Helau. Ich habe mich bloß als Tanzkritikerin verkleidet
21. Februar 2012, 13:12
Uhr
Helau. Unterschiedliche Berufe erhalten
unterschiedliche Resonanz beim außerberuflichen öffentlichen
Erstkontakt. Etwa im Taxi, beim Warten in einer Schlange, im
Theaterfoyer, auf einer Party, im Sportverein., wenn es heißt: „Ah,
Sie sind.....?" - dann müssen Sie reagieren. Aber wie? Juristen
kommen dann mitunter in die Verlegenheit, Auskünfte geben zu sollen,
und auch Ärzte müssen eine deutliche Grenze ziehen, bis zu der sie
einfach so Ratschläge erteilen. Beide Professionen zögern nicht
nur, weil sie ihr Recht auf Privatleben in Frage gestellt sehen und
wissen, dass Bäcker auch nicht in der Gegend herumlaufen mit den
Taschen voller Brötchen zum Verschenken. Beide möchten in der Regel
gerne helfen, aber natürlich richtig. Da ist es sehr gefährlich,
auf eine schnell geschilderten medizinischen Befund oder einen kurz
umrissenen juristischen Sachverhalt hin Rat zu erteilen. Berufliche
Sorgfaltspflichten und - wünsche stehen vor einer vermeintlich
umstandslosen Hilfe.
Solche Sorgen haben Tanzkritiker nie.
Werden sie nach ihrem Beruf gefragt und antworten ehrlich und nicht
ausweichend - also nicht mit „Och, ich bin in der
Unterhaltungsbranche" - dann löst das selten ein „Was echt? Ist
ja irre! Wie sehen Sie denn die Zweitbesetzung in Münchens
„Dornröschen"? Im Rosen-Adagio doch sehr souverän, oder sehen
Sie das anders? Haben Sie einen Tip für eine DVD oder ein neues
Tanzbuch? Und wie alt muß meine Tochter sein, damit sie auf Spitze
stehen darf?" Nein, das kommt eigentlich nicht vor. Eher scheuen
sich Tanzkritiker, sich als Tanzkritiker zu outen, weil sie ihre
Mitmenschen so ungern in Verlegenheit bringen. „Ach, wie
interessant....und was machen Sie da so?" Dass man nicht gefragt
wird, was man tagsüber macht, ist alles.
Manchmal allerdings entsteht aus der
Verlegenheit, in die man seine Gesprächspartner bringt, auf deren
Seite der Wunsch, schnell darüber hinwegzuspielen und eine
Konversation, die wie entfernt immer mit dem Tanz zu tun hat, in Gang
zu bringen.
Ein polnischer Taxifahrer, der seit
dreißig Jahren in Köln lebt, erzählte aus diesem Grund eine schöne
Geschichte. So gings los:
„Guten Tag, ich möchte zum
Deutschlandfunk. Am Raderberggürtel, bitte. Sie wissen, wo?"„Ja, also, da fahre ich sehr selten
hin. Aber wenn, dann sind es immer Prominente, die dort hin möchten."
(Prüfender Blick des Taxifahrers in den Rückspiegel). „Nein",
sage ich, „da haben Sie mit mir Pech. Ich bin keine Prominente."
(Prüfender zweiter Blick). „Was machen Sie dann da?" „Ich bin
Tanzkritikerin. Ich erzähle etwas über Tanz". Jetzt kam das „Ah
ja....." - siehe oben. Mir ist es unangenehm. Und dem Mann auch. Es
fällt ihm etwas ein. „Wissen Sie, ich habe in meiner Kindheit auch
getanzt!" „Ja, wunderbar!" sage ich. „Wie kam das denn?"
„Das war so. Unsere Nachbarin hatte zwei Töchter. Sehr hübsche
Töchter. Und die eine ging in den Ballettunterricht. Wir wohnten in
Waldenburg, an der tschechischen Grenze. Wissen Sie, wo das
Riesengebirge liegt? Walbrzych liegt zwischen dem Riesengebirge und
dem Eulengebirge. Naja, jedenfalls, meine Eltern arbeiteten beide und
dachten, der Junge soll ruhig auch in die Ballettschule gehen, da ist
er gut beschäftigt, wir sind ja nachmittags nicht zuhause. Ich ging
also mit. Die Eingangshalle des Schulgebäudes, der Boden, die Wände,
das Treppenhaus, das war alles aus Marmor. Mir und noch einem anderen
Jungen gefiel der Ballettunterricht überhaupt nicht. Also gingen wir
gar nicht erst rein. Wir nahmen uns alte Filzpuschen und sausten,
solange die Stunde dauerte, quer durch das ganze Schulgebäude. Wie
auf Schlittschuhen. Es war herrlich. Wie heute in den Schlössern.
Aber nach einem halben Jahr kam es raus, dass wir uns im Unterricht
nie hatten blicken lassen. Da wurde ich abgemeldet. Schade."Ach, nächstes Mal sage ich ohne soviel
Skrupel, was ich bin. Mal sehen, was dann kommt.
Wenn Sie diesen Beitrag kommentieren möchten, bitten wir Sie, sich vorher anzumelden.
Nutzen Sie dazu das Login-Feld oben im Kopf rechts. Dort können Sie sich auch neu
registrieren, falls Sie noch kein Passwort haben.