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Unn wenn et Trömmelsche jeht
11. November 2009, 22:14
Uhr
Hin und wieder begegnet man in der Bahn Leuten, die wirken, als hätte man
sie im falschen Film ausgesetzt. An diesem Morgen als ich um kurz nach sieben
zur Arbeit fuhr ist mir das wieder passiert. Ich stieg zwischen all den vielen
Menschen in Büroklamotten, mit Kaffeebechern in der Hand und Zeitung unterm Arm
in die Regionalbahn zum Kölner Hauptbahnhof.
Da sah ich die drei bunten Gestalten: Ein grün gekleideter Mann mit einem
gelben Mexikanerhut, ein Mann im blauen Bauarbeiteroverall mit Helm auf dem
Kopf und ein dritter, der ein dunkles Ganzkörperbärenfell trug. Sie hielten
Kölschflaschen in der Hand und wirkten heiter. Bald begannen sie zu singen „Unn
wenn et Trömmelsche jeht..." Es kam mir nicht sehr ungewöhnlich vor: Schließlich war
es der 11.11. Sessionsbeginn in Köln. Sessionsbeginn in meiner Bahn.
Die Mitreisenden sahen das nicht so. Viele Anzug- und Krawattenträger
reckten die Hälse. Damen mit Laptop-Täschchen starrten unverwandt. Manch einer
schüttelte den Kopf. Den Jecken entging das keineswegs. Schon nach einem Lied
machten sie Schluss mit dem Gesang, nippten halbherzig an ihrem Bier und sahen
sich ratlos an, bis der Bär fragte: „Ja wo sindse denn die ganzen Kölner
Jecken?" Er hatte schwäbischen Akzent. „Schau mal, da iss scho die Kirche",
sagte der Bauarbeiter, der ebenfalls schwäbelte. „Des heischt hier Dom",
korrigierte der Mexikaner, der erkennbar ebenso wenig aus Köln stammte, wie aus
Mexiko. Leicht beklommen stiegen die drei schließlich aus - erkennbar von Sorge
gequält, dass die Party vielleicht ausfallen könnte. Und sie hatten nicht ganz
unrecht: Schließlich verbreiten vielerlei Medien mit Lokalkolorit, dass
Bützchen in Zeiten der Schweinegrippe einer tödlichen Gefahr gleichkommen und
es in diesem Jahr eigentlich nur eine einzige akzeptable Verkleidung gibt: Die
der Krankenschwester - mit Mundschutz.
Ich persönlich begab mich jedenfalls in keine weitere Gefahr: Der ICE nach
Frankfurt war wie gewohnt jeckenfrei. Auch abends auf der Rückfahrt, als der
Ansager auf halber Strecke versuchte, in kölsch-freundlicher Art für das
Bord-Bistro zu werben, verdrehten allenfalls ein paar Fahrgäste die Augen. Als
ich ausstieg, erkannte ich allerdings den Hauptbahnhof kaum wieder. Da sah ich
Prinzessinnen und Funkemariechen, Indianer und Piraten, Bienen, Blumen, ja
sogar Kühe. Keine Schweine, keine Krankenschwestern. Und keine Schwaben.
Später in der U-Bahn konnte ich ein Gespräch zwischen zwei Männern im
Studentenalter mithören: „Meine Kumpels, die haben krass früh angefangen
heute", sagte der eine. „Wann denn?", fragte der andere. „So um sieben." -
„Unglaublich, da war doch noch gar nix los." - „Nee, natürlich nicht,
vernünftige Leute schlafen noch um die Uhrzeit." - „Lass mich raten", sagte
ich. „Sie sind als Mexikaner, Bauarbeiter und Bär verkleidet und kommen aus
Schwaben." Die beiden Studenten sahen mich komisch an. Ich stieg schnell aus.
Bestimmt denken sie jetzt, ich hätte seit sieben Uhr morgens durchgefeiert.