Domicile conjugal
31. Januar 2012, 23:58
Uhr
„Une vie de ballets" heißt Marlène
Ionescos 2011 bei BelAir erschienener Film über die französischen
Tanzstars Pierre Lacotte und Ghislaine Thèsmar. Ein Leben lang
teilten die beiden nicht nur ihr Domicile conjugal, Tisch und Bett,
wie Francois Truffaut seine 1970 gedrehte Fortsetzung des
Antoine-Doinel-Zyklus nannte, sondern auch das Wissen, nichts
interessanter zu finden als Tanz. Es war die Zeit. Die besondere,
noble französische Schönheit der jungen Tänzerin Thèsmar ähnelt
verblüffend der von Truffauts Hauptdarstellerin Claude Jade, die er
entdeckte und Jean-Pierre Léaud an die Seite stellte, als sie
neunzehn Jahre alt war. In „Domicile Conjugal" liegt sie als
Christine im Bett neben ihrem Ehemann und liest eine dicke
Nurejew-Biographie, woraufhin der egozentrische Antoine Doinel
eifersüchtige Gefühle gegenüber dem Star pflegt - obwohl
Christine Nurejew noch nie gesehen, geschweige denn getroffen hat.
Von den frühen Balletten, in denen
Lacotte und Thèsmar zusammen tanzten - wie „La Voix" (ballet
en hommage à Edith Piaf) überträgt sich der magische Bund der
beiden als elektrisierender Impuls in ihren Tanz. Fügung des
Schicksals, glaubt Thèsmar, war ihre Begegnung mit Lacotte: „Jede",
sagt sie im Film aus dem Off, „braucht einen Pygmalion, jemanden,
der da ist, wenn man selbst an sich zweifelt." Sie habe ihn immer
in Erstaunen versetzen wollen, überraschen, und davon habe ihr
Privatleben auch so enorm profitiert - dass jeder sich immer auf
der Höhe der Erwartungen des anderen befand
Ghislaine war neunzehn Jahre alt, als
sie Pierre Lacotte begegnete. Sie fühlte bald, wie wichtig seine
Meinung, seine Protektion für sie waren und nicht lange, dann
entdeckten sie, dass keiner ohne den anderen leben wollte und
heirateten. „Ghislaine wurde meine Muse, meine Frau, die Frau mit
der ich mein Leben lang, meine Karriere teilte."
Das gemeinsame Landhaus bildet einen
lebenslangen Rückzugsort der beiden. Im Film sitzen die beiden im
Garten beim Kaffee, Ghislaine raucht ein Zigarillo. So haben
französische Paare bereits fünfhundert Jahre zuvor beisammen
gesessen.
Als Kind, erzählt Pierre in einem der
großartigen Interviews, aus denen dieser Film neben
Dokumentaraufnahmen besteht, sei er sehr krank gewesen und allein die
Musik war ihm Nahrung, schenkte ihm joie de vivre. Und mit sieben
Jahren war es soweit - da nahm seine Mutter ihn zum ersten Mal mit
in die Pariser Oper und er hörte zum ersten Mal ein Orchester im
selben Raum spielen, und der Vorhang hob sich und da stand Serge
Lifar und das Ballett hieß: „Giselle". Lacotte, sieben Jahre
alt: Das ist es, ich werde Tänzer und ich werde diesem Theater
angehören.
So kam es dann auch. In den fünfziger
Jahren tanzte er die Hauptrollen an der Pariser Oper und war Direktor
seiner eigenen „Ballets de la tour Eiffel" im Théatre aux
Champs-Elysées.
1976 wurde Thèsmar seine Ophelia in
„Hamlet".
Thèsmar war vierzehn Jahre, als sie,
bereits im Ballettunterricht, in Casablanca, wo sie lebte, im Kino
Filme mit Galina Ulanova sah und plötzlich wußte, was es heißt,
sein Leben dem Tanz zu widmen und dass sie nichts anderes wollte. Und
was wurde aus den beiden? Der berühmteste Rekonstrukteur
romantischer Ballette und eine der bevorzugten Ballerinen George
Balanchines, der sie häufig als Gast nach New York einlud und ihr
Guerlains „L'heure bleue" schenkte. Er wußte gerne schon im
Fahrstuhl, welche seiner Tänzerinnen das Theater schon betreten
hatten... (das kommt aber nicht in diesem Film vor). Bien à
découvrir...
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