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Der Zahnpasta treuer als der Kirche
03. Februar 2009, 19:28
Uhr
Der Vatikan hält den römisch-katholischen Klerus und mit ihm
auch die katholischen Laien fit im Umgang mit öffentlicher Empörung. Ein wenig
Aufruhr von Zeit zu Zeit unterzieht die Loyalität der Gefolgschaft einer
heilsamen Prüfung. Mögen die Funktionäre zaghaft ihre Kritik äußern und sich
die Laien mitunter auch entsetzen über den einen oder anderen Missstand, den
Schoß ihrer Kirche werden sie schon nicht verlassen. Eine Untersuchung legt
nahe, dass römisch-katholische Bischöfe in der Tat jedwedem Rummel ganz
gelassen entgegenblicken können, wogegen ähnliche Vorfälle in protestantischen
Kirchen womöglich zu ganz anderen Folgen führten. Die repräsentative Umfrage
von Ellison Research unter 1007 Amerikanern brachte – nicht ganz unerwartet –
dramatische Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten hinsichtlich ihrer
Kirchentreue zum Vorschein: Während 60 Prozent der Katholiken Amerikas sagen,
dass sie nur einer römisch-katholischen Gemeinde angehören wollen, sagen nur 16
Prozent aller Protestanten, dass sie nur eine Gemeinde ihrer „denomination“
(der Begriff schwankt in seiner Bedeutung zwischen Kirchenbund, Bekenntnisstand
und Frömmigkeitsstil) bei einem Ortswechsel in Erwägung ziehen würden. Noch
deutlicher ist die Distanz zu einer bestimmten Organisation bei den meist
liberaler gesinnten mainline protestants ausgeprägt; bei ihnen sind nur 14%
Prozent ausschließlich der eigenen Kirche zugewandt. Damit dürften sie der eigenen Frau treuer sein
als der eigenen Konfession (wohingegen dieser Vergleich bei den Katholiken unter Umstände genau
umgekehrt ausfiele).
Andere Untersuchungen belegen auch unter den mainline
churches, dass die liberalsten der liberalen Kirchen die größten Problem mit
Mitgliederschwund haben. So haben die auch im Vergleich mit den religiös
gemäßigten europäischen Breiten extrem progressiven Denominationen United Church
of Christ und Unitarian Universalists - bei denen die Glaubensinhalte dann
schon einigermaßen amorph sind - auch den größten Mitgliederschwund zu
beklagen. Unter den mainline denominations ist der liberale Arm der
amerikanischen Lutheraner noch der erfolgreichste, reicht aber in seinem Erfolg
im Bemühen um Mitglieder niemals an die „harten“ Evangelien der Evangelikalen
heran.
Augenfällig macht die Studie die Lauheit oder - positiv
gewendet - Unbekümmertheit der Protestanten durch den Vergleich mit den
Präferenzen bei Konsumgütern:
Während also nur 16 Prozent der durchschnittlichen
protestantischen Kirchgänger ihrer Denomination in jedem Fall die Treue halten
würden, halten immerhin 19 Prozent an ihrem präferierten Toilettenpapier und
sogar 22 Prozent ihrer Zahnpasta-Marke fest. Die mainline-Kirchgänger schaffen
es sogar, ihrer Konfession weniger verlässlich verbunden zu sein als ihrem
Schmerzmittel. Die Denomination steht bei Ihnen auf einer Ebene mit dem
präferierten Soft-Drink.
Welche Schlüsse können die evangelischen Kirchenleitungen in
Deutschland aus den amerikanischen Daten ziehen? Zunächst kaum welche, denn in Sachen Religion ist der Unterschied zwischen Amerika und Europa kaum zu überschätzen. Der Zusammenhang von höherer Kirchenverbundenheit
und römisch-katholischem Bekenntnis im Vergleich mit den Protestanten ist dennoch auch
für Deutschland gut belegt und die EKD verliert trotz weitaus geringerem
Skandal-Faktor beständig mehr Mitglieder als ihr römisch-katholisches
Gegenüber. Da man der Institutionensprödigkeit des Durschnittsprotestanten nicht
wird ändern können, bleibt der EKD nur: Skandale vermeiden, Missstände
konsequent ahnden und eine hohe Qualität von Beerdigungen, Taufen,
Konfirmationen und Trauungen liefern. Das erhält die Gesamtfitness und die ist
im Darwin-Jahr ja besonders angeraten.
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