Mozart, Kafka und er - Jiri Kylián erzählt sein Leben
14. Februar 2012, 23:04
Uhr

Foto: Dirk Buwal
Er sei jetzt dreiundsechzig Jahre alt
und habe den Wunsch seine Erfahrungen zu teilen, sagt Jiri Kylian in:
„Jiri Kylián. Forgotten Memories - Mémoires d'oubliettes". A
Film by Don Kent and Christian Dumais-Lvowski." Seien diese
Erfahrungen nun wertvoll oder wertlos, aber darin liege auch sein
Motiv, an diesem Dokumentarfilm über Jiri Kylian, geboren 1947 in
Prag, vierundzwanzig Jahre lang der Direktor des Nederlands Dans
Theater, mitarzubeiten. Einmal geteilt, könnten diese Erfahrungen ja
dann jederzeit weggeworfen werden: „Boff!" sagt er zu den Tänzern
vor ihm im Saal und die werfen sich wie ein Mann hintenüber und
knallen auf ihre Rücken. „Yes", zischt Kyliàn leise und
zufrieden zwischen den von einem akkurat getrimmten Bart gesäumten
Lippen hervor.
Tänzer mit nackten Oberkörpern,
dunkle Typen mit Tätowierungen auf den Schulterblättern greifen
synchron sich selbst von hinten in den Schritt., gleiten über Boden,
hechten durch den Raum.
Kylián fährt Rad, Kylián probt,
Kylián philosophiert. Hunderte von Männern in grauen, braunen und
schwarzen Mänteln mit grauen, braunen und schwarzen Hüten seien
seine erste Erinnerung, sagt der Choreograph und die Kamera zeigt die
Schwarzweißfotografie in seinen Händen - da stehen diese Männer
auf einem öffentlichen Platz in Prag, einige von ihnen blicken in
die Kamera. Eine andere Aufnahme zeigt den dreijährigen blonden
Jungen, der in kurzen Hosen auf der Brücke sitzt, in seiner
Heimatstadt Prag, auf jener Brücke, die er später jeden Tag
überqueren mußte um zur Ballettschule zu gelangen. Die Eltern waren
unterschiedlicher Meinung, was Jiris Berufswunsch anging. Der Vater,
ein Banker, war strikt dagegen, die Mutter, ein ehemaliger Kinderstar
(„Shirley Temple", lacht Kyliàn) ganz indifferent.
Als Kind sah er deutschen Zirkus und
wollte dieser Welt angehören. Er liebte die Körperlichkeit der
Akrobaten, aber auch von Sportlern von Anfang an.
Die Schule für Akrobatik aber war
geschlossen und so nahm die Mutter den Knaben mit in eine
Ballettaufführung. „Da verkaufte ich meine Seele dem Teufel und
bin bis heute bei ihm geblieben", sagt Kyliàn sinnend am Fenster
seiner ersten Ballettschule. Am Konservatorium studierte er
klassischen Tanz, Graham-Technik und Folklore, außerdem Klavier,
Russisch und Tschechisch.
Mozart und Kafka schildert er als ldie
größten, ihn lebhaft beeindruckenden Einflüsse im Prag seiner
Jugend.
Ein Stipendium führt ihn 1967 / 1968
an die Londoner Royal Ballet School. In den englischen Zeitungen
erfuhr er, was in Prag los war, kehrte glücklich zurück. Eine Woche
später rollten die Panzer. Die Euphorie und die anschließende
Depression seien unbeschreiblich gewesen. Ihn rettete, dass er in
London mit John Cranko einen Vertrag als Tänzer in Stuttgart
unterzeichnet hatte. Er erwischte den letzten Zug nach draußen. „Wir
dachten, der Kommunismus würde ewig herrschen".
In Stuttgart fördert Cranko den jungen
Tänzer mit choreographischen Ambitionen und er begegnet Sabine
Kupferberg, die sein Leben von 1973 an teilt.
Seine Vorliebe für Pas de deux'
erklärt Kyliàn damit, dass es wichtig sein, was in einem tief
verborgen sei, zu kommunizieren. Abstrakten Tanz gebe es für ihn
nicht.
Was ihn interessiere? Geschwindigkeit,
Zeit und das Altern. Choreographen und Tänzer seien eine gefährdete
Spezies, fragile, zerbrechliche Persönlichkeiten. Bilder von
Aufführungen. Kylián fährt Rad.
„Jiri Kylián. Forgotten Memories -
Mémoires d'oubliettes". A Film by Don Kent and Christian
Dumais-Lvowski." Dokumentation. Mit der Choreographie „Wings of
Wax".Arthaus Musik 101579, in englischer Sprache mit deutschen
Untertiteln, 2011
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