zahn zu. Advent, Weihnachten, Silvester – schon war das Jahr nach drei Tagen vorbei. Ein eigentümliches Phänomen, das anscheinend nicht nur mich in regelmäßigen Abständen heimsucht. In solchen Momenten beneide ich all jene, denen Zeitnot unbekannt ist. Dabei ist der Mensch wohl das einzige Wesen, das Zeit hat. Oder eben gerade nicht. Wir erinnern uns nicht nur, das können Tiere ebenso, sondern wir sind uns der verstreichenden Zeit bewusst. „Ich habe keine Zeit.“ Nach dieser Erfahrung des letzten Jahres begab ich mich nun auf die Suche nach der fehlenden, niemals aber verlorenen Zeit.



Ganz gleich, wie wir uns Zeit vorstellen, ob als abstrakte Größe, von der Uhr diktiert oder als Aufeinanderfolge von Erlebnissen und Erfahrungen – sie verläuft für uns linear. Was gestern war, ist heute vorbei und kehrt nicht zurück. Analog zum Charakter der modernen Wirtschaftswelt und ihrer auf Wachstum basierenden Dynamik, versuchen auch wir, unsere Zeit möglichst zu vermehren. Allgemein bekannt ist die exponentielle Relation zwischen der linear verlaufenden Zeit und der Wachstumskurve. Mehr Zeit – mehr Kapital. Das Kapital wiederum hat in steter Bewegung zu sein: Kaufen, verkaufen, reinvestieren. Aktien, Wertpapiere, Anleihen. Welcher Börsenspekulant käme heutzutage auf die Idee mit Fafners Worten aus Wagners Siegfried zu sprechen: „Ich lieg’ und besitz’: - lasst mich schlafen!“? In einem kreditbasierten Wirtschaftssystem ist es undenkbar, den Nibelungenschatz von Fafner lediglich bewachen zu lassen. Der Schatz darf nicht ruhen. In Form eines Kredites hat er zu arbeiten und sich dadurch zu vermehren. So sind Schatz und Besitzer stets in dynamischer Eile. Davon abgesehen, dass wohl ein Besitzer des Nibelungenschatzes heutzutage sein Eigentum nie als Hartgeld in Händen halten könnte.

Das ausgewiesene Vermögen ist ja fiktiv. Wachstum und Entwicklung als dynamisch verlaufender Prozess hat nicht nur für die wirtschaftliche Realität Gültigkeit, auch für die Kunstwelt: mehr, größer, weiter. Aus dem zarttönenden Cembalo des Barock und dem Fortepiano der Klassik wurde binnen weniger Jahrzehnte ein mehrere Meter langer Konzertflügel. Sogar die Anzahl der Tasten hat sich über die Jahrhunderte bis zu 97 ausgedehnt. Für den Musikliebhaber des Barock ist ein aus ca. 15 Musikern besetztes Ensemble schon ein Concerto grosso  – im 19. Jahrhundert steht diesem beispielsweise Mahlers Symphonie der Tausend gegenüber. Oder die Großbesetzung von Benjamin Brittens War Requiem: Vokalsolisten, Knabenchor, gemischter Chor, Kammer- und Sinfonieorchester. Nicht nur die Besetzungs- oder Instrumentengröße, auch die Musik nimmt in Relation zur Zeit wechselnde Gestalten an. Die Musik des Barock wurde durch die zyklische Form des Dacapos strukturiert, das sich am Ende auf den Anfang beruft.

Dazwischen liegt die andere Welt des B-Teils. Auf dem Weg aus dem Barock hinaus wird dieser B-Teil zu einer „Durchführung“. Komponisten und Hörer glauben an das lineare Fortschreiten, an die Entwicklung musikalischer Parameter innerhalb eines Zeitabschnittes. Im Sinfoniesatz erwächst zwischen Exposition und Reprise die Verarbeitung des musikalischen Themas. Nur das Verstreichen der musikalischen Zeit macht dies möglich. So wird aus dem Kleinstmotiv des Kopfsatzes von Beethovens 5. Sinfonie in der Durchführung (ab ca. 3:50) ein ganzer Kosmos. In der Vokalmusik läuft die Zeit besonders hörbar ab. Gesagtes bzw. Gesungenes wird nicht, wie in einer Dacapo-Arie, wiederholt. Durchkomponierte Opern lassen einmal Gesungenes hinter sich. Eine Rückkehr an den Anfang ist ausgeschlossen; ein direktes musikalisches Rückbesinnen auf Geschehenes unmöglich. Die Zeit läuft. Der daraus resultierende Stress beim Hörer ist symptomatisch. Hat man auch jeglichen Textschnipsel mitbekommen, um späteren Handlungssträngen in der Oper folgend zu können?

Entspannend waren vergleichsweise die Zeiten des barocken Dacapos. Ob in der Musik oder auch in der Religion: Eine zyklische Form nimmt den zeitlichen Druck. Wenn etwas wiederkehrt, wenn es eine Wiederholung gibt, ist der Situation die zeitliche Einmaligkeit genommen. Gleichzeitig auch ihre Unwiederbringlichkeit. Die Möglichkeit. Zeit zu reproduzieren, erweckt ein Gefühl des Zeitbesitzens. Als Musikhörer kann man sich getrost zurücklehnen – die Passage wird schon noch einmal erklingen. Dieses Prinzip impliziert keine Stagnation. Nein, im B-Teil wird das Erlebte des ersten Teils gespiegelt, ver- und bearbeitet. Der Rückgriff ermöglicht mit Hilfe der neuen Einsicht aus dem B-Teil einen neuen Blick auf die einst erfahrene Situation des ersten Teils. So wird sich Sesto in Händels Giulio Cesare nach der Erfahrung des B-Teils seiner bevorstehenden Tat sicher sein: Er wird Tolomeo töten. Vertrat der A-Teil noch die Ansicht, der Despot Tolomeo habe es nicht verdient, zu atmen, wird aus dieser trivialen Feststellung durch die Erfahrungen des B-Teils ein Entschluss zum Mord. „Die Luft, die weht, hat der stolze Tyrann nicht verdient zu atmen.“ Der B-Teil wiederum personalisiert den Hass Sestos gegenüber Tolomeo: „(...) nur sein Tod kann mich versöhnen.“

Wiederholung ermöglicht also ebenfalls Wachstum: Zuwachs an Erkenntnis. Im Unterschied zum linearen Zeitprinzip bietet die rhythmische Wiederkehr das Gefühl, die Zeit kehre zurück. In diesem Sinne funktioniert auch das Rondo als eine runde Sache, wie etwa in den Schlusssätzen von Beethovens Klavierkonzerten Nr. 1 oder Nr. 3. Auch die Musik des 20. Jahrhunderts entwickelt solch musikalische Zeitoasen. Die kreisförmige Anlage der Carmina Burana lullt einen durch den Fortuna-Chor am Ende und zu Beginn in eine Endlosschleife des Schicksals. Das Räderwerk des Lebens läuft immerwährend. Zeit läuft ab und kennt kein Ende. John Cage bietet mit seinen 4,33 viereinhalb Minuten Zeit für Gedanken über Musik und Stille. Oder auch Cages Organ2: Im Halberstädter Dom kann man alle Jahre mal wieder einem Tonwechsel der Komposition beiwohnen. Die gesamte Spieldauer des Werkes liegt bei 639 Jahren. Die Erfindung der Langsamkeit als Hörerlebnis.

Warum wir Menschen überhaupt ein Zeitbewusstsein entwickeln mussten und damit auch der Stress Einzug in unsere Welt fand, darüber gibt es quer durch Philosophie und Religion eine einleuchtende Antwort: Weil wir uns unserer Endlichkeit bewusst sind. Da die Zeit läuft, läuft sie uns davon. Es ist also alles eine Frage der Schlussgestaltung. Vielleicht halte ich es künftig wie zu Ende einer gelungenen Musikveranstaltung. Ich rufe mir entgegen: „Zugabe“ – „Dacapo“ – „Encore“ und unwillkürlich merke ich, wie sich Zeit für mich verlängert.

Am Ende diesen Jahres soll es wieder einmal soweit sein: Es steht wieder ein Weltuntergang zu erwarten. Das Aus sämtlicher Zeiten. Vielleicht eröffnet das eine ganz neue Perspektive. Wie schon Carl Orff in seinem De Temporum fine comoedia – seinem Spiel vom Ende der Zeiten  – bemerkte: „Das Ende aller Dinge wird aller Schuld Vergessung sein.“ Auch das der Zeit,

Veröffentlicht 28. Februar 2012, 16:55 von Don Alphonso
Abgelegt unter:
Kommentare

Filou

28. Februar 2012, 17:15

Wuerde gerne dazu etwas sagen, muss aber erst meine Gedanken sortieren, denn so-selbstverstaendlich-habe ich noch nicht darueber nachgedacht.

Dafuer aber brauche ich Zeit.

Don Alphonso

28. Februar 2012, 17:20

In diesen heil'gen Hallen kennt man die Hektik nicht.

muscat

28. Februar 2012, 17:42

"Vor Klugheit bläht sich zum Platzen der Blöde." - möchte ich da als weiteres Wagner-Zitat ergänzen. Die Gefahren des exponentiellen, kreditfinanzierten Wachstums...

muscat

28. Februar 2012, 17:45

Pardon, ich vergaß meinen Dank für diesen wieder sehr erfrischenden Beitrag!

rab

28. Februar 2012, 17:57

Zeit wäre für mich eher erforderlich zur Anordnung von Ereignissen. Dass Zeit v.a. im mittelalter als zyklisch wahrgenommen wurde (zB Dreifelderwirtschaft, Zunftwesen) stimmt. Hat sicher auch auf die Kultur abgefärbt. Führt auch dazu, dass in Kirchenfenstern und auf Bildern Ereignisse zu unterschiedlichen Zeiten nebeneinander abgebildet worden sind

windsbraut

28. Februar 2012, 18:06

Werte Venezia,

vielen Dank, für diesen wunderbaren und lehrreichen Beitrag. Auch mir läuft häufig die Zeit davon - und ich vergeblich hinterher.

Jeeves

28. Februar 2012, 18:07

http://jeeves.blogger.de

Auch zum Lesen und vollen Verstehen werd ich das obige später nochmal lesen, wenn ich mehr ZEIT habe. Das kann man nicht schnell einfach runterlesen... Eventuell auch die entsprechenden CDs dazu raussuchen...

Paul Ingendaay

28. Februar 2012, 18:30

Oder denken wir an die Ruhe der Jazz-Ballade, die keine Melodie sucht, sondern das Miteinander der Instrumente, ein Langsamwerden und Verharren. Besonders geeignet sind Platten wie diese, von der ein Hörer sagt: "I have periods when I play it on loop and I never get tired of it."

www.amazon.co.uk/.../ref=sr_1_7

rittervomgeist

28. Februar 2012, 18:34

Für alle musikologischen, philosophischen (auch pseudophilosophischen) Versuche, Zeit zu verstehen, gilt: "Zeit ist, was die Uhr anzeigt." (Albert Einstein)

Krck01

28. Februar 2012, 19:11

Concerti grossi und die Anzahl der Musizierenden:

In den Jahren 1747 und 1748 schrieb Händel drei Concerti a due cori, in denen er das Orchester eigentlich dreiteilt: Nämlich in zwei Bläserchöre und einem Streicherchor mit Basso continuo. Diese Konzerte sind größtenteils keine eigenständigen Kompositionen, sondern wurden von Händel aus Chören der Oratorien Esther, Belshazzar, Semele und Messiah arrangiert und als Zwischenaktmusiken in seinen Oratorienaufführungen gespielt.

Als Freiluftmusiken sind die drei Suiten der Water Music (Wassermusik) für Bootsfahrten auf der Themse, sowie die Music for the Royal Fireworks (Feuerwerksmusik) von 1749 konzipiert. Letztere wurde anlässlich des am 7. Oktober 1748 geschlossenen Aachener Friedens von König Georg II. in Auftrag gegeben und am 27. April 1749 in Londoner Green Park uraufgeführt. Im Vorfeld kam es wegen der Orchesterbesetzung zu Auseinandersetzungen zwischen dem König und Händel. Denn der König wollte ausschließlich „Militärinstrumente“ (Oboen, Fagotte, Hörner, Trompeten und Pauken) verwendet wissen. Händel dagegen bestand auf Mitwirkung von Streichinstrumenten. Wer sich von beiden letztendlich durchsetzte, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen: Tatsache bleibt, dass Händel seine Partitur ausschließlich für Blasinstrumente und Pauken konzipierte, jedoch später vermerkte, dass zusätzlich Streicher die Oboen- und Fagottstimmen zu verdoppeln hätten. Die öffentliche Probe der Feuerwerksmusik mit 100 Musikern vor 12 000 Zuhörern am 21. April in Vauxhall Gardens wurde ein großer Erfolg. Das eigentliche Ereignis dagegen, die offizielle Feierlichkeit am 27. April im Green Park, endete mit einem Desaster. Durch technisches Versagen des Feuerwerks fingen die eigens für das Feuerwerk zur Feier des Aachener Friedens errichteten Bauten und Dekorationen Feuer und brannten nieder. Einzig Händels Musik soll die Ehre dieses Tages gerettet haben.

Quelle: wikipedia

--

Zeit ist, wenn man welche hat.

--

Verstrudelung der Zeit:

www.youtube.com/watch

--

Pah Einstein, war doch selber einer.

Krck01

28. Februar 2012, 19:12

Haben Sie die letzte ZEIT gelesen?

Jeeves

28. Februar 2012, 19:29

@Paul I.:  ...wenn schon Bill Evans (guter Tipp!) dann doch gleich das Beste von ihm: die Liveaufnahmen aus dem "Village Vanguard" von '61 mit Scott LaFaro und Paul Motian. Alle drei spielen mit der Zeit. Waltz for Debby!

Überhaupt die frühen Aufnahmen ('59-'61) von Bill Evans mit Scott LaFaro. Auch zu empfehlen: Bill Evans' Piano auf "Blue in Green" von Miles Davis' "Kind of Blue", gleiche Ära.

.

@rittervomgeist: Zeit ist nur...,

...gilt das dann auch für die Musik?  

Zum Beispiel: "Music is just notes. What you speculate beyond that, is pure nonsense." (Stravinsky)

Will sagen, mit entsprechenden Zitaten kann man alles belegen und es klingt sogar meist gut.

.

Clive

28. Februar 2012, 19:38

Welch wunderbarer Beitrag. Habe die Zeit vergessen, ihn intensiv gelesen, dabei die musikalischen Beispiele (so verfügbar - Urhaberrecht!) angehört, Tee zu lnag ziehen lassen und kann nur sagen: da capo!

Es gibt wenige Ausnahmen nach 1800, mit denen ich etwas anfangen kann. Aber bedanken wir uns zumindest bei Mendelssohn, dass er Bach wiederentdeckt hat...

Krck01

28. Februar 2012, 19:41

Mit der Zeit wird sogar ein neuer BP gewählt sein (für wie lange?). Es wird im Schloß Bellevue ein Metronom aufgestellt als Taktgeber für das sichere Stilge-fühl.

fionn

28. Februar 2012, 19:49

Re: ZEIT

Ganz einfach, in der Schweiz  TIME  ..... IS .....MONEY

http://www.swatchgroup.com/de

Ernst Wilhelm

28. Februar 2012, 19:58

Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei! Die Wurst wurde bereits von verschiedenen Vertretern monotheistischer religionen als Henkersmahlzeit beim jüngsten Mittagsgericht vorgeschlagen, da sie auf eindrucksvolle Weise die Endzeit der Welt symbolisiert und Hoffnung erweckt, dass nach dem Ende noch ein Ende auf die Menschheit wartet. Also nicht nur die Musik,sondern auch die Wurst kann die Zeit verl

Foersterliesel

28. Februar 2012, 20:08

Dir Marschallin im "Rosenkavalier" singt:

www.youtube.com/watch

.

... Die Zeit im Grund, Quin-quin, die Zeit,

die ändert doch nichts an den Sachen.

Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding.

Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.

Aber dann auf einmal,

da spürt man nichts als sie:

sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen.

In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie,

in meinen Schläfen fließt sie.

Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder.

Lautlos, wie eine Sanduhr.

Oh Quin-quin!

Manchmal hör' ich sie fließen unaufhaltsam.

Manchmal steh' ich auf, mitten in der Nacht

und lass' die Uhren alle stehen.

.

gutenberg.spiegel.de/.../2

Ernst Wilhelm

28. Februar 2012, 20:26

http://ernstwilhelm.wordpress.com

Zeitwahrnehmung ist auch und oft eine Frage des Alters:

.

Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann,

Do weer de Welt so grot!

Wi seten op den Steen, Jehann,

Weest noch? bi Nawers Sot.

An Heben seil de stille Maan,

Wi segen, wa he leep,

Un snacken, wa de Himmel hoch

Un wa de Sot wul deep.

.

Weest noch, wa still dat weer, Jehann?

Dar röhr keen Blatt an Bom.

So is dat nu ni mehr, Jehann,

As höchstens noch in Drom.

Och ne, wenn do de Scheper sung

Alleen, int wide Feld:

Ni wahr, Jehann? dat weer en Ton!

De eenzige op de Welt.

.

Mitünner inne Schummerntid

Denn ward mi so to Mod.

Denn löppt mi’t langs den Rügg so hitt,

As domals bi den Sot.

Denn dreih ik mi so hasti um,

As weer ik nich alleen:

Doch allens, wat ik finn, Jehann,

Dat is – ik sta un ween.

Dreamtimer

28. Februar 2012, 20:30

Linie, Kreis. Nicht, dass dies schlechte Abstraktionen wären. Im Gegenteil, sie funktionieren vielleicht schon allzu gut?

.

Ich höre gelegentlich von Leuten, denen Musik gleichgültig geworden ist oder ihr mit verhaltener Ablehnung, mit Schauder begegnen, die in ihr eine humanistische Selbsttäuschung sehen, einen akustischen Kokon, eine Art, sich permanent Wiegenlieder zu singen und vorzuspielen, sich in einen kosmischen Größenwahn zu vertiefen, der nicht aufhört sich selbst zu perpetuieren.

.

Auf dem 'Paleorite' Track seiner 'Aeon' CD imaginiert László Hortobágyis das fulminante Debüt des Homo Sapiens vor der Geräuschkulisse von quakenden Fröschen, Gewittern und Tieren, von denen man nur erahnen kann, welche Größe sie gehabt und welche Menge an tierischen Proteinen sie täglich zu sich geführt haben. Diese scheinbar übermächtige Natur, tritt vollkommen in den Hintergrund als der neue Herr mit dem großen TamTam beginnt und sie kommt erst wieder zum Vorschein, nachdem die Party beendet ist.

rittervomgeist

28. Februar 2012, 20:45

@Jeeves

Ich räume ein, Einstein hat es sich recht einfach gemacht. War halt seine Art, siehe allgemeine und spezielle Relativitätstheorie. Hier kommt es komplizierter: "Wenn es die Zeit gibt, dann ist sie entweder teilbar oder unteilbar. Unteilbar ist sie nicht, denn sie wird ja in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zerlegt. Aber auch teilbar ist sie nicht. Denn jedes Teilbare wird durch einen Teil seiner selbst gemessen, indem das Messende an jeden Teil des Gemessenen gelegt wird. Die Zeit aber kann nicht durch einen Teil ihrer selbst gemessen werden. Wenn nämlich beispielshalber die Gegenwart die Vergangenheit mißt, dann ist sie in der Vergangenheit und deswegen vergangen, und bei der Zukunft ist sie in gleicher Weise zukünftig. (...) Also ist die Zeit auch nicht teilbar. Wenn sie aber weder unteilbar noch teilbar ist, dann gibt es sie auch nicht." (Sextus Empiricus, Grundriss der pyrrhonischen Skepsis, 3. Buch, Kap. 19) Ich denke, das belegt etwas und klingt auch noch gut.

T.I.M.

28. Februar 2012, 20:48

Werte Venezia,

danke fuer den interessanten Beitrag. Eines muss ich aber korrigieren, die gefuehlte Zeit ist keinesfalls linear, nur monoton. Zumindest geht es mir bei manchem Haendel-da capo so: Waehrend der ersten vier bis fuenf Wiederholungen erfreu ich mich an den herrlichen Melodien und die Zeit vergeht schnell, danach wird's aber langsam langweilig und ich wuensch mir eine kondensierte Handlung wie bei Strauss (um ausnahmsweise mal nicht Wagner zu bemuehen).

Dann gibt es in der modernen Musik ja noch sowas wie "unendliche Tonfolgen". Ich dachte, ich haette bei Ihnen davon gelesen, kann aber auch ein anderer Autor gewesen sein: de.wikipedia.org/.../Shepard-Skala

Gruss, T.I.M.

Krck01

28. Februar 2012, 21:05

Bedauernswerterweise müssen wir Ihnen mitteilen, dass Sie Ihr Zeitkoningent so gut wie aufgebraucht haben. Das basso continuo durften Sie nur im übergeordneten Sinne verstehen. Nein, ein capo ist ausgeschlossen. Eine Appelation bzw. Revision ist strikt untersagt. Wir wünschen Ihnen dennoch alles erdenklich Gute.

MfG

Ihre Intendanz

Krck01

28. Februar 2012, 21:07

Moderne Zeiten.

Krck01

28. Februar 2012, 21:09

Der Zeitgeist wehte gerade tonlos umme Ecke.

yast2000

28. Februar 2012, 21:45

http://youtu.be/hLUiNAdP-v4

Du lieber Himmel, dieser Blog wird ja zur echten Herausforderung. Ich schließe mich stylistisch Paul Ingendaay an und verweise auf diese herrlich zeitlosen Klassikadaptionen durch Big-Bands: Selten konnte man durch die geniale Mischung von Musikstien so viel Zeit einfangen wie hier.

Don Alphonso

28. Februar 2012, 21:55

Immer nur mein seichtes Geplauder wird auch irgendwann unterfordernd.

yast2000

28. Februar 2012, 22:06

Don Alphonso: "Immer nur mein seichtes Geplauder wird auch irgendwann unterfordernd."

*

Wir können immer noch zusammen ein vor Sottisen nur so triefendes Deutschlandbuch schreiben, oder ein paar brillante Filmscripts entwickeln... Deutschland jedenfalls hätte es dringend nötig.

Don Alphonso

28. Februar 2012, 22:25

Sonst noch was?

.

Don Alphonso: DEUTSCHLAND SPALTEN! ABER RICHTIG!

.

Eine Nation, konsequent zu Ende gedacht!

.

Don Alphonso erklärt an den Gestaden des Tegernsees, warum Umverteilung unumkehrbar ist. Um nicht das Schicksal der Demokratien Tunesien und Ägypten zu erleiden, gíbt es nur einen Ausweg: Deutschland muss nicht nur sozial, ethisch und ökonomisch, sondern auch als noch Nation gespalten werden. Die Tegernseer Republik wird das Wesen des Alten Westens vor dem ossifizierten Reich der schlechteren Kreise bewahren!

.

Erscheint Angfang 2012 in Robbenleder gebunden bei KiWi. Oder so.

diktionaftis

28. Februar 2012, 22:52

http://sehpromenade.de/

@DA (22:25)

Mei - jetzt wird er auch noch größenwahnsinnig, der Don!

(Obwohl ... Immerhin hat er die Staatsform der Republik gewählt.)

.

Ich für meinen Teil winke von den Ufern des Styx und nachdem ich einen kräftigen Schluck vom Wasser der Lethe getrunken habe, ist mir eh alles Wurscht.

.

Auf Papier aus Elefantendung (Sieb-)gedruckt und in Rochenleder gebunden.

E.R. Binvonhier

28. Februar 2012, 22:53

Werter Don Alphonso glauben Sie wirklich, dass sich jemand diese Mühe noch macht?

.

Herr Schäuble und Herr Schulz müssen schon mit dem Angebot weiterer Rettungsmilliarden um sich

schmeißen in der Hoffnung noch wahrgenommen zu werden.

.

Ich fürchte Ihr Angebot kommt zu spät.

.

Dann doch lieber die Musik.

Köstlich

28. Februar 2012, 23:00

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/wolfratshausen/carsten-maschmeyer-und-veronica-ferres-villenkauf-mit-schwierigkeiten-1.1295976

Don, Sie tun sicher gut daran, Ihre Republik nicht zu weit zu fassen.

.

Der norddeutsche Klüngel-Kumpel rückt Ihnen auf die Pelle.

Dreamtimer

28. Februar 2012, 23:08

Sextus Empiricus hätte sicher die Augen verdreht bei Einsteins Antwort, dann aber wäre ihm aber aufgefallen, dass er doch etwas ganz anderes gesagt hat, als Aristoteles. Das heißt in ihm hätte er durchaus einen modernen Verbündeten gegen die Zeit gefunden.

.

James Ballards Geschichte "Chronopolis" handelt von einer Gesellschaft, die sich vom Joch der Uhr befreit hat und von einem Jungen, der besessen ist von der Uhr und die in seiner Stadt, genauer gesagt in London, stillgestellten Uhren wieder in Gang setzen will.

mobbischer

28. Februar 2012, 23:11

Musik wird leider meist nicht verlängert, sondern eher wie eine Droge "gestreckt". Denn durch große Verfügbarkeit à la mp3, Schallplatten, CDs, usw. Nutzt sich unser Gehör ab. Eben durch die Reproduzierbarkeit, das Da capo der Tonträger, lässt uns immer weniger genau zu hören. Musik läuft eher im Hintergrund ab. Und damit verschwindet ihre Fähigkeit uns zu "entrücken", alles andere was uns sonst interessiert zu vergessen.

Wer Musik als Glück empfinden will, sollte wirklich ins Konzert gehen oder wenigstens alles andere zu Seite stellen, sich einen Scotch einschenken und zuhören.

@Clive: "Es gibt wenige Ausnahmen nach 1800, mit denen ich etwas anfangen kann. Aber bedanken wir uns zumindest bei Mendelssohn, dass er Bach wiederentdeckt hat..."

Das ist verständlich. Aber wer viel Musik hört, entdeckt irgendwann nichts Neues mehr. Dann schenkt Musik auch keine Zeit mehr. Das war ja auch der Anlass (Emanzipation der Dissonanz...) der Musiker sich von den "traditionellen" Formen wie Fuge, Sonate, Opern und dergleichen zu trennen. Da kann man sich auch mal den "six little piano pieces" (op. 19) von Schönberg widmen. Man fühlt sich da ins kalte Wasser geworfen. Aber nur so lernt man auch diese Musik und deren Reiz zu erfahren.

yast2000

28. Februar 2012, 23:13

Don Alphonso: "Sonst noch was? Don Alphonso: DEUTSCHLAND SPALTEN! ABER RICHTIG!"

*

Immer wieder hübsch, wenn der Don einen auf Dissident macht, aber das ist lächerlich, denn der letzte Blog hieß: "Russinnen haben oder nicht haben". Allein daran kann man sehen, wie weit die Russifizierung der Tegernseer Blablabla bereits fortgeschritten ist und welche hinterwäldlerischen Ansichten sich dort breit machen. Nicht mal Dekadenz können die da unten richtig, selbst dafür brauchen die ein Feindbild wie Berlin, denn an Rom trauen die sich ja nicht wirklich ran... :-)

Filou

28. Februar 2012, 23:19

Um eben mal den Themenzerschiessern, besonders denen aus Bonn und Berlin, entgegenzutreten-und leider wieder etwas komisch werdend: Musik, besonders Alte Musik als (gefuehlter) Zeitdehner ist kein so abwegiger Gedanke. Leider gilt das in meinem Fall nur fuer eine Oper, nur fuer eine Nacht und nur fuer eine Flasche Bordeaux. Die Freude moechte nimmer enden (im Falle Giulio Cesare leider nicht durchgaengig), der naechste Morgen zeitigt allerdings ein gewisses Manko hinsichtlich der Gluecksmomente. Das Hamsterrad quietscht erwartungfroh, die Kaffeemaschine ist verkalkt, wahrscheinlich werde ich noch mein letztes Geld an einer Tankstelle ausgeben muessen. Mit anderen Worten: Auf eine zeitgedehnte musikalische Nacht folgt ein 24-stuendiger Kater.

Das Da-Capo-Stueck hat, die Technik sei gepriesen, nicht mehr denselben Affekt wie frueher, man drueckt heutzutage die Repeat-Taste und berauscht sich so oft man moechte. Ich.berausche.mich.gerne!

.

Ich wuerde ja gerne einen philosophiehaltigen Kommentar abgeben, wenigstens den Versuch eines solchen, aber es ist zuviel Gerausch um mich herum.

Ernst Meyer

28. Februar 2012, 23:24

http://home.earthlink.net/~ernstmeyer

    Waehrend Doehring ueber den traurigen Bassisten nachdachte,

als den Verachteten und deshalb den wahren Boten Gottes, hatte

der Laerm hunderter von zusammenschlagender Haende sich aufs

Irrsinnige gesteigert, und hatte die lieblichen, wenn auch

ungeordneten Klaenge des sich stimmenden Orchesters vor sich

weggefegt.  Selbst die Paukentoene, diese Zeugen goettlicher

Gegenwart, waren verstummt.  Der Dirigent war erschienen, und als

Doehring seinen Blick wieder erhob stand er schon auf dem Podium,

wie ein kleiner Goetze der jetzt ueber diese Aula herrschte.

Klein war er tatsaechlich, mit schwarzem Haar in schwarzem Frack

verneigte er sich majestaetisch nach allen Seiten, nahm dann den

nadelartigen Dirigentenstab vom Pult, und eroeffnete seine

Partitur, dieselbe meinte Doehring zu erkennen welche auf den

eigenen Knieen lag.  Er hob seine rechte Hand, und alle Augen der

Musikanten zielten auf die Nadelspitze.  Jetzt endlich waltete

die ersehnte Stille in dem hohen Saal, und wie das Orchester den

Niederschlag des Stabes erwartete, als Eroeffnung einer neuen,

abgesonderten, von der Musik beherrschten Spanne der Zeit, so

auch Doehring.  Mit dem ersten Ton, gemischt von Trompeten,

Pauken Blaesern und Geigen, bemerkte er es, wie sich der Raum des

Gefuehls und des Urteils verwandelte, und er wuszte, dasz dieser

Akkord ihn jetzt aus einem Traum erweckte in dem er bisher fast

lebenslang, vom Schlafe betaeubt, gewandelt war, und das was er

jetzt erkannte, was er jetzt sah, was er jetzt hoerte, die

Wirklichkeit war.  Er sah Alpenwiesen bunt mit Blumen unter einem

wolkenfreien blauen Himmel fernumrandet mit gletschergekroenten

Gipfeln, und erkannte sofort, dasz es die Wiesen am Healy Pasz

waren, die er vor Augen hatte.  Die Musik aber ruhte nicht.  Sie

schweifte fort.  In allen Winkeln einstigen Erlebens suchte sie

ihn auf.  War bisher sein Dasein ueber unzaehlige Orte, in

ungezaehlten Zeitspannen zerstreut gewesen, so dasz er sich

selbst, sein Ich, nur mit Muehe darin hatte entdecken koennen,

und dasz es ihm oft geschienen war, als ginge er, oder waere er

verloren gegangen und vermoechte sich selbst, wie Scherben eines

zerbrochenen Gefaeszes, nicht mehr aufzulesen, so heilte die

Musik diese Diaspora der Seele.  Nun strebten sie alle wieder zu

ihm zurueck, die verteilten Orte und die getrennten Zeiten wo er

gelebt hatte, und waren durch den Zauber dieser gegenwaertigen

Musik in ihm wieder vereinigt.  Die Scherben des Lebens waren

saemtlich wiedergefunden, und in diesen Toenen, in dieser Musik,

waren sie wie in einem wunderbaren Kunstwerk Gottes entgueltig

zusammengefuegt.  Diese Wiederherstellung des Zerstreuten, diese

wiederentdeckte Einheit alles Erlebten und Erlebbaren war es, was

die Zuversicht bedingte.  Die einheitliche Vorstellung der

Ganzheit und Gueltigkeit seines, Jakob Doehrings ueber ein

Menschenalter verstreuten Daseins, das war sein Gott.  Der Chor

hatte mit seiner Behauptung eingesetzt, und wiederholte sie in

fugenhafter Steigerung.  Er hoerte das Weben der vertrauten

Gotteshaende, und das die unuebersichtlichen Pfade eines ganzen

Lebens hindurchwaehrende Vertrauen.  Er wuenschte, dasz auch

Dorothea dies hoeren moechte, aber er konnte sie jetzt darauf

nicht hinweisen, denn was immer es war, das ihm Fassung gegeben

hatte, dies Leben durchzuhalten, was immer es ihm ermoeglicht

hatte die Geheimnisse seines Erlebens in ungezaehlten Vorlesungen

auszuschuetten, vor Menschen die ihn kaum oder garnicht

verstanden, was immer ihn befaehigt hatte die beruflichen und

menschlichen Spannungen denen er von Tag zu Tag und von Woche zu

Woche ausgeliefert war, zu bewaeltigen, und nicht zuletzt, was

ihm die Kraft verliehen hatte mit der Hingabe seiner selbst,

Dorothea, dieses gute und doch verwirrte Wesen neben ihm, vor ihr

selber und vor aller Welt zu schuetzen, diese Fassung war nun

dahin.  Er hatte noch gerade Zeit die Partitur auf seinen Knieen

zu schlieszen und ein weiszes Taschentuch aus seiner Rocktasche

zu entbinden, eh die Traenenstroeme ueber seine Wangen fluteten.

Um so wenig als moeglich aufzufallen, beugte er sich vorwaerts

und verbarg sein Gesicht in den mit dem Taschentuch bekleideten

Haenden.  Die Musik spielte fort, und der Chor wiederholte seine

Botschaft mit anschwellender Betonung, "Gott ist unsere

Zuversicht, wir vertrauen seinen Haenden."

Dreamtimer

28. Februar 2012, 23:26

"Herr Schäuble und Herr Schulz müssen schon mit dem Angebot weiterer Rettungsmilliarden um sich schmeißen in der Hoffnung noch wahrgenommen zu werden."

Wut war gestern. Nachdem sich die Gewissheit einstellt, dass nichts von all dem real ist, dass es kein Vermögen in dieser Höhe gibt, dass man speichern und transferieren kann, fangen alle an zu lachen. Was aber machen diejenigen, deren ganzen Leben auf dieser Illusion und ihren Derivaten gründet?

.

Plötzlich stellt sich doch Hektik ein. Was, wenn wir eines morgens aufwachen und wir befinden uns, ganz unerwartet in der Realität? Mit wem sollen wir uns verbünden und gegen wen? Gibt es überhaupt genug Unternehmergeist für eine solche Wendung?

Köstlich

28. Februar 2012, 23:47

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/37025/Kauft-weniger

Nun, vielleicht vermietet der Klüngel-Kumpel dann ja an Frau Westwood:

.

<<<Wer vorhat, gegen die Etikette zu verstoßen, sollte sie zuvor studiert haben. <<<

JWBG

28. Februar 2012, 23:56

Liebe Frau Fröscher, mit musikalischer Formenlehre sich zu beschäftigen würde sich auch für Sie bestimmt lohnen, da gibt es ein bisschen Durcheinander. Sonst ein schöner Artikel.

Dreamtimer

28. Februar 2012, 23:56

"Man fühlt sich da ins kalte Wasser geworfen. Aber nur so lernt man auch diese Musik und deren Reiz zu erfahren."

.

Das amüsante an YouTube und den Kommentaren dort ist, dass es für wirklich jeden Musikstil eine Fangemeinde gibt, die ganz unchristlich Lust an ihr empfindet, ohne sich für sie zu mühen, ohne für sie oder von ihr zu lernen, ohne sich durch sie zu transzendieren, ohne ihren historischen Wurzeln nachzuspüren. Es ist, als gäbe es diese ständig mitgeführte Subjektivität, der man den eigenen Wert klarmachen muss, gar nicht mehr. Das ist einerseits erschreckend, andererseits war sie aber auch ziemlich belastend.

Köstlich

29. Februar 2012, 00:01

Der Schatz darf nicht ruhen. In Form eines Kredites hat er zu arbeiten und sich dadurch zu vermehren. So sind Schatz und Besitzer stets in dynamischer Eile.

.

Es ist keine Kunst, Zeit durch Bürgschaften zu verlängern.

.

Mit Mundharmonika aus "Spiel mir das Lied vom Tod" meine ich: "Einer wettet immer (dagegen)".

salonsurfer

29. Februar 2012, 00:25

Auch ich danke für diesen anregenden Beitrag und denke dabei an die Lektüre von Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte - Der Mythos der Ewigen Wiederkehr. In seinem Buch beschreibt er den historischen Menschen als Schöpfer der Geschichte, dagegen seien sogenannte 'primitive' Stammeskulturen eingebunden in eine zeitlose Abfolge von Mythen und periodischen Riten:

.

"...ein Gegenstand oder eine Handlung werden 'wirklich' nur in dem Maße, wie sie einen Archetyp nachahmen oder wiederholen. So wird die Wirklichkeit ausschließlich durch Wiederholung oder Teilhabe erworben; alles, was kein exemplarisches Vorbild besitzt, ist 'des Sinnes entblößt', das heißt, es besitzt keine Wirklichkeit."

.

Ein ritueller Jahreszyklus sollte also dazu dienen, das profane, lineare Zeitgefühl wieder in die mythische und primordiale Zeit zu transzendieren. "Jedes neue Jahr ist eine Wiederaufnahme der Zeit an ihrem Beginn, also eine Wiederholung der Kosmogonie."

.

Auch musikalische Darbietungen von Stammeskulturen sind in diesem Kontext zu sehen und Komponisten wie Bartok (Feldforschungen auf dem Balkan) und Strawinski "Le sacre du printemps" knüpfen in einem kreativen Aneignungsprozeß daran an. Später dann ebenfalls Steve Reich mit seiner 'Minimal Music', inspiriert durch balinesische Gamelan-Ensembles.

.

@jeeves und Paul Ingendaay: alles wunderbare Aufnahmen, auch viele Balladen von John Coltrane und "Sketches of Spain" von Miles Davis. Ein aktueller Tipp: Der virtuose Kontrabass-Spieler Renaud García-Fons mit seiner Spurensuche "Méditerranées".

www.youtube.com/watch

staff aureus

29. Februar 2012, 00:38

Seichtes Geplauder? Vom Don habe ich gelernt:

Kommt Rad, kommt Zeit.

K&#246;stlich

29. Februar 2012, 00:43

http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article13893171/Diese-deutschen-Staedte-haben-die-meisten-Millionaere.html

Die neue Definition des Millionärs ist "Einkommens"millionär - bei Zinsen um die 0% ist der "Kapital"millionär doch eine arme Wurst.

.

Da hilft dann auch der ZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinses

ZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinses

ZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinses

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ZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinses

ZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinses

ZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinses

ZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZinsesZins nicht weiter.

.

Kapital ist, was man im Kopf mitnehmen kann.

jovan haut

29. Februar 2012, 01:19

http://www.muenchner-buecherschau.com/datenleck.html

(bitte laut und bedeutungsschwanger vorlesen)

Paul Ingendaay

29. Februar 2012, 02:10

Jeeves, das stimmt natürlich, diese 1961er-Aufnahme von Bill Evans ist unbezahlbar. Und wissen Sie, dass ich noch nicht einmal das Gläserklirren darauf missen möchte? Die Vorstellung, dass da vielleicht 37 Leute zusammenhockten? Ja, und auch "Blue and Green" auf "Kind of Blue". Bitte auch "Undercurrent" mit Jim Hall nicht vergessen. Als ich vor ein paar Jahren im Village Vanguard Tom Harrell hörte, musste ich daran denken, dass er mit Bill Evans gespielt hat. Wir sollten einen Weg finden, uns ein paar alte Platten aufzulegen. Letzte Empfehlung für Romantiker und Melancholiker: "Jasmine" von Keith Jarrett und Charlie Haden. I know it's simple. But so am I.

E.R. Binvonhier

29. Februar 2012, 03:24

"Was wenn wir morgens aufwachen und befinden uns, ganz unerwartet in der Realität?"

.

Es wird eintreten, was über die Atombombe gesagt wurde: Es ist eine Bombe, die im menschlichen Kopf explodiert.

HansMeier555

29. Februar 2012, 05:11

Gibt es was langweiligeres, öderes, stumpfsinnigeres, monotoneres als Rock- und Popmusik? Ohne Anfang und Ende in allen Fegefeuern.

fionn

29. Februar 2012, 07:46

Und ganz im Gegenteil, sich die Zeit zu verkürzen ist sooo einfach.  Man sitzt am PC und bloggt.  

Der Tiger

29. Februar 2012, 09:58

@E.R. Binvonhier – Wenn ich morgens aufwache, ist da immer Realität. Man gewöhnt sich daran. Aber manchmal brauch ich im Anbetracht der Realität doch etwas länger für das anziehen.

Krck01

29. Februar 2012, 10:13

HM555@: Sie etwas sehr Wichtiges übersehen: Hintergrundrauschen als Musik auszugeben, allein die Zumutungen der öden Litaneien von Gangstarapern. Unvermögen und Einfältigkeit gelten schon als avantgardistische Kunst. Dadadadadadadadadadadadadadada bin i wieda da.

--

Direktimport aus Ingolstadt: Was Du guck, willstu auf Fresse, Zeitwichser?

www.youtube.com/watch

szenetpisches-packerl

29. Februar 2012, 10:47

Auch schon vom Mossad unterwandert? Sind ja Methoden wie im schlechtesten aller James Bond im Internet.

taz.de/Das-Geschaeft-mit-den-Informationen!88655/

„Wie es uns eben passt“, schreibt Stratfor-Chef George Friedman in einer Mail zu diesem Thema an seine Analysten. Eine weitere E-Mail von Friedman legt den Verdacht nahe, dass die Firma im Ausland mit Mitteln der Spionage arbeitet. Eine Analystin solle einen Informanten „finanziell, sexuell oder psychologisch abhängig“ machen, bis dieser seine Quellen preisgebe, heißt es darin.

----

Noch ein paar Leaks:

81.169.142.204/ressipan.ik

http://85.214.219.250/pix/

Dreamtimer

29. Februar 2012, 10:59

"Hintergrundrauschen als Musik auszugeben"

.

Ich finde Musik ja eher ein bischen langweilig und Muster im Hintergrundrauschen interessant. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass man nicht alles was Geräusche macht und einen Rythmus hat, gleich als Musik bezeichnen muss. Andererseits suche ich in der Musik auch ihr Ende und ihre Grenze zur Nicht-Musik - warum auch immer ...

.

"Unvermögen und Einfältigkeit gelten schon als avantgardistische Kunst."

.

Ja, Geltung ist natürlich das allerwichtigste.

fionn

29. Februar 2012, 11:14

@HansMeier555 04.11h

Some good advice in this pop song.

www.youtube.com/watch

Krck01

29. Februar 2012, 11:39

Ni hao: In Kürze, so das ZK der kommunistischen Partei Chinas, Abt. Zeitverwaltung,  werden nur noch bilaterale Verträge für Wirtschaft, Friedenssicherung, Kultur mit solchen Staaten abgeschlossen, die die Pekinger Zeit als  Normalzeit akzeptieren.

Hier ein Besipiel des Musikschaffens des berühmten chin. Komponisten Pag-ani-ni, 19. Jhdt., präsentiert von Feng Lin:

www.youtube.com/watch

--

Dreamtimer@: Ja, ich finde auch, dass Geltungssucht=Ehrgeiz ein sehr hohes Gut ist.

Schon deswegen lanciere ich hier des öfteren meine (sau-)blöden Sottissen. Wo kommt man sonst schon so preiswert zu fragwürdigem Ruhm? Habe auch schon beim Blogadmin Quellenschutz beantragt.

Der Tiger

29. Februar 2012, 11:40

Krck01 – „Unvermögen und Einfältigkeit gelten schon als avantgardistische Kunst. Dadadadadadadadadadadadadadada.“

.

Das habe ich mir gestern auch gedacht als ich am sich renovierenden Bundesverfassungsgericht vorbeispazierte. Am Bauzaun ist eine „Kunst-Ausstellung”. Der/Die Künstler/in hatte fünf Gerichtsurteile auf seine Wörter zerlegt. Angeblich ist das aufschlussreich, weil man sieht, welche Wörter am häufigsten in den Urteilen vorkommen. „DA DA DA DA“… gehörte dazu.

El Pinto

29. Februar 2012, 11:49

Warnung vor niederländisch-deutschen Kampfflyern und -trinkern im IN. Hüten Sie Ihre Pseudos, denn diese könnten irrevocable delirial geladen sein. Noch ist es Zeit.

Krck01

29. Februar 2012, 11:58

Ernst Meyer@: Auf solche Geistes-und Musikheroen haben wir schon seit langem gewartet.  Noch zehen Radler-Höhenmeter und wir haben mit Don Alphosno den Furkapass geschafft. Höhepunkt einer erstrampelten Kulturleistung. (Kaltscha wiss heienddraiv)

www.youtube.com/watch

Krck01

29. Februar 2012, 12:09

Der Tiger@: Mein Rat: Einfach direktemang ignorieren. Mit Volldröhnung in das zweite Universum abdriften, Zeit ist eine Illusion. Really.

www.youtube.com/watch

Der Tiger

29. Februar 2012, 12:14

szenetpisches-packerl – Vielleicht bin ich auch schon unterwandert. Ehrlich gesagt, ist es mir egal. Aber die Reklame find ich amüsant, die gerade mit Dons Blog daherkommt. Irgend so ein S/W-packerl, das man runterladen kann, um den Mac zu beschleunigen. Leuchtet mir nicht ein. Ich verstehe es als Selbsteinladung irgendwelcher Schnüffel S/W.  Wenn ich etwas Schnelleres wollte, würde ich mir neue H/W kaufen.

diktionaftis

29. Februar 2012, 12:25

http://sehpromenade.de/

Wo bleibt der Hinweis auf Rossinis Geburtstag?

Hier isser:

www.youtube.com/watch

Quak! Quak!

(Or better: Ribbit! Ribbit!)

Der Tiger

29. Februar 2012, 12:28

@fionn – or this one:

.

www.youtube.com/watch

hansgeier333

29. Februar 2012, 12:44

Bei manchem barocken Gefiedel und Geflöte scheint die Zeit stillzustehen, weil die Künstler partout nicht aufhören zu wollen scheinen. Die Zeit bis dahin kommt einem dann ewig lang vor. Gilt aber auch für Maschendrahtzäune. Bei der richtigen Musik hingegen vergeht die Zeit wie im Fluge.

stola

29. Februar 2012, 12:55

Lieber geschätzter Don, mir ist das alles diesmal ein bissl zu hoch ... dieses Dahinrasen meiner Lebenszeit wird mir auch oft schmerzlich bewusst, aber dann schau ich meine Enkelkinder an, die es nicht erwarten können, endlich erwachsen zu sein, und bin wieder versöhnt ... es ist so, es war immer so und es wird immer so sein ... warum sollte das Geheimnis Leben ausgerechnet für mich eine Ausnahme machen? Herzliche Grüße, stola.

Blubberklaus

29. Februar 2012, 12:58

@ HansMeier555

"... langweiligeres ... als Rock- und Popmusik?"

Ja, darüber schreiben und ...

@ fionn

... deren sogenannten Texten/Botschaften etwas zu entnehmen.

Yog Sothoth, Esq.

29. Februar 2012, 13:46

Zeit ist das was vergeht, während wir uns den Mund darüber fusselig reden.

Im übrigen:

"Zeit mach nur vor dem Teufel halt/

denn der wird niemals alt/

die Hölle wird nicht kalt"

gabriele

29. Februar 2012, 13:56

Dank an Don und Frau Fröscher für neue Informationen

rundherum um den OHREN-Schmaus.

*

Aber wie geht es den Musikern selbst..im engen Orchestergraben?

Vor einigen Jahren gab es in der SZ einen köstlichen Artikel

zu  den Eitelkeiten von Musikern:

Grabenkämpfe – von Stephan Handel.

Ist es nicht schön, gnädige Frau?

Die Salzburger Festspiele sind schwer kultiviert –

dabei ist ein Sinfonieorchester so friedlich wie eine Schlangengrube.

.

Der Hornist hatte eine Affäre mit der Frau an der Harfe. Es war sehr geheim, aber alle wussten davon, denn wenn sie sich vor den Konzerten umzogen, konnte jeder die Kratzer am Rücken des Hornisten sehen, und:

Die g.... S.., dachten die Kollegen. Dann aber war die Affäre vorbei,

weil die Harfenistin nicht damit klar kam, dass der Hornist jeden Tag 20 Bier trank. Er war sauer, deshalb sperrte er die Dame nach einer Aufführung in

den Orchestergraben, so dass sie die Nacht dort verbringen musste,

obwohl am nächsten Tag Tannhäuser auf dem Programm stand, und jeder

Harfenist weiß, wie schwer und wie anstrengend Tannhäuser für die Harfe ist.

.......weiter geht die Geschichte unter:

www.wer-weiss-was.de/.../article3050116.html

(siehe Antwort von Christopher ....gefunden)

*

Und nun ein beruhigendes Gitarrensolo.

Barock Musik J.S. Bach, Präludium in E - Pal Paulikovics

www.youtube.com/watch

fionn

29. Februar 2012, 14:06

Lieber daheim bloggen als hier

www.tagesanzeiger.ch/.../10784125

muscat

29. Februar 2012, 14:13

Blubberklaus/HansMeier, redet da womöglich ein Blinder von Farbe? Gähn...

fionn

29. Februar 2012, 14:17

@ HansMeier555  cc:  Alle

Wie wäre's mit Bryan Ferry?   I'm a Ferry Fan  (Roxy Music - Avalon,  Angel Eyes)

Er hat einen Hochschulabschluss (Newcastle) ...  Natürlich ist Newcastle nicht mit Oxford oder Cambridge zu vergleichen, trotzdem....

Krck01

29. Februar 2012, 14:30

Dumdum Damm (Beethoven): Hier spricht BBC London:

www.youtube.com/watch

hansgeier 333

29. Februar 2012, 14:34

@ Tiger: Abu Simbel in 2:14 - wahrlich keine Zeitreise.

JMense

29. Februar 2012, 15:14

Findet eigentlich auch auf der Rückseite des Mars Zeit statt?

Don Alphonso

29. Februar 2012, 15:17

Wie man in Bayérn so schön sagt: A bisserl was geht immer!

JMense

29. Februar 2012, 15:20

Zeit sollte man sich nehmen: Beim Durchblättern des Montesquieu in der Originalausgabe, beim Kaffeeschlürfen und Kuchengabeln auf einer Alm im Allgäu, beim Beischlaf mit der werten Gattin, beim Zuschauen des Frühlingerwachens beispielsweise. Denn das Schöne beim Zeitnehmen ist doch: Sie wird einem woanders nicht weggenommen.

JMense

29. Februar 2012, 15:23

@HansMeier555 + Blubberklaus: A weng mehr Gemütlichkeit, bitte! Das hohe Ross muss ja nicht immer im gestreckten Galopp geführt werden.

Yog Sothoth, Esq.

29. Februar 2012, 15:27

Bitte keinen Musik-Totalitarismus, verehrte Mitkultisten! Erlaubt ist, was gefällt. (Mögem muss man natürlich nicht alles)

JMense

29. Februar 2012, 15:28

@stola: Keine Zeit rast dahin. Denn: Unsere Biologie erlaubt uns eine Gegenwart von immer nur 4 Millisekunden. Nicht mehr, nicht weniger. Alles andere ist - in uns - Vergangenheit (= Erinnerung) oder Zukunft (= Erwartung). Und wenn wir nicht nach vorn und/oder nach hinten denken, erleben wir nicht einmal diese 4-Millisekunden-Gegenwart. Dann sind wir zeitlos. So einfach ist das. Bis es zu Ende geht mit uns...

JMense

29. Februar 2012, 15:35

@Krck01: Ach, lieber Dadada, als Kunst-und-Vergnügungsdiktatoren, die besser wissen, was gut für mich und meinen kleinen unterentwickelten naiven Sinn für Geschmack ist. Alles eine Frage des Stils und der Vielfalt. Schließlich wurde schon von irgendeiner göttlichen Weisheit das Darmbazill neben den Schmetterling, die Kröte neben den Jüngling, der Weiße Hai neben den Heringsschwarm gestellt. Und die Welt lebt prima damit, bis heute.

JMense

29. Februar 2012, 15:40

@HansMeier555: Ich dachte immer, das Fegefeuer sei doch gerade jene christliche Erfindung, welche ein Ende hat. So wie jedes Dudelradio über einen Aus-Schalter und jedes Kaufhaus über einen Ausgang verfügt. Ich dachte immer, im Fegefeuer hätte man noch die Wahl?

HansMeier555

29. Februar 2012, 16:34

@JMense

.

Das Fegefeuer hat ein Ende: So steht es in den AGB.

Warten auf Orpheus.

Filou

29. Februar 2012, 16:51

Der hat aber auch keine rausgeholt, der misstrauische Bursche. Ich weiss das. Ich war dabei, weil ich gerade die Schulferien bei Tante Proserpina verbrachte.

.

(Der Weinkeller dort ist uebrigens beeindruckend.)

Der Tiger

29. Februar 2012, 16:54

@gabriele – was die Eitelkeiten der Musiker betrifft, bringt es Kreissler auf einen Ton:

.

www.youtube.com/watch

.

@hansgeier333 - wenn Ihnen 2:14 als Zeitreise zu kruz ist, gibt es auch was Längeres zu diesem Thema:

.

www.youtube.com/watch

mobbischer

29. Februar 2012, 17:06

"Bitte keinen Musik-Totalitarismus, verehrte Mitkultisten! Erlaubt ist, was gefällt. (Mögem muss man natürlich nicht alles)"

.

Musik ist keine Demokratie. Ein Dirigent, der mit den Musikern diskutiert? Das Projekt hätte eine geringere Halbwertszeit als ein Rettungspakt für Griechenland. Das gilt auch analog für den Hörer.

JMense

29. Februar 2012, 17:41

@mobbischer: Das ist fein. Dann hören Sie ab sofort Abba bis zu Ihrem Lebensende. Weil ich das so sag. Denn - wie schrieb hier ein Forist so schön: "Musik ist keine Demokratie. [...] Das gilt auch analog für den Hörer." Viel Vergnügen!

HansMeier555

29. Februar 2012, 18:17

Dabei schien uns schon das Leben zu kurz für schlechte Musik.

Dreamtimer

29. Februar 2012, 18:46

JMense: "So wie jedes Dudelradio über einen Aus-Schalter und jedes Kaufhaus über einen Ausgang verfügt."

.

Nicht nur das Kaufhaus, sondern auch der Bahnhof, auf dem Vivaldi gespielt wird.

.

Woher kommt es, dass wir unfreiwilligen Musikkonsum im "öffentlichen Raum" so unangenehm finden, unangenehmer noch, als den Lärm oder die Geräusche, die einen sonst umgeben?

.

mobbisher: "Musik ist keine Demokratie"

.

Nein, aber sie hat einen Markt. I.ü. mit wem diskutieren eigentlich Dirigenten? Mit sich selbst? Wird man dabei nicht verrückt?

Krck01

29. Februar 2012, 19:32

apropos Proserpina

www.youtube.com/watch

HansMeier555

29. Februar 2012, 19:37

Der Bundestag ist der Unsouverän.

Ernst Meyer

29. Februar 2012, 19:46

Die Stuetzen der Gesellschaft. Die Ueberschrift dieses Blogs

besagt unwillkuerlich eine Zweitdeutigkeit.  Denn die Stuetzen

und die Gesellschaft sind letztendlich ununterscheidbar. Wir

beduerfen der Gesellschaft, und die Gesellschaft der wir

beduerfen sind wir selbst. Auch sind wir selbst die Stuetzen

auf denen unsere Gesellschaft beruht, und wenn die Stuetzen

sich als bruechig ergeben dann leiht Don Alphonso uns seinen

Spiegel darin die Bruechigkeit unserer Gesellschaft in grelle

unverkennbare Erscheinung tritt.

Dabei zeigt uns Don Alphonso in einem wunderbaren Gleichnis,

wie die Kakerlaken ins Brot kommen. Wir wissen von alters her,

der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern zugleich vom Geist.

Don Alphonso hat mich zwar nicht beauftragt sein Geheimnis zu

verraten, aber ich verrate es dennoch. Don Alphonso belehrt uns

nicht nur, wie die Kakerlaken ins Brot kommen; er belehrt uns

eindringlicher noch in seinem Blog wie die Kakerlaken ins Wort,

in das Brot des Geistes kommen. Auch dieser Vorgang ist in Don

Alphonsos Spiegel ersichtlich. Und dass die Kakerlaken im Brot

des Geistes um vieles interessanter sind als die Kakerlaken im

Brot des Magens, darueber werden Sie alle mit mir uebereinstimmen.

Krck01

29. Februar 2012, 20:22

HansMeier55529. Februar 2012, 19:37 @: Wie sich herausgestellt hatte, sogar prinzipiell entbehrlich. Man händelt das im Nu. Zwei dekorative Abweichler reichen zur Camouflage für höchstrichterliche Überflüssigkeiten. Wo es um soviel Kohle geht, hört der Spaß schlußendlich auf. Logo!

Der Tiger

29. Februar 2012, 20:33

@HansMeier555 - Über die Un-Souveränität des Bundestags habe ich mir gestern auch Gedanken gemacht. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts war schließlich nicht über irgend einen Konflikt, in dem eines von der Verfassung geschützten Rechte irgendeines Normalbürgers oder Normalbürgergruppe zur Diskussion standen, sondern die des Bundestags selbst. Warum erlässt der Bundestag ein Gesetz, dass ihn selbst um seiner Rechte bringt?

.

www.bundesverfassungsgericht.de/.../bvg12-014.html

Venezia Fröscher

29. Februar 2012, 21:19

Es hat ein wenig Zeit gekostet, aber nun bin auch ich wieder mit von der Partie. Ich freue mich, wieder hier im Blog mein "Unwesen" treiben zu können und begrüße meine Leser! Auf eine famose Zeit ...

HansMeier555

29. Februar 2012, 21:29

Warum sind die Weltbilder so wackelig geworden? An den Kabarettisten liegt's nicht.

yast2000

29. Februar 2012, 21:31

http://youtu.be/g6q2AEOI8x8

Musikalische Hochkultur zum Fußballländerspiel Deutschland-Frankreich: Die Pointe kommt kurz vor Schluss in Form von Gesängen.

Venezia Fröscher

29. Februar 2012, 21:32

€T.I.M.: Etwas ZEITversetzt bzw. verzögert möchte ich noch den Hinweis auf Ihren Einwand geben, die Zeit bei so manch einer Dacapo-Arien verliefe monoton. Ja, das passiert, wenn die werten Musiker nicht begreifen, dass man ein Dacapo zum verzieren nutzen sollte, damit die Wiederholung eben nicht nur durch Monotonie glänzt. Als in den 50er Jahren erstmals wieder Händel musiziert wurde, ließ man daher auch fehlerhafterweise das Dacapo einfach weg. Frei nach "Ariadne auf Naxos", womit wir bei Ihrem verehrten Strauss wären: "Die Oper enthält Längen (...). Man lässt sie weg." Welch ein Fehler, denn da fängt die eigentliche Freude des Dacapos erst an.

HansMeier555

29. Februar 2012, 21:36

@Tiger

"Warum erlässt der Bundestag ein Gesetz, dass ihn selbst um seine Rechte bringt?"

.

Gute Gründe wird's schon geben. Und den Präzedenzfall ja auch.

.

Trotzdem beruhigend, dass wir inzwischen ein formidables unkaputtbares BVG haben, das dem Bundestag die Selbstentmachtung einfach verbieten kann. Und den Souverän zum Souveränbleiben zwingt. So ist das bei uns. Da staunt der Putin und der Assad wundert sich.

Krck01

29. Februar 2012, 21:39

HansMeier555@: Anders herum, das Leben ist viel zu schön, neben all den Widrigkeiten welche es auch bietet, als dass man es sich mit schlechter Musik ohne Not zusätzlich versauen sollte. Man könnte jetzt das Gleichnis von den Fliegen anbringen, aber Sie verstehen auch so.

Krck01

29. Februar 2012, 21:48

Übrigens:

Das Zeitalter der reinen Empfindsamkeit bei Cembalogeklimper oder Hammerklaviersonatinen ist längstens vorbei. Nunmehr sind wir in jenem der reinen Unempfindlichkeit angelangt. Bei angesagten Ghettoblustern oder wummernden Großveranstaltungen mit somnabul schwankenden Abgefüllten. Veteranen raunen sich noch was von Woodstock zu, endlich konnten sie mal Mechens in aller Öffentlichkeit ausziehen. Damals. Kumpel weisse noch?

Venezia Fröscher

29. Februar 2012, 21:48

@HansMeier555 (16:34): Orpheus singt in der Unterwelt und die Zeit steht still ... nur Eurydike leider nicht. www.youtube.com/watch?v=jT3ru2nbzkU

Besucher

29. Februar 2012, 21:57

der Don kolportiert den Monaco und Beschleunigung verlangt nach Konditionierung, die dann wieder zum rasenden Stillstand wird...und da capo.

Wie wäre es eigentlich,  Frau Fröschers wunderbaren Beitrag durch eine Liste der Musiktips aus den ersten Stützen zu ergänzen?

Venezia Fröscher

29. Februar 2012, 22:03

@Dreamtimer: Im Idealfall spricht ein Dirigent mit seinem Dramaturgen, ansonsten mit seinem Ego.

Francesc de Borja

29. Februar 2012, 22:40

Wie ist es denn mit der Zeit innerhalb der Symphonik Bruckners?

ich denk da an seine Adagios, Pausen, Innehalten..

Dazu noch:

"In Lebensfluthen, im Thatensturm

Wall' ich auf und ab,

Webe hin und her!

Geburt und Grab,

Ein ewiges Meer,

Ein wechselnd Weben,

Ein glühend Leben,

So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit,

Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid."

dixit Goethe, Faust I

felis silvestris lybica

29. Februar 2012, 22:49

Souveränität ? Zeit ? Geld ? Tempora ? Mores ?   ... und das von Nuria Rial eingesungene monteverdische "Lamento della Ninfa" ist auch nicht mehr verfügbar auf y*tube  -  "Nach dem Skandal ist vor dem Skandal" - Na dann... Gute Nacht !

Der Tiger

29. Februar 2012, 23:01

HansMeier555 – genau das ging mir durch den Kopf, als ich den ausführlichen und sehr klaren Erklärungen des Prof. Dr. Hubers zuhörte: ‘die Putins des Auslands müssen sich doch jetzt denken, dass die Deutschen spinnen. Die überlegen jetzt sicher, was hat diese Angie mit ihrem Schäuble, dass die ihr Parlament dazu kriegen, Rechte an ein kleines Grüppchen unter Schäubles Aufsicht abzugeben?…. Bizarr!’

mobbischer

29. Februar 2012, 23:07

@JMense: Demokratie nicht mit Willensfreiheit verwechseln. Aus dem Kaufhaus kann man immer gehn. Aber dadurch ändert sich die Musik im Kaufhaus nicht.

.

"Nein, aber sie hat einen Markt. I.ü. mit wem diskutieren eigentlich Dirigenten? Mit sich selbst? Wird man dabei nicht verrückt?"

.

Der Markt scheint gerade sehr unflationär mit seiner Tauschware umzugehen. Anders kann man sich die Entwertung kaum vorstellen. Und der Dirigent redet meistens mit sich selbst und dem Komponisten - post mortem natürlich. Aber das ist auch nicht so tragisch. Die Gedanken des Komponisten list man ja seinen Werken. Sollte man zumindest. Ansonsten kann man auch nach seinem Horoskop dirigieren.

Venezia Fröscher

29. Februar 2012, 23:24

@Francesc de Borja: Bruckner und Zeit? Das ist interessant und ich lasse mich da gerne noch weiter aufklären: Findet man hier nicht eher ein lineares Zeitverständnis, denn ein zyklisches? Das Innehalten und Pausieren würde ich werten, als Gedankensammeln, um daraus gestärkt wieder weiter zu gehen - auch musikalisch. Wie in Schuberts "Winterreise", eine stetiges Weitergehen, eine Reise, die verschiedene Gefühlszustände, Gedanken und Melancholien durchwandert und zu einem Ende kommt. Wobei auch hier beim letzten der Lieder, dem Leiermann (www.youtube.com/watch?v=pze4NxCOjg0), die Frage wäre, ob sich hier nicht ebenfalls ein zyklischer Zeitgedanke manifestiert, musikalisch ein Kreis entsteht: das ewige Geleier, die ewig gleiche Melodie. Der Kreis (der Reise oder des Lebens) schließt sich.

Filou

29. Februar 2012, 23:25

Nicht die Weltbilder sind wackelig, lieber Meier, der Buerger schwankt. Ihm kreist nicht nur der Hut.

Filou

29. Februar 2012, 23:47

Liebe Venezia, jetzt, so gegen Ende dieser (sag ich mal so) Jamsession, muss ich doch was fragen: Hatte Orfeo seine Euridice beim Weggang aus dem Hades wegen seines Misstrauens verloren, oder, so wie sie andeuteten, war Euridice, die Frau sowieso also Solche (wie immer), schuldig am bitteren Ausgang?

Anmerkung 1: Gluck ist bei mir erst im uebernaechsten Jahr dran.

Anmerkung 2: Diesmal konnte ich Ihnen nicht folgen. Die letzten Male konnte ich mir das wenigstens einbilden.

Anmerkung 3: Meine Gebete wurden frueher als gehofft erhoert. Sie machen weiter, gell? Bitte, bitte.

yast2000

01. März 2012, 00:34

Also, wenn man wegen des Fußballs sich wirklich mal einen DBT-Stick an einen der Laptops klemmt und anschließend so durch die Sender zappt, kommt man sich vor, als ob man eine Ruine des Zweitens Weltkriegs besucht. Oliver Kahn sieht aus, als hätte er den Austritt aus den "Jungen Pionieren" immer noch nicht geschafft, Harald Schmidt wird Erich Honecker immer ähnlicher und entwickelt auch dessen Humor. Auf den anderen Sendern bemühen sich irgendwelche Nichtpersönlichkeiten, so exakt auszusehen, wie sich der Zuschauer einen deutschen Schauspieler vorstellt. Es gibt auch immer noch Verkaufssender, als hätte es amazon und ebay nie gegeben. Tierfilme und Mondlandunge sind ausgestorben, dafür läuft auf jedem zweiten Kanal eine Doku über Steve Jobs. Don Alphonso würde jetzt sicher wieder sagen, auch diese Form der Spießigkeit lässt einen kommende Katastrophen besser erkennen, so als ob diese mediale Form nicht schon eingetreten wäre.

Francesc de Borja

01. März 2012, 01:35

@Venezia Fröscher, ich dachte an die Coda der 8. Symphonie,

www.youtube.com/watch

etwa auch an den Zeitbegriff in Stifters "Nachsommer"... das "(Da)-Nach" ist wichtig; dazu auch die Frage, wie hält`s eine richtig verstandene Postmoderne mit der Zeit?

hansgeier333

01. März 2012, 06:01

Kirchenlieder, Kirchenlieder. Die Pfeifen vor den Orgelpfeifen verlängern die Zeit bis zum In-Frieden-Hingehen um gefühlt das Zehnfache. Und die betagte Whitney neben einem, die ihren Dschieses auch ewig liebt, tut das übrige dazu. Zusammen mit dem Geschwafel von der Kanzel ein echtes Martyrium. Gut, das es dazu noch Bilder und Putten gibt, die der Don sich in die Küche stellen würde.

Dreamtimer

01. März 2012, 06:30

"Nicht die Weltbilder sind wackelig, lieber Meier, der Buerger schwankt. Ihm kreist nicht nur der Hut."

.

Der Bürger ist am Ende seiner Interessen angekommen und muss sie ausdauernd durch die Praxis ihres Gegenteils bewahren. Das begann schon mit Bismarck und der Einführung des Sozialstaats als Maßnahme gegen die Proletarier die es zur Macht drängte und setzt sich bis zur Banken-, Euro- und Sonstwasrettung fort. Vielleicht sehnt er sich insgeheim danach endlich zur wenig beachteten Randgruppe zu werden, statt auf ewig die staatstragende Kraft zu bleiben. Er wäre dann die Stütze seiner eigenen kleinen Gesellschaft i.S. einer geselligen Runde. Aber auch das gehört zu den Interessen, die bewahrt werden müssen, obwohl sie lästig geworden sind.

.

Reservate für kultivierte Menschen. So oder ähnlich liest sich ja auch schon Don Alphonsos Tegernseer Separatismus und da geht es freilich nicht um Gated Communities, sondern um die Schöne Alte Welt. Sie lässt genau soviel Moderne zu, wie nötig, um nicht rückständig zu sein. Die Bewohner sind ja keine Amish, die auf Elektrizität verzichten. Man muss dabei vorsichtig sein bei der Wortwahl. Obwohl es so aussieht wie Konservatismus, wird die Vergangenheit, in der man zu leben bereit ist, ihrerseits ständig verändert durch Auslese und diese Auslese kann man sich ganz materialistisch vorstellen, wie im "Reich der Zeichen" von Roland Barthes. Sie steht damit im Gegensatz zu einem romantischen Idealismus, der ein Individuum auch in der modernen Großstadt noch als antiken Römer oder Griechen qua Bildung, Gesinnung und Reflexion durchgehen lässt. Sie setzt sich ebenfalls ab vom konservativen Revolutionär, der wie der ihm benachbarte Faschist auf die Umwälzung des Ganzen und einen neuen Herrn spekuliert.

Savall

01. März 2012, 08:11

Also, ich muß bekennen, daß ich ein klassischer Fall von Kulinariker und Hintergrundhörer bin. Ich weiß um die Probleme, die mit diesem unangemessenen Verhalten verbunden sind und würde mir diesbezügliche Einwendungen mit großem Ernst und tiefer Verlegenheit anhören. Allein, davon lassen würde ich nicht. Denn gerade beim Lesen ist kognitiv ein paralleles Musikhören keinesfalls störend und die Zeit ist doppelt genutzt. Natürlich eignet sich nicht jede Musik dafür. Aber gerade Barockmusik ist dafür ideal. Sie ist ja, zumindest in ihrer Ausprägung als Instrumentalstück, vielfach als Gebrauchsmusik konzipiert und ich tue dem Komponisten keinen Tort an, wenn ich sie im gedachten Sinne benutze. Den Interpreten wird es vielleicht ärgern und er fühlt sich mißachtet, aber ich sitze als Rezipient einfach am längeren Hebel. Ich glaube ohnehin, daß die Suche nach Tiefsinn und Aussage in der Musik eine überbewertete Rezeptionsform ist. Ich bin für die Kulinarik.

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Apropos Kulinarik, Don Alphonso. Mich hat die „Alphonso-Mango“ köstlich amüsiert und es tut mir leid es zu sagen, aber mir zog es auf mindestens jeder zweiten Seite die Mundwinkel nach oben. In Robbenleder ist es übrigens nicht gebunden, nur in Halbleinen und nicht mal fadengeheftet.

Venezia Fröscher

01. März 2012, 09:17

@Filou: Einen schönen guten Morgen. Zu Beginn einer neuen Jamsession, frei nach dem Motto "neuer Tag, neues Glück", drei Anmerkungen:

1. Es ist mit dem Ehepaar bei Gluck wie bei Ehepaaren außerhalb der Oper: Er geht vor, sie hinterher und klagt, dass er sie nicht ansieht. Altbekannte Frage: "Du siehst mich nicht an, liebst du mich nicht mehr?" Aus einer Frage wird Depression, Verzweiflung und Misstrauen. Schließlich lenkt er ein aus Unsicherheit und Liebe, dreht sich um und - sie stirbt auf der Stelle. Gut, ich gebe zu, letzteres entstammt dann nicht der Realität, das ist dem Mythos und der Opernhandlung geschult.

2. Sie sollten Gluck vorziehen. Es sei denn für dieses Jahr ist Rameau geplant, denn das ist auch ein Ohrenschmaus.

3. Jemandem nicht folgen können, heißt möglicherweise, dass der Vorhergehende zu große Schritte macht? Beim Dacapo kleinere, bestimmt. Und für ein Dacapo müssen Sie nicht beten, ich mache auch sehr gerne so weiter - ich bin doch eine Verehrerin des Dacapos, da kann ich nicht anders.

gabriele

01. März 2012, 10:06

Cembalogeklimper???

NICHT bei KARL RICHTER

Karl Richter - Brandenburg Concerto 5 (harpsichord solo)

www.youtube.com/watch

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Karl Richter , Partite Diverse Sopra "O Gott du frommer Gott" BWV 767 [1/2]

R. war auch ein genialer Organist!

www.youtube.com/watch

.

Karl Richters Brandenburgische Konzerte auf DVD

www.amazon.de/.../ref=sr_1_1

Richters Interpretation des 2. Brandenburgischen Konzertes führt den musikalischen Teil der Schallplatte Voyager Golden Record an, die als

Botschaft der Menschheit an Bord der Sonden Voyager 1 und Voyager 2

unser Sonnensystem verlassen hat.

*

Bassgezupfe?

Neenee.... nicht bei:

Paul Chambers - Dear Old Stockholm

www.youtube.com/watch

(Hinreißend - Kenny Burrell – guitar)

*

Und nun alle aufstehen und tanzen zu King Curtis - Memphis Soul Stew

www.youtube.com/watch

Venezia Fröscher

01. März 2012, 10:31

@Francesc de Borja: Was denken Sie denn, wie es die Postmoderne mit der Zeit hält? Wenn ich mir ein Philip Glass und den Minimalismus herausnehme, dann sehe ich hier quasi einen Stillstand von Zeit bzw. die stetige Wiederholung, ein perpetuum mobile. Das könnte gleichsam die Aufhebung von Zeit sein. Aber Arvo Pärt beispielsweise ist die Zeit eine rückblickende: Einflüsse aus der Gregorianik. Diesen Rückblick auf die gewesene Zeit erleben wir heutzutage insbesondere in der Modewelt und Populärkultur ganz stark. Retro. Es scheint, als sei unsere Zeit nicht mehr kreativ, man bedient sich der Vergangenheit, um vermeintlich "Neues" zu schaffen. Vielleicht liegt der Grund darin, dass wir nicht mehr zukunftsgerichtet sind? Die Zukunft sieht letztlich auch so aus, wie das Heute. Die Zukunft kann uns noch schnellere Computer, flachere Fernsehbildschirme und höher auflösendere Bilder bringen. Was noch?  

Der Tiger

01. März 2012, 10:48

Gestern bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass meine Kenntnisse bezüglich Wahlrecht out-dated sind, insbesondere was ich am 23. Februar 2012, um 18:57 und 22:03 in Dons Blog schrieb:

.

faz-community.faz.net/.../keine-angst-vor-alten-weinen.aspx

.

Der Korrektness halber zitiere ich, was heute gilt:

.

Aktiv wahlberechtigt ist jeder Deutsche, der am Wahltag das 18. Lebensjahr vollendet hat und irgendwann nach dem 23. Mai 1949 mindestens drei Monate lang ununterbrochen in der Bundesrepublik Deutschland oder der Deutschen Demokratischen Republik gelebt hat. Frühere Einschränkungen für im Ausland lebende Deutsche wurden 2008 aufgehoben. (Im Ausland lebende Deutsche erfahren beim Bundeswahlleiter, wie sie an der Bundestagswahl teilnehmen können.)

.

www.wahlrecht.de/bundestag

muscat

01. März 2012, 11:00

http://muscat

HansMeier (21:29 Uhr), bei den Ferengis wirds nicht nur wackeliger, sondern auch immer öder.

JMense

01. März 2012, 11:17

@Savall: Jawohl! Schon früher, sehr viel früher war Musik auch schon immer Gebrauchsmusik. Man blättere nur ein bisschen im Pepys, er rückt einem die verschwurbelten Menschenbilder der Heutigen von den Gestrigen deutlich zurecht. In die Kirche ging man, um den schönen Frauen hinterherzulechzen. Musik machte man, um zu scherzen und sich zu unerhalten. Man aß und trank, um Gelegenheit zum Austausch, zum Bestechen, zum Geschäftemachen, zum Lustigsein zu haben. Man protzte mit dem neuen Zweispänner, den neuen Bildern an der Wand, dem neuen Samtkragen. Also alles wie heute. Anlass für weihevolles Hineingeheimnissen in die damalige Kunst gibt es nicht. Und daher kann man beim Abspülen auch Barockmusik hören.

JMense

01. März 2012, 11:24

@Venezia Fröscher: Warum so fantasielos? Ewiges Leben zum Beispiel? Oder individuell selbst gemachtes Wetter? Bundespräsidenten mit Haltbarkeiten über vier Jahren? Ein Europa mit einer Sprache? Hunde, die nicht mehr beißen? Drogen, die nicht süchtig machen und dennoch wirken? Strom aus der Steckdose? Deos ohne Fleckenbildung? Menschen-Körper ohne Gravitationsallüren? Schuhe mit selbst erneuerbarer Sohle? ...

Venezia Fröscher

01. März 2012, 11:30

@gabriele: Das waren noch Zeiten der historischen Aufführungspraxis: www.youtube.com/watch

Und hier Bachs "O Gott du frommer Gott" auf Cembalo, nicht Orgel, mit Andreas Staier:

www.youtube.com/watch

DA fällt mir ein, haben Sie mal die Silbermann-Orgel in der Hofkirche in Dresden gehört? www.youtube.com/watch?v=ufovovqfeBU

Venezia Fröscher

01. März 2012, 11:41

@Savall & JMense: Was den ehrfurchtsvollen Musikhörern oft fehlt, ist die Leidenschaft bei der Sache. Sie stellen die Ehrfrucht vor die Kunst und vergessen darüber ihre Emotionen. Klassische Musik aus Begeisterung und mit leidenschaftlicher Hingabe hören - das ist dann auch beim Abwaschen kein Kunstbanausentum, wäre meine Meinung. Haben Sie schon mal zu Vivaldi geputzt? Da schwingt Besen und Hüfte.  

Der Unterschied zu damaligen Zeiten - Stichwort Pepys - liegt sicher darin, dass Opernhaus oder Kirchenraum die enzigen Orte waren, neben dem privaten Salon (wobei der erst später aufkam), an denen man Kunstmusik hören konnte. Das wurde zwangsläufig zum gesellschaftlichen Ereignis und persönlichem Erlebnis. Die strikte Trennung zwischen Musen- und Hurentempel löste sich dadurch auf und Kaufhäuser mit Dauerbeschallung gab es nicht. Unser heutiges Bild des weihevollen Kunstgenießens ist ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert: der Künstler als Genie, da muss man andächtig zuhören. Vergnügen dabei ist verboten.  

gabriele

01. März 2012, 11:50

Hoppala

Habe um 10:06 den falschen Soul-Stew- Link kopiert,

die netten Jungs tragen zwar die Staffette des Soul weiter -

aber der Mann am Saxophon - der einen vom Hocker reisst, spielt hier:

King Curtis - Memphis Soul Stew

www.youtube.com/watch

Der Tiger

01. März 2012, 12:23

@JMense - Barockmusik scheint mir wenig zeitgemäß, dann schon eher:

.

www.youtube.com/watch

(*Auch März kann July sein)

Venezia Fröscher

01. März 2012, 12:35

@JMense: Ich übte mich in Zurückhaltung, um nicht als völliger Pessimist der Jetztzeit zu gelten. Aber Ihre Phantasie kocht. Ich bestelle zukünftig: ein Instrument beherrschen ohne stetiges Üben.  

Filou

01. März 2012, 12:40

Apropos Vergnuegen, hier klagte weiter oben jemand ueber Cembalogeklimpere.

Im nachfolgenden Beispiel fehlt es auch am heiligen Ernst.

.

www.youtube.com/watch

JMense

01. März 2012, 12:58

Referenzierungs-Tic: Statt selbst zu schreiben, werden fleißigst YouTube-Schnipsel zitiert. Wo ist da der Unterschied zum Fahrstuhlgedudel?

JMense

01. März 2012, 13:00

@Werte Frau Venezia Fröscher: Dieser Bestellung sollte unbedingt nachgekommen werden! Ich wünsche Ihnen viel Glück, dass sich in fernsten Tagen einst jemanden zurück entsinnt an Ihren Wunsch - und sagt: "Schaut mal, dass hat man damals 2012 auch schon vorausgesagt..."

JMense

01. März 2012, 13:00

YouTube-Zitate sind wie Witze-Erzählen.

Venezia Fröscher

01. März 2012, 14:06

@Filou: Da würde ich auch aus dem Fenster springen. Als das Gehämmer begann, beschwerte sich gerade sogar mein Hund mit einem tiefen Seufzer. Muss das sein?

Venezia Fröscher

01. März 2012, 14:14

@JMense: Ich vermute, wir liegen alle in unserem Nachmittagstief, das Mittagessen liegt schwer im Magen, im Hintergrund laufen Renaissance Lamenti oder Madrigale, man kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Am späteren Nachmittag wird wieder angezogen, da ist verdaut und das kulturelle Faulenzen vorbei.

malDankesagen

01. März 2012, 14:33

ach du wundervolles Blog. Danke, herzliches Danke für die links und Gedankengänge, ich fühle mich unter Menschen.

.

ich kann nicht mitreden, aber lernen. Daher sollten auch alle Wünsche nach Nürnberger Trichtern aus der Zukunftzswunschliste gestrichen werden, dann verlöre ich, man die Freude am Lernen, an den glühenden Wangen, die Freude an der Neugierde. Und gegen Witze erzählen habe ich auch nichts, schließlich, wenn man uns kitzelt...(und ich lache) ...weiß ich, dass ich noch lebe.

.

Schrill ist unsere Zeit geworden, hysterisch und schrill. Wir Jungen (naja: Babyboomer) haben vielleicht etwas zu klein gebaute Seelen, um all die Möglichkeiten zu fassen  und gleichzeitig freundlich zu bleiben. Hölderlins "Hälfte des Lebens" lenkt den Blick, könnte es jedenfalls.

prince Matecki

01. März 2012, 14:39

@Gabriele/ Venezia Fröscher

Karl Richter und Bach ist eine Frage für sich. Als junger Mensch habe ich - soweit das Taschengeld es hergab - seine Aufnahmen gekauft. Aber als ich an die erste Nicolaus Harnoncourt Aufnahme kam, wurde mir schnell klar, dass es da aus guten Gründen andere Auffassungen gab. Bei den brandenburgischen (von denen ich Partitur, Faksimile der Handschrift - gab es mal bei einer G Leonhard Aufnahme!- und etwa 10 Platten- / CD Aufnahmen von I Musici bis zu neueren nach 2005 daheim habe) war K Richter in beiden Archiv- Aufnahmen zwar klanglich und aufnahmetechnisch ein Fortschritt, musikhistorisch aber ein Rückschritt zur vorherigen Archiv- Produktion der schola cantorum basiliensis.

Die reale stereophonische Doppelchörigkeit realisierte in einer Aufnahme erstmals der sperrige Klemperer, nicht Richter.

Andererseits ist Dietrich Fischer-Dieskau mit der 60er Jahre Aufnahme von Kreuzstab BWV 56 und "Ich habe genug" BWV 82 immer noch das Maß der Dinge.

Da klingt Max van Egmond beim Grafen Unverzagt dünn und beliebig.

Ich weiß, dass Karl Richter besonders in München immer noch Verehrer hat, ich habe fast alle seiner Bach-Aufnahmen einschließlich der NHK-Tokio h moll Messe, aber ich fürchte dass nur ein Teil der Aufnahmen den Test der Zeit bestehen wird.

.

Was Bruckner und Zeit angeht, ich habe hier im Dienst keine Partituren. Aus dem Unterlegenheitsgefühl des Komponisten auf seine Unkenntnis zu schließen, ist aber unzulässig. Er kannte die Bach-Ausgaben der ersten Bach-Gesellschaft, als gelernter Organist ganz sicher die Passacaglia c moll. Er kannte auch Brahms 4. Symphonie, mit der romantischen Deutung des Chaconne - Prinzips. Bruckner greift Themenblöcke, Ansätze auf, geht dabei zurück zum ersten Erklingen  des Themas, verschränkt so Strukturen (wo nicht "Berater" und Dirigenten ihn zu Kürzungen gedrängt haben oder später selbst gestrichen haben!) und kommt so zu quasi zyklischen (Binnen-)Strukturen in seinen Symphonien, das ist dann dem da capo Ansatz ja gar nicht mehr so weit entfernt.

Und schließlich, zieht man bombastische Orchestrierung bei Wagner, Bruckner oder Strauß ab, wie weit stehen sich den barocke Fortspinnungstendenz im polyphonen Satz und "unendliche Melodie" voneinander entfernt oder doch nahe?

yast2000

01. März 2012, 14:53

JMense: "YouTube-Zitate sind wie Witze-Erzählen."

*

Da wo man schaut, sitzt der Nucleus,

böse Menschen habe keine Videos.

Krck01

01. März 2012, 15:00

JMensewq@:

Ode an Arnold Schönberg

Gereihte Dissonanzen fegen über das klirre

Klare Blau

Bin ain Staijn am Wegesrand

Glissandi nehmen weg Atem und Mass zu

Grauer Gravure

Bin ain Staijn am Wegesrand

Eherne Bässe holen aus zu weit gefächertem

Braun

Bin ain Staijn am Wegesrand

Hochgestimmtes C in Notation geschrieben

Purpurn Rot

Bin ain Staijn am Wegesrand

Welches Mal erinnerts noch der Bronze

Bronzenes

Bin ain Staijn am Wegesrand

Verwehter Ruhm seiner Pracht gedacht

Goldserienton

Bin ain Staijn am Wegesrand

Psalmen rufens unsichtbar herbei ewiges

Transparentfarbloses

Bin ain Staijn am Wegesrand

(fecit 14.07.2001)

Blubberklaus

01. März 2012, 15:47

"beim Abspülen auch Barockmusik hören"

Nur zu, aber das, was an ihr spannend ist, verfehlen Sie garantiert!

.

"schon mal zu Vivaldi geputzt?"

Vivaldi war ein Meister des ... Adagio! Heißt: Spannung (des konkreten Lebens...) aufbauen, aushalten, hinüberleiten. Kom-po-nierte Gegensatzbildung. Clashes! Dissonare. Damit reicht er locker bis in die heutige Zeit, die vielfach abgestumpft ist und die ein (substanzreiches, kein gorickisches) Adagio als Bauteil eines Ganzen schon nicht mehr verstehen will. (Kein Wunder, nach Ypern und Stalingrad und Marlene und all den Halluzinationen des ach so stabilen-labilen modernen Lebens.)

Man sollte sich also schon Zeit nehmen, sonst wird das ganz schnell ganz öde.

"hohes Ross" / "Musik-Totalitarismus"  ??? -  umgoddeswilln!!!

Aber meine dezidierte Meinung laß ich mir, so billig & reaktiv hingeschnoddert, nicht abhandeln.

Apropos dezidiert - schon Dante (*1265 - nie gestorben) hat sich auf die geldmachende Massenmusik unserer Zeit seinen Reim gemacht:

 "Di sua bestialitate il suo processo

farà la prova; sì che a te fia bello

averti fatta parte per te stesso."

 (Und hast du ihre Roheit erst ermessen,

So siehst du, wie es dir nur konnte nützen,

Partei dir selbst zu sein, anstatt sonstwessen! -)

Blubberklaus

01. März 2012, 16:01

Pardon: góreckisches, nicht gorickisches. -

Filou

01. März 2012, 17:13

Feierabend. Nun ein rotfarbenes isotonisches Getraenk mit geringem Alkoholgehalt.

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Zu meinem reichhaltigen Repertoire madametauglicher Ausreden fuegten Sie, Venezia, eine weitere stichhaltige hinzu: 'Wenn ich dich anschauen soll, bedenke bitte das Schicksal Euridices! Immerhin trage auch ich Verantwortung!'

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Rameau steht schon seit Ewigkeiten auf meinem Spielplan. Sprunghaft wie ich bin, zog es mich ploetzlich zu Offenbach und einer umwerfenden Auffuehrung der Metropolitan Opera der Contes d'Hoffmann. Ich bin hin und weg. Gluck muss warten bis ich meine 100 Stunden mit E.T.A. Hoffmann und Offenbach beendet haben werde.

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12:45Uhr-Link. Der arme Hund. Mein verstorbener Kater Bommel schrie mich immer vorwurfsvoll an, wenn Opernblitz und-donner erklangen.

Ich vermute, Sie haben verschreckt sofort den Ton abgestellt, wobei dann natuerlich der ganze schraege Witz des kleinen fruehen Filmchens von Peter Greenaway entgangen sein wird. Fuer sensible Damenoehrchen hier nun der Text in Schriftform. Das Cembalo muess man sich dazudenken (tatata ta tadelladelladdel...). Auch hier die Musik von Rameau:

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In 1973 in the parish of W, 37 people were killed as a result of falling out of windows. Of the 37 people who fell, 7 were children under 11, 11 were adolescents under 18 and the remaining adults were all under 71 save for a man believed by some to be 103.

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Five of the 7 children fell from bedroom windows as did 4 of the 11 adolescents and 3 of the 19 adults. Of the 7 children who fell all cases were of misadventure save for one of infanticide.

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Of the 11 adolescents, 3 committed suicide for reasons of the heart, 2 fell through misadventure, 2 were drunk, one was pushed, one was accredited insane, one jumped for a bet and one was experimenting with a parachute.

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Of the 12 men, 2 jumped deliberately, 4 were pushed, 5 were cases of misadventure and one, under the influence of an unknown drug, thought he could fly.

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Of the 11 adolescents who fell, 2 were clerks, 2 were unemployed, 1 was married, 1 was a window cleaner and 5 were students of aeronautics, one of whom played the harpsichord.

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Among the 19 adults who fell were an air-stewardess, 2 politicians, an ornithologist, a glazier and a seamstress.

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Of the 37 people, 19 fell in summer before midday, 8 fell on summer afternoons and 3 fell into snow. The ornithologist, the adolescent experimenting with the parachute and the man who thought he could fly, all fell or were pushed on spring evenings. At sunset on the 14th of April 1973, the seamstress and the student of aeronautics who played the harpsichord, jumped into a plum tree from a window in this house.

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Huebscher kann man mit Statistiken nicht umgehen. Eigentlich ein Fall fuer Deus ex machina.

yast2000

01. März 2012, 17:40

http://youtu.be/o4MsAVm5XQc

Filou: "Apropos Vergnuegen, hier klagte weiter oben jemand ueber Cembalogeklimpere. Im nachfolgenden Beispiel fehlt es auch am heiligen Ernst."

*

Teuerster Filou, so gut kennen wir uns dann doch nicht, dass Sie mich Ernst nennen dürfen...

gabriele

01. März 2012, 18:08

prince Matecki 14:39

ich bin Laie-  und begegne meist durch Zufall neuen Hör-Erlebnissen.

Deswegen freue ich mich immer auf Frau Fröscher.

.

Als Mädchen durfte ich nirgends hin; nur die Kirche war nicht verboten.

(In Bayern waren auch die Evangelischen arg streng)

Da begegnete ich Karl Richters Musik - wie zum Trost.

Gesehen habe ich ihn nie richtig.

Auf der DVD fesselt mich sein Gesicht, das (für mich) eine unbedingte Hingabe

an die Musik ausdrückt, und seine Konzentration überträgt sich dann auf mich.

@ Frau Fröscher- Andreas Staier...was für ein kräftiges Spiel. Danke für den Tipp.

Ich habe einmal (im Fernsehen) Emmanuelle Haim - temperamentvoll

am Cembalo(stehend)  - einen trägen, in seine Töne verliebten R.Villazon

gehörig auf Trab bringen gesehen. Hat mir gefallen.

@ Blubberklaus, könnte es sein, dass Sie ein armes GENIE mit Inselbegabung sind? Über was können denn Sie sich so richtig freuen?

Venezia Fröscher

01. März 2012, 18:10

@ Principe Martecki: Werter Principe, das klingt wieder einmal fundiert, was sie hier kund geben. Eine "endlos Melodie" sehe ich eher linear, nicht zyklisch. Sie hat doch kein Ende? Es sei denn, sie endete in einer Coda oder Stretta, da würde sie aufgehalten und gestoppt. Für mich fühlt sich jedenfalls eine Sinfonie, die weit fern von einer Sonatenhauptsatzform weilt, eher endlos an. Ob man dadurch ein vermehrtes Zeitgefühl hat, darüber ließe sich streiten.

Venezia Fröscher

01. März 2012, 18:12

@JMense: Sehen Sie, meine sybillinische Weissagung hat sich prophezeit: Kaum ist das Nachmittagstief verflogen, geht man hier wieder in die tieferen Gefilde der Kommunikation.

specialmarke

01. März 2012, 18:51

http://butdoesitfloat.com/filter/martin-klimas

"What does music look like?"

Foersterliesel

01. März 2012, 20:12

drowning by numbers, ein Lieblingsfilm!

petergreenaway.org.uk/drowning.htm

(wir hören grade Reri Grist und trinken Retsina zu Veggie-Dönern mit gegrilltem Gemüse)

yast2000

01. März 2012, 20:37

http://youtu.be/Xu-A0jqMPd8

specialmarke: "What does music look like?"

*

Das sind wirklich wundervoile Bilder! Daher eine Gegenfrage: Mit Hilfe welcher Grafikkarte wurde bereits 2001 von 'animusic' das legendäre Stück "Pipe Dream" realisiert?

*

Auflösung: www.pcgameshardware.com/.../&menu=browser&article_id=683297

Venezia Fröscher

01. März 2012, 21:31

Mein Beitrag zur Kombination von Musik und Bild: "Koyaanisqatsi" mit der Musik von Philip Glass. www.youtube.com/watch?v=HnXb8djkp-A

Hier läuft Zeit in Endlosschleife und sie offenbart damit eine gewisse Banalität. Alle in Eile, amorphe Menschenmasse, rasende Autoschlagen und dazu die repetierende Musik von Philip Glass - die Zeit läuft zwar ab, gebiert sich aber zeitgleich immer wieder auf's neue. Ewigkeit.

Filou

01. März 2012, 22:05

Glass, irgendwann war ich noch sehr, sehr jung, da schleppte mich eine leicht verspulte Freundin zu einer Multimedia-Show von Amon Düüll II...

...hmm...

...

... (nachdenk)...

...hmmm....

yast2000

01. März 2012, 22:33

http://youtu.be/0epB5Z6ijpk

Venezia Fröscher: Mein Beitrag zur Kombination von Musik und Bild: "Koyaanisqatsi" mit der Musik von Philip Glass.

*

Klingt und sieht aus wie eine frühe Hommage an einen Robert-Altman-Opener...

Blubberklaus

01. März 2012, 22:50

"armes Genie mit Inselbegabung"

Ich? - Weiß jetzt nicht so recht, was Sie damit meinen mögen, gabriele.

Was ich weiß, kann jeder wissen. Isch wiederhol mal: jede & jeder.

Gehnma doch amoi beide aufd Insul, die britische. Da gibts a Bänd, des Namens 'Dry the River'. Vier blutjunge Burschn. Die habn a Begabung, oane Inselbegabung, kamman soagn. - Ich mache, da eh nur Halbbayer von Geblüt, jetzt lieber auf hochdeutsch weiter, Verzeihung für die linguale Anwandlung. Die finden sich heute liebevollst rezensiert. Mit grammatischem Plural: 'Dry the river' haben ... 'Dry the river' sind. In der F.A.Z. (Und demnächst wählen die Bundesversammlung einen Bundespräsidenten.) Besonders hervorgehoben und mit größtem (!) Lob bedacht wird der Song 'Bible Belt'.

Man kann sich den anhören, 5 Minuten lang, wenn man will. Ich habe es wollen!

Was soll i Eana - äh, was soll ich Ihnen sagen?

Call it anything you like, but don't call it music! Das schiere Nichts, höflich gesagt.

Dazu sowas Weggetretenes von Rezension: fas-sungs-los bin i.

Hunderttausende haben dieses Schmonzinchen schon beklickt, nur etwa 30 hat es 'nicht gefallen'. Wäre ich jetzt abkömmlich, würde ich schleunigst eine Europäerwallfahrt nach Purcells Grab machen und es auch an einem Byrdgedenken nicht fehlen lassen. Beider subtiler edukativer Eros - weg isser.

Aus ganz Europa. Einfach weg. Da fällt mir immer nur ein Satz von Giraudoux ein: 'Der Irrtum zeigt sich daran, daß alle Welt ihn teilt.' Der Herr muß eine Inselbegabung gewesen sein.

Wer heute entstehender Musik noch "Melodie" abverlangt, wie es die F.A.Z.- Rezensentin tut, muß in einem Wolkenkuckucksheim leben. Bei Melodie hatte ein Brahms größte Probleme (sprich Skrupel), und er hat dieses Problem mit einkomponiert, wie es sich für einen Künstler gehört. Dvorák hat sie bei den nordamerikanischen Ureinwohnern gesucht und mit eigenen alten Traditionen verbunden. Schön. Mahler hat die Melodie gebrochen und dem Tragisch-Lächerlichen preisgegeben. Stravinskij hat sie mechanisiert, logisch. Bei R. Strauss erklingt sie genial-reaktionär.

Melodie hatte ihre große, emanzipative Zeit im absolutistischen Jahrhundert: 1650 - 1750, das so absolutistisch nicht gewesen ist (Nicholas Henshall). Das Potential, zu erfreuen und Weltgewißheit auszustrahlen, kann man ihr heute noch anmerken.

Hören Sie mal: Vivaldi, Triosonate op. 1, Nr. 7. Der erste Satz, ein Traum! Wie eine stille Bootsfahrt auf der Torcelloseite. Dann, ex-abrupto-Einsatz, der zweite Satz. Da kracht's. Da hauen zwei Streithähne, in aller Öffentlichkeit, aufeinander ein, köstlich. - Das sind natürlich bloß meine privaten Gedanken, aber sie sind nicht irreal. - Irreal ist das, was heutzutage abgefeiert wird.

Dreamtimer

01. März 2012, 22:53

@Venezia Fröscher. Die gleichen Motive und ebenfalls in Timelapse gefilmt, wie der zitierte Klassiker. Die Rhetorik ist allerdings eine andere. Die Stadt ist die ganze Zeit am leuchten oder vielmehr am glühen und erst durch die Geschwindigkeit erhält sie ihre organische Einheit:

.

http://vimeo.com/14692378

.

Natürlich ist der Film eine Liebeserklärung an Tokyo und kein existentialistischer Diskurs über eine wahnsinnig gewordene Menschheit.

Filou

01. März 2012, 23:22

...ah, jetzt faellt es mir ein: Ruttman, Symphonie einer Grossstadt, 1927. Wird offenbar von jeder Generation neu entdeckt.

Mythos Grossstadt, ein billiges Thema. Wird aber gerne genommen.

gabriele

02. März 2012, 00:15

@ Blubberklaus: Zitat:

„Das sind natürlich bloß meine privaten Gedanken, aber sie sind nicht irreal. - Irreal ist das, was heutzutage abgefeiert wird.“

.

Wenn Sie für sich die REALITÄT in Anspruch nehmen, gilt auch selbstverständlich auch für die, denen Sie irreales Abfeiern vorhalten.

Selbst die eigene Realität biegt man sich zurecht -

wie es der Psyche genehm ist.

Sie haben im Blog bei den alten Weinen schon gewettert und bei der Musik

argumentierten Sie auch so freudlos.

Ich habe einen Bekannten, der einfach alles weiß. Uahhhhrrgg.

Die Welt daneben - ist nicht existent für Ihn.

Ein Mensch ist halt nur das Produkt seiner Erfahrungen.

*

Herr Blubberklaus - ein Knecht  der Pflicht?

WEIN?...    Trinkgenuss - den mag er nicht

WEIB ? ...   Noch nie schrieb er zu Weib und Busen!

GESANG?  Spül-Musik! die kann er nicht verknusen.

Wie lebt der Herr - so klug und satt

Ob er ZWEI schöne Damen hat?  

(Späßle aus der Zwischenwelt)

yast2000

02. März 2012, 00:36

Filou: "Mythos Grossstadt, ein billiges Thema. Wird aber gerne genommen."

*

Von Nicht-Großstädtern vielleicht...

E.R. Binvonhier

02. März 2012, 02:04

"Mythos Großstadt" und dann auch noch von 1927 - ja wo leben wir denn?

Die Erdbevölkerung hat sich seither verdreifacht, unter Megacities geht nichts mehr!

Dreamtimer

02. März 2012, 06:58

"Sie haben im Blog bei den alten Weinen schon gewettert und bei der Musik argumentierten Sie auch so freudlos."

.

Vielleicht ist er Dirigent? Ich meine nicht, dass er unbedingt diesen Beruf ausübt, aber Dirigent aus Prinzip: derjenige, der immer nur mit sich selbst diskutiert. Ständig bekommt er dabei 'Nein!' zu hören. 'Nein, so nicht!' 'Das ist nichts, gar nichts!' 'Das muss anders werden!' Oder es kommt noch besser: arbeitsloser Dirigent. Er würde ja gern, ist der geborene Leistungsträger, aber man lässt ihn nicht dirigieren. Die harte Diskussion mit sich selbst hat dazu immer noch nicht gereicht. Wenn sich die anderen schon dirigieren lassen, dann lieber von anderen. Warum? Dafür müssen sie von ihm Spott ertragen, diese dummen Viecher und wundern sich dabei, was er eigentlich will. Da sie es nicht verstehen, werden sie noch heftiger verspottet, was sie auch nicht verstehen usw.

.

Man verstehe mich nicht falsch. Ich finde das alles zwar vollkommen verrückt, aber das heißt nicht, es gäbe keinen denkbaren Nutzen. Strenge Lehrer und Offiziere für die Grundausbildung, die das rohe Menschenmaterial erst einmal Form bringen, haben ja durchaus ihre Bedeutung, ihre angestammte ökologische Nische, wenn man so will.

.

Ach ja, wo wir schon beim verlinken sind, hier ist die angesprochene "Dry The River" Ballade, die natürlich wieder einmal "Nichts" ist:

.

www.youtube.com/watch

HansMeier555

02. März 2012, 08:55

Ist Mutti nächste Woche fällig?

Und werden die Piraten im Newahlenwahlkampf auf fefe hören?

Und wird Gauck für die FDP als Redner auftreten?

.

Fragen über Fragen.

Savall

02. März 2012, 09:11

Wenn schon Peter Greenaway in diesem Zusammenhang, Foersterliesel, dann bitte „The Draughtmans’s Contract“. Michael Nyman zeigt uns, daß man auch in der Gegenwart  barock komponieren kann, ohne lächerlich zu sein. Es ist im übrigen ein Irrglaube, Blubberklaus, daß es in der Musik eine Art linearen Fortschritt gäbe, der sich an irgendwelchen Kompositionstechniken festmachen ließe und daß man „heute“ keine Melodien mehr komponieren könne. Es werden noch Melodien gesungen werden, wenn sich kein Mensch auf Erden an den Namen Strawinsky erinnern kann.

Das ist sehr schön erklärt, prince Matecki. Aber mir geht es da wie bei den Ausführungen von Wendell Kretzschmar zu Beethovens op. 111. Solange ich es lese, verstehe ich es wunderbar. Allein, ich kann es beim Hören nicht nachvollziehen. Naja, ungebildeter Kulinariker eben.

prince Matecki

02. März 2012, 09:17

Stichwort Leitmotive und unendliche Melodie

Wenn man sich das in den Noten anschaut, dann merkt man, dass es über verschiedene alte handwerkliche Tricks funktioniert:

Motivisches Material wird zum Beispiel um Halbtöne, Ganztöne nach oben verschoben und ganz ( Phrase) oder teilweise ( Motiv, Motivfetzen) wiederholt.

Das kannten aber schon die alten Neapolitaner und Venezianer, also auch der rote Priester Don Antonio. (Stichwort "harmonische Treppe") (vergleiche l´estro harmonico, gerade auch langsame Sätze in de vier Jahreszeiten)

Oder es wird das rhythmische Gefüge eines Themas (oder öfter eines Thementeils, meist der Anfang) mit anderen Intervallen wiederholt. Das ist auch ein sehr alter Trick, das machte schon Bach in der "Vorausimitation" von  Choralmelodien in den Choralvorspielen oder Fantasien. Moderne Organisten machen das gern als "Organistenzwirn" zur Intonation von Akklamationen (Psalmverse und Halleluja in der kath Liturgie zwischen den Lesungen 1 und 2 und vor dem Evangelium).

Deswegen ist die Melodie ja nicht wirklich unendlich, sie kreist um motovische Wiederholungen (gutes Beispiel zum reinhören, Walters Preislied in den Meistersingern). Zwischenruf eines Freundes der Musik studiert hatte, nach Tätigkeit als Korrepetitor und 3. Kapellmeister an einem Stadttheater aber ganz was anderes machte: "Sonst könnten die Sänger und Sängerinnen das auch nie lernen"

Blubberklaus

02. März 2012, 10:33

@ gabriele & Dreamtimer

Erstaunlich - falsch: erschreckend!!! - wie selektiv (alte Krankheit) Sie beide (et al.) Texte lesen, und in welche hanebüchenen Fantastereien, Spintisierereien, Verschreiereien Sie dabei hineinrutschen!

gabriele, grüßen Sie Ihren "Bekannten, der einfach [?!?] alles weiß" von mir, und überführen Sie die Bekanntschaft doch einfach [!!!] in eine allfällige Freundschaft!

Realität, um das bedeutende, hier strittige, Wort noch einmal zu würdigen, sind die, die aus jedem von uns im Zweifelsfall Asche machen. Bis es soweit kommt, hätt ich doch gerne eine Kunst (mit all ihren Zweigen), die sich ihrer Mittel bewußt ist und die vor allem weiß, welchen Traditionen sie verpflichtet zu sein hat.

Erfahrungen sind nichts, das man einfach so hat, sondern um das man sich bemühen muß (e-ruditio). Wo dieses Bemühen suspendiert oder in'n Wind geschossen wird, setzt legitime Kritik ein, die sich, durch einen geeigneten Stil, als impulsgebend versteht. Solcher Kritik Freudlosigkeit zu unterstellen oder zu meinen, sie sei ein "Wettern" (gegen "diese dummen Viecher"), ist unangemessen und grob verzerrend.

Don Alfonsinho, die Dame wünscht sich etwas "zu Weib und Busen". Bitte übernehmen Sie!

muscat

02. März 2012, 10:43

Zu spät, werter Blubberklaus, Sie wurden enttarnt:

www.youtube.com/watch

Blubberklaus

02. März 2012, 11:02

@ Savall

1. "Irrglaube: linearer Fortschritt in der Musik"

2. "Es werden noch Melodien gesungen werden, wenn sich kein Mensch auf Erden an den Namen Strawinsky" werde erinnern können.

ad 1.: Aufgabe von Musik (von Kunst) sollte es sein, mit auf welche Weise auch immer fortschreitenden Bedrückungen und Zumutungen kreativ & dreinredend- widerständig schrittzuhalten. Musterbeispiel: JSBach, Matthäuspassion.

ad 2.: Natürlich, aber werden sie noch, oder wieder, formkräftig genug sein, um einem die Welt, wie sie ist, und sein wird, aufzuschließen?

HansMeier555

02. März 2012, 11:36

Bergs Wozzeck! Häßliche Musik zu einem gräßlichen Thema. Demnächst im Kino als Tarantelfilm.

Harriet

02. März 2012, 11:52

@Blubberklaus - ja, die Lieder werden Form und Kraft haben. Sogar Krokodile tragen ihren geschlüpften Nachwuchs liebevoll ins weit entfernte Nass, wenn es sein muss. Wenn wir den Vöglen wieder zuhören (sind ja auch Dinosaurier), wenn wir , Verzeihung für diesen arg gefühlsseeligen Einschub, wieder auf das Schlagen unserer Herzen hören, wenn wir es schaffen, uns zu disziplinieren und zuzuhören, dann habe ich Hoffnung!

Ungefähr so: ... wer überlebt wenn der Mensch verreckt? das Insekt, das Insekt.... und das ist Hoffnung!

.

Kunst als Avantgarde, jaaaha schonnn, aber die U/E - Unterscheidung trägt nicht :

Appalachian Journey, dort das Duet for Cello and Bass

www.simfy.de/.../15061105-Duet-for-Cello-and-Bass (oder bei Amazon "reinhören")

Zu diesem Stück habe ich meinem dreieinhalbjährigen Sohn meine bei mir im Kopf entstehenden Bilder erzählt, und er hats verstanden, und mir dann seine Bilder dazu erzählt und war glücklich. Ist nicht so schwer.

Venezia Fröscher

02. März 2012, 11:59

@Prinz Martecki: Werter Principe. Die gute alte Manier der Sequenzierung, die, da haben sie recht, bereits im Barock ein beliebter Trick für die Ausweitung der Melodieführung war. Ich würde die das auch nicht als "endlose Melodie" betrachten. Eine Sequenz kreist quasi stets um sich selbst. Also wieder ein perpetuum mobile oder ein "Auf der Stelle treten". Musikalisch würde ich es eher als Spannungsaufbau sehen. Die Sequenzierung ermöglicht den harmonischen Gang in entlegenere Tonarten (Parallele oder gar Medianten).  

Motivische Wiederholungen sind für Sänger sicherlich angenehm. Aber bei Rossini oder den Reprisen von Mozart fällt man dann meist ganz arg herein: "Das kenne ich schon, muss ich mir nicht ansehen." Ja, aber die Wiederholungne birgen Tücken. Sie sind keine unmittelbaren Wiederholungen, sondern beinhalten stets kleine Modofikationen. Das kann nur ein Intervall sein. Der Teufel steckt ja bekanntlich im Detail.  

Barocke Hörerin

02. März 2012, 12:20

Die Kunst, Zeit durch Musik zu verlängern - ein schönes Thema. Ich erlebe Musik oft als BRÜCKE durch die Zeit und zwar in beide Richtungen. Wenn ich zum Beispiel etwas aus Bachs Wohltemperierten Clavier übe (mehr schlecht als recht), denke ich manchmal daran, wer vor mir schon alles diese Töne in genau dieser Reihenfolge in den Fingern hatte. Angefangen beim Komponisten selbst über Generationen von Schülern, die mit diesem Stücken am Cembalo, am Fortepiano, am Bechstein-Flügel, am digitalen Klavier, an was auch immer ausgebildet wurden und werden, die sich mit dieser vertrackten Musik abgemüht oder auch mit ihr geglänzt haben. Fanny Mendelssohn zum Beispiel konnte schon als 12jährige alle 48 Präludien und Fugen des Wohltemperierten Claviers auswendig spielen.

Aber auch in Richtung Zukunft ist diese Musik eine Brücke. Ich bin mir sicher, auch in 100 Jahren wird sie noch geübt, gespielt und aufgeführt werden. Vermutlich in Asien mehr als in Europa und anders klingen wird sie dann auch. In China wurde erst kürzlich das erste Bach-Denkmal eingeweiht - die Zukunft hat gerade begonnen. Ich finde das großartig.

yast2000

02. März 2012, 12:21

Blubberklaus: "Realität, um das bedeutende, hier strittige, Wort noch einmal zu würdigen, sind die, die aus jedem von uns im Zweifelsfall Asche machen."

*

Das macht der liebe Gott auch, ohne von Realität zu reden. (Im Übrigen: Realität im Singular "ist", und nicht Realität "sind", "die" geht gleich gar nicht und wenn "sie" es schon tun, dann nicht mit "uns" und schon gar nicht "im Zweifelsfall". Ihre Sätze sind selbstreferentiell.)

Blubberklaus

02. März 2012, 13:42

yast2000

... und Ihr, nicht inklammern stehender Satz, ist evasiv (wie feiner weißer Rauch).

Foersterliesel

02. März 2012, 15:12

lieber Savall,

Filou hatte am 01. März 2012, 17:13 ein wenig Text aus "Drowning by Numbers" gepostet.

Venezia Fröscher

02. März 2012, 15:17

@Barocke Hörerin: Geehrte Barockhörerin, das ist ein interessanter Aspekt: indem man musiziert, Musik hört und über ihre Rezeptionsgeschichte reflektiert, durchlebt man Zeit(Geschichte). Man befindet sich gleichsam in einme Zeitkontinuum, das durch die Musik gespeist wird. Sehr schöne Vorstellung und allen denen, die selbst ein Instrument spielen oder über Musik nachdenken, nicht unbekannt. Ich erinnere mich gerne an eines meiner einschneidenden Jugenderlebnisse zurück: Mozarthaus Wien. Ich ging die Treppe empor und dachte: "Dieses Treppengeländer hat Mozart vor 250 Jahren auch angefasst." Von da an hörte ich über Jahre hinweg ausschließlich Mozart und oft kam mir dabei dieses Treppengeländer in jenem Salzburger Haus vor Augen.

Wäre diese Erlebniswelt, die Musik offenbaren kann, in der Gesellschaft fester verankert, hätte es wohl Kunstmusik nicht so schwer, Konzerthäuser zu füllen und die Massen zu bewegen.

Savall

02. März 2012, 17:05

Ahso, Foersterliesel, das hatte ich nicht bemerkt. Es ist leider lange her, daß ich den Film gesehen habe. Ich weiß nur, daß er sehr, sehr böse und sehr, sehr gut war. In Sachen Barock und Melodiösität ist aber "Draughtman's Contract" das bessere Beispiel. Ich habe seinerzeit ernsthaft geglaubt, daß das authentische Barockmusik ist und war später baß erstaunt. Und wann, zum Deifi, gibt es endlich "Prospero's Books" hierzulande auf DVD?

.

Doch, Venezia, es geht. Ich weiß nicht, ob Sie sich an den Hype um "Amadeus" erinnern können? Es ist natürlich nicht zielführend, sich jetzt über Shaffers Mozart-Deutung zu streiten. Aber aus meiner Sicht war das Interpretation im besten Sinne. Warum muß das moderne Regietheater bzw. die Aufführungspraxis nur immer so krampfig sein? Don Juan in SS-Uniform kann jeder Depp, Don Juan als närrischer Popstar ist vielleicht manchmal besser. Wir haben hier in Leipzig im Sommer ein Spektakel namens "Classic Open". Freiluftkonzerte von Chanson über Jazz bis zu ernsthafter Musik. Tausende Besucher, immer gedrängt voll, die Leute mit Bratwurst im Mund und Bierbecher in der Hand. Gebrauchsmusik. Musik, die gebraucht wird.

Dreamtimer

02. März 2012, 17:42

"Kunst hat die Aufgabe zu erfüllen..." und dann kommt so ein Satz, der von Adorno stammen könnte. Kein Dozentensatz, sondern Ausdruck einer permanenten Angriffslust aus Überempfindlichkeit. Das war durchaus etwas neues, diese Entdeckung, dass es dazu gar keine Härte und kein Testosteron bedarf und jeder Angriff Widerstand ist, durch den sich der Empfindsame nur gegen irgendwelche "Zumutungen" verteidigt. Nicht lange kann es noch dauern, da werden ihn die Barbaren ganz sicher holen und ermorden. Woran man sie erkennt? Nun, an der Musik, die sie hören.

.

Das alles ist noch verrückter als der Dirigent, der permanent mit sich selbst diskutiert.

Saturnius Babuino Malagola

03. März 2012, 01:03

@gabriele, @Venezia Fröscher, @p.p.d.s. Matecki

Wie gefällt Ihnen die interess. Handhabung der tempi bei Florence Foster Jenkins:

www.youtube.com/watch

www.youtube.com/watch

www.youtube.com/watch

Venezia Fröscher

03. März 2012, 10:21

@Savall: Ja, ich kann mich an die Nachwehen des "Amadeus"-Films sehr gut erinnern. Ich hatte als Musikwissenschaftlerin kaum eine Chance, den "Infizierten" klar zu machen, dass Mozart NICHT von Salieri ermordet worden war. Verfilmte Komponistenbiographien können und sollten auch der Unterhaltung dienen, aber doch bitte keine eigene Wahrheiten über das Leben des Komponisten erfinden, weil es dramaturgisch besser passt.

Mir geht es um Qualität, die ich leider gelegentlich vermisse. Da wird mehr wert auf das "Event" gelegt, als auf die eigentliche Protagonistin: die Musik. Gegen ein OpenAir ist überhaupt nichts einzuwenden - im Gegenteil, Musik mal aus einer entspannten und unterhaltenden Perspektive zu hören, kann doch bewirken, dass ihr der Dünkel des unerreichbar Intellektuellen abgenommen wird - sie wieder frei atmen und agieren kann. Wichtig wäre mir nur, dabei auch auf die Qualität zu achten. Es gibt neuerdings viele Konzerte mit den "Stars". Großes Geld wird damit verdient, aber die Musik, das qualitativ hochwertige Musizieren, das bleibt auf der Strecke: schnell und ungenügend geprobt, es wackelt an allen Ecken und Enden, aber das Publikum ist hingerissen, weil ihnen per Marketing-Strategien gesagt wurde, dass diese Veranstaltung "Star"-Qualität habe. Musik, die gebraucht wird, aber bitte mit Qualität. Unglücklicherweise ist uns das kritische Musikhören abhanden gekommen. So liest man in den Opernkritiken beispielsweise mehr über die Regieeinfälle, denn über die Interpretation der Partitur - schade.  

Venezia Fröscher

03. März 2012, 10:27

@Saturnius Babuino Malagola: Vor die Tempifragen, stellte der Musikgott die Intonation.

Venezia Fröscher

03. März 2012, 10:31

Die Sonne scheint und Christine Pluhar schenkt uns Klänge, die das Gemüt erhellen und das Wochenende versüßen (bes. ab Minute 6): www.youtube.com/watch?v=-F-MA-d3gts

prince Matecki

03. März 2012, 14:25

Ein guter Film über einen (eigentlich zwei, Lehrer / Schüler) Musiker ist

"Tous les matins du monde" (im deutschen Verleih "Die siebente (sic) Saite",

mit authentischer Barockmusik, der hier mit postende Savall kennt ihn bestimmt.

Dame Foster Jenkins steht ja eigentlich jenseits von gut und böse...

Um auf das oben geschriebene zurückzukommen, ich meine nicht nur Sequenzierung. Schauen Sie doch (und hören) in den Schlußsatz von J S Bach 3. Brandenburgischem Konzert.Da ist Sequenzierung der Figurationen sicher als Konstruktionsprnzip genutzt (wie Kontrapunktik, Imitation usw). Aber das stück entwickelt bei guten Interpreten doch einen eigenen drive, und die AABB Konstruktion (Bach verlangt Wiederholungen!) ließe sich auch ABAB spielen, das würden manche Hörer im Konzert nicht einmal merken. Und nicht zuletzt, das Ende ist gewillkürt, anders als die nach Bass- Einsatz des Fugenthemas, finaler Engführung über Orgelpunkt zwingende Schlusskadenz mancher Stücke bei Bach. Eigentlich könnte es im G Dur des 3. Brandenburg immer so weiter gehen uspqe ad temporum fine. Und wenn ich noch einen draufsetzen will lege ich die alte Vinyl-Platte mit der frühen Berliner Aufnahme ( Lukas-Kirche) der Konzerte unter Herbert von Karajan auf. Ja das ist im Sinne historischer Aufführungspraxis hoch problematisch, aber es ist schnell ( Orginalklangensembles von 1/4 der Größe haben dieses Tempo erst 20 Jahre später erreicht), präzise und schwungvoll. Und dann hören Sie auf die Kontrabässe.... Merken Sie was? Der alte Magier lässt die in großen Bögen phrasieren, nicht auf die kleinteiligen Zählzeiten der Taktnotation. Und sie spielen dann Eins - winzige Verlängerung - Zwei - Drei  und schon geht es fast in einen schnellen Konzertwalzer.

Was für ein Stück, daß auch solche Interpretationen übersteht und dabei noch Spaß macht!Und auch was für Interpreten, heute ist HvK- bashing ja üblich, ich halte ihn immer noch für einen der ganz großen.

Savall

03. März 2012, 16:22

Natürlich haben Sie recht, prince Matecki, ich kenne den Film. Schon weil mein überaus geschätzter Namenspatron die Musik dazu interpretiert hat. Jordi Savall ist ja ein Meister auf der Viola da gamba. Ich habe auch etliche Aufnahmen der Brandenburgischen Konzerte. Allein, es fehlt mir zugestandenermaßen ganz einfach an den theoretischen Grundlagen. Deswegen bin ich Ihnen allen, Ihnen selbst, Venezia und Thomas Mann, respektive Theodor Adorno so unendlich dankbar, daß mir auch einige tiefere Erkenntnisse zuteil werden. Allein, ich beharre darauf, daß unsereins in seiner unbedarften Art beharren darf. Sie haben ja auch schon als Dramaturgin gearbeitet, Venezia, oder tun das derzeit auch wieder. Ich bitte Sie, pars pro toto, tun Sie uns das gute an und machen Sie uns auch schwierige Sachen genießbar. Es geht nicht darum, dem dummen Bürger den Hut vom Kopf zu stoßen.  Die geniale Inszenierung von „Les Indes Galantes“ von William Christie wäre ein Gegenbeispiel. Die vielen schönen Sachen aus Glyndebourne auch.  Das derzeitige Theater und die Oper leiden unter einer enormen Selbstüberschätzung und sägen letztendlich an dem Ast, auf dem sie sitzen. Man glaubt, daß man unsereins ohne Kollateralschaden pädagogisieren könne. Unsereins reagiert aber schlicht mit Verweigerung und sucht sich andernorts sein Vergnügen.

Venezia Fröscher

04. März 2012, 12:37

@Savall: "Tun Sie uns das gute an und machen Sie uns auch schwierige Sachen genießbar." Das setze ich gerne in die Tat um. Mein Motto: "Begeistere die Leute für das, was dir selbst Lebenselixier bedeutet."

Ob sich die Theater und Opern überschätzen, mag ich dahingestellt sein lassen. Was ich - und da bin ich auf ihrer Seite - feststelle, ist häufig ein intellektueller Alleingang der Theater- bzw. Kulturmacher in die Kunstgefilde. Wer es nicht versteht und folgen kann, ist sowieso verdummt. Daraus resultiert wohl, dass viele im Publikum sich irgendwann verweigern und sperren. Daher: Keine selbstreferentielle Kulturausübung, sondern das Publikum mit auf die Reise nehmen. Dazu muss man sie abholen. Was sicherlich auch nicht heißen kann, dass man stets im Sinne des Publikums inszeniert bzw. Kunst ausübt, denn dann würden wir stagnieren und die Kunst wäre nur ein Abbild der Jetztzeit. Dabei kann sie viel mehr leisten. Sich mit der Gegenwart auseinandersetzen und gleichzeitig neue Horizonte und Perspektiven eröffnen. Meist ist die Kunstwelt der Gegenwart um einige Jahre in ihrer Reflektion und Art voraus.  

Filou

04. März 2012, 18:11

Ich stolpere ueber den Satz, dass Kunst ein Abbild nicht nur der Jetztzeit sei, sondern vielfach eine vorauschauende Reflektion. Aha.

Wie waere es, wenn die Kunst sich langsam mal vom Betrueblichen des Menschseins entfernte und stattdessen der Phantasie-von mir aus auch Luftschloessern-sich widmen wuerde? Immerhin koennte sich daraus eine neue, optimistischere Realitaetsauffasssung ergeben.

.

Weil hier sehr oft Bach bemueht wurde, hoerte ich mich in den letzten Tagen  durch die Vielzahl seiner weltlichen Kantaten; immer wieder hatte ich die Vorstellung, dass, trotz der widrigen Zeiten und schicksalhafter Schlaege, da ein froehlicher Mann unverdrossen musizierte. Kunst ist AUCH heiter und sicherlich nicht immer so tiefgruendig wie es der intellektualisierte Langweiler (er hat ja sonst nichts anderes) der Restwelt weiszumachen versucht.

.

Ein ganz grosser Ironiker war Haendel. Ich habe immer noch die ironisch kommentierenden Violinen im Ohr, wenn Dalila ihrem Samson von den Bequemlichkeiten haeuslich-familiaeren Lebens singt. How charming is domestic ease...

...und danach haut er erst recht auf den Tempel in Ghaza.

(Um G-ttes Willen, hab ich jetzt Ghaza und Hauen gesagt?)

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